Simon Zöchbauer (c) Michèle Pauty

„Improvisation ist ja nichts anderes als Vergangenheit und Zukunft an einem Platz zu bündeln“ – SIMON ZÖCHBAUER im mica-Interview

SIMON ZÖCHBAUER kennt die großen Bühnen und kommt als Teil des international gefragten Ensembles FEDERSPIEL viel herum. Sonst den kraftvollen Bläsersound praktizierend, präsentiert sich der Trompeter auf seinem kürzlich erschienenen Solo-Debüt „Achad“ (Col Legno) nun von einer anderen Seite. Gemeinsam mit dem KOEHNE QUARTETT beschreitet er die eher ruhigen, aber umso stimmungsvolleren Klangpfade. SIMON ZÖCHBAUER sprach mit Michael Ternai über sein Bedürfnis, musikalisch einmal einen anderen Weg einzuschlagen, und über seine Liebe zum Klang eines Streichquartetts.

Man kennt dich als ein Mitglied des Ensembles Federspiel und als Teil des Duos bzw. Quartetts Ramsch & Rosen. Die Musik dieser Projekte macht auch aus, dass sie im Sound doch auch sehr kraftvoll sein können. Demgegenüber steht nun dein Solo-Projekt, das du unter anderem mit dem Koehne Quartett verwirklicht hast. Was sofort auffällt, ist, dass du es in diesem Projekt musikalisch deutlich ruhiger und leiser angehst.  

Simon Zöchbauer: Ja, das stimmt, das war auch beabsichtigt. Es war mir wichtig, dass ich einmal in eine andere Richtung gehen kann. In einem Ensemble herrscht immer ein common sense darüber, wie man Dinge kreiert und Stücke schreibt. Man bewegt sich in einem abgesteckten Rahmen, der aus den Leuten zusammengesetzt ist, mit denen man spielt. Und man wird auch vom Setting, in dem man auftritt, maßgeblich beeinflusst. Und das passiert über viele Jahre. Ich habe einfach den Drang verspürt, diesen Rahmen einmal hinter mir zu lassen und mich einem Projekt zu widmen, das überhaupt noch keinen Rahmen hat. Das war sehr befreiend.

Zudem verspürte ich auch das Bedürfnis, mit einem Klangkörper zu arbeiten, der es ermöglicht, mehr in Richtung subtilere Klangfarben zu gehen. Sicher kann man mit Bläsern auch verschiedene Klangfarben erzeugen, aber dann eher im Satz und weniger mit alternativen Spieltechniken. Und genau dieser Aspekt hat mich bei den Streichern so wahnsinnig fasziniert. Dass man wahnsinnig viele Bogentechniken anwenden kann, man col legno spielen kann und so weiter, um Atmosphäre und Flächen zu erzeugen. Ich kann den Klang von einem Streichquartett mit einer Trompete die ganze Zeit hören. Das tut extrem gut. Deswegen war es fast notwendig, das zu machen.

Kann man sagen, dass dein Solo-Projekt eine Art In-sich-Kehren ist?

Simon Zöchbauer: Das auf jeden Fall. Wobei ich schon anmerken muss, dass ich das schon auch immer tue. Aber dieses Mal war es dann ein noch tieferes Eintauchen. Viel ist aus der Improvisation entstanden, aus der Auseinandersetzung mit mir selbst, aus der Ruhe. Und das hört man vielleicht auch.

„Erst wenn man beginnt zu reflektieren, versteht man, welche Intention hinter dem Stück steckt“

Die Stücke klingen sehr persönlich. Und auch der Titel des Albums „Achad“ suggeriert, dass da schon auch eine andere, tiefere und persönlichere Ebene als nur die musikalische eine Rolle spielt.

Simon Zöchbauer: Das ist so lustig. Wenn man etwas ganz Neues kreiert, wie in dem Fall, dann ist es wie ein Puzzle, das sich so zusammensetzt. Die Stücke ergeben sich, ohne dass man wirklich weiß, warum. Erst wenn man beginnt zu reflektieren, versteht man, welche Intention hinter dem Stück steckt. Die Intention war bei mir eigentlich immer schon da, nur war sie mir nicht bewusst. Erst danach, als ich mich mit Literatur zu dem Thema beschäftigt und ich Komponisten und deren Ansätze zu dem Thema studiert habe, ist mir meine eigene Intention bewusster geworden.

