„Ich war nicht 17, ich war nicht 19, ich war nicht 24. Ich war immer so wie jetzt“ – WALTHER SOYKA im mica-Porträt zu seinem 50. Geburtstag

Walther Soyka 1Der Wiener Knopfharmonikaspieler und Studiobetreiber WALTHER SOYKA feiert seinen 50. Geburtstag. Mit seinen 30 Jahren Bühnenerfahrung ist der „Jimi Hendrix des chromatischen Akkordeons“ (E. Molden) ein fester Bestandteil der Wiener Knopfharmonikatradition. Seit seinen Anfängen bei NEUWIRTH & EXTREMSCHRAMMELN prägt er die Wiener Musikszene wie kein anderer – nicht zuletzt mit seinem Studio NON FOOD FACTORY, das seit über 20 Jahren als „Geburtsstation“ für zahlreiche NachwuchskünstlerInnen dient. Während „Ho Rugg“ (Molden/Resetarits/Soyka/Wirth) von einer international besetzten Jury aus RadiomacherInnen und MusikkritikerInnen zum bedeutendsten deutschsprachigen Lied des Jahres 2015 erkoren wurde und das gleichnamige Album in die Top Ten der österreichischen Charts einstieg, wurden dieselben vier für den AMADEUS AUSTRIAN MUSIC AWARD in der Kategorie Jazz/World/Blues nominiert. Jetzt veröffentlicht das Duo SOYKA STIRNER (mit Karl Stirner an der Zither) seine zweite CD „tanz zwei“. Höchste Zeit für ein Porträt.

Walther Soyka sitzt auf einer Parkbank in einem schattigen Gemeindebau-Innenhof, umspielt von Kindern, umkräht von telefonierenden Frauen, und erzählt rauchend, mit leiser Stimme. Ab und zu blitzt ein Lächeln auf, gluckst ein vergnügtes Lachen durch die melancholisch wirkende Grundstimmung: wenn er über seine erwachsenen Kinder erzählt. Zum Beispiel, dass ihm sein Sohn eine Wolke zum Geburtstag geschenkt hat, in einer Flasche. Dort hat es dann auch geregnet.

Es scheint, als würde Walther Soyka zu verschiedenen Zeiten leben: Er erzählt vom Vormärz, dem 19. Jahrhundert, von seiner Frühzeit als Schrammelharmonikaspieler bei Neuwirth & Extremschrammeln.
Wer über Walther Soyka schreiben will, kommt um Roland Josef Leopold Neuwirth nicht herum. Im Gespräch wird dieser immer wieder gestreift, er scheint auf gewisse Art nach wie vor ein Bestandteil in Soykas Leben zu sein, auch wenn diese Zusammenarbeit schon lange zurückliegt. Das Wiener Jung-Urgestein zündet seine ausgegangene Zigarette an und beginnt zu erzählen.

Die „Knöpferl“ und zwanzig Jahre EXTREMSCHRAMMELN

Während seiner Schulzeit in Wien und Bremen lernt Soyka Cello, eignet sich dann als 16-Jähriger auf der Kärntner Straße die Steirische Harmonika an. Er spielt in Fußgängerzonen, auf Hochzeiten und Tanzfesten. Weil er dabei überraschenderweise Geld verdient, bricht er die Schule ab.
In einem äußerst mühsamen Prozess lernt er – inzwischen 19 Jahre alt – von der diatonischen Steirischen auf die chromatische Wiener Knopfharmonika um (auch „Knöpferl“, „Schrammelharmonika“, „Budowitzer“): „Ich kann mich nicht erinnern, in den ersten fünf Jahren gelacht zu haben.“ Den Anstoß dazu gab gar nicht so sehr der Umstand, dass er das Instrument so faszinierend, seinen Klang so bestechend fand – nein: „Es war nicht meine Logik, die ich da plötzlich zu erfüllen hatte: Das Instrument gibt eine gewisse Gleichheit der Töne vor. Ich war aber diatonische Tanzmusik gewohnt, wo die Töne durchaus nicht gleichwertig sind.“ Es war Neuwirth, der ihn damit beauftragt hatte, die „Knöpferl“ zu erlernen, nachdem sich die beiden bei einem Musikseminar kennengelernt hatten.

