Soia (c) Ina Aydogan

„In Utah bin ich verboten“ – SOIA im mica-Interview

Vielleicht war SOIA schon immer so. Vielleicht will sie es jetzt richtig wissen. Neue Musik liefert sie sowieso, aber auch Headlines. Sie erzählt vom Nazi-Tullnerfeld, in dem sie groß geworden ist, redet vom depperten Hirn von ANDREAS GABALIER und dem alltäglichen Kampf, bis ein Album fertig ist. Das Label ist neu, das Team ist größer. Internationale Medien beißen an, auf SPOTIFY läuft „Run With Wolves“ auf einer Liste mit einer halben Million Hörerinnen und Hörern. Das liegt natürlich auch am neuen Album „Where Magnolia Grows“ (Compost Records), dem der Wille anzuhören ist, ein paar Umwege weniger zu gehen. Stefan Niederwieser sprach mit der Künstlerin.

Gerade ist „Where Magnolia Grows“, Ihr drittes Album, herausgekommen. Haben Sie das heute gefeiert?

Soia: Ich habe einen Nachmittagsschlaf gehalten.

„Wir wurden bespuckt und verfolgt, es war arg.”

Sitzen Sie gar nicht an Live-Statistiken von Spotify, YouTube und Media Markt?

Soia: Ich hab erstmals viel abgegeben. Kasun Jayatilaka hilft mir bei diesem Album, das war notwendig und angenehm. Ich trinke keinen Alkohol, habe aufgehört zu rauchen, mache Yoga und gehe viel spazieren. Mit meiner Mutter werde ich heute noch Dim Sum essen. Ich habe die ersten sechs Jahre in Taipeh gelebt, dann sechs Jahre im Nazi-Tullnerfeld. Dort, wo wir gewohnt haben, wurden alle Kinder, die nicht gut deutsch konnten, in eine Klasse gesteckt. Mit denen bin ich abgehangen, sie waren viel netter. Wir wurden bespuckt und verfolgt, es war arg. Wir haben dafür FPÖ-Plakate mit Eiern beschmissen. Ich hasse es dort. Es ist wie Mordor.

Jedes Album fühlt sich anders an. Wie fühlt sich dieses an?

Soia: Bunter, fröhlicher, wärmer. Das erste Album war herbstlich, „H.I.O.P.“ auch eher, das jetzt ist sehr sommerlich, nach vorne, mir taugt es sehr. Man braucht Abstand, jedes Album ist mit viel Stress verbunden, mit Kompromissen. Man muss mit Kritik umgehen können. Ich bin viel mit der Organisation beschäftigt, ich muss mich überall auskennen, bei Verträgen, Streamingplattformen, beim Booking. Vorletztes Jahr habe ich an der FH Kufstein den Musikwirtschaftslehrgang bei Hannes Tschürtz gemacht, der mir sehr geholfen hat. Dass sich eine Künstlerin bzw. ein Künstler kreativ auslebt und eins mit dem Universum ist, ist nicht wahr, es ist harte Arbeit.

Soia (c) Levi Thomas

Musikerinnen und Musiker reden über ein Album oft so, wie andere Leute über eine Geburt reden, es ist schmerzhaft, danach wird das verdrängt, die Freude überwiegt.

Soia: Es ist ein Trauma. Du leidest darunter, alle sagen dir, wie schön es ist, du denkst dir: „Dieses Gfrast, das mich gequält hat. Ich habe dich eh lieb …“ Wir haben drei Jahre am Album gearbeitet. Durch eine Förderung des Musikfonds hatten wir das Glück, die beteiligten Leute wenigstens ansatzweise für ihre Arbeit bezahlen zu können. Ich bin großer Fan von mica, weil es einen Anwalt für Verträge zur Verfügung stellt.

Wie viel Material hat es nicht aufs Album geschafft?

Soia: Wenig. Bis ein Song ganz fertig ist, brauchen wir, mein Produzenten Mez [Daniele Zipin; Anm.] und ich, viele Schritte. Wir haben Instrumente eingespielt, Gitarre, Bass, Bläser … Im Winter vor zwei Jahren waren wir eine Woche lang in einem Haus im Waldviertel. Zwei, drei Songs sind dort entstanden, sie wurden noch geändert, neu komponiert, gepitcht, eingespielt, wieder gepitcht, neu eingespielt, das dauert ewig. Vieles ist im Sommer des letzten Jahres entstanden. Ich war fast jeden Tag nach meiner Arbeit im Studio.

Es gibt eine Aufnahme von „Pancakes“ beim Bohemia JazzFest. Welche Version kommt vorher, die Studio- oder die Liveversion?

Soia: Die Studioversion kommt immer zuerst. Wir haben noch keinen Song als Band gemacht, Mez arbeitet viel vor. Wir versuchen, live andere Teile hinzuzudichten, machen Übergänge, es gibt Solos, live sind wir fast klassisch jazzig. In Zukunft wird es live wohl mehr Backing-Tracks geben.

