Lulu Schmidt (c) Nhoah Hoena

„In diesem Spannungsfeld zu experimentieren ist für mich am aufregendsten“ – CAROLA „LULU“ SCHMIDT im mica-Interview

LULU SCHMIDT ist ein niederösterreichischer Performance-Act, der von der Künstlerin CAROLA SCHMIDT erfunden wurde und sich im Spannungsfeld zwischen Mode, Tanz, Film, bildender Kunst und Musik bewegt. Im Zentrum stehen dabei Transformationsprozesse und Irritationen, das Spiel mit Sehgewohnheiten und Konventionen. Ihr Debütalbum „BiPopularity“ (BiPopularity Records) ist am 14. Juni 2019 erschienen. Mit Julia Philomena sprach die Künstlerin über explosive Energie, Schönheitsideale und performative Prozessen.

„Man hat ein unsichtbares Gegenüber, den Algorithmus”

Kann deine Single „Fire“ als klassische Kritik an Rollenbildern, Schönheitsidealen und der Popindustrie verstanden werden? Oder wie kann man sich deinen Zugang, deine Motivation vorstellen? Du hast lange als Performance-Künstlerin gearbeitet und dich eigentlich erst mit Lulu Schmidt dem Pop angenähert. Hast du negative Erfahrungen mit der Industrie gemacht?

Carola Schmidt: Das Wort Kritik würde ich gerne vermeiden, ich steh nicht so auf den gehobenen Zeigefinger, das bringt nichts, wir sind – wenn man Sichtbarkeit haben will und nicht komplett in die Verweigerungshaltung geht – alle im Endeffekt irgendwie auch Teil der „Industrie“, Opfer, Täterinnen und Täter in einem.
Ich kann das gerade aktuell am Thema Spotify erklären: Ich leide unter den zu niedrigen Tantiemen, lasse mir aber dennoch die Gelegenheit zum Pitching nicht entgehen und freue mich am Ende doch, wenn ich in der New-Music-Friday-Playlist lande, weil viele Menschen meine Veröffentlichung mitbekommen.

Dass sich durch Playlists, wo alles schön nach Tempo, Stimmung, Genre vorsortiert wird, das allgemeine Hörverhalten ändert, weil Musik vordergründig zur Stimmungsregulierung konsumiert wird, ist ein weiterer Aspekt, den man heutzutage immer mehr in Kauf nehmen muss. Kaum jemand hört auf Spotify noch ganze Alben. Da ist der Druck hoch bzw. die Verlockung groß, sich anzupassen. Man hat ein unsichtbares Gegenüber, den Algorithmus, mit dem man quasi gezwungen ist zu flirten, wenn man präsent sein will. Der auch genau weiß, wie er unser Belohnungszentrum immer wieder triggert. Man weiß nicht, ob man ihm die Hand küssen oder ihm in den Finger beißen soll. Genau darum geht es auch in „Happy and I Hate It“ und auch in „Play!“.

Das Musikvideo zur Single „Fire“ stammt von Rupert Höller. Habt ihr gemeinsam am Drehbuch gearbeitet, zumal du ja selbst Filmemacherin bist? Oder hast du Rupert Höller freie Hand gelassen? Was waren generell wichtige Regieanweisungen oder Stimmungen, die ihr umsetzen wolltet?