Walther Soyka 2Soyka arbeitet mit 19 tagsüber in einer Buchhandlung, kellnert nachts in Jazz Gittis Lokal und legt dort als DJ auf. Schon bald fängt er an, vorwiegend bei Nacht zu leben: „Da hat sich die ganze Weltwahrnehmung komplett verschoben. Ich kenn’ die Straßen bei Nacht, wenn sie leer sind.“ Die darauffolgenden zwanzig Jahre sind von intensiven Proben und unzähligen Auftritten mit den Extremschrammeln geprägt. Soyka ist außerdem für den Bühnenaufbau zuständig, arrangiert bei manchen Liedern mit, hilft beim Notenschreiben am PC.

Bereits 1994 gründet er sein eigenes Label, die Non Food Factory. Drei Kinder kommen zwischen 1989 und 1995 zur Welt. Drei CDs entstehen in den 90er-Jahren mit der Blas-Punk-Band DANKE, die kurzzeitige Arbeit mit Joey Baron und Fred Frith stellt weitere Weichen.

Walther Soyka 3Für zwei CDs („Geschrammelte Werke“, „Nachtschicht“) nimmt er die Extremschrammeln selbst im Tonstudio Amann auf, mischt und mastert beide. Nach 1.500 Konzerten kommt es aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zum Bruch. Zuvor hatte Soyka zwei Jahre lang – am Übergang von analogen zu digitalen Aufnahmeverfahren – im damals legendären Soundmill-Studio des Produzenten Peter Müller assistiert, aufnehmen und mischen gelernt.

Ein Sprung ins kalte Wasser

Der Schritt in die Selbstständigkeit verläuft zunächst nicht ohne Hürden: „Da hab’ ich mit fünf Euro in der Woche gelebt. Damals wollte ich selbst ein Schrammelquartett gründen, wir waren gut, aber jede Werbung dafür ist vollkommen verpufft. So habe ich gelernt: Ich bin offenbar nicht dazu da, zu initiieren.“
Doch zunehmend etabliert sich Soyka außerhalb des Extremschrammel-Dunstkreises, langsam entstehen neue Netzwerke. Auf Empfehlung Neuwirths ist er von 2002 bis 2007 Mitglied im Beirat für soziale und kulturelle Einrichtungen der austro mechana. So gewinnt er Einblick in die bestehenden österreichischen Musikszenen. Er feilt weiter an seinem einzigartigen Sound und entscheidet schmerzlich, der Musik des geliebten Harmonikaorbilds Dino Saluzzi (erstes Album „Kultrum“) zu entsagen – einzig um nicht letzten Endes so zu spielen wie er. Wovon er hauptsächlich zehrt, sind Begegnungen mit eindrücklichen Persönlichkeiten, FreundInnen und Menschengeschichten – und nicht so sehr musikalische Vorbilder (die es aber auch gibt: den Jazz-Saxofonisten Michael Brecker, die Jazzpianistin und Komponistin Carla Bley, den Schlagzeuger Joey Baron, den Geiger Tscho Theissing). 2004 erscheint sein bisher einziges Soloalbum mit dem Namen „soyka solo live“ (Non Food Factory), auf dem er mit Samples, Beats und Orgelpedal weite Ausflüge in die Bereiche der improvisierten und elektronischen Musik unternimmt. Das Debütkonzert beim Akkordeonfestival 2004 ist zugleich der erste Drehtag zum 2008 erschienen Dokumentarfilm „Herzausreisser“ (Karin Berger), der seitdem mehrmals im ORF gesendet wurde.

Biedermeiermusik, NON FOOD FACTORY und „viel Platz unter den großen Bäumen“

Soykas Begeisterung für die Wiener Musik des frühen 19. Jahrhunderts gründet in der Biedermeierzeit und ihren tanz- und feierlustigen Menschen; der Lebendigkeit ihrer Musik, ihrem mitunter subversiven Galgenhumor, der damaligen Art, Musik zu leben. „Mich reizt, wie sich diese Musik an die Menschen anschmeichelt, ihnen so ähnlich ist und die Möglichkeit zur Identifikation bietet – irgendwie aber auch das Potenzial hat, zur Selbsterkenntnis zu führen: Etliche der alten Wienerlieder sind nahezu psychologisierend, beschreiben Menschentypen und wie sie interagieren. Sie führen vor Augen, wie Menschen – durchaus auch moralisierend – miteinander umgehen und was man besser bleiben lässt.“ Und das in einem Kontext, in dem politische Äußerungen rigide kontrolliert wurden.

