Bild Emily Stewart
Emily Stewart (c) Maria Frodl

„Ich war von permanenter Sehnsucht erfüllt“ – EMILY STEWART im mica-Interview

EMILY STEWART ist eine gefragte Violinistin. Ob für SOAP&SKIN, ANDRÉ HELLER, BELLE AND SEBASTIAN oder zuletzt am WIENER BURGTHEATER (in Euripides „Bakchen“) – sie ist quer durch alle Genres erfolgreich unterwegs. Jetzt hat die in Wien lebende Engländerin auf dem Label „col legno“ ihr erstes Soloalbum veröffentlicht. „The Anatomy of Melancholy“ heißt es und ist von Robert Burtons gleichnamigen Buch aus dem 17. Jahrhundert inspiriert. Markus Deisenberger sprach mit EMILY STEWART über das Album als Schmelztiegel eigener Bedürfnisse und die Suche nach einem Platz, an dem man sich heimisch fühlt. 

Du bist eine gefragte Musikerin, bedienst von Klassik über Jazz und das Zeitgenössische – etwa mit KVIN – bis hin zum Pop – z. B. Neuschnee – viele Genres. Das sieht erst einmal nach einem erfüllten Musikerdasein aus. Warum ein Soloalbum? Wie kam es dazu? 

Emily Stewart: Ich habe es anfangs gar nicht als Soloalbum betrachtet. Ich dachte, ich gründe ein Ensemble und schau mal, wohin das führt. Ich wollte vor allem probieren, Text und Musik zu verbinden. Denn ich habe immer beides in mir getragen. Warum also nicht die Kombination aus beidem ausprobieren? Vielleicht, so dachte ich, traue ich mich ja, die Texte öffentlich zu lesen. Das war ein Ansporn für mich zu schreiben, und plötzlich kamen diese Nummern dabei raus. Es entwickelte sich, dass die anderen beiden, Lukas Lauermann und Philipp Kienberger, selbst viel zu tun hatten und keine Nummern beisteuern konnten.
Ich bin extrem konzeptorientiert, brauche immer zuerst ein Konzept, eine Geschichte, einen Rahmen, ein Bild, bevor ich etwas schreibe. Ohne dem habe ich keinen Anker. Ich habe meine Texte durchgeschaut und dieses eine Buch und mir gedacht: „Eigentlich wäre das perfekt. Das ist, was ich bin! Darunter kann ich mir etwas vorstellen und eine Geschichte darum herum bauen.“

Du beziehst dich auf Robert Burtons Buch „Die Anatomie der Melancholie“. Wie bist du auf den Text gestoßen? Was hat dich daran fasziniert? 

Emily Stewart: Jemand hat mir eine Postkarte von Albrecht Dürers „Melencolia“ geschenkt. Wenig später habe ich entdeckt, dass dieses Bild für eine Ausgabe von Burtons Werk als Cover verwendet wurde. Und so habe ich diese Fassung des Buches gekauft. Eine sehr reduzierte Version ohne die ganzen Zitate. Das gefiel mir so gut, dass ich schon bald darauf das ungekürzte Originalwerk kaufte.

Was hat dich an Burtons Buch so gefesselt? 

Emily Stewart: Vor allem sein Humor. Dass er sich selber nicht so ernst nahm. Aber auch die Idee, dass alles gleichzeitig Ursache und Lösung der Melancholie ist. Wir entkommen dem Gefühl ja nicht. Es holt uns immer wieder ein.

Wenn du sagst: „Das ist, was ich bin!“, bezieht sich das dann eher auf die Melancholie bzw. die Depression oder den Humor? 

Emily Stewart: Auf etwas irgendwo dazwischen Liegendes, denke ich. Im Text fand ich den Humor und die Hauptaussage schön, dass man alles nicht so ernst nehmen soll. Es ist wie ein medizinischer Text aus der damaligen Zeit aufgebaut, aber es geht im Endeffekt nicht um den medizinischen Hintergrund, es geht nicht nur um die Depression an sich, sondern um die Idee, dass das Gefühl der Melancholie überall drin ist: in der Freude, der Sehnsucht und der Erinnerung. Da mein Leben immer so bewegt war und ich nirgendwo einen Anker hatte, keine Wurzeln schlug, war diese Sehnsucht nach irgendetwas ein permanenter Zustand. Ich war von permanenter Sehnsucht erfüllt. Deshalb hatte ich zur Burton‘schen permanenten Sehnsucht sofort einen Bezug. Permanente Sehnsucht – das ist für mich das, was die Melancholie am besten beschreibt.

