Christoph Huber (c) Wolfgang Gonaus

„Interessant sind die Qualität, der Innovationsgehalt und die Möglichkeit der Weiterentwicklung“ – CHRISTOPH HUBER im mica-Interview

Seine halbe Lebenszeit hat er bisher dem Wiener PORGY & BESS gewidmet und maßgeblich dazu beigetragen, den Club zu einer Institution von internationalem Rang weiterzuentwickeln. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Clubs erinnerte sich dessen künstlerischer Leiter, CHRISTOPH HUBER, im Gespräch mit Martin Schütz an die anfänglichen Herausforderungen und gab einen Einblick in die Arbeit hinter den Kulissen des Clubs.

25 Jahre Porgy & Bess Jazz & Music Club: Das bedeutet Hunderte, nein, Tausende Konzerte. Wie schwer war es, sich vor diesem Hintergrund noch den ein oder anderen besonderen musikalischen Geburtstagswunsch zu erfüllen?

Christoph Huber: Das war eine gewisse Herausforderung, zumal wir an allen größeren Geburtstagen immer etwas Spezielles gemacht haben. Zum 20. Geburtstag haben wir ein dreitägiges Street-Jazz-Festival mit den damaligen Gründungsmitgliedern des Porgy & Bess veranstaltet. Und auch zum 15. Geburtstag gab es ein speziell kuratiertes Festival. Darüber hinaus haben wir zu diesen Anlässen auch Sonderpublikationen herausgegeben. Aber heuer habe ich mich aus mehreren Gründen gegen ein definiertes Festival entschieden. Stattdessen haben wir die gesamte Saison unter dem Motto „25 Jahre Porgy & Bess“ laufen lassen, indem wir über das Jahr verteilt verschiedene spezielle Projekte realisiert haben, die wir im normalen Spielbetrieb so wahrscheinlich nicht gemacht hätten. Dazu zählt zum Beispiel das viertägige John-Zorn-Projekt im November. Des Weiteren wird auch Abdullah Ibrahim meiner Einladung anlässlich des 25-jährigen Jubiläums folgen und höchstwahrscheinlich im Jänner ein Konzert spielen. Und am exakten Geburtstag, dem 26. September, hatten wir dann Martial Solal zu Gast. Diese Entscheidung war aufgrund seines hohen Alters und der Tatsache, dass er nur noch wenige Auftritte gibt, durchaus risikobehaftet. Aber rückblickend war es die richtige Entscheidung und ein unfassbar gutes Konzert.

Der Club befindet sich in der Riemergasse 11 im 1. Wiener Gemeindebezirk, einem Ort, der auch vor dem Einzug des Porgy & Bess kein unbeschriebenes Blatt war und auf eine bewegte Geschichte – vom Theater bis zum Erotikkino – zurückblickt. Welche Veränderungen mussten die Räumlichkeiten erfahren, um den akustischen und infrastrukturellen Ansprüchen, die für eine solche Konzertspielstätte erforderlich sind, Rechnung zu tragen?