Carola Schmidt: Ich glaube, es ist prinzipiell sehr schwer, mit mir zu arbeiten, weil ich gerade beim Film ein totaler Kontrollfreak bin und sehr genau weiß, was ich will. Es fällt mir schwer, loszulassen und die Zügel aus der Hand zu geben. Bei Rupert habe ich mich nach einem ausführlichen Briefing versucht, komplett in seine Hand zu begeben. Rupert war ein totaler Glückstreffer, er hat mir quasi das perfekte Anti-Musikvideo gedreht. Sein Ideenreichtum hat mich begeistert und er hat das Video fantastisch umgesetzt. Ich trage im Video eine Männerwampe statt eines Spitzen-BHs, es wirkt überstilisiert, aber nicht eitel. Alles im Video stimmt irgendwie nicht und hat trotzdem das große Format. Ich bin extrem glücklich mit dem Resultat. Der Einsatz von allen Beteiligten war großartig, vor allem bei einem extrem abenteuerlichen Dreh, der eine eigene Doku für sich wert wäre und bezeichnenderweise damit geendet hat, dass wir quasi von der Polizei zum Flugzeug eskortiert worden sind, da wir mit unseren riesigen Akkus im Handgepäck vom Zoll als zu explosiv eingestuft wurden. Sehr passend [lacht].

„Ich spiele einfach gern mit Rollen, ich mag es, Sehgewohnheiten zu brechen.“

Die Ästhetik deiner Videos ist surreal, skurril und manchmal stilisiert. Das trifft auf deine neuen Musikvideos zu, aber auch auf deine Kurzfilme, wie zum Beispiel „Wir bitten dich, verführe uns! We beg you to seduce us!“, für den du 2008 auf der Diagonale den Preis für den besten österreichischen Nachwuchsfilm gewonnen hast. Dein Auftreten im Musikvideo „Fire“ erinnert in puncto Exzentrik und Outfits ein bisschen an Lady Gaga. Gleichzeitig wird der Starkult belächelt. Ist das fast schon ein wissenschaftlicher Zugang à la Derrida oder ganz im Gegenteil, spielen Humor und Leichtigkeit eine große Rolle?

Carola Schmidt: Ich spiele einfach gern mit Rollen, ich mag es, Sehgewohnheiten zu brechen. Es passiert bei mir automatisch, dass ich die Dinge auf den Kopf stelle, wenn ich mich mit ihnen beschäftige, da ich mich in Spannungsfeldern von Grenzbereichen am liebsten aufhalte. Es ist kein Vorsatz, es passiert, so bin ich einfach. Auch mit mir selbst: Lulu Schmidt und Carola lieben und hassen einander, das ist nicht immer einfach.
Die gängigen Schönheitsideale des Musikbusiness und der Star-Moment der Popindustrie faszinieren mich. Wie Musikvideos auszusehen haben, wie sich die Sängerinnen und Sänger in Musikvideos selbst darstellen – ich kann gar nicht ernsthaft dieses Format bedienen, ohne das Format selbst zu thematisieren. Man wird als Frau leicht als „die Pop-Schnecke“ abgestempelt, wenn man Freude an der Verkleidung, der Übertreibung hat. Der Freude an der Selbstdarstellung zu frönen wird gerne und schnell mal mit Eitelkeit gleichgesetzt. Da muss man fast zwangsläufig oft erst mal in die Ironisierung gehen, um ernst genommen zu werden.

Und weil du Lady Gaga erwähnt hast: Was sie im Rahmen ihrer Selbstinszenierung aufgegriffen hat, ist mit seinem Fantasiereichtum in vielen Bereichen der Queer- und Drag-Szene viele, viele Jahre davor schon gang und gäbe gewesen. Sie hatte einen großartigen Stylisten, Nicola Formichetti, der aus dieser Szene kommt. Mit jemandem seines Kalibers würde ich natürlich wahnsinnig gerne einmal zusammenarbeiten, um Ideen umzusetzen. Es steckt oftmals ein großes Team dahinter, und schnell verleibt jemand sich etwas ein.

Ich habe mich in Berlin viel in der Drag-Szene rumgetrieben und natürlich hat mich das auch sehr inspiriert, was vielleicht der passendere Vergleich ist, denn was mir dort besonders gefällt, ist das Über-sich-selbst-lachen-Können. Mir gefällt, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt, die Fehlerhaftigkeit zulässt und damit spielt. Ich habe großen Spaß daran, Schönheitsideale zu dekonstruieren, ein bisschen Derrida also, wie es im Video zu „Fire“ passiert. Das gefällt mir besser, als mich ihnen hinzugeben und sie zu bedienen. Ich will auch Verzerrungen von Schönheit zeigen, dabei aber auch die Schönheit der Verzerrung feiern.

