„[…] immer auf der Suche nach schrägen Sounds und konfusen Welten“ – DOMINIK TRAUN (AUSTRIAN APPAREL) im mica-Interview

DOMINIK TRAUN und SEBASTIAN WASNER sind seit 2012 als AUSTRIAN APPAREL im Bereich der elektronischen Musik tätig und stehen mittlerweile als striktes Live-Techno-Duo auf der Bühne. Häufig etwa in der Wiener GRELLEN FORELLE, beim LIGHTHOUSE FESTIVAL und bei Open-Air-Veranstaltung TANZ DURCH DEN TAG. Unter dem Titel „Search Your Feelings“ erschien die jüngste EP der beiden im August 2017 beim Schweizer Label „Ghosthall“. Warum STAR WARS als Referenz diente und generell das visuelle Medium zum wesentlichen Input von AUSTRIAN APPAREL zählt, erklärte DOMINIK TRAUN im Gespräch mit Julia Philomena. 

Der Titel Ihrer neuen EP lautet „Search Your Feelings“ – eine Referenz?

Dominik Traun: „Search Your Feelings“ ist ein wiederkehrendes Zitat aus Star Wars. Wenn Darth Vader Luke Skywalker zur dunklen Seite der Macht verführen möchte, dann fordert er ihn mit diesem Satz auf, nach seiner Wut, seiner Kraft zu suchen. Ich finde, es ist ein sehr schönes Zitat, vor allem wenn man die „böse Seite“ als die interessantere empfindet. Es passt auch zu unserer Musik, die ist dark und deep, aber auch melodisch und zugänglich. Als Kind fand ich die Bösen auch immer interessanter als die strahlenden Helden, bei denen die Gedanken vorprogrammiert sind. Gutes kann sehr oft langweilig sein.

Sie haben Ihren Kollegen Sebastian Wasner ursprünglich auf einem Film-Set als Tonmann kennengelernt. Spielt das Medium Film nach wie vor eine Rolle? Ist das Visuelle eine Inspiration?

Dominik Traun: Die Inspiration muss kein Film sein, aber sie ist auf jeden Fall sehr visuell. Wir vergleichen unsere Sounds oft mit Bildern, fernen Landschaften und merkwürdigen Figuren. Mir gefällt alles Abstrakte gut, das gestalten von Klang-Landschaften, Stimmungsverläufen etc., weswegen uns auch das Komponieren von Filmmusik Spaß macht. Sebastian und ich sind große Science-Fiction-Fans, immer auf der Suche nach schrägen Sounds und konfusen Welten. Aber oft reicht auch die Emotion. Ich war beispielsweise einmal Fallschirmspringen, bin danach sofort ins Studio gelaufen und habe wie unter Strom zwei Tracks aufgenommen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass Gefühle auch ein starker Antrieb und Auslöser sind.

Wann ist die Idee zur neuen Platte entstanden? 

Dominik Traun: Ideen gibt es bei uns immer viele. Konkret ist der Arbeitsprozess durch das Label „Ghosthall“ geworden. Nach unserer Anfrage wollte das Schweizer Label sofort eine EP veröffentlichen und glücklicherweise haben sie uns machen lassen, was wir wollten. Die Zusammenarbeit hat reibungslos funktioniert und wir hoffen natürlich, dass wir jetzt auch mal in der Schweiz spielen können.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Elektro Guzzi

Dominik Traun: Es ist ungewöhnlich, dass wir einen Remix auf unserer EP veröffentlichen, aber wir sind schon lange mit den Guzzis befreundet und den Track „Trojan Robot“ haben wir immer schon gefeiert. Wir haben sie vor einem Jahr gefragt, ob wir die Nummer remixen könnten, und schlussendlich war es auch einer der Tracks, mit dem wir „Ghosthall“ für uns gewinnen konnten.

Wie kann man sich Ihren Arbeitsprozess vorstellen?

Dominik Traun: Wir spielen sehr viel ein, hauptsächlich analog. Beim Produzieren kommt die Mechanik, der Computer, zwar ins Spiel, aber das Angreifbare, das Menschliche entsteht für uns durch das Nichtdigitale. Wir wollen vom Besten aus beiden Welten profitieren. Da wir beide absolut pedantisch sind, proben wir – vor allem vor einem Gig – ca. drei- bis viermal in der Woche, zumal wir live ja gänzlich auf Computer & Co verzichten. Im Zuge solcher Sessions entstehen dann auch immer wieder neue Tracks. Es ist rückblickend schwierig zu sagen, wie lange wir konkret an der neuen EP gearbeitet haben, weil einige Nummern schon lange fertig waren und andere erst unmittelbar vor dem Release – aber es wird etwa ein Jahr Arbeitszeit gewesen sein.

Austrian Appaerel (c) Jono Jebus

Austrian Apparel gibt es seit 2012. Was ist seither passiert? Wie haben sich Ihre Gigs verändert und was ist nach wie vor der Reiz an einem Live-Set?