Die Stücke auf dem Album entwickeln etwas sehr Bildhaftes. Man könnte meinen, dass du in der Zeit des Entstehens des Albums auch viel Filmmusik gehört hast. Ist da etwas dran?

Simon Zöchbauer: Eine interessante Frage. Ich glaube nicht, dass ich jetzt so sehr von Filmmusik inspiriert war. Aber ich glaube, dass ich auf diesem Album doch stark versucht habe, verschiedene Ebenen miteinander zu verknüpfen. Die Stücke auf dem Album basieren nicht nur allein auf musikalischen Ideen. Die sind natürlich wichtig, aber ich wollte auch ausdrücken, was hinter einem Stück steht, die Grundinspiration.

Musik ist ein Kommunikationsmedium. Ob man es nun weiß oder nicht. In der Musik kommuniziert immer irgendetwas. Für mich stellt der Entwicklungsprozess eines Stückes eine Art Umwandlung dar. Es beginnt mit einem Gefühl und dessen bewusster Wahrnehmung. Dann folgt die Intention, dieses Gefühl auch in Musik zu übersetzen. Schließlich spielt man die Musik und hofft, dass sie auch bei den Menschen ankommt. Das ist schon ein langer Weg. Und ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt, diesen Weg bewusst zu machen, sodass da die Kommunikation wirklich funktioniert. Ob das Publikum wirklich bewusst weiß, was ich sagen will, ist, glaube ich, gar nicht einmal so der zentrale Punkt. Aber es spürt, dass da was dahintersteckt und dass etwas erzählt werden will. 

Als du zu komponieren begonnen hast, war dir da klar, dass du deine Stücke mit dem Koehne Quartett umsetzen willst? 

Simon Zöchbauer: Nein, das war noch offen. Ursprünglich hatte ich die Idee, eine Band aus Kolleginnen und Kollegen zusammenzustellen. Nur habe ich dann recht schnell bemerkt, dass das doch sehr viel Aufwand wäre. Zudem würde es sich in so einem Fall um ein Quartett handeln, das erst seinen Klang finden und kultivieren müsste. Und das braucht Zeit. So fiel meine Entscheidung schließlich auf das Koehne Quartett. Eben weil dieses seinen Klang bereits entwickelt hat und eine lange Geschichte von Repertoire vorweisen kann.

Die vier Musikerinnen Melissa Coleman, Lena Fankhauser, Anne Harvey-Nagl und Joanna Lewis sind einfach wahnsinnig gut organisiert und wissen – weil sie auch schon so viel Erfahrung haben – genau, wie sie funktionieren. Es war extrem angenehm und logisch, mit ihnen zusammenzuarbeiten, weil sie eben auch all diese Schnittstellen zwischen Neuer Musik, Jazz, Weltmusik und Improvisation abdecken. Und es war eine echte Freude, aus ihnen ihre Improvisationsansätze herauszukitzeln und ihnen Spots zu geben. Das hat total Spaß gemacht.

Warst du zum Teil überrascht darüber, was vonseiten des Koehne Quartetts gekommen ist? 

Simon Zöchbauer: Ja. Speziell darüber, was die vier Musikerinnen alles draufhaben und welche Möglichkeiten sie einem bieten. Für mich erstaunlich war auch, wie schnell sie die Sachen umsetzen konnten. Und das noch in ihrer ganz eigenen Fassung.

Simon Zöchbauer und das Koehne Quartett (c) Michèle Pauty

„Ich liebe Klangfarbe eines Streichquartetts […]“

Bei dem Album war auch noch Sixtus Preis mit von der Partie. Was war seine Aufgabe? 

Simon Zöchbauer: Er hat ein bisschen das abgedeckt, was ich nicht abdecken kann oder was nicht so in meiner Expertise liegt. Ich kann für den Klangkörper Streichquartett Trompete komponieren. Nur war mir wichtig, auch mehr mit zeitgenössischen beziehungsweise zeitgemäßen Klangquellen zu arbeiten. Das Streichquartett ist ein alter Klangkörper, der seine Hochblüte im 18. bzw. 19. Jahrhundert hatte. Ich liebe die Klangfarbe eines Streichquartetts und ich wollte sie auch mitnehmen. Aber eben nicht nur in ihrer klassischen Form, sondern zeitgemäß. Das passierte einerseits durch die Kompositionen, andererseits aber auch durch das elektronische Weiterspinnen verschiedener Elemente. Und das war die Aufgabe von Sixtus, er sollte Flächen bauen und Raum schaffen.