Ein Plastiksackerl, das du meistens am Kopf trägst, zieht sich durch deine Videos. Wie kann man das verstehen? Gibt es da eine tiefere Bedeutung oder ist das einfach ein visueller Gag?

Carola Schmidt: Stimmt, das kommt in jedem Video vor. Ich weiß auch nicht, das muss irgendwo aus den Tiefen meines Unterbewussten kommen. Auf der Bühne bin ich auch oft unter einem Schleier. Vielleicht will ich mich ein bisschen verstecken. Deshalb brauche ich live so viel Nebel auf der Bühne, bis ich mich wohlfühle.

Lulu Schmidt (c) Archiv

„Ich reize gerne das Alte und das Moderne aus; ich gehe gerne von einer meditativen Ruhe in eine explosive Energie über oder wandle Traurigkeit in Kraft um.“

War das Thema der Selbstermächtigung wichtig für dein Debütalbum? Was stand bei „BiPopularity“ im Vordergrund?

Carola Schmidt: Ich mag das Zerstörte, das Kaputte, das Verletzliche genauso wie die großen Gesten, das Bombastische. Musikalisch wie performativ sind es Transformationsprozesse, die mich faszinieren. Ich reize gerne das Alte und das Moderne aus; ich gehe gerne von einer meditativen Ruhe in eine explosive Energie über oder wandle Traurigkeit in Kraft um. Da geht es dann auch um Selbstermächtigung. Zwischen diesen Polen habe ich mich bewegt. In diesem Spannungsfeld zu experimentieren ist für mich am aufregendsten. Das Einzige, das mich langweilt, ist dieses sinnlose „Herumgecoole”, wenn man ein Lied hört, das klingt wie die Imitation der Imitation der Imitation, nur weil es gerade angesagt ist. Das ist nicht mutig und deshalb für nicht spannend für mich.

Auf FM4 habe ich gestern gehört: „Man soll mehr in den Vordergrund stellen, Wahrhaftigkeit eines authentischen Ausdrucks zu bewerten.” Einverstanden! In Österreich gibt es erfreulicherweise viele Institutionen mit einem Kulturauftrag, die wahrgenommen werden. Festivals, die wesentlich dazu beitragen, nationalen Künstlerinnen und Künstlern auf die Beine zu helfen, auch in der Filmförderung zeichnete es sich bislang deutlich gegenüber Deutschland ab, dass Kunst als Kultur gefördert wird. In Deutschland spielen sich beispielsweise die Förderungen mehr im Kontext der puren Unterhaltungsindustrie ab. Ich bin dem Österreichischen Musikfonds so unendlich dankbar, ohne die Förderung hätte ich das Album niemals so realisieren können.

Du hast lange in Berlin gelebt und dort einige Kolleginnen und Kollegen kennengelernt. „Happy and I Hate It“ hast du gemeinsam mit Klumzy Tung geschrieben, mit dem du schon lange arbeitest. Wie hat sich diese Kollaboration entwickelt?

Carola Schmidt: Klumzy und ich haben uns zufällig im Flixbus von Berlin nach Wien kennengelernt, da hatte ich gerade eine Textkrise. Wir haben uns schließlich testweise zum Texten getroffen und am Ende die Texte für das komplette Album gemeinsam geschrieben. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, aber es hat einfach so gut gepasst. Wir haben eine eigene Routine im Zusammenarbeiten entwickelt, eine eigene Methodik, ein Pingpong zwischen zwei überbrodelnden Hirnen. Wenn wir uns nicht gesehen haben, wurden auf täglicher Basis Skizzen hin- und hergeschickt. Ab und zu hat er mir etwas zum Üben vorgerappt und irgendwann habe ich gemerkt, dass unsere Stimmen sehr gut zusammen klingen, sich irgendwie ergänzen. Und deshalb ist er als Sänger auf dem Album dabei.

