Bild David und der Wolf
David und der Wolf (c) Theresa Pewal

„ICH WEISS, DASS DIE MUSIK SCHÖN IST, DIE WIR MACHEN“ – DAVID UND DER WOLF IM MICA-INTERVIEW

DAVID STELLNER und WOLFGANG SCHÖBITZ sind umtriebige Musiker und spielen in mehreren Bands: so kam es, dass sie einander an einem Konzertabend im Café Concerto in Wien kennen gelernt, an dem sie in jeweils anderen Formationen unterwegs waren. Jetzt haben die beiden als DAVID UND DER WOLF ihren ersten Tonträger veröffentlicht. Im Interview mit Jürgen Plank erzählen DAVID UND DER WOLF wie ihr Musikerleben ohne Konzerte aussieht, inwiefern ATTWENGER bei ihrem Album mitschwingen und wie sie bald auf Tour mit Fahrrad und Bus gehen könnten.

Euer Album beginnt mit dem Lied „Es war einmal“, das vom Wienerlied inspiriert ist. Wie ist dieser Kontext für euch?

David Stellner: Das erste Lied „Es war einmal“ stammt aus einer Zeit, in der ich mehr Wienerlieder geschrieben habe. Ich habe früher oft Wienerlieder gespielt und auf all den Wienerlied-Festivals in Wien gespielt. Dieses Album aber wollte ich bewusst weg aus dieser Ecke bringen, weil wir kein Wienerlied-Duo sind. Wir haben aber trotzdem überlegt, ob das Lied aufs Album soll oder nicht. Unser Tontechniker Alex Lausch hat gemeint, wir sollten es mal einspielen und dann schauen, ob es passt. Und irgendwie ist es zum ersten Lied am Album geworden, weil es den Bogen vom ersten bis zum letzten Lied spannt. Es ist das älteste Lied am Album.

Jedenfalls geht es danach dunkelgrau – könnte man nach Ludwig Hirsch sagen – weiter. Im Lied „Rien ne va plus“ lautet der Schlüsselsatz: „Ich gehe in Therapie“. Wie entsteht ein Lied zu so einem Thema?

David Stellner: Naja, genau so. Ich mache kein großes Geheimnis daraus. Ich will Aufmerksamkeit dafür schaffen, weil das ja oft ein Thema ist, für das man sich bei uns schämen sollte. Wenn man sich den Fuß bricht, darf man Arzt gehen. Wenn du dir sozusagen das Hirn brichst, dann darfst du nicht zum Arzt gehen, dann ‚gehörst auf die Psych’. Solche oder so ähnliche Sätze hört man. Deswegen war es mir wichtig, dass ich das so eindeutig wie möglich sage: ich liege am Boden, ich bin tagelang am Boden gelegen und habe nicht gewusst, wie ich wieder aufkomme. Ich habe Konzerte gespielt und mir sind ganz banale Sache nicht mehr eingefallen. Der Zustand in dem ich war, war die Depression und da wollte ich wieder raus, so gut es geht. Ich bin sicher, dass es auch andere Wege in anderen Gesellschaften gibt.

Ist Musik in einem schwierigen Moment im Leben auch ein möglicher Ansatzpunkt für eine Lösung?

David Stellner: Auf jeden Fall. In einem früheren Pressetext hatte ich mal den Satz: „Ich habe kein Geld für eine Therapie, deswegen schreibe ich Lieder.“ Damals habe ich gemerkt, dass nichts mehr geht, ich konnte oder wollte nicht mehr Gitarre spielen. Irgendwann war aber schon der Punkt erreicht, an dem ich gemerkt habe, dass ich wieder etwas schreiben will. Und ich wollte auch über meine eigenen Erfahrungen schreiben, weil ich gewusst habe, dass es andere Leute gibt, denen es auch so geht und die aber nicht ein Lied darüber schreiben und singen können.

Wolfgang, du bist in vielen verschiedenen Bands tätig, wie bringst du deine Engagements unter einen Hut?

