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Romed Hopfgartner (c) Flowing Frames

„Ich will mit meiner Musik Menschen berühren. Das ist das Zentrale.” – ROMED HOPFGARTNER im mica-Interview

Der Komponist und Saxophonist ROMED HOPFGARTNER hat ein wunderbar entspanntes Jazz-Album eingespielt, „Pattern and Decoration” (col legno) heißt es. Aufgrund seiner zurückhaltenden Coolness und dem warmen Klangbild drängen sich Vergleiche mit großen Klassikern wie “A kind of Blue” auf, was nicht von ungefähr kommt, wie wir im Interview erfahren. Der Musiker im Interview mit Markus Deisenberger über simple Muster und echte Menschen.

„Pattern & Decoration” heißt dein brandaktuelles Album. In deiner sehr vielfältigen und umtriebigen Karriere ist es erst die dritte Solo-Veröffentlichung. Wie kam es dazu?

Romed Hopfgartner: Dass es erst die dritte Solo-Veröffentlichung ist, stimmt nicht ganz, denn dazwischen habe ich immer wieder viel Theatermusik komponiert, habe also schon auch veröffentlicht. Es sind auch Orchesterwerke erschienen, aber insgesamt war ich viel mit Franui unterwegs, vor allem 2018 und 2019, was sehr intensiv war.

Mit Franui erschienen auch zwei CDs in dieser Zeit…

Romed Hopfgartner: Genau. Aber ganz allgemein habe ich immer wieder Phasen, in denen ich viel schreibe, ganz unabhängig davon, ob ich unterwegs oder zuhause bin. Die Tätigkeit des Schreibens begleitet mich, und so haben sich über die Jahre einige Lieder angesammelt. Dann kam der Lockdown, und so hat es sich wunderbar ineinandergefügt. Diese Phase des Nichtstuns oder besser Keine-Konzerte-Spielens hat Zeitfenster geöffnet, um Dinge zu sortieren, in sich zu gehen und sich zu hinterfragen, ob es nicht wieder einmal gescheit wäre, ein solches Statement abzugeben.

Jetzt ist das böse Wort „Lockdown” doch noch gefallen. Da dieser Tage ja kaum ein Album erscheint, dass nicht auf Corona referenziert, fand ich es besonders angenehm, dass dein Album eine angenehme Ausnahme macht. Im Pressetext kommt weder Corona noch Lockdown vor. Ein ganz normales Album, das so auch erschienen wäre, wenn es die Pandemie gar nicht gäbe, dachte ich. Habe ich mich geirrt?

Romed Hopfgartner: [lacht] Mir geht es selber schon auf die Nerven, aber ich kann es nicht ändern. Es lag schon länger in der Luft, es war an der Zeit und ich verspürte den Drang, Jazz zu machen. Franui ist toll, aber nicht Jazz, sondern etwas ganz anderes, ein eigener Kosmos. Das macht Riesenspaß, aber tief drinnen im Herzen bin ich Jazzmusiker, und nach Jahren der wirklich intensiven Franui-Tätigkeit und anderen Tätigkeiten wie Unterrichten an der Uni, wollte ich zu meinen Wurzeln zurückkehren, und der Lockdown hat es ermöglicht, wenn man so will.
Vor allem, dass die Leute Zeit haben. 2016 hatte ich eine SKE-Förderung für eine Album-Produktion bekommen, aber das Zustandekommen ist am Terminlichen gescheitert. Dass alle Zeit haben, ist ungemein schwierig. Jeder hat unzählige Projekte am Laufen, ist auf Tour, hat Familie…

Das klingt, als hättest du ganz konkrete Vorstellungen, mit wem du gemeinsam spielen willst.

Romed Hopfgartner: Schon, ja, aber ich bin nicht unflexibel oder versteift auf eine ganz bestimmte Konstellation.

Wie kamst du zu den Mitmusikern des Albums?

Cover "Pattern & Decoration"
Cover “Pattern & Decoration”

Romed Hopfgartner: Mit dem Wolfi Rainer verbindet mich schon lange eine musikalische wie private Freundschaft. Er und Dragan Trajkovski haben ein gemeinsames Duo und schon etliche CDs aufgenommen – jeder ein Meister auf seinem Instrument. Auch mit dem Mahan Mirarab verbindet mich schon eine längere Freundschaft. Außerdem mag ich es unheimlich gern, wenn es ein bisschen pluralistischer, multikultureller wird. Wenn Grenzen, wie hier zwischen Jazz und Weltmusik, aufgebrochen werden, dann schätze ich das einfach. Oliver Kent und Mahan Mirarab haben sich tatsächlich erst bei den Aufnahmen kennengelernt, obwohl sie beide große Player in der Szene sind.