Klumzy ist ein Genie. Ich habe extrem viel von ihm gelernt. Er kann in jedem erdenklichen Zustand freestylen, es fließt einfach aus ihm raus. Diesen Rauschzustand habe ich beim Geigespielen oder beim Komponieren, wenn es sich quasi von selbst spielt. Man ist mit irgendeiner größeren Macht verbunden und es fließt einfach durch einen durch.
Ansonsten hat er mir den Zugang zur Leichtigkeit ermöglicht. Und es hat extrem viel Spaß gemacht, gemeinsam am Album zu arbeiten und die freudigen Momente, wenn man einen Durchbruch hat, zu teilen.
Er hat mir auch ein paar wichtige Lektionen mitgegeben, zum Beispiel: „Mein Liebling, the funk is in the gap!“ Die Spannung entsteht oft in den Lücken. Als er mir am Ende gesagt hat, wie stolz er auf das Album ist, war ich sehr glücklich. Wir sind gute Freunde geworden und stehen noch immer im regen Austausch.

Meine Musik ist ziemlich facettenreich und unterschiedlich, so dass ich mir sehr bewusst Musiker und Co-Produzenten gesucht habe. Das ist in der bildenden Kunst auch üblich. Da würde ich für meine Skulptur auch den besten „Formenbauer“ für den Abguss suchen oder einen peruanischen Farbmischer, wenn ich sehr spezielle Farben brauche. Ich hatte das Glück, dass ich mit weiteren großartigen Leuten aus unterschiedlichen Bereichen für mein Album zusammenarbeiten durfte. Da waren Nhoah, der große Pop-Produktionen gefahren hat und nun Techno macht, Johannes Gwisdek von Shaban feat. Käptn Peng, Sixtus Preiss, der eigentlich ursprünglich aus dem Jazz kommt und sehr experimentell arbeitet, und Maximilian Walch, der gerade das letzte Bilderbuch-Album gemischt hat und solo als Monophobe extrem moderne Beats produziert. Es war sehr schön, auf so hohem Niveau meine Ideen, Kompositionen und Soundvorstellungen umsetzen zu können. Das habe ich im Endeffekt dem Österreichischen Musikfonds zu verdanken.
Ich schau mich gerade für weitere Zusammenarbeiten natürlich auch nach weiblichen Producern und Mixern um. Die sind leider gar nicht so leicht zu finden. Ich wünsche mir, dass die Sichtbarkeit größer wird, aber in Österreich tut sich da aktuell extrem viel!

„Es ist dieser Rauschzustand, sich in etwas Größerem aufzulösen.“

Lulu-Schmidt-HAPPYANDIHATEIT

Du bist schon jahrelang Künstlerin. Welche Charakteristik, welche Haltung waren bei dir von Stunde eins sowohl als Filmemacherin wie auch als Musikern wichtig?

Carola Schmidt: Der Gänsehautfaktor ist bei mir ein Dogma, wenn sich die Haare aufstellen, wenn diese Magie da ist, die man nicht messen, nur fühlen kann, für die man vor allem keine Worte findet, dann ist alles richtig. Ich merke es schon während des Prozesses: Es ist dieser Rauschzustand, sich in etwas Größerem außerhalb von einem selbst aufzulösen. Diesen Rausch kenne ich vom Drehen und vom Musikmachen, wenn man nicht mehr denkt, nicht mehr leitet. Man ist nur noch Instrument und es fließt durch einen durch und brodelt, fühlt sich wie Zauberei an. Das sind magische Momente und das ist der Idealzustand im kreativen Prozess, für den man den ganzen Rest in Kauf nimmt, der aber leider nur einen kleinen Teil ausmacht. Der Rest sind Durchbeißen und harte Arbeit. Hinter dem Kreativflash und dem Hoch lauern auch schon Anstrengung und Tränen. Da flogen auch schon mal die rotzgetränkten Taschentücher tief.