Cover David und der Wolf
Cover “David und der Wolf”

Wolfgang Schöbitz: Zurzeit ist das sehr einfach, weil es keine Gigs und keine Proben gibt. Sonst kommt es mir gar nicht so viel vor. Bei vielen Bands gibt es in der Anfangszeit eine intensive Probenphase und dann rennt das Werkl. Durch die Konzerte bleibt man eh dran. Ich spiele mit vielen Musikern, die nicht ausschließlich Musik machen, sondern nebenbei zum Beispiel noch unterrichten. Dementsprechend haben die eh nicht so viel Zeit und ich habe entsprechend mehr Zeit und ich versuche von der Musik zu leben. 

„Ich spiele sehr gerne live, wir haben zum Teil 120 Mal im Jahr gespielt” 

Wie geht es dir in Corona-Zeiten gerade ohne Live-Konzerte?

Wolfgang Schöbitz: Finanziell ist es natürlich ein bisschen mühsam. Aber offen gestanden war ich erstaunt zu merken, dass mir das Live-Spielen gar nicht so stark abgeht. Es ist nicht so, dass ich es nicht gern mache. Aber ich habe gedacht, dass es für mein Selbstbild wichtiger ist, als es zu sein scheint.

David Stellner: Ich habe meine Kosten zufällig zu dem Zeitpunkt, an dem das angefangen hat, heruntergeschraubt. Ich wohne in einem Bus und bin jetzt gerade auf einem Boot. Bis auf die Versicherung habe ich zurzeit keine Fixkosten. Ich habe schon gemerkt, dass ich sehr gerne live spiele. Wir haben zum Teil 120 Mal im Jahr gespielt. Aber ich muss trotzdem sagen, dass es für mich gerade passt. Ich habe begonnen, mit meiner Freundin Musik zu machen und ich merke gerade, dass sie wahrscheinlich begabter ist als ich. Nur hat sie nie gespielt. Das macht Spaß und wir veröffentlichen auch Videos auf Facebook.

„Ich weiß gar nicht, wie sehr ich bei dieser ganzen Musikmaschinerie dabei sein möchte“

Was hat sich noch für dich gezeigt?

Bild David und der Wolf
David und der Wolf (c) Theresa Pewal

David Stellner: Ich weiß gar nicht, wie sehr ich bei dieser ganzen Musikmaschinerie dabei sein möchte. Irgendetwas posten, damit dich jemand mag. Ich denke mir inzwischen: wenn mich jemand nicht mag, ist mir das einfach wurscht. Ich weiß, dass die Musik schön ist, die wir machen. Ich freue mich auch darüber, die Musik für fünf Leute am Lagerfeuer zu spielen. Ich möchte nicht darüber jammern, dass ich ohne Konzerte nicht leben kann.

Du hast erzählt, dass du in einem Bus lebst. Bei Bus denke ich sofort an Tourbus, möchtest du auch herumfahren und in weiterer Folge wieder live spielen?

David Stellner: Ja, auf jeden Fall. Ein Plan wäre nach Griechenland zu fahren, sobald das wieder geht. Wir überlegen noch, ob es vielleicht geht, in einem Flüchtlingslager zu spielen. Wolfgang hatte die Idee, mit dem Fahrrad zu fahren und Lisa und ich würden mit dem Bus fahren. Das würde aber klein und persönlich gehalten sein. Ich habe jetzt schon mitgekriegt, dass viele Musikerinnen und Musiker sagen, dass auf die Künstlerinnen und Künstler vergessen wird. Willi Resetarits hat ja gemeint, dass viele in der Krise so tun, als würde es uns nicht geben. Ich glaube, ein Grund dafür ist, dass viele tatsächlich nicht wissen, dass es uns gibt.

Wie meinst du das?