Jede Form der Kommerzialisierung lehnt Soyka ab: „So sehr sich die Lieder vielleicht wünschen würden, dass sich da 5.000 Leute auf die Schenkel klopfen: Es funktioniert nicht. Das Genre trägt das Geheimnisvolle und das Zu-Leise, so wie Pflanzen auch im Schatten blühen. Und da ist viel Platz unter den großen Bäumen.“ Wer Wiener Musik machen möchte – in welcher Gestalt auch immer –, möge das doch herzlich gerne tun. Aufnehmen kann man gleich im Studio der Non Food Factory, wo Soyka aus seiner Lust am Dokumentieren am liebsten live aufnimmt. Weil Eigentum zum Teilen da ist, möchte er bei der Bezahlung flexibel sein. Oft werden die Kosten mit Förderungen gedeckt, der Erlös aus dem Verkauf wird geteilt. Dabei nimmt er nicht mehr als 20 bis 33 Prozent – alles andere findet er „unanständig“. So hat er schon vielen KünstlerInnen und Gruppen als „Geburtshelfer“ gedient. Agnes Palmisano, Die Strottern, Stimmgewitter Augustin, Ceija Stojka, Krixi Kraxi und die Kroxn, Steinberg und Havlicek, Peter Ahorner, Trio Lepschi, Bohatsch und Skrepek, Wiener Brut und Wosisig sind nur einige davon. Aktuell entstehen zwei Produktionen: von den Genussgeigern aus dem Salzkammergut und von Pfeffer und Konsorten. Ein Teil wird bei Lotus Records vertrieben, fast alles kann im EMI Music Store erstanden oder direkt bei der Non Food Factory bestellt werden.
Soyka bezeichnet sich als Anarchisten, der dem Kant’schen Imperativ zufolge handeln und Geld nicht als erste Entscheidungsgrundlage akzeptieren möchte. Erfolg? – „Dass die Menschen miteinander etwas entwickeln, was sie alleine nicht zusammenbringen.“

Spiel mit der Zeitwahrnehmung

Walther Soyka prägt mittlerweile so vielfältig wie kein anderer die Wiener Musikszene mit. Zärtlich verziert er mit differenzierter Spielweise Bestehendes, gräbt Tiefe in Einfaches, wird leise, wenn es um ihn herum laut wird, spielt mit der Zeit und deren Dehnung. Er philosophiert an seinem Instrument – im Prozess des Spielens – über Raumwahrnehmung und Töne, ihren Anfang und ihr Ende. Klemens Lendl (Die Strottern) nennt Soykas sorgfältigen, hinauszögernden Stil „erotisch“.

Walther Soyka 4Soyka arbeitet mit großem Perfektionsanspruch, sucht Präzision, oft begleitet von harscher Selbstkritik. Seine historische Auseinandersetzung mit dem Instrument ist geprägt durch den großen Respekt für die Schrammelmusik: „Ich lerne an dem Instrument in Wirklichkeit bis heute Musiktheorie: Intervallgrößen, Akkordkonstruktionen, Akkordfunktionen – Möglichkeiten, wie man in möglichst wenig Schritten von A nach B oder von A nach Y kommt. Das haben die alten Meister natürlich alle gewusst. Daher ist dieses Instrument völlig zu Recht gleichzeitig mit dem Klaviertastenakkordeon entwickelt worden: in derselben Werkstatt, von Leuten, die ganz genau wussten, wie Musik funktioniert und wie alles zusammenhängt. Die Schrammelmusik bildet diese Meisterschaft – zumindest die guten Stücke – vollständig ab. Das ist Musik für Meisterinstrumente und für Instrumentalmeisterinnen und -meister, die sich sowohl mit der Musik als auch mit dem Instrument ausgiebig beschäftigt haben.“

Erfolg zwischen Anachronismus, Avantgarde und Anarchie

Walther Soyka 5Als Komponist und „improvisierend-reproduzierender Musiker“ arbeitet Soyka kontinuierlich an seinem anachronistisch-avantgardistischen Zugang zur Musik. So verbindet er zusammen mit dem Zither-Spieler Karl Stirner klassische Wiener Tanzmusik mit Improvisation und Eigenkompositionen: Auf „tanz zwei“ (Non Food Factory) soll es vier Stück davon geben.