Dominik Traun: Unseren Sound haben wir stetig verändert. 2012 waren wir live noch oft mit Computer unterwegs und stilistisch eher fern vom Techno. Das hat sich erst mit der Zeit herauskristallisiert. 2014 hatten wir einen sehr einprägsamen Gig am Progress Festival. Als letzte Nummer hatten wir einen Techno-Track vorbereitet, den wir zwölf Minuten in absoluter Ekstase gespielt haben. Wir sind zu einem eingespielten Team geworden und funktionieren mittlerweile wie eine Band. Live-Sets sind in einem Club-Kontext vor allem deswegen spannend, weil das Publikum manchmal nicht genau sieht, was da oben passiert. Auf Festival-Bühnen ist das natürlich was anderes, aber in der Disco-Dunkelheit sieht man nicht immer gleich, dass wir live spielen. Das ist umgekehrt ein Kompliment und immer wieder erfrischend, wenn wir mit DJs verwechselt werden – wir können nämlich nicht einmal auflegen. Wir haben in unserem Leben zwei DJ-Sets gespielt und die waren beide eine absolute Katastrophe [lacht].

Welche Rolle spielt die Improvisation bei Ihren Live-Auftritten?

Dominik Traun: Wir lassen auf jeden Fall Raum für Improvisation, aber in unseren Stücken haben wir viele Parts, die durch und durch vorbereitet sind; Tracks, die bis ins Detail zu Ende gedacht sind. Der Raum für Improvisation ist live in erster Linie deswegen wichtig, weil wir auf die Stimmung im Publikum reagieren möchten – und die ist zum Glück nicht planbar.

Und was ist, wenn einem Perfektionisten doch einmal ein Fehler passiert? Wie gehen Sie live damit um?

Dominik Traun: Mit einem Fehler kann man gut arbeiten, aber wir machen keine [lacht]!
Das Schöne an elektronischer Musik ist, dass Brüche prinzipiell Teil davon sind und Fehler eigentlich nur den Protagonistinnen und Protagonisten selbst auffallen. Wenn es Kleinigkeiten sind, die ungewollt passieren, kann das schön und erfrischend sein, wenn aber große Teile tatsächlich falsch gelaufen sind, würden wir das nicht sofort herausposaunen – das ist auch wichtig, glaube ich. Wenn man vor den Rezipientinnen und Rezipienten zugibt, etwas falsch gemacht zu haben, selbst unzufrieden gewesen zu sein, bricht man im negativen Sinn die Mystik, die man selbst aufgebaut hat. Ich möchte meinen Zuhörerinnen und Zuhörern nicht die Magie zerstören.
Meiner Klavierlehrerin verdanke ich die Einstellung, sich nie auf das Negative zu konzentrieren, sondern im Gegenteil, jedes Konzert als das beste, das man je gespielt hat, zu sehen.

Wie wurden Sie musikalisch sozialisiert?

Dominik Traun: Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Zwischen sechs und 16 hatte ich intensiven klassischen Unterricht, wollte auch lange – bis zur rebellischen Teenager-Phase – ans Konservatorium. Der schon erwähnten, wirklich wahnsinnig tollen Klavierlehrerin verdanke ich nicht nur die positive Einstellung, sondern auch den Zugang zur Bühne. Sie hat mir abseits von Technik eine Erhabenheit beigebracht, eine Energie geschenkt und in jeder Hinsicht vermittelt, was Performance bedeutet. Mir ist eigentlich erst rückblickend klar geworden, wie wertvoll ihr Unterricht war!

In welchem Umfeld fühlt sich Austrian Apparel am wohlsten?

Dominik Traun: Jeder Kontext hat seine Vorteile. Eine Ambiente-Nummer beispielsweise kann in einem Club wirken, aber auch sehr gut beim Autofahren. Ich würde sagen, dass wir ortsunabhängig denken beziehungsweise jede Location gerne bespielen. In der Hinsicht wollen wir uns nicht einschränken. Das Wichtigste ist, dass wir berühren. Und eine gute Idee berührt am Dancefloor, im Wald, mit oder ohne gutem Soundsystem!

Gibt es eine politische Metaebene?

Dominik Traun: Nein, unsere Musik ist für alle da und ausgrenzen möchten wir niemanden. Mir gefällt der Gedanke, dass wir eine Plattform bieten, die unterschiedliche Menschen zusammenbringt, allein durch die Räumlichkeit miteinander verbindet.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

Dominik Traun: Wir sind schon wieder dabei, neues Material zu sammeln und uns für den nächsten Gig im November in der Grellen Forelle vorzubereiten. Der nächste Schritt wird die Gründung eines eigenen Labels sein – in erster Linie deswegen, weil wir unsere Musik so unkompliziert wie möglich unter die Leute bringen wollen!

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Julia Philomena

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