David Stellner: Wir Künstlerinnen und Künstler kennen einander gegenseitig. Jeder Musiker kennt andere Musiker, und Maler und Philosophen. Und die Leute hören aber nur, was auf Ö3 gespielt wird. Da wird geglaubt: wenn du auf Ö3 bist, dann bist du Musiker. Alle anderen sind halt Hobbymusiker und Gstanzl-Spieler. Ich glaube, dass viele Leute wissen wollen, was ein Musiker überhaupt macht. Weil das Musikbusiness aber so groß ist, können die das gar nicht wissen. Ich hätte Lust, mit den Leuten noch direkter Musik zu machen. Dass jemand sagt: könnt ihr dieses Lied noch spielen, das habt ihr vor 5 Jahren mal gespielt? Darauf würde ich sagen: ich kann es nicht mehr, aber ich kann versuchen, es für dich zu spielen. Da liefert man keine Show ab, sondern das ist dann ein gemeinsames Erlebnis. Darauf hätte ich Lust.

Bei eurem Lied „Wos wurscht is“ habe ich aufgrund der Art zu texten bzw. zu rezitieren, einen Querverweis in Richtung Attwenger gehört. Hat sich das so ergeben?

Wolfgang Schöbitz: Das ist nicht bewusst passiert. Ich habe mir schon gedacht, dass es ein bisschen nach Attwenger klingt. Aber die Idee zum Lied ist mir im Halbschlaf gekommen und ich habe etwas aufgeschrieben. Wir haben dann miteinander daran weiter gebastelt. Im Prozess selbst haben wir nicht an Attwenger gedacht, aber wir schätzen sie.

Musikalisch schlagt ihr für mich eine Brücke zwischen Wienerlied, Folk und Austropop. Wie kam es zu dieser Mischung?

Wolfgang Schöbitz: Wir hatten einfach die Nummern und haben überlegt, ob wir einen musikalischen roten Faden finden. Aber wir haben dann beschlossen, für jede einzelne Nummer das zu machen, was der Nummer am besten zu Gesicht steht.

David Stellner: Es war eine bewusste Entscheidung, das Album als Duo aufzunehmen. Wir haben bei einer Nummer einen Gastmusiker am Schlagzeug. Aber wir wollten nicht zu sehr an den Nummern herumbasteln.

Bild David und der Wolf
David und der Wolf (c) Theresa Pewal

„Ich will dieses Lied hören, das noch niemand geschrieben hat“

Bei Liedern geht es auch immer darum wie das Verhältnis zwischen Text und Musik ausgestaltet ist. Mir kam es so vor, dass ihr eher den Text in den Mittelpunkt stellt.

David Stellner: Ich kann das nie so trennen. Ich schreibe genauso gerne ein Instrumentalstück oder nur einen Text. Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt Gitarre dazu spiele. Bei anderen Lieder nspiele ich zuerst einen Lick und schreibe dann einen Text dazu. Bei mir war es immer so, seit ich Lieder schreibe, dass ich meinen eigenen Text schreiben und singen wollte: ich will dieses Lied hören, das noch niemand geschrieben hat.

Wolfgang Schöbitz: Bei mir sind Text und Musik sehr miteinander verwoben. Ich verbringe mehr Zeit mit dem Text, das ist wahrscheinlich so, weil mir die Musik im Vergleich zum Text leichter von der Hand geht.

Was ist der Vorteil eurer Duo-Besetzung und welchen Stellenwert hat David und der Wolf für dich, Wolfgang?

Wolfgang Schöbitz: Die Duo-Besetzung ist einerseits eine Einschränkung. Andererseits sind David und ich neugierige Musiker und wir haben ganz viele Einflüsse, die uns interessieren. Schön ist, dass wir zu zweit unserer Laune folgen können und probieren können, was uns interessiert. Das genieße ich sehr, denn ich habe es in Bands oft erlebt, dass jemand sagt: das können wir nicht machen, weil wir eigentlich Pop oder was auch immer spielen. Durch die Duo-Besetzung ist es für mich nahe liegend in Zukunft Kooperationen mit einzelnen anderen Musikern zu machen. Da sind für mich die Strottern ein Vorbild, weil ich es toll finde, wie vielseitig sie unterwegs sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Links:
David und der Wolf
David und der Wolf (Facebook)