Bild Ensemble Wiener Collage
Bild (c) Ensemble Wiener Collage

„Ich war immer bestrebt, hochqualifizierte Instrumentalisten für unsere Arbeit zu finden“ – RENÉ STAAR (Leiter des ENSEMBLE WIENER COLLAGE) im mica-Interview

Das ENSEMBLE WIENER COLLAGE, bestehend aus Mitgliedern der WIENER PHILHARMONIKER und  freischaffenden MusikerInnen der Szene für Neue Musik, ist nicht nur für die Interpretationen der Musik der Zweiten Wiener Schule bekannt, sondern auch für die Zusammenarbeit mit lebenden Komponisten. Seit 1998 ist es Ensemble in Residence des ARNOLD SCHÖNBERG CENTERS, wo es heuer zum Jubiläum drei Konzerte spielen wird. Michael Franz Woels traf den sich mittlerweile im „Unruhezustand“ befindenden künstlerischen Leiter RENÉ STAAR.  

Vor dreißig Jahren wurde von Ihnen, gemeinsam mit Eugene Hartzell und Erik Freitag, das Ensemble Wiener Collage gegründet. Was waren Ihre Beweggründe?

René Staar: Oberflächlich gesehen mag das Bestreben, die Programme Neuer Musik in Österreich durch die Aufführung von Musik vernachlässigter Komponisten zu erfrischen und zu erneuern, zur Gründung des Ensembles geführt haben. Tiefer gehend dominierte aber zumindest bei mir selbst das Bedürfnis, einen Ausgleich zwischen Interpreten und Komponisten zu suchen, die sich ja teilweise überhaupt nicht verstanden. Zu lieblos und technokratisch erschienen mir das Spiel einiger Interpreten, zu welt- und realitätsfern die Einstellung vieler Komponisten.

Dadurch, dass sich auch eine Menge an hervorragenden Interpreten in den ersten zehn Jahren hineingefunden haben wandelten sich dann die Prioritäten. 1998 sind wir ja auch eine Partnerschaft mit dem Arnold Schönberg Center in Wien eingegangen, wo wir Werke der Zweiten Wiener Schule, die uns aber bereits vorher schon ein Anliegen waren, intensiv erarbeiten konnten. Unser Repertoire hat sich nicht zuletzt mit Hilfe unserer komponierenden Mitglieder gebildet. Mittlerweile sind es zwölf komponierende Mitglieder, die uns vor allem in den letzten Jahren auch aufgrund ihrer Tätigkeiten als Pädagogen auch die Sicht auf neue, junge Komponisten und Ideen öffneten. Im Laufe der drei Jahrzehnte unseres Bestehens haben wir weit über 300 Kompositionen uraufgeführt. Dazu natürlich auch Kompositionen gespielt, die bereits vorhanden waren. Insgesamt wurden Werke von über hundert verschiedenen Komponisten gespielt, darunter waren natürlich aber nicht nur österreichische.

„Das Ensemble ist ein lebender Organismus, die Entwicklung ist weiter im Fluss.“

Können Sie kurz auf die klangfarbliche Besetzung des Ensemble Wiener Collage eingehen. Da gibt es ja durchaus unübliches Instrumentarium zu entdecken. Was waren die Überlegungen dahinter?

René Staar: Der ideelle Wunsch, ein möglichst vielfältiges Instrumentarium zur Verfügung zu haben, konnte nur langsam realisiert werden. Bestimmt wurde die Entwicklung des Ensembles meist durch praktische Erwägungen, gebremst oftmals durch eine leider sehr zögerlich und wenig unterstützende Förderpolitik in Österreich.

Ich war immer bestrebt, hochqualifizierte Instrumentalisten für unsere Arbeit zu finden. Im Prinzip haben wir bereits seit 1992 sehr vielfältige Besetzungsmöglichkeiten präsentieren können. In diesem Jahr haben viele Instrumentalisten erstmals mitgewirkt, die heute noch aktive Mitglieder des Ensembles sind: Stefan Neubauer an der Klarinette, Johannes Marian am Klavier und Alfred Melichar am Akkordeon, der im Übrigen mittlerweile der Obmann unseres Trägervereins ist.