Es war mir wichtig, dass Räume entstehen, in denen man improvisieren kann. In denen es mehr um Klang geht denn um musikalische Konstruktion. Diese ist auch extrem spannend und schön, aber sie gehört in eine andere Epoche. Jetzt geht es mehr um Sound und Klangfarben, um Klangunterschiede, um den Rahmen zu öffnen, um zu improvisieren. Das umzusetzen, was man jetzt fühlt, sich diesem präsenten Moment ganz bewusst hineinzubegeben. Improvisation ist ja nichts anderes, als Vergangenheit und Zukunft an einem Platz zu bündeln. Du brauchst die Vergangenheit, um Material zu haben. Und Zukunft bedeutet für mich, das, was jetzt sein will, zu verwirklichen.

Wie sieht es mit deinem Spiel und dessen Klang aus? Hast du mehr experimentiert als sonst?

Simon Zöchbauer und das Koehne Quartett (c) Michèle Pauty

Simon Zöchbauer: Das auf jeden Fall. Da ich in diesem Projekt quasi alles durchtrage, habe ich mir schon mehr überlegen müssen, welche Klangfarben ich noch einsetzen muss, um das Ganze spannend und abwechslungsreich zu halten.

Ich probierte verschiedene alternative Spieltechniken aus. Zum Beispiel ohne ein Mundstück zu spielen oder durch das Instrument zu singen. Auch Hauchgeräusche kommen in den Stücken vor. Zudem arbeitete ich viel mit verschiedenen Klappenbewegungen. Aber es beschränkte sich nicht nur auf meine Spieltechnik. Es gibt so viel, was noch bei den Streichern hinzugekommen ist. Ich wollte einfach alles so farbenreich wie möglich abbilden.

 

Mir ist es als Musiker wichtig, mit dem Publikum in Verbindung zu treten […]“

Was nimmst du aus deinem Solo-Projekt für Federspiel mit?

Simon Zöchbauer: Eine gute, weil für mich sehr relevante Frage. Federspiel beginnt jetzt damit, das Programm für die nächsten zwei Jahre zu kreieren. Und genau diese Frage, was ich aus meinem Solo-Projekt übernehmen kann, muss ich mir in den nächsten Monaten stellen. Mir ist es als Musiker wichtig, mit dem Publikum in Verbindung zu treten und das Gefühl zu bekommen, dass man einander spürt. Da hatte ich bei Federspiel das Gefühl, dass dieser Aspekt in der Gruppenarbeit manchmal untergeht.

Es hat alles Vor- und Nachteile. In einer Gruppe muss man nicht alles allein tragen, jede und jeder gibt etwas hinzu und das Ganze wird größer als man selbst, weil sieben Leute etwas beisteuern. Das ist fantastisch. Nur braucht die eigene Stimme manchmal ein wenig einen anderen, einen feineren Rahmen, einen, in dem man durch die Musik subtilere Dinge sagen kann. Und das war mir bei meinem eigenen Projekt wichtig, diesen Raum zu kreieren. Und ich glaube, das ist mir auch gelungen. Wie ich das jetzt wieder in der Gruppe umsetze, ist eine gute Frage und eine sehr wichtige, weil ich diese Stimme nicht nur bei den zehn Konzerten im Jahr mit dem Koehne Quartett spüren will, sondern bei jedem Konzert. Wir spielen mit Federspiel sechzig, siebzig Konzerte im Jahr und da will ich natürlich, dass das, was ich zu sagen habe, auch wirklich ankommt. Das heißt, ich werde mir jetzt überlegen, welche Facetten ich wie übersetzen kann. Das wird ein spannender Prozess. 

Ist das Solo-Projekt eine einmalige Sache oder wird es noch ein Album geben?

Simon Zöchbauer: Es ist sicher keine einmalige Sache. Es soll auf jeden Fall weitergehen. Jetzt darf sich das Projekt einmal auf ruhiger Basis ein wenig etablieren und dann werden wir sehen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

 

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