„Ich habe einen Parental-Advisory-Sticker bekommen.”

Ist „Where Magnolia Grows“ weniger jazzig?”

Soia: Ja, den Jazz gibt es in den Harmonien, aber er ist zurückgezogener. Wir wollten zugänglicher und geradliniger sein. Das spiegelt sich auch im Text und in der Stimme wider. Ich habe einen Parental-Advisory-Sticker bekommen, weil bei einigen Songs „Fuck“ oder „Hoe“ vorkommt. In Utah bin ich verboten [lacht]. Das müsste man noch recherchieren.

Ohne Claas Relotius bemühen zu wollen, wer soll das überprüfen?

Soia: Ich ärgere mich, dass ein paar Songs deshalb in manchen Bundesstaaten nicht gespielt werden dürfen. „Hoe for Love“ verwende ich ja in einem feministischen Kontext. So sind die Amis eben. In einem Interview in Philadelphia habe ich on air „Fuck“ gesagt und alle sind zusammengezuckt, weil sie deswegen Strafe zahlen mussten.

Reden wir über das Video zu „Run With Wolves“, in dem auch die Künstlerin Mirabella Paidamwoyo Dziruni performt. Sind Sie befreundet?

Soia: Jetzt schon, sie ist in einer Blase von bekannten Künstlerinnen und DJs wie Tonica von On Fleek. Ich kollaboriere gerne mit eigenständigen Künstlerinnen und Künstlern. Und Mwoyo ist einfach sehr badass. In einem ihrer Projekte lässt sie sich nackt vor Wiener Orten fotografieren und stellt Fragen wie, wer das Recht hat zu entscheiden, wer zum Arzt gehen kann, wer wohin reisen darf etc.

„Ich musste unterschreiben, dass alles gesittet abläuft.”

Wie war der Teil des Drehs am Wiener Graben?

Soia: Die Leute sind an uns vorbeigegangen. Die Nippel haben wir ja nicht reingegeben, die gab es reichlich, Nippel für alle, aber das ist keine Überschrift [lacht]! Ein altes Ehepaar ist in Pelzmänteln vorbeigegangen und fragte, ob mir nicht kalt ist, aber das war’s. Problematischer war es im PROSI, diesem exotischen Supermarkt. Ich musste unterschreiben, dass alles gesittet abläuft. Sie hatten einmal einen Skandal wegen ATV und wollten nicht in ein schlechtes Licht gerückt werden. Der Betreiber ist eine konservative südindische Familie, die sehr nett ist. Wir hatten bei einer Aufnahme eine Aubergine in ihrer Hand, nicht zu sexuell, es war eh eine kurze Aubergine. Das musste ich dann verhandeln.

Wie hat es das relativ alte „Fractal Spirits“ aufs Album geschafft?

Soia: Es hat gut zu den restlichen Songs gepasst. Es wurde in Japan auf einer Special Edition veröffentlicht, ein Video gibt es dazu, aber jetzt ist der Song auf Streamingplattformen.

„Guarding“ ist fast klassischer R ’n’ B, der beinahe aus dem Bild des Albums fällt.

Soia: Das ist mein Lieblingstrack, mein Herzenslied, ich finde den wunderschön. Vielleicht ist er am altmodischsten, mit einem Gospel-Feel. „Pancakes“ vielleicht auch, der ist eher Boom bap.

Warum gibt es so wenige Kollaborationen?

Soia: Stimmt, es gibt fast keine Features. Ich hätte sehr gerne welche, aber die Zeit hat gefehlt. Werde ich in Zukunft sicher machen.

Acht Jahren mit demselben Produzenten ist eine sehr lange Zeit. Haben Sie auch Meinungsverschiedenheiten?

Soia: Alle, die kreativ mit anderen zusammenarbeiten, wissen, dass nicht immer alles happy ist. Aber ich schätze Mez sehr. Er hat ein sehr hohes Niveau, er ist nicht nur ein Produzent, sondern auch ein Musiker, das merkt man. Mir gefallen neunzig Prozent seines Materials, nur die Achtziger- und Miami-Vice-Einflüsse weniger.

Soia Cover “Where Magnolia Grows”

Was müsste passieren, damit am Albumcover einfach ein Foto von Ihnen wäre?

Soia: Das würde ich nie machen. Alben sind für mich wie Tagebücher einer Zeit. Das Cover soll eine Interpretation davon sein. Darum gibt es die grafischen oder gemalten Bilder.

„Für mich ist Spotify aber ein Mysterium.”

Wie kommt das Album auf große Spotify-Listen? Haben Sie Studio-Sessions gemacht, spezielle Compilations oder Playlists kuratiert?