Christoph Huber: Das war kompliziert und einfach zugleich. Kompliziert aus dem Grund, weil wir zum Zweck des Schallschutzes ein aufwendiges und riskantes Raum-im-Raum-Konzept realisieren mussten, damit die Hausbewohnerinnen und -bewohner nicht durch den Konzertbetrieb gestört werden. Auf der anderen Seite war es einfach, weil es ohnehin keine andere Möglichkeit gab. Außerdem war der Raum in einem absolut desolaten Zustand. Also haben wir alles rausgerissen und mit viel Masse – Material, das die Schwingungen aufnimmt, aber nicht an das Mauerwerk weitergibt – aus diesem Betonskelett den Raum im Raum gebaut. Das war natürlich ein großes Risiko. Denn wenn es Schallbrücken gegeben hätte, wären diese schwer zu finden gewesen. Und wenn es infolgedessen zu gehäuften Problemen mit den Anrainerinnen und Anrainern gekommen wäre, hätte man die Sache komplett vergessen können. Anfangs gab es zwar Probleme mit Anrainerinnen und Anrainern, weil in dieser Ecke der Stadt früher nichts los war, aber mittlerweile hat sich das weitestgehend gelegt. Doch der Umbau war schon ein großes Projekt und eben auch ein großes Risiko, wissend, dass sich das vom Budget her nur haarscharf ausgehen kann. Das heißt, wir hatten finanziell kaum Spielraum, haben aber damals als Verein 10 Millionen Schilling dafür aufgestellt, was ungefähr ein Drittel des Budgets ausgemacht hat. Der Rest wurde von der Stadt und zum Großteil vom Bund übernommen. Und zu meinem Staunen und meiner großen Freude ist es sich dann tatsächlich ausgegangen. Wir waren sehr erleichtert, gerade auch weil ein Umbau sehr schwer zu kalkulieren ist, da man unter Umständen während der Arbeiten mit vielen Problemen konfrontiert wird, die man im Vorfeld so nicht absehen kann. Aber es passt alles und die Infrastruktur ist nach wie vor in einem fast tadellosen Zustand.

Seinen Anfang im Herbst 1993 nahm das Porgy & Bess allerdings nicht an seinem heutigen Standort, sondern in der ehemaligen Fledermaus-Bar in der Spiegelgasse. Was waren damals vor 25 Jahren die Ausgangslage und die Motivation, die zur Gründung des Clubs führten?

Christoph Huber: Mathias Rüegg hat 1993 einen Jazz-Herbst realisiert und sich dafür ein Lokal ausgesucht. Das war die ehemalige Fledermaus-Bar – ebenfalls ein geschichtsträchtiger Ort. Die Idee war damals, ein Festival mit dem Schwerpunkt auf österreichische und Schweizer Musikschaffende zu veranstalten. Mathias hat dann, auf drei Monate beschränkt, den Ort in Porgy & Bess umbenannt und hatte aber schon im Hinterkopf, den Ort auch weiter zu bespielen. Er hat das also initiiert und gegründet. Gabriele Mazic hat sich damals um die Finanzen gekümmert und ist nach wie vor in dieser Funktion als das am längsten dienende Vorstandsmitglied für die kaufmännische Leitung zuständig. Es hat sich der Wunsch abgeleitet, das über diesen Jazz-Herbst hinaus als regulären Club zu etablieren, wofür Mathias dann Partner gesucht hat. Und so kamen Renald Deppe, der damals die Kulturspektakel – eine Art Off-Bühne im zeitgenössischen Umfeld in der Kirchengasse in Wien – veranstaltet hat, und ich, nachdem wir uns über das Jazzfestival Saalfelden kennengelernt hatten, dazu. Und so haben wir im Spätherbst zu viert den Verein Porgy & Bess gegründet und im Anschluss an den Jazz-Herbst damit begonnen, das Porgy & Bess zu programmieren. Und dann mussten wir uns natürlich auch um die Finanzierung kümmern, was zunächst eine schwierige Aufgabe war. Doch nach einem gewissen Hin und Her war klar, dass wir eine Förderung bekommen, die sogar ein Drittel des damaligen Gesamtbudgets abgedeckt hat. Wobei insbesondere die Stadt davon ausgegangen ist, dass sich das nach einem Jahr ohnehin erledigen wird. Aber sie haben sich zum Glück getäuscht. Und so ist das alles ins Laufen gekommen, wobei wir ganz am Anfang schon auch damit zu kämpfen hatten, ein Publikum zu generieren. Doch dann gab es ein paar Projekte, die den Laden gut gefüllt und den Ball ins Rollen gebracht haben.

„Wir haben relativ früh, das war 1994, die MemberCard eingeführt […]“

Es wurde dann schon recht früh die MemberCard als eine Art Jahresabonnement für die Konzerte eingeführt, oder? 