Seit acht Jahren ist Soyka Mitglied der „Bande“ um den Wiener Liedermacher Ernst Molden. Die Formation Molden/Resetarits/Soyka/Wirth räumte mit „Ho Rugg“ den ersten Platz beim diesjährigen Deutschen Liederpreis ab. Für Molden ist Soyka „unbestrittener Großmeister der Knöpferlharmonika und gleichermaßen Schriftgelehrter wie Freigeist der Wiener Musik“.

Walther Soyka 6Wie „wienerisch“ spielt Soyka auf „Ho Rugg“? – „Gar nicht“, meint er, „damit würde ich nämlich dann vor mir selbst behaupten, dass es so etwas wie ‚wienerisch‘ überhaupt gibt. Aber das möchte ich aus Prinzip nicht behaupten! Wien soll leben, solange es sich verändert. Wenn sich’s nimmer verändert, ist es tot.” Später räumt er ein: „… bis auf ein, zwei prominente Motive, die seit Langem zum Phrasenkanon der Wiener Musik gehören: das ‚Haa-loo‘ in ‚Grizzendoaf Zwaadosndzwaa‘ und der chromatische Auftakt zu ‚Drob en Noadn‘.“

Soyka musiziert außerdem bei den Neuen Wiener Concert Schrammeln, den Rio Reisern und im Duo mit Martina Rittmansberger. Er ist Gast- bzw. „Mi(e)tmusiker“ bei den Strottern, beim Trojanischen Pferd, beim Nino aus Wien, beim Kollegium Kalksburg, bei Krixi Kraxi und die Kroxn und Wosisig. Daneben tritt er in unterschiedlichen Formationen bei den einschlägigen Festivals auf (wean hean, schrammel.klang, Wien im Rosenstolz, Akkordeonfestival, Popfest) und spielt unverstärkt in Wirtshäusern, Schutzhütten und bei Heurigen.

Walther Soyka 7Parallel dazu bereitet sich Soyka für eine Stationentheater-Produktion von theaterfink über den Räuberhauptmann Grasel vor. Als Literaturliebhaber bringt er seine Gabe ein, Atmosphären zu schaffen und zu gestalten: „Die Zusammenarbeit mit Dichterinnen und Dichtern ist für mich faszinierend, weil da schon so viel geistige Arbeit davor passiert ist. Das dann herauszubringen, ins Schwingen zu bringen, das ist für mich ein Lebensinhalt: ihnen möglich zu machen, dass sie sich in der Atmosphäre so richtig ausbreiten. Das genieße ich sehr. Es ist scheinbar ein Talent von mir, dass ich sie da so gut unterstützen kann. Und viele nutzen das gern.“

Hat es denn nach der anfänglichen Qual irgendwann einen Zeitpunkt gegeben, an dem er das Gefühl hatte, sich mit seinem Instrument verständigt zu haben? Er lacht leise: „Ja, jetzt vor Kurzem: vor ein paar Tagen erst.“ Er steht auf, sein „Taxi“ ist da. In weniger als zwei Stunden beginnt die aktuelle theaterfink-Produktion „A Einedrahra kommt nach Liesing“ über den Geldfälscher Peter Bohr. Dazu wird Walther Soyka entsprechend in die Knöpfe greifen und das Wien des 19. Jahrhunderts erneut aufleben lassen.

Clara Schmidl

 

Walther Soyka LIVE:
14. Oktober 2015: Soyka Stirner mit Ernst Molden Duo, Theater am Spittelberg
15. Oktober 2015: Hörkontakt#1. Soyka Stirner, Stirner solo und Rdeča Raketa, Rote Bar
17. November 2015: Soyka Stirner CD-Präsentation „tanz zwei“, MUTH
17. Februar 2016: „Aus dem Hemdkragen eines Dummkopfs“. Szenische Lesung von Jewgenij Sitochin aus dem Werk von Daniil Charms, Walther Soyka am Akkordeon, Wiener Konzerthaus

 

Fotos Walther Soyka: Stephan Mussil
Foto Soyka Stirner: Andreas Hofer
Foto Neue Wiener Concert Schrammeln: Stephan Mussil
Foto DANKE: Werner Puntigam
Foto Soyka/Neuwirth: Mario Lang
CD-Cover „Ho Rugg“: monkey music

http://www.nonfoodfactory.at/
http://www.soykastirner.com/
http://www.lastfm.de/music/Walther+Soyka/Soyka+Solo
http://www.ernstmolden.at/termine.html
http://www.concertschrammeln.at/c/de/