Soia: Auf einer großen Playlist ist „Run With Wolves“, Butter hat 430.000 Followerinnen und Follower, das Label hilft da. Für mich ist Spotify aber ein Mysterium. Ich höre meine Musik auf YouTube [lacht] oder auf meinem alten iPod. Ich digge weniger als einige meiner Freundinnen und Freunde. Ich bin keine Influencerin. Ich mache Instagram, bin aber froh, dass Kasun Jayatilaka einiges davon übernommen habe. Instagram gehört dazu, persönlich bin ich nicht so der Typ dafür. Ich musste mir kürzlich ein privates Profil machen, um eigene Sachen zu posten.

Soia (c) Ina Aydogan

„Diese Selbstdarstellung gehört dazu, zu viel wird mir aber unangenehm.”

Fans wollen aber doch diese privaten Einblicke und Statements.

Soia: Ja, voll. Ich versuche, so wenig wie möglich privat zu posten. Wenn, dann supporte ich Leute oder Projekte, die ich bewundere. Diese Selbstdarstellung gehört dazu, zu viel wird mir aber unangenehm. Ich würde nicht gezielt etwas sagen oder anziehen. Ich bin ja keine Maschine.

Dabei haben Sie jetzt ein T-Shirt an, auf dem „Not My Government“ steht.

Soia: Ich meine, etwas kalkuliert zu posten …

Das Album erscheint erstmals auf „Compost Records“. Was kann ein Label heute erreichen?

Soia: Andere Kontakte. Mein altes Label gehört einem außerordentlich netten Kerl, er macht das wirklich liebevoll. Gleichzeitig ist er Uni-Professor und hat Familie. „Compost“ kann sich dem besser widmen. Sie machen das schon lange, ich fühle mich dort gut aufgehoben.

Wie schwer ist es, an eine JUICE-Video-Premiere zu kommen?

Soia: Ich glaube die sind Haberer. Franjo Utsumi ist der Label-Chef von „Beat Art Departement“, das zu „Compost“ gehört. Er hat eben Kontakte. DJ Friction hat meinen Track gespielt, ein altes Mitglied von Freundeskreis. Ich liebe Freundeskreis, das ist fast der einzige deutsche Hip-Hop, den ich mag.

Und Money Boy, oder?

Soia [schaut entgeistert]: Ich respektiere alle Musikerinnen und Musiker. Ich denke mir meinen Teil, aber würde nie schlecht über jemanden reden. Das ist so ein harter Job, sich durchzuboxen, davor habe ich wirklich Respekt. Selbst vor dem Gabalier, nicht wegen seiner Inhalte und seinem depperten Hirn, aber wegen seiner Arbeit.

Was hat das SXSW gebracht? Und wie bereitet man sich auf so etwas vor?

Soia: Darauf kann man sich nicht wirklich vorbereiten. So einen Zirkus habe ich noch nie erlebt. Das ist die größte Messe fürs Musikbusiness. Es ist, als ob du in einem Candy Store wärst und Diabetes hättest. Es war im Vorfeld viel Arbeit, ich hatte Jetlag, habe meine Showcases gespielt und mein Bestes gegeben, aber als kleiner Artist hatte ich gar nicht die Kapazität, mich ausreichend vorzubereiten. Es gibt ein Programm, im Rahmen dessen du netzwerken kannst. Aber wenn du nicht on the rise bist, gehst du bei ungefähr 2.000 Artists natürlich unter. Ich habe es genossen und mir viele Konzerte angesehen. Einige finden in Konferenzsälen statt, das wird ein bisschen absurd. Es gibt kein Geld dafür. Du musst die Backline mieten, du zitterst bei der Einreise, weil sie mit Arbeitsvisa in Texas strenger geworden sind. Aber ich wollte das einfach machen.

Werden Sie zum dritten Mal beim Popfest spielen?

Soia: Das ist geheim.

Singen Sie oft auf Deutsch?

Soia: Normalerweise nicht, ich finde, Deutsch ist eine hässliche Sprache, aber es geht sich auf Wienerisch aus. Ich habe über das Programm SHIFT eine Förderung für ein Projekt bekommen, das „G’schichtn aus’m Wiener“ heißen wird. Das mache ich mit Fabian Bachleitner, dem Sänger von Belle Fin. Ich habe ein Lied über meinen Großvater geschrieben. Ich wollte immer etwas Soziales machen, habe Biotechnologie studiert, war naiv und idealistisch, wollte dann doch nicht für einen Pharmakonzern arbeiten. Also verbinde ich das soziale Projekt mit Musik. Wir gehen in Altersheime, porträtieren zehn Personen und reden mit ihnen. Es soll einen positiven Aspekt der Wiener Identität zeigen. Als ich nach Österreich gekommen bin, habe ich meine Heimat gehasst, für mich ist das sehr persönlich. Wir werden dann ein Album machen. Zum Abschluss gibt es eine Tournee durch Wiener Altersheime, bei der wir gratis für Seniorinnen und Senioren spielen. Wir werden viel Karten spielen und Schnaps trinken.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Stefan Niederwieser

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