Christoph Huber: Genau. Wir haben relativ früh, das war 1994, die MemberCard eingeführt, was sicherlich der bedeutendste Entwicklungsschritt und die wichtigste Neuerung in der anfänglichen Phase des Clubs war. Und wenn sich jemand diese Karte gekauft hat – wir haben sie Anfang der Saison ausgegeben –, konnte er oder sie alle Konzerte besuchen, ohne extra Eintritt bezahlen zu müssen. Dieses Konzept hat sich früh bewährt und die Karten haben sich sehr gut verkauft. Und ab diesem Moment gab es dann auch kein Konzert mehr, das leer war, weil zumindest immer eine gewisse Anzahl von MemberCard-Besitzerinnen und -er und somit auch immer ein Publikum dort war.

Das ermöglicht zugleich auch ein besser planbares Budget.

Christoph Huber: Das stimmt. Wobei das in der relativ kleinen Spielstätte in der Spiegelgasse nicht unheikel war, wenn bei prominenteren Namen plötzlich keine Abendkasse mehr möglich war, weil der Club komplett mit MemberCard-Leuten gefüllt war. Aber das war trotzdem in Ordnung, da wir mit diesem Konzept eine garantierte Einnahmequelle hatten. Und ein weiterer Vorteil ist eben der, dass auch bei unbekannteren Acts immer ein Publikum vor Ort ist. Und an diesem Konzept haben wir, leicht adaptiert, all die Jahre über festgehalten. Das heißt, die MemberCard gibt es immer noch und sie funktioniert nach wie vor prächtig. Interessant ist dabei auch, wie unterschiedlich dieses Angebot angenommen wird. So gibt es Leute, die fast täglich mit ihrer MemberCard Konzerte besuchen und Leute, die die Karte aus Solidarität beziehen, jedoch fast nie in den Club kommen. Da gibt es die unterschiedlichsten Verhaltensmuster unter den Besitzerinnen und  Besitzern der MemberCard. Und das Schöne für uns ist, dass circa 90 Prozent der Mitglieder ihre Karten auch für die darauffolgende Saison weiterbeziehen und wir für die übrigen zehn Prozent zumeist schon Leute auf der Warteliste haben. Es gibt schon Fälle, bei denen Leute aufgrund geänderter Lebensumstände oder Interessen die Karte irgendwann zurückgeben. Mir ist aber niemand bekannt, der die Karte zurückgegeben hätte, weil er mit dem Angebot unzufrieden gewesen wäre.

Dieses Konzept ist natürlich auch schon allein aufgrund der schieren Menge an Konzerten interessant.

Christoph Huber: Ja, genau. Es gibt sogar Leute, die nicht einmal ins Programm schauen, sondern einfach zu den Konzerten kommen. Und wenn es dann doch mal den persönlichen Geschmack nicht voll trifft, dann gehen sie halt einfach wieder nach Hause. Dabei ärgern sich die Leute dann aber auch nicht, weil sie für dieses konkrete Konzert ja keinen gesonderten Eintritt bezahlt haben, sondern mit dem Bezug der Karte eben eine große Anzahl von Konzerten über das ganze Jahr verteilt im Vorfeld mitfinanzieren. Denn die Leute wissen, dass diese Karte freien Zutritt zu allen vom Porgy & Bess veranstalteten Konzerten bietet. Nur bei teuren Konzerten haben wir eine Aufpreisregelung für Sitzplätze eingeführt. Aber dafür haben die Leute absolutes Verständnis. Sie verstehen auch, dass es eben auch Fremdveranstaltungen gibt, wo kein freier Eintritt, sondern eventuell nur eine Ermäßigung besteht. Das funktioniert alles reibungslos und darum werden wir daran auch festhalten.

Wagen wir einen Schnellrückblick. Was bzw. wer war in der 25-jährigen Geschichte des Porgy & Bess die lauteste Band?

Christoph Huber: Im alten Club hatten wir mal ein Konzert mit einem Projekt von Elliott Sharp, bei dem mein Tontechniker auf Höhe des Mischpults 120 dB gemessen hat. Und im neuen Club gab es schon einige laute Konzerte, wie zum Beispiel das von Living Colour. Für gewisse Formen von Musik ist eine bestimmte Lautstärke zwar notwendig, doch grundsätzlich bin ich kein Freund von hohen Lautstärken.