Inwiefern findet sich dieses Buch oder das Wesen des Buchs im Album wieder? 

Emily Stewart: Natürlich ist es keine Eins-zu-eins-Übersetzung ins Musikalische. Das Buch dient nur als Inspirationsquelle. Ich wollte dieses Gefühl haben. Deshalb habe ich vieles im Gestus von Melodien geschrieben, die es schon gibt, z. B. das barocke Stück, oder mir die Art und Weise, wie man schottische Volkslieder aufbaut, zu eigen gemacht: lange Töne, die stehen und ein Echo in sich tragen.

Man stößt auf einen Text, der einen fasziniert, der die Sehnsucht widerspiegelt, die man selbst in sich trägt. So weit, so gut. Dass man auf etwas stößt, was einen fasziniert und inspiriert, passiert erst mal vielen. Der Gedanke aber, dass man daraus eigene Kunst macht, ist ein großer Schritt. Kam der Gedanke sofort oder dauerte es eine Weile, bis er sich formte?  

Emily Stewart: Der kam erst nach einer Weile. Ich dachte immer, ich hätte nichts zu sagen, weil ich mich zwischen all diesen Genres bewegte. In der Klassik einerseits, gleichzeitig tauchte ich immer wieder in die Jazz-Welt ein, hörte extrem viel Folk-Rock. Das alles trage ich in mir. Und so dachte ich: „Warum soll ich etwas schreiben? Ich kann mich in keiner Welt fixieren, weder in der einen noch der anderen.“ Dann habe ich geschaut, welche Skizzen ich habe, und gedacht: „Vielleicht muss es ja gar nicht in einem Genre verbunden werden.“ Da kam das Buch, das ich schon länger hatte, ins Spiel. Das ist kein Buch, das man auf einmal liest, sondern man nimmt es immer wieder zur Hand. Und irgendwann sind mir Parallelen aufgefallen.

Nämlich? 

Emily Stewart: Burton hat auch nur gesammelt. Er hat an diesem Buch sein ganzes Leben lang gearbeitet, den Text immer wieder erweitert, von dem was genommen und von dem, zitiert. Vom Gestus her fühlte ich mich in der gleichen Situation. Und so habe ich wie er Stück für Stück etwas zusammengebaut.

Bild Emily Stewart
Emily Stewart (c) Maria Frodl

Das Album ist in gewisser Weise also ein Füllhorn dieser Zerrissenheit, ein Sammelsurium der unterschiedlichen Genres, die man zu einem Potpourri zusammenwirft und alles in die Waagschale wirft, was man kann, was einem teuer ist. Aber es ist gleichzeitig doch auch mehr als das: ein Album über Verletzlichkeit und Sehnsucht und die Offenbarung des eigenen Seelenlebens, oder? 

Emily Stewart: Genau. Es ist facettenreich. Die Melancholie ist ja auch nicht eine bestimmte Sache. Es passiert sehr viel dadurch, und es entsteht auch sehr viel. Man ist selber als Mensch ein Potpourri sozusagen. Alles, was man hat, was man macht, wen man trifft, hinterlässt Spuren und verwirklicht sich dann auf die eine oder andere Art und Weise.

Das Album als Schmelztiegel der eigenen vielfältigen Interessen, Sichtweisen und Erlebnisse? 

Emily Stewart: Ja, so kann man das sagen. Es geht durch einen Filter durch und es entsteht etwas. Das ist die Art, wie ich arbeite und die Welt erfasse. Aber ich glaube, es geht allen so.

Das Album ist sehr unterschiedlich. Spoken Word, Sologeige, Stücke am Klavier, trotzdem wirkt es immer homogen, wie aus einem Guss. Woran liegt das? 

Emily Stewart: Ich wollte ein gewisses Gefühl damit vermitteln. Deshalb freut mich, was du sagst. Aber jede und jeder holt etwas anderes raus aus dem Album. Für mich ist es persönlich das, dass man sich nachher wie in einem Kokon fühlt. Verlust, Erinnerung und dann am Ende einer inneren Reise kommt man in einer Geborgenheit bei sich selbst an. Klingt das albern?