„Auf dem Land wird es nicht gerade mit Applaus begrüßt, wenn man aus der Reihe tanzt, das hat mich wahrscheinlich angespornt.“

Du bist im Waldviertel aufgewachsen, mittlerweile lebst du in der Großstadt. Inwiefern haben dich konservative Weltanschauungen geprägt? Hat sich deiner Meinung nach viel verändert?

Carola Schmidt: Ich habe früh gelernt, in Rollen zu schlüpfen, verschiedene Rollen zu spielen. Ich war ein rechter Wildfang, konnte aber schon früh das brave Mädchen aus gutem Hause geben.
Auf dem Land wird es nicht gerade mit Applaus begrüßt, wenn man aus der Reihe tanzt, das hat mich wahrscheinlich angespornt. Ich habe mir im Waldviertel immer meine Nischen gesucht, wo ich meine Verrücktheiten ausleben konnte.
Diese Eigenarten kann man sich allerdings nur leisten, wenn man damit erfolgreich ist, sonst bleibt man „die Spinnerin“. Das war eine gute Motivation. Das Wilde in uns und das Besondere wird oft von klein auf abtrainiert und unterdrückt, das ist schade. Wer sagt denn eigentlich, dass man bescheiden sein muss? Ich finde, wir sollten schon früh lernen, stolz nach den Sternen zu greifen, das Besondere in uns als Stärke anzusehen und zu kultivieren, anstatt es zu unterdrücken, dann wird die Welt ein bisschen bunter.

Wie wurdest du zu Hause musikalisch sozialisiert? Du hast als Kind, glaube ich, Geige und Klavier gelernt.

Carola Schmidt: Ich spiele Geige seit meinem dritten Lebensjahr, mein erstes Konzert hatte ich mit vier vor dem Nikolo im Kindergarten. Mein Geigenlehrer, Miroslav Chytka, war aus Tschechien, sehr leidenschaftlich, aber auch sehr streng, das war die ideale Mischung. Man lernt, den Zugang zu den Emotionen zu öffnen, aber auch sich durchzubeißen.
Ich mag z. B. kaputte, schiefe Blechbläser, die ich aus meiner Kindheit von Trauerkapellen und der Jagd kenne. Ansonsten habe ich als Kind eher klassische Musik gehört. Später habe ich das Experimentelle kennengelernt und bin in Berlin in die Elektronikszene geraten. In den Plattenbausiedlungen in Weimar West habe ich vor drei, vier Jahren mit Hip-Hop-Tänzern Videos gedreht, da habe ich einen Zugang zu trapmäßigen Beats bekommen. Und auch grandiose Künstlerinnen wie Tsar B, Sevdaliza usw. kennengelernt.

Ich habe allerdings keine Vorbilder, denn selbst wenn ich probieren würde, etwas nachzumachen, käme doch immer etwas komplett anderes dabei heraus.

„Erst mal dort hinzusehen und dort anzusetzen, wo es wehtut, und nicht dort, wo es einem leichtfällt, das steckte tief in mir drin.“

Lulu Schmidt (c) Miyu Haydn

Du bist lange auf der Kunst-Uni gewesen. Welche Rolle hat sie für dich gespielt? Welchen Zugang hast du dort gelernt bzw. dir selbst angeeignet?