„Aber jemand, der eine solche Musik macht, kann wahrscheinlich auch kein einfacher Mensch sein.“

… die Künstlerin oder der Künstler mit dem größten Ego?

Christoph Huber: Cecil Taylor war beispielsweise ein Künstler, mit dem ich mich immer etwas schwergetan habe – in jeder Hinsicht schwierig. Aber jemand, der eine solche Musik macht, kann wahrscheinlich auch kein einfacher Mensch sein. Aber das Schöne im Jazz ist schon auch, dass ein außergewöhnliches Maß an Allüren und Divenhaftigkeit eher der Ausnahmefall ist.

… das längste Konzert?

Christoph Huber: Wir wollten mal ein 24-stündiges Projekt mit der Musik von Erik Satie machen, haben das dann aber verworfen. Aber dann haben wir mal ein Konzept durchgezogen, bei dem wir 24 Stunden lang Wienerlieder präsentiert haben. Schlussendlich waren es dann allerdings 25 Stunden, weil wir uns verrechnet hatten.

… die höchste Anzahl an Musikerinnen und Musikern, die gleichzeitig auf der Bühne standen?

Christoph Huber: Das war vor etlichen Jahren das Abschlusskonzert einer Stage-Band, dem Takon Orchester, bei dem über 40 Musikerinnen und Musiker gleichzeitig auf der Bühne waren.

Wer fehlt noch unbedingt auf der langen Liste der Künstlerinnen und Künstler, die bisher im Porgy & Bess auf der Bühne standen?

Christoph Huber: Da gehen schon noch etliche ab. Und bei manchen war eine große Portion Pech dabei. Einen Künstler, den ich beispielweise sehr gerne im Club gehabt hätte und bei dem ich auch sehr nah dran war, war Ornette Coleman. Ich war mir sehr sicher, dass er kommt. Doch da das an ein weiteres Engagement bei einem Festival in Warschau gekoppelt war und das Festival dann abgesagt hat, kam auch das Konzert bei uns leider nicht zustande. Dann hätte ich gerne auch Charlie Haden im Club gehabt. Doch ausgerechnet an dem Tag, an dem der unterschriebene Vertrag bei uns postalisch einging, kam eine E-Mail-Nachricht, in der er erklärt hat, dass er aufgrund von Rückenproblemen nicht spielen kann. Von den wirklichen Großen auf der Liste der noch lebenden Künstlerinnen und Künstler geht mir zum Beispiel Wayne Shorter noch ab. Und da gäbe es noch eine Handvoll Grenzgängerinnen und Grenzgänger, die mich interessieren würden, wie zum Beispiel Tom Waits, der perfekt in den Club passen würde.

Auf der Liste der weltbesten Spielstätten, veröffentlicht vom legendären US-amerikanischen Jazzmagazin DownBeat, findet sich regelmäßig der Name des Porgy & Bess und auch vonseiten der Künstlerinnen und Künstler erklingen lobende Worte. Worauf gründet sich dieser gute Ruf und das Renommee, das längt über die Grenzen Österreichs und Europas hinaus wahrgenommen wird?