Nein, überhaupt nicht. Gehen wir zur ersten Single. „Fair“ ist ein intimes, melancholisches Stück. Sehr reduziert und auf das Wesentliche fokussiert erinnert es mich ein wenig an David Sylvian. Dass sich eine Violinistin ans Klavier setzt und singt, ist ein ungewöhnlicher Schritt. Wie kam es dazu? 

Emily Stewart: Mein erstes Instrument war das Klavier. Ich habe in Costa Rica als Hauptfach Klavier studiert, aber irgendwann damit aufhören müssen, weil ich zu viele Sachen parallel machte. Aber noch heute komponiere, schreibe ich zuerst einmal am Klavier, weil ich da die ganze Harmonik bedienen kann. „Fair“ habe ich zuerst für ein Soloprogramm geschrieben. Da spielte ich es mit Geige an einem Abend in London. Das Label fragte mich dann, ob ich nicht mehr Lieder mit Stimme hätte. „My Melancholy Baby“ gefiel ihnen und sie meinten, es wäre doch gut fürs Album, mehr von der Sorte zu haben. Zuerst dachte ich, ich könnte „Flair“ mit Streichern aufnehmen. Aber dann entschieden wir uns dazu, es so zu lassen. Die intime Qualität – nur ich am Klavier – passt gut zum Text, fanden wir.

Wie kam es zum Text? 

Bild Emily Stewart
Emily Stewart (c) Maria Frodl

Emily Stewart: Das ist ein Gedicht, das ich geschrieben habe. Es ist von Arthur Rackham inspiriert, einem der berühmtesten Illustratoren, zumindest in Großbritannien im 19. Jahrhundert. Er war einer der ersten, der „Die Nibelungen“ illustrierte und „Alice im Wunderland“. Es gibt ein unheimlich schönes Bild von ihm, das eine Fee zeigt, die im Wald am Boden liegt. Ihr Haar breitet sich wie ein Spinnennetz aus. Von diesem Bild ausgehend ist dieses Lied entstanden.

Viele Künstlerinnen und Künstler haben ein Thema, das sie zeit ihres Lebens variieren. Die Ergebnisse mögen mitunter sehr unterschiedlich sein, aber im Hintergrund lauert immer dieses eine Thema. Bei Burton ist es die Depression, bei Hemingway die Sterblichkeit, bei Dickens sind es Entfremdung und Einsamkeit. Das Kind, das in eine ihm fremde Welt geworfen wird … Welches ist Emily Stewarts Lebensthema? 

Emily Stewart: Ich glaube, es ist die Suche. Ich komme aus einer nomadischen Familie. Ich habe immer das Gefühl, bald wieder abreisen und zur nächsten Station aufbrechen zu müssen. Die Suche nach einem Platz, an dem man sich heimisch fühlt. Ich suche immer das, was meines ist. Das zieht sich durch. Ich suche nach meinem Cluster.

Du bis über Linz nach Wien gekommen. Stimmt das? 

Emily Stewart: Ja, meine Mutter hat in Costa Rica auf der Hochzeit einer Cousine meinen Stiefvater kennengelernt, einen Freund des Bräutigams. Die beiden haben sich ineinander verliebt. Ein halbes Jahr später waren wir hier.

Wie war das? Von Costa Rica nach Linz zu kommen, stelle ich mir schwierig vor. 

Emily Stewart: Für meine kleine Schwester war es einfacher, glaube ich. Die kam damals in die Schule. Da hatte sie sofort eine Welt für sich. Ich war siebzehn Jahre alt, allein, konnte kein Wort Deutsch, hatte meine Geigenstunden und einen Deutschkurs. Da muss man erst mal schauen, wie man weiterkommt. Aber es ist schon hilfreich, wenn man Musikerin ist. Das eröffnet Möglichkeiten. Es wurde Schritt für Schritt leichter. Aber anfangs war es alles andere als einfach.

Burton lebte teilweise sehr zurückgezogen, heißt es. Obwohl er im Buch rät, frische Luft zu suchen, weil sie die Lebensgeister wecke, suchte er eher die Nähe von Büchern, in denen er sich vergrub. Er galt als mönchisch lebender Bücherwurm. Bist du auch eher der zurückgezogene Typ, der sich für die Realisierung seiner Kunst von der Außenwelt abkapselt? 