Carola Schmidt: Aus der bildenden Kunst kommend, wo Kunst ja oft erst mal aus der Verweigerungshaltung heraus entsteht, hat es ein wenig gedauert, bis ich die Leichtigkeit zulassen konnte. Dort herrscht die Auffassung: Wenn etwas zu „schön“ ist, etwas zu dekorativ ist, wird es nicht als Kunst ernst genommen. Wenn etwas gar Spaß macht, dient es der Unterhaltung und ist keine Kultur mehr. Da kommt man, wenn man sich mit Pop auseinandersetzt, erst mal ins Schleudern. Erst mal dort hinzusehen und dort anzusetzen, wo es wehtut, und nicht dort, wo es einem leichtfällt, das steckte tief in mir drin. Diese Spannweite ist auf dem Album zu hören. Auf der einen Seite steht das Dunkle, z. B. der Abgesang, auf der anderen Songs wie „Ready to Let Go“, die einfach geflutscht sind, wo ich mir einen direkten Zugang zu den Emotionen und der Leichtigkeit des Ausdrucks erlaubt habe.

Rebecca Horn hat mich während meines Kunststudiums immer wieder zum Musikmachen angetrieben. Wenn eine Galeristin grantig war, musste ich mit dem, was auch immer verfügbar war, aufspielen, um sie zu besänftigen. Schließlich bin ich versehentlich in die Elektro-Formation Tangowerk geraten, für die ich die Visuals gemacht habe, und bin quasi versehentlich auf der Bühne gelandet. Da ich nicht singen konnte und panische Angst hatte, habe ich mir quasi zur Ablenkung extrem schrille Bühnenkonzepte einfallen lassen und mein Alter Ego Lulu Schmidt gegründet. Das hat sich herumgesprochen und ich habe immer mehr Angebote für Soloauftritte bekommen. Ich habe beim Popfest und beim Electric Spring gespielt, als ich noch gar nichts veröffentlicht habe.

Der entscheidenden Unterschied zwischen bildender Kunst und Musik ist mir beim Electric Spring bewusst geworden, als ich vor mehreren Tausend Leuten stand, meine selbstreferenziellen Performances gemacht habe und dachte: „Ich will jetzt sofort einen direkten Energieaustausch mit dem Publikum!“ Mir ist aufgefallen, dass ich den vor lauter Konzept nie mitgedacht hatte. Da hat es klick gemacht und seitdem denke und fühle ich den direkten Energieaustausch auch beim Liederschreiben und lasse auch die Freude und die Leichtigkeit mehr zu. Große Gesten sind genauso erlaubt wie das Verletzliche, Zerbrechliche, aber gerne nebeneinander und gleichzeitig, dann wird es spannend und mutig.

Singst du auf Englisch, um ein großes Publikum zu erreichen?

Carola Schmidt: Ich bin mit 15 vom Waldviertel nach England ins Internat abgehauen. Ich konnte damals kaum Englisch sprechen, hab es mir aber – so allein im Ausland – extrem schnell angeeignet. In Berlin war ich in meiner Meisterklasse bei Rebecca Horn die Einzige, die als Muttersprache Deutsch hatte.
Seitdem ist Englisch meine zweite Muttersprache und ich habe ebenso viele Freundinnen und Freunde, die Englisch sprechen, wie Freundinnen und Freunde, die Deutsch sprechen. Ich bin außerdem mit der Formation Tangowerk viel im Ausland aufgetreten. Und ich will verstanden werden, also war Englisch die offensichtliche Wahl. Die deutsche Sprache finde ich aber nach wie vor musikalisch sehr interessant, aber auch furchtbar schwierig. Komplett überstilisiert funktioniert sie, finde ich, am besten, siehe Falco, Yung Hurn und Bilderbuch. Deutsch gleitet, wenn Gefühle hinzukommen, oftmals sehr leicht in Richtung Schlager ab. Es ist eine irre Herausforderung, damit zu spielen, und ich habe extremen Respekt vor allen, die sich der deutschen Sprache stellen.
Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, meine Top-5-Lieder des Albums nochmals auf einer EP in einer deutschen Version bzw. Interpretation zu bringen. Vielleicht aber eher dadaistisch, Richtung Ton Steine Scherben, DAF, Palais Schaumburg. Das würde mir gefallen, da spielen meine Jahre in Berlin mit rein. Ich will aber weiterhin Texte gemeinsam mit jemandem schreiben, im Pingpong. Mit einem Gegenüber erwachen die Zeilen zum Leben.