Christoph Huber: Das geht ausschließlich über die Musikerinnen und Musiker. Da ist es sehr wichtig, dass sie respektvoll behandelt werden, was nicht unbedingt mit Geld zusammenhängt. Denn wir können weder die höchsten Gagen zahlen noch das luxuriöseste Hotel bieten. Aber wir versuchen immer, auf Augenhöhe mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten. Wir achten sehr darauf, dass die Künstlerinnen und Künstler gut untergebracht sind, die Infrastruktur stimmt und stets ein guter Tontechniker vor Ort ist. Außerdem haben wir eine gute Anlage und ein ausgezeichnetes Klavier. Das sind fünf Grundparameter, die schon sehr wichtig sind. Und alle anderen Dinge fallen dann nicht mehr wahnsinnig ins Gewicht, solange sich die Musikerin bzw. der Musiker wertgeschätzt fühlt. Dazu zählt auch, transparent und verlässlich in der Zusammenarbeit zu sein, indem man sich an Absprachen hält und keine falschen Versprechungen macht. Wenn man das beherzigt und versucht, innerhalb der gegebenen Möglichkeiten das jeweilige Optimum anzustreben, ist man auf dem richtigen Weg. Und so freut es uns natürlich sehr, wenn sich Musikerinnen und Musiker beim erneuten Besuch im Porgy & Bess quasi wie zu Hause fühlen, obwohl diese Einstellung allen Musikerinnen und Musikern gegenüber immer gleich ist. Manchmal hole ich die Musikerinnen und Musiker auch persönlich ab, was sie dann immer sehr freut. Das ist keine Arbeit, sondern eine Geste. Und solche Gesten sind relevant und wertvoll. Und aus diesen Gründen reden die Leute gut über das Porgy & Bess. Dabei entsteht auch ein Schneeballeffekt. Denn wenn sich die Musikerin bzw.. der Musiker wohlfühlt, wird sie bzw. er vermutlich auch ein gutes Konzert spielen, das das Publikum begeistert. Und das ist das Schönste, was passieren kann. Der Grund, warum wir dann beispielsweise im DownBeat erwähnt werden, resultiert daraus, dass viele Musikerinnen und Musiker, die bei uns gespielt haben, eine gute Meinung von dem Club haben und sich das dann irgendwann rumspricht.

„Ich bin außerdem der Meinung, dass es eine Verpflichtung ist, die junge europäische Szene zu präsentieren […]“

Im Porgy & Bess kann das ganze Jahr über nahezu täglich Livemusik erlebt werden. So wurde, laut Tätigkeitsbericht, im Jahr 2017 allein der Hauptraum des Clubs an 332 Tagen bespielt, wobei sich der Löwenanteil des Budgets durch Ticketverkäufe generiert. Wie kann sich vor diesem Hintergrund einerseits der Club in einer Stadt mit einem so reichhaltigen Kulturangebot nachhaltig behaupten und andererseits ein Programm anbieten, das eben nicht nur auf große Namen setzt, sondern sich durch seine Qualität und Vielschichtigkeit auszeichnet und auch mal herausfordert?

Christoph Huber: Es ist schon auch so, dass ein Teil des Gesamtbudgets in der Höhe von circa 14 bis 15 Prozent durch Subventionen abgedeckt wird. Das ist zwar nicht sonderlich viel, aber wir müssen dennoch dankbar sein, dass wir noch öffentliche Gelder bekommen. Aber den Großteil müssen wir tatsächlich selbst aufstellen. Den Hauptsponsor gibt es seit einigen Jahren nicht mehr, wofür wir nichts können. Das mussten wir dann kompensieren. Und das ist leider ein unfaires Spiel. Denn kompensieren kann man nur, indem man die Eintrittspreise erhöht und die Gagen senkt. Und dann muss man vorsichtig kalkulieren. Das geht im Wesentlichen zulasten der Musikerinnen und Musiker, wobei es ihnen bei uns im Club schon noch verhältnismäßig gut geht, da unser System schon darauf basiert, dass wir die Gage anpassen, wenn viele Leute ins Konzert kommen. Das ist etwas, was den Musikerinnen und Musikern immer wieder positiv auffällt, wenn sie, ohne nachgefragt zu haben, eine höhere Gage bekommen. Aber natürlich müssen wir darauf schauen, das finanzielle Risiko zu minimieren. Und das kann man eigentlich nur, indem man bei den Gagen verhandelt. Aber man muss es dann der Fairness halber nach oben hin offenhalten, damit es, wenn viele Leute kommen, eine Art Bonus gibt. Letztendlich hat sich für die Musikerinnen und Musiker gar nicht so viel geändert. Denn Musikerinnen und Musiker, die viele Leute bringen, bekommen eine dementsprechend höhere Gage und die, die wenig Leute bringen, bekommen dann aber immer noch den vereinbarten Fixbetrag. Ich bin außerdem der Meinung, dass es eine Verpflichtung ist, die junge europäische Szene zu präsentieren – auch wenn das zumindest anfänglich finanziell erfolglos ist. Aber da kann man eigentlich jede junge Musikerin und jeden jungen Musiker hernehmen: Das war am Anfang immer schwierig. Aber es war richtig, an ihnen festzuhalten, und irgendwann ist das dann auch aufgegangen – zwar nicht bei allen, aber bei vielen.