Wie kam es zur eher ungewöhnlichen Kombination mit Emily Stewart?

Romed Hopfgartner: Wir sind schon seit zwölf Jahren zusammen und haben zwei gemeinsame Kinder.

Das wusste ich nicht. Ist natürlich ein guter Grund.

Romed Hopfgartner: [lacht] Ja, aber wir funken auch musikalisch auf einer Wellenlänge: Ich habe auf ihrem Album zwei Nummern komponiert, sie hat jetzt einen Text für mich geschrieben.

„Es sind simple Muster, die im Zentrum der Musik stehen.”

Aufgrund ihres durchgängig warmen Sounds klingt die Platte fast schon ein bisschen „old fashioned”, aber im besten Sinne des Wortes.

Romed Hopfgartner: Da gebe ich dir vollkommen Recht. Das kommt daher, dass ich in letzter Zeit viel über das Miles Davis Quintett las und diese Musik viel hörte. Das hat mich beeinflusst. Ich hätte auch sehr viel kompliziertere Musik zuhause herumliegen gehabt, aber ich habe mich ein bisschen auf das berufen. Eine große Inspirationsquelle war das Buch über den Entstehungsprozess der Aufnahmen zu „A Kind Of Blue”. Miles Davis ging damals mit nicht mehr als ein paar Skizzen ins Studio. Herausgekommen ist eines der besten und bekanntesten Alben der Jazz-Geschichte. Dieses Auf-sich-zukommen-lassen und zugleich diese ungemeine Klarheit in der Musik, das war so inspirierend, dass ich mich für die Musik entschieden habe, die einfache Strukturen hat. Daher auch der Titel. Es sind simple Muster, die im Zentrum der Musik stehen. Die Patterns. Und die Decorations sind das, was jeder dazu mit einbringt.

Das Dekorative wird ja oft als negativ, als „behübschend” wahrgenommen.

Romed Hopfgartner: Auch jene Strömung der bildenden Künste aus den späten 1970ern und 1980ern, die sich mit Musterkombinationen und abstrakter Ornamentik beschäftigt hat, und Pate für den Albumtitel stand, wird nicht so ganz ernst genommen. Sie bekommt zwar immer wieder ihre Plätze eingeräumt wie etwa im Mumok, in Wahrheit aber ist es keine Kunst, die Werke großen Werts erzeugt hätte. Diese Kunst als Metapher für meine Musik fand ich schön. Aber man könnte auch durchaus Parallelen zum Jazz als Ganzes sehen.

„Pattern & Decoration” ist ein eher leises Album. Ist es der Zeit geschuldet, dass man nachdenklicher geworden ist und die leisen Töne bevorzugt?

Romed Hopfgartner: Möglicherweise. Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun, Dinge wegzulassen, wegzustreichen, was einem als nicht unbedingt notwendig erscheint. Schwer zu sagen. Aber es ist, da hast du recht, ein leises Album. Nicht bewusst vielleicht, aber es ist so. Es hat einen ruhigen Charakter. Man wird ruhiger und älter.

Da betrifft auch das eigene Spiel, oder? Saxofonisten sind ja nicht gerade als die zurückhaltendsten aller Instrumentalisten verschrien. Du nimmst dich auf dem Album aber wohltuend zurück, was ihm, finde ich, sehr guttut. Liegt da Absicht dahinter oder entspricht es schlicht und ergreifend deinem Naturell?

Romed Hopfgartner: Das Solisten-Dasein wird mitunter übertrieben. Bei mir steht immer die Musik an erster Stelle, das Saxofonspiel ist nur Mittel zum Zweck. Das, was ich mit meinem Instrument mache, ist meine Stimme zu erheben. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich singen könnte, würde ich vielleicht singen. Weißt du, ich habe mich viel mit dem Saxophonspiel beschäftigt, viel geübt, Klassik gespielt, mir geht es aber selber auf die Nerven, wenn man das Spiel an sich in den Mittelpunkt stellt. Ich will niemandem beweisen, dass ich spielen kann. Ich will mit meiner Musik Menschen berühren. Das ist das Zentrale. Die Entscheidung, nicht zu solieren, ist aber oft auch eine ganz pragmatische. Wenn ich den Eindruck habe, dass Oliver Kent in dem Zusammenhang besser solieren kann, dann soll er das doch auch tun.