Lulu Schmidt (c) Gato-Chavez

Wo würdest du dich mit Lulu Schmidt verorten? Und welche Bühne bzw. welche Location ist deine liebste?

Carola Schmidt: Mein Albumrelease-Konzert wird Ende Oktober im Rahmen des FM4 Clubs bei der Viennale im MuseumsQuartier stattfinden. Besser geht es für mich kaum, wo ich als Carola Filme mache und als Lulu Schmidt Musik. Außerdem hören beide Damen FM4 quasi auf Dauerschleife. Ansonsten: Ich liebe auch Orte, die man erst mal nicht als attraktive Auftrittsorte einschätzen würde. Eines meiner schönsten Konzerte war tatsächlich mit Tangowerk in einem Altersheim.
Ich dachte erst, Techno überfordere die Bewohnerinnen und Bewohner, und habe die anderen Bandmitglieder gefragt: „Wollen wir nicht doch Weihnachtslieder auf der Gitarre spielen?“ Am Ende konnten sie mich überzeugen, den älteren Herrschaften ruhig etwas zuzumuten, zu zeigen, wie das Leben „draußen“ ist. Ich hatte aber auch nicht bedacht, dass alle Hörgeräte hatten und einfach nachregeln konnten. Der Bass war wohl eher ein angenehmes Vibrieren. Irgendwann ist eine alte Dame klatschend aufgesprungen, hat laut „Tanzen! tanzen!“ geschrien und musste von der Pflegerin gestützt werden. Es war herrlich, am Ende haben alle getanzt, es war so skurril, in solchen Momenten bin ich in meinem Element und unendlich glücklich.

Was wünscht du dir für Lulu Schmidt?

Carola Schmidt: Viele Auftritte im Ausland, dass das Publikum eine gute Zeit hat, spürbare Weiterentwicklung. Vielleicht auch einen großen Sync-Deal, um meine Produktionsverhältnisse zu verbessern und mich vor dem Burn-out zu retten [lacht]. Es ist ja verpönt, sich über Erfolg zu freuen, man soll immer schön bescheiden wirken. Ich glaube aber, dass kaum jemand erfolgreich wird, der davor nicht jahrelang Selbstausbeute in fast perversem Maße betrieben hat. Alle, die mir erzählen, dass äußerer Erfolg nicht zählt, sind scheinheilig. Ich finde, man ist sogar verpflichtet, sich wahnsinnig zu freuen, wenn mal alles läuft.

Abschließend: Der Sommer kommt. Zeit, um an neuen Projekten zu arbeiten oder um endlich zu faulenzen?

Carola Schmidt: Es kommen in nächster Zeit noch einige neue Videos, alternative Umsetzungen von „Fire und Play“ und „Ready to Let Go“, gedreht mit jungen Hip-Hop-Tänzern aus Plattenbausiedlungen. Das von „Fire“ gibt es schon online. Dann wird es die Hauptaufgabe sein, mir zu überlegen, wie ich das Ganze live auf die Bühne stellen werde. Geige dabei, klar, interaktives LED-Kostüm von ST Vito. Aber ich habe die letzten drei Sommer durchgearbeitet, dieses Jahr will ich auch versuchen, die Annehmlichkeiten im Waldviertel und in Wien zu genießen. Das Gänsehäufel, das Krapfenwaldlbad, die Alte Donau, darauf freue ich mich! Ich habe mir ein Schlauchboot gekauft, das in meinem Wohnzimmer auf mich wartet. Es ist schon aufgeblasen!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

Links:
Lulu Schmidt (Facebook)
Lulu Schmidt (Website)

Termin:
17.7. Bar jeder Vernunft, Berlin (mit SAFI)
27.7. Popfest Wien
26.10. Album Release Konzert – FM4 Club @ VIENNALE, Museumsquartier Wien