Das heißt, die Einstellung und das Konzept, Künstlerinnen und Künstler längerfristig zu begleiten und aufzubauen, was früher in der Tonträgerindustrie eine gewisse Verbreitung hatte, verlagert sich nun in den Aufgaben- und Verantwortungsbereich des Clubs?

Christoph Huber: Unbedingt. Insbesondere der Club spielt da eine besondere Rolle und bietet auch ganz andere Möglichkeiten wie beispielsweise ein Festival. Vor diesem Hintergrund hat das tägliche sich damit Auseinandersetzen, Fördern und Unterstützen für mich persönlich eine viel größere Relevanz als ein Festival, das man ein ganzes Jahr vorbereitet und das dann aber nach drei Tagen wieder vorbei ist. Da ist auch unsere „Strenge Kammer“ sehr interessant, die so aber auch nur in einem solchen Kontext und Rahmen, in den sie eingebettet ist, funktionieren kann. Und die „Strenge Kammer“, die von einem der Gründungsmitglieder, Renald Deppe, hervorragend kuratiert wird, ist zum Beispiel etwas, was wir als unsere Aufgabe ansehen und für relevant erachten. Und solche Dinge sehen wir innerhalb unserer Verantwortung als Verpflichtung.

Porgy (c) Rainer Rygalyk

Neben den vielen Eigenveranstaltungen des Porgy & Bess bestehen einerseits auch Kooperationen mit hiesigen Akteuren – wie heuer beispielsweise mit Wien Modern – und andererseits stellt der Club seine Räumlichkeiten auch Fremdveranstaltern zur Verfügung, wie z. B. der Jeunesse und der Vienna Songwriting Association, die kürzlich das Blue Bird Festival veranstaltet hat. Inwiefern kommen dabei neben ökonomischen Aspekten auch Überlegungen im Hinblick auf „Audience Development“ und eine erweiterte Programmvielfalt, die auf den Club projiziert wird, zum Tragen?

Christoph Huber: Natürlich gibt es dabei eine ökonomische Seite – das ist klar. Wobei das Einmieten bei uns ausschließlich über den Inhalt und nicht über das Geld läuft. Ich habe bei all diesen Sachen immer ein Vetorecht, das ich teilweise – wenn auch nicht sehr oft – in Anspruch nehme. Und natürlich kommt es da zu interessanten Kooperationen. Die Jeunesse hat beispielsweise einen Jazz-Zyklus. Und da bietet sich das Porgy & Bess als Veranstaltungsort an. Und bei Wien Modern hat es mich sehr gefreut, dass diese Zusammenarbeit jetzt intensiviert wurde, indem beispielsweise das Festival heuer mit dem Konzert des London Jazz Composers Orchestra im Porgy & Bess abgeschlossen wird. Das finde ich super.

Macht es sich dann auch bemerkbar, dass ein anderes Publikum den Schritt durch die Tür macht und den Club für sich entdeckt?

Christoph Huber: Ja, natürlich. Deswegen machen wir beispielsweise auch Kindertheater am Nachmittag. Aber klar, das ist schon relevant. Denn wir bekommen über die Zusammenarbeit mit beispielsweise Barracuda Music, der Jeunesse oder Wien Modern auch andere Leute in den Club, die wir sonst möglicherweise nicht erreichen würden. Auf der anderen Seite war früher die Situation durch die Übersiedlung des Clubs von der Spiegelgasse in die Riemergasse so, dass wir von einem Raum mit einer Kapazität für 100 Personen in einen Raum mit einer Kapazität für 400 Personen gezogen sind, ohne das inhaltliche Konzept zu ändern. Was dann eine Strategie war, war den Raum für Clubbing, was Anfang der 2000er noch hip war, zu öffnen, um auch ein anderes Publikum zu erreichen. Das haben wir dann ab einem gewissen Punkt wieder eingestellt. Aber das war trotz der Spannungen, die das auch erzeugt hat, nicht unwichtig. Und natürlich ist es relevant, neue Publikumssegmente anzusprechen, insbesondere Publikumsschichten, die wir aus unserem direkten Umfeld nicht mehr erreichen. Und dabei sind solche Kooperationsveranstaltungen natürlich super.