Emily Stewart: Weniger, nein. Es gibt zwar Phasen des Rückzugs, teilweise auch intensive. Wenn mich etwas fasziniert, bin ich sofort drin und komme der Welt abhanden, weil ich sehr strikt bin. Aber eine Woche später bin ich schon wieder in etwas anderes vertieft. Und: Ich bin ein sehr sozialer Mensch. Ich brauche schon Leute. Jetzt in dieser Zeit ist das, was ich am meisten vermisse, Leute zu treffen. Sich zu verkriechen, das bin ich nicht, obwohl es hin und wieder passiert. Burton war da ähnlich. Denn man hat ihm zwar einerseits dieses Mönchische nachgesagt, andererseits war er ein willkommener Gast auf vielen Dinnerpartys, weil sein Witz sehr geschätzt wurde.

Burton weitet den Melancholie-Begriff zur Universalmetapher aus und seziert mit seinem Text eine in sich kranke Welt, die er als „domicilium insanorum“, als Irrenhaus, apostrophiert. Ein Buch fungiert sozusagen als Spiegel des Wahnsinns. War das auch etwas, was dich fasziniert hat? 

Emily Stewart: Auf jeden Fall, ja. Die Rolle der Melancholie war damals ein wichtiges Thema. Auch Dowland hat es behandelt. Die Quarantäne gerade und die Möglichkeit der Einkehr, die sie mit sich bringt, zu sehen, wie die Welt quasi ohne uns weitermacht – das alles ist in diesem Buch drin. Die Möglichkeit, sich zurückzunehmen und zu beobachten, was man sich über die Jahre da draußen aufgebaut hat, ob gut oder schlecht, genau darum geht es bei Burton.

Insofern ist es die Platte zu dieser Zeit: Rückzug und Reflexion des Wahnsinns in heimischer Melancholie. 

Emily Stewart [lacht]: Genau. So könnte man es ausdrücken.

Wie kamst du zu deinen beiden musikalischen Mitstreitern?

Emily Stewart: Mit Lukas [Lauermann; Anm.] spiele ich schon lange. Es hat sich ergeben, dass wir immer wieder Dinge gemeinsam machten. Ich mag seine Musikalität und seine Art zu spielen sehr. Wir können als Menschen gut miteinander und wir können miteinander gut spielen. Das ist ein Typ, der meine Welt versteht. Philipp [Kienberger; Anm.] lernte ich auf der Bühne kennen. Ich spielte in seinem Quintett, habe seinen Input immer geschätzt. Er hat immer hilfreiche Vorschläge, wie man etwas zum Leben erweckt. Die beiden kannten einander nicht, aber ich hielt es für einen Versuch wert. Und siehe da: Es entwickelte sich eine schöne Chemie zwischen uns dreien. Vor allem gab es keine Ego-Geschichten. Die Musik stand immer im Mittelpunkt.

Ein Schlusswort zur sozialen Situation, in der sich Musikerinnen und Musiker gerade befinden?  

Emily Stewart: Es ist natürlich nicht besonders angenehm. Am Anfang dachte ich noch: „Na, dann geh ich halt kellnern.“ Aber das geht halt auch nicht mehr. Schön finde ich, was im Internet passiert: Alle posten über Musik, covern, versuchen, andere zu unterstützen, indem die Musik des anderen gefeaturt wird. Allerdings weiß niemand, wie sich das zu Geld machen lässt. Zum Glück geben wir gleichzeitig nicht viel Geld aus. Ich bin guter Dinge, dass sich die Probleme lösen. Als Musikerin bzw. Musiker ist man ohnehin damit vertraut, dass es auch mal trockenere Zeiten gibt.

Das heißt, du bist hoffnungsvoll?

Emily Stewart: Ja, irgendwann wird alles wieder losgehen. Dann aber, wenn du kurz draußen bist und siehst, wie lahmgelegt die Stadt ist, überkommt dich schon kurze Panik und du fragst dich: „Was ist, wenn die Parks und Clubs nicht mehr aufsperren? Was, wenn es die letzten Konzerte waren?“ Es sind apokalyptische Visionen, die einen zwischendurch ereilen, bevor man sie schließlich wieder beiseiteschiebt. Als Künstlerin bzw. Künstler hat man das Glück oder zumindest die Idee, dass man sich irgendwie durchschlägt. Dass einem immer etwas einfällt, wie man den Kopf über Wasser hält.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Markus Deisenberger

Links:
Emily Stewart
Emily Stewart (Facebook)