Selbstverständlich haben wir auch danach interessante Interpreten mit einer ganzen Palette an Klangfarben dazugewonnen, beispielsweise den Saxophonisten Peter Rohrsdorfer, die Harfenistin Gabriela Mossyrsch oder den Gitarristen Lukas Thöni. Das Ensemble ist ein lebender Organismus, die Entwicklung ist weiter im Fluss. Oft wirken auch hervorragende Mitglieder aus den Reihen der Wiener Philharmoniker mit, wie z.B. der Solobratschist Tobias Lea oder der Solocellist Tamás Varga. Seitdem ich selbst nicht mehr so oft als Geiger auftrete, haben wir Bojitara Kouzmenova als Geigerin, aber auch Petra Ackermann als Bratschistin und Roland Schueler als Cellisten gewinnen können. Aber nachdem ich mich seit 1. September des letzten Jahres im „Unruhezustand“ befinde, werde ich mich jetzt wieder viel mehr um das Ensemble kümmern können.

Wie groß ist nun das Ensemble Wiener Collage aktuell?

René Staar: Das Ensemble umfasst im Moment etwa fünfzehn ständige MusikerInnen, zusätzlich schöpfen wir aus einem Pool von etwa nochmal so vielen MusikerInnen, auf die wir bei Bedarf zugreifen können. Natürlich haben wir auch viele Visionen, deren Realisationen jedoch auch vom guten Willen der öffentlichen Hand abhängig sind. Man hofft immer wieder auf Impulse von dieser Seite, nach vielen Lippenbekenntnissen der letzten 20 Jahre endlich das zu machen, was den Namen Förderung auch wirklich verdient. Zu umständlich, meist viel zu spät und andauernd schwachdotiert sind diese „Unterstützungen“. Auch durch die Beschränkungen der Förderzusagen auf ein Jahr kann man so gut wie nie ordentlich planen. Trotzdem haben wir große Visionen: Zum Beispiel stelle ich mir Möglichkeiten vor, ein Vokalensemble und weitere außergewöhnliche Instrumente wie z.B. das Cymbalom in den nächsten Jahren in unsere Programme einzubauen.

Bild René Staar
René Staar (c) staar.at

Wie setzt sich nun ihr Repertoire zusammen. Es gibt ja auch keine Angst vor elektro-akustischen Elementen? Ursprünglich wollten Sie ja mit dem Ensemble Wiener Collage wenig gespielten und auch neuen Werken eine Bühne bieten.

René Staar: Es gibt einige Komponisten, die mit Zuspielungen arbeiten. Wolfgang Suppan, Herbert Lauermann, Jorge Sánchez-Chiong haben uns unter anderem solche Stücke gebracht. Elektroakustisch orientierte Werke stehen aber nicht im Vordergrund unserer Tätigkeiten. Natürlich ist es ein Aspekt der Neuen Musik, der in unsere Vorhaben integriert ist.

An und für sich haben wir zwei Beine, auf denen wir stehen: Das eine ist die Pflege der Klassik der Moderne. Und das andere sind neue Kompositionen, die wir zum Teil selber in Auftrag geben. Wir widmen uns natürlich auch den Werken der Mitglieder des Ensemble, auch wenn sie vielleicht bereits von anderen Ensembles aufgeführt wurden. Wir beobachten ja auch die Tendenz, Geräusch und Aktion als kompositorische Mittel einzusetzen, unsere Mitglieder Alexander Stankovski und Thomas Wally fallen mir da ad hoc dazu ein. Selbstverständlich interessieren uns auch Komponisten unter dem Aspekt der Migration, auch da haben wir ja mehrere Komponisten in unseren Reihen. Leider kann ich hier nur einen Bruchteil jener Komponisten anführen, mit denen wir die große Freude haben, ständig zusammenzuarbeiten.

„Es ist mein Ziel, nun jedes zweite Jahr ein Projekt mit Bühne zu machen.“

Es gibt ja auch genreüberschreitende Konzerte …

René Staar: Als sehr interessanten Aspekt unseres Bemühens halte ich unser Ziel, wichtigen europäischen Komponisten ein Forum in Österreich zu geben. Zwei der interessantesten Komponisten, die wir mehrmals in unseren Konzerten aufführen konnten ist der in Deutschland lebende amerikanische Komponist Sidney Corbett und der in Paris lebende Baske Ramon Lazkano. Mit beiden verbindet uns eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Und dann gibt es ja auch Projekte, die von inhaltlicher Seite aus in die Richtung eines von einem Regisseur inszenierten Konzerts gehen oder im Bereich des Musiktheaters verortet werden können. Unser erstes Kammer-Oper-Projekt haben wir mit Dieter Kaufmann und seinem K&K Experimentalstudio gemacht. Das war im Jahr 1999. Es ist mein Ziel, nun jedes zweite Jahr ein Projekt mit Bühne zu machen.