Ein pluralistisches Programmangebot findet sich als Schlagwort gleich zu Beginn der Selbstbeschreibung auf der Club-Website. So erklingt Jazz in vielen seiner Facetten, aber auch andere Musiken auf der Bühne, wobei sowohl die heimische Szene als auch internationale Projekte von Akteurinnen und Akteuren aus Europa und Übersee ins Blickfeld gerückt werden. Handelt es sich dabei um ein vorangestelltes Gründungskonzept oder um eine Ausrichtung, die sich erst im Lauf der Zeit entwickelt hat? Und wie gelingt es, über die Jahre und viele, viele Konzerte hinweg diese Offenheit zu bewahren und die verschiedenen Blickwinkel und Ansprüche auszubalancieren?

Christoph Huber: Ich muss gestehen, da jetzt keine bestimmte Strategie zu verfolgen, wenngleich uns schon von vornherein klar war, dass wir kein puristischer Jazzclub sein wollen, der das dogmatisch betrachtet. Daher auch unser Name, der glücklicherweise nicht von mir, sondern von Mathias Rüegg stammt, mit „Jazz & Music“ im Untertitel. Das ist das, worum es geht. Jazz steht im Zentrum. Und das „& Music“ heißt, dass es auch andere Felder gibt, die wir gar nicht definieren wollen, aber die von Interesse sein können. So haben wir uns zum Beispiel Mitte der 90er-Jahre mit der aufkommenden Elektronik beschäftigt. Jetzt beschäftigen wir uns mit Singer-Songwriterinnen und Singer-Songwritern. Das war zuvor nicht der Fall, aber es passt gut in den Raum und gut in das Konzept. Die einzige Frage, die sich stellt, ist die Frage des Levels. Interessant sind die Qualität, der Innovationsgehalt und die Möglichkeit der Weiterentwicklung. Das ist jedoch unabhängig vom Genre. Es ist egal, ob das jetzt Jazz, Neue Musik, elektronische Musik oder moderne Volksmusik ist. Und was es auch immer alles gibt. Daneben gibt es aber auch Dinge, die sich ausschließen. Wir werden keinen Hardrock, keinen Schlager und keine klassische Musik machen. Dafür braucht es das Porgy & Bess nicht, denn dafür gibt es andere Räume. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass sich das Programm – ganz pragmatisch gedacht – auch dadurch definiert, dass das irgendwo anders nicht oder nur schwer möglich wäre. Insofern lebe ich damit ganz gut und mache mir keine zu großen Gedanken darüber. Aber eines ist mir auch bewusst: Wenn ich ausschließlich das veranstalten würde, was mir persönlich richtig, richtig gut gefällt, wären wir schon längst bankrott. Aber ich habe damit kein Problem und muss zugeben, über die Zeit musikalisch auch viel toleranter geworden zu sein. Aber mittlerweile ist es vollkommen egal, wie die Szene heißt, denn die spielen alle auf einem hohen Level. Aber mich überzeugt vor allem der Moment, in dem sich die Musikerin bzw. der Musiker auf der Bühne präsentiert. Und da muss man gute Voraussetzungen schaffen, damit sich die Musikerin bzw. der Musiker auf der Bühne wohlfühlt und ihr bzw. sein Bestes präsentieren kann. Und das kann er bzw. sie eben nur, wenn die entsprechenden Grundvoraussetzungen gegeben sind. Das ist der Kernaspekt. Alles andere ist sekundär.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Martin Schütz

 

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