Das heißt, du lässt den anderen den Vortritt, weil du ihre Art zu spielen so schätzt?

Romed Hopfgartner: Genau so ist es. Das ist eine beinharte und ehrliche Analyse, die man macht. Da darf man kein Problem damit haben, wenn ein anderer in einem bestimmten Kontext einfach besser ist. Da darf man sich nichts vormachen.

Lieber nichts als etwas Schlechtes.”

Zurückhaltung hat natürlich auch einen negativen Aspekt. Deine Homepage ist ähnlich aktuell wie meine. Behindert die Zurückhaltung die Selbstvermarktung?

Romed Hopfgartner: Ich werde immer wieder in die Selbstvermarktung gedrängt, aber Werbung zu machen, ist für mich der schiere Horror. Sich und sein Werk in den sozialen Medien selbst zu loben, ja, man macht das ja heute so, und im Grunde genommen finde ich das auch okay, aber es kostet mich viel Überwindung. Meine Homepage hat einfach zu klar gezeigt, dass ich keine große Liebe zur Selbstdarstellung habe. Deshalb habe ich das jetzt mal runtergenommen. Lieber nichts als etwas Schlechtes. Im Hinterkopf habe ich aber, dass ich da etwas machen sollte: Also, irgendwann wird es anstehen und ich werde eine neue Homepage machen.

Eines der Stücke auf dem Album heißt „Tiny Steps”. Willst du es als Antithese zu „Giant Steps” verstanden wissen, einem Stück von John Coltrane, das noch jeden jungen Saxofonisten zur Verzweiflung gebracht hat ob der Unmöglichkeit, es auch nur annähernd nachzuspielen? Ein ruhiges, ausgeglichenes Gegenstück zum lauten, irren „Giant Steps”?

Romed Hopfgartner: Es hat natürlich einen Bezug zu „Giant Steps”, ist aber nicht als Antithese zu verstehen. Diese Unerreichbarkeit des Meisters sollen die kleinen Schritte symbolisieren, die es bei mir sind. Es geht um die harmonische Architektur, die Parallelen aufweist. „Giant Steps“ geht durch drei Tonarten, die auf Großterzverwandtschaften, so genannten Medianten, aufgebaut sind. Bei mir geht es gleich mal von D auf Fis-Dur, das ist bei „Giant Steps“ auch so, aber bei mir ist es eine leicht spielbare Ballade, bei Coltrane, wie du richtig angedeutet hast, eine der am schwersten spielbaren Nummern der Jazzgeschichte. Mein Stück ist eine Verneigung vor der Meisterschaft eines Coltrane.

Wie bist Du zu Franui gekommen?

Romed Hopfgartner: Franui kenne ich seit der Gründung. Das sind meine Kinder- und Jugendfreunde, speziell einer. Ich habe Franui kennengelernt, da habe ich noch gar nicht Saxofon gespielt. Zehn Jahre später haben sie mich aufgenommen. Das hat sich ungemein entwickelt. Unter der starken Führungspersönlichkeit von Andreas Schett, der Franui als sein Gemälde konsequent weiterentwickelt und in verschiedenen Richtungen gebracht hat. Mittlerweile ist es ein europaweit angesagtes Ensemble, und nächstes Jahr feiern wir dreißigjähriges Jubiläum.

Du hast auch mit Nouvelle Cuisine gespielt. Wie kam es dazu?

Romed Hopfgartner: Das war ein großes Glück. Ich kam im Herbst 2000 nach Wien und ging an einem der ersten Abende zu einer Session in den Tunnel. Dort habe ich lässige Musiker kennengelernt, und schon vier Monate später fiel beim Konzert im Porgy ein Musiker aus und ich sprang kurzfristig ein. Aus dem kurzen wurde ein mehr als zehnjähriges Engagement.

Du hast bei Florian Bramböck und Wolfgang Puschnig studiert. Waren die beiden ein großer Einfluss für dich?