Es gibt beim ersten Jubiliäumskonzert mit dem Titel „Märchen und Klagen“ im Arnold Schönberg Center am 24. April auch zwei neue Stücke von Ihnen zu hören. Möchten Sie die kurz erläutern?

René Staar: Wir machen unsere dreiteilige Konzertreihe mit den Titeln „Märchen und Klagen“, „Farben und Impulse“ und „Nacht und Zweifel“ im Arnold Schönberg Center. Die beiden ersten haben wir vor dem Sommer geplant, das letzte im Herbst. Es wird neue Stücke der komponierenden Mitglieder geben, außerdem auch das 1979 geschriebene einsätzige Streichquartett von Eugene Hartzell, der ja leider 2000 gestorben ist. Die Besetzung für das erste Konzert am 24. April ist außergewöhnlich: Als Tasteninstrumente Klavier, Celesta, Cembalo und Akkordeon – wenn man das Akkordeon noch als Tasteninstrument bezeichnen möchte. Als gezupfte Instrumente Gitarre und Harfe. Dann Schlagzeug, Flöte und Kontrabass – zusätzlich gibt es noch einen Sopran. Das Konzept des Abends wird von Schönberg´s Lied Herzgewächse geprägt, einem legendär schwierigen Stück für hohen Sopran und Ensemble.

Auf Wunsch der Direktorin des Arnold Schönberg Centers, Frau Angelika Möser, sollte ein Stück, das mit dem 1. Weltkrieg zu tun hat, vorkommen. Mir schwebte dabei etwas vor, in dem die Vokalistin ihre Stimme vielfältig einsetzen kann. Da ist mir dann Hugo Ball mit seinen Lautgedichten eingefallen, der ja während des 1. Weltkrieges einer der Gründer der Dada-Bewegung in Zürich war. Er hat im Jahr 1916 sechs Lautgedichte geschrieben, eines davon ist die Totenklage. Der sich auf die Gräuel des Krieges beziehende Text schien mir passend für den Anlass zu sein. Dramaturgisch habe ich für diesen Abend meine Stücke „Momentum pro Alva Edison“, „Totenklage für hohen Sopran und 10 Instrumente“ und „60mal Sigrid Wiesmann“ – die alle relativ kurz sind – zwischen die Stücke der anderen Komponisten Dietmar Hellmich, Wladimir Pantchev, Zdzislaw Wysocki und Arnold Schönberg eingebettet. Wysocki und Pantchev sind beide Komponisten mit Migrationshintergrund. Pantchev wurde in diesem Jahr 70 und Wysocki feiert 2019 seinen 75. Geburtstag – es ist hoch an der Zeit, ihr Werk besser kennenzulernen.

Warum ein Stück über Thomas Alva Edison?

René Staar: Momentum ist das vierte Stück einer Werkreihe. Die anderen drei sind schon in den 1990er Jahren entstanden. Thomas Alva Edison ist ja eine Symbolfigur für Erfindergeist, er war ja auch der Erfinder des Grammofons. Und dieses Stück ist im Unterschied zu dem poetischen Stück Totenklage sehr technisch – strukturiert wie eine kleine Maschine, ein fantastisches kinetisches Werk, wo ein Teil in den anderen übergreift. Das dritte Stück an diesem Abend „60mal Sigrid Wiesmann ist eine Hommage an eine Wiener Musikwissenschafterin. Sie ist leider zwei Wochen, nachdem das Stück 2001 uraufgeführt wurde, bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Vielleicht auch interessant für Sie, ich schreibe zurzeit über jeden Komponisten des Ensembles einen kurzen Essay über die Wesensart ihres Schaffens. Diese werden dann parallel zu unseren Konzerten veröffentlicht. Insgesamt entstehen dreizehn Essays als kleines Zeichen unseres Beitrags zur Musikgeschichte Österreichs seit 1945. Nachdem ich nicht selber einen Essay über mich schreiben wollte, wird Julia Bungardt vom Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen als 14. Teil ein Interview über mein Werden, Denken und Schaffen mit mir führen. 

Vielen Dank für das Gespräch

Michael Franz Woels

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