Romed Hopfgartner: Auf jeden Fall, ja. Bei Florian Bramböck habe ich Klassik studiert. Er brachte mir das musikalische und technische Grundhandwerk bei. Er hat an mir geschraubt und gefeilt wie an einem Werkstück. Er ist ein unfassbarer und inspirierender Solist, der obendrein noch Komponist und eine clownesk schillernde Figur ist. Das war ein großes Glück, bei solch einem Meister studieren zu dürfen. Und Wolfgang Puschnig steht für sich. Er hat sein ganz persönliches Profil als Künstler und Jazzmusiker und als einer der wenigen in Österreich eine wirklich internationale Karriere hingelegt…

…und er ist entspannt dabeigeblieben.

Romed Hopfgartner: Vielleicht genau deshalb.

Du hast vor schon längerer Zeit gemeinsam mit der Band Deploy Stücke von John Dowland eingespielt. Wie kommt man als Saxofonist dazu, Stücke eines Lautenisten zu spielen?

Romed Hopfgartner: 2002 habe ich bei einem Chorprojekt mitgemacht, wo Dowland gesungen wurde. Da entdeckte ich die Musik für mich und hatte die Erkenntnis, dass das eigentlich Pop-Songs sind – und zwar viel bessere als die, die heute komponiert werden.

Dann hattest du die gleiche Erkenntnis wie Sting, der genau diese Qualität später in seinem Dowland-Projekt betonte.

Romed Hopfgartner: Ja, nur weniger erfolgreich. 2004 habe ich das Projekt bei der Jazzwerkstatt Wien aufgeführt, wo es ein eher mäßiger Erfolg war, um ehrlich zu sein. Ich habe mich aber nicht beirren lassen, weil mich die Musik inspiriert hat und ich Lust hatte weiter zu machen. Schließlich bin ich auf Eva Klampfer und andere junge Salzburger Jazzmusiker gestoßen, darunter auch Phil Nykrin, Andi Lettner und Jojo Lackner und habe sie gefragt, ob wir nicht gemeinsam etwas machen könnten. Daraus entstand das Projekt.

Ein tolles Projekt. Wieso ist nicht mehr daraus entstanden?

Romed Hopfgartner: Das hängt mit meinem Talent zusammen, Dinge zu vermarkten. Ich bin oft mit dem Kopf schon im nächsten Projekt, da müsste das alte noch beworben werden. Das Herumtelefonieren und um Gigs betteln war nie meins. Das konnte ich nie, aber natürlich müsste ich es machen. Ich gebe dir ein Beispiel: Seit 25 Jahren versuche ich, einen Gig im Innsbrucker Treibhaus zu bekommen. Irgendwann habe ich aufgegeben. Es ist einfach zermürbend, für 150, 200 Euro am Abend eine Band in eine andere Stadt zukriegen. Da denke ich mir dann irgendwann: Na, dann eben nicht.

Was ist mit dem neuen Album geplant. Hoffentlich mehr als mit dem Dowland-Projekt?

Romed Hopfgartner: Irgendwas geht immer. Eine Hand voll Konzerte wird sich schon ausgehen, aber ausgemacht ist bis dato noch nichts, weil der Zeitpunkt derzeit einfach sehr schlecht ist. Frühestens im Herbst, denke ich, werden wir schon ein paar Gigs spielen.

Und online?

Romed Hopfgartner: Puh, ich mag einfach keine Online-Konzerte mehr spielen. Versteh mich nicht falsch: Man muss schon dankbar sein, wenn man überhaupt spielen kann, aber wenn man das kennt, wie es sonst ist, ist das schon eigenartig. Letzten Herbst habe ich beim Jazzfest Belgrad in einem Saal, in den normal 500 reinpassen, vor 45 Leuten gespielt. In eine fast leeren oder wie bei Online-Konzerten ganz leeren Saal zu gehen, in dem die Stimmung fehlt, die einen sonst trägt, ist einerseits eine schöne Erfahrung, weil man froh, überhaupt wieder on stage zu sein, andererseits ist das auch eine deprimierende Erfahrung. Es ist einfach schräg. Ich bin froh, wenn ich wieder in einen Saal gehen kann, wo man das Konzert so erlebt, wie wir das alles gewohnt sind. Nicht virtuell, sondern vor echten Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Markus Deisenberger

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