Bild Manuel Zwerger
Manuel Zwerger (c) privat

„Ich versuche immer theatral zu denken.“ – Manuel Zwerger im mica-Interview

Mit der Oboe im Gepäck kam der Südtiroler MANUEL ZWERGER nach Innsbruck, um neben dem Instrumentalstudium auch Deutsch und Geschichte zu studieren. Letztlich wurde daraus Komposition als Hauptfach, welches er 2019 an der Royal Academy of Music Århus bei Simon Steen-Andersen, Niels Rønsholdt und Juliana Hodkinson abschloss. Parallel dazu organisierte sich MANUEL ZWERGER privat Kompositionsstunden bei Hannes Kerschbaumer, Wolfram Schurig und Sebastian Themessl. Heute lebt er in Wien. Kompositorisch bewegt sich ZWERGER an den Schnittstellen von Neuer Musik, Performance und Installationskunst. Seine Werke wurden u.a. vom Ensemble Modern, dem ensemble chromoson, airborne extended, dem Orchester der Akademie St. Blasius und dem Tiroler Kammerorchester InnStrumenti aufgeführt. ZWERGER, der stark am Instrument selbst arbeitet, benutzt unter anderem Luftballone, Schläuche und Fäden zur Präparierung. Was letztere mit Löwengebrüll zu tun haben und wie man eine Harfe aus 30 Meter Entfernung bespielen kann, verrät er im mica-Interview mit Ruth Ranacher.

Besucherinnen und Besucher deiner Website sehen als erstes ein Portrait von dir, wo du ein Sweatshirt mit den Lettern URBAN D[I]STR[I]CT trägst. Das macht mich neugierig, kann man das als Statement lesen?

Manuel Zwerger: Ich komme aus Tramin, einem Dorf mit 3.000 Einwohnern. Die Städte, in die ich gezogen bin, sind ständig größer geworden: Innsbruck – Århus, das in etwa so groß wie Graz ist – und dann Berlin und Wien. Generell fühle ich mich in einer Stadt sehr wohl, weil sie verschiedene Möglichkeiten bietet. Vor allem trifft das zu, wenn eine Stadt gut funktioniert. Innsbruck ist hierfür ein gutes Beispiel, denn die Stadt bietet beruflich wie freizeitmäßig viel, es gibt verschiedene Szenen und man kann gut Party machen. Es gibt Festivals für Alte und Neue Musik, gute Restaurants und eine vielfältige Clubkultur. Das macht eine Stadt für mich lebenswert. Für das Foto fand ich mich so besser verankert, als vor den Bergen mit den Weinreben meiner Heimat im Hintergrund.

Die Titel deiner Werke haben auffallende Titel wie „RAVE PARTY FOR KIDZ: LEVEL 1“, „BOOSTER“, oder „HYPE MAN“, die man jetzt nicht gleich mit Neuer Musik assoziieren würde. Was sind deine Inspirationsquellen?

Manuel Zwerger: Thematische Schwerpunkte und Inspirationsquellen meiner Arbeit liegen auf gewohnten Phänomenen des Musikmachens und der Hervorbringung von Klängen, die mit Einflüssen aus Alltag, Popkultur, Anti-Kunst, aktuellen Trends und Wissenschaft verbunden und hinterfragt werden. Also, alles, was ich erlebe – wo ich mich rumtreibe, Personen mit denen ich mich unterhalte, wenn ich feiern gehe – gibt mir Input. Wenn ich etwas spannend finde, notiere ich es mir in meiner digitalen Ablage, um zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückzugreifen. Manchmal sehe ich auch ein Video und weiß, wenn ich ein Stück für Klavier schreibe, dann muss ich dieses Video verwenden. Beim Komponieren gehe ich dann immer vom Material selbst aus und stelle mir folgende Fragen: Wie kann ich dieses Material weiterdenken? Wo komme ich her? Sei es klanglich, visuell oder szenisch. Wohin kann ich gelangen? Alles wird immer zeitgleich gedacht, auch Video, falls ich davon Gebrauch mache. Für Video-Zuspielung verwende ich entweder Found-Footage oder ich nehme die Musikerinnen und Musiker auf, die später auf die Bühne projiziert werden und dort mit den realen Musikerinnen und Musikern interagieren.

GEDÄRME (c) Samuel Stoll

In welchen Kollektiven bist du unterwegs? Gibt es beispielsweise bestimmte Performance-Künstlerinnen und -künstler mit denen du zusammen arbeitest?

Manuel Zwerger: Ja, es gibt ein paar Künstlerinnen und Künstler, mit denen ich enger zusammenarbeite. Zu nennen sind der Schweizer Hornist und Performer Samuel Stoll, für den ich gerade ein neues Stück schreibe [ „I <3 COKE“, Anm.], ebenso Caroline Mayrhofer mit ihrem Ensemble airborne extended. Mit dem in Südtirol ansässigen ensemble chromoson habe ich auch mehrmals zusammengearbeitet. Mit diesen kleineren Ensembles kann man intensiver arbeiten, als es mit größeren Besetzungen möglich ist. Insbesondere mit spezielleren Setups und Präparationen, deren Einrichtung manchmal etwas länger dauert. Die Vorteile von längerfristigen Zusammenarbeiten sind auch, dass man die Künstlerinnen und Künstler kennt und das in den Kompositionsprozess bereits mit einfließen lassen kann. Man kann sich hier auf exzellente Musikerinnen und Musiker verlassen, die aber auch davor nicht zurückschrecken, neben ihren Instrumenten anderweitig zu agieren.

„Ich […] suche gezielt nach Bewegungen, die Klang erzeugen – und umgekehrt auch nach Klang, der Bewegung erfordert.“

Bei deinem Stück „CATCH ME IF YOU CAN!“ werden Instrumente zu zweit bespielt, ein Faden gesponnen. Das sind performative Elemente mit denen du spielst. Wie ist dein Bezug zu Musiktheater? Was ist für dich die kleinste Einheit von Musiktheater?

Bild Hypertrophy
HYPERTROPHY (c) ensemble airborne extended

Manuel Zwerger: Ich lege in meiner Arbeit ein besonderes Augenmerk auf szenisch-performative und theatrale Aspekte. Hierbei ist visuelles und außermusikalisches Material der Klanglichkeit nicht untergeordnet, sondern fließt in dieses ein. Drei Elemente sind mir besonders wichtig: Die Forschung an den Instrumenten, die gleichzeitig die tradierten akustischen Systeme hinterfragt, der Instrumentenbau selbst und die choreografische Konzeption. Ich greife in die Physiognomie der Instrumente und ihre zentralen Mechanismen der Klangerzeugung ein und suche gezielt nach Bewegungen, die Klang erzeugen – und umgekehrt auch nach Klang, der Bewegung erfordert. Zusätzlich entwerfe und baue ich mir meine eigenen Objekte und mechanischen Teile. Dadurch entstehen Überlappungen zwischen Instrument und Musikerin bzw. Musiker. Ich zerlege instrumental-idiomatische Muster um neue Konstellationen von Bewegung und Klang zu finden. Die Musik entsteht so aus einer komponierten Interaktion von Choreografie, Instrument und Interpretin bzw. Interpret. Ein konkretes Beispiel ist die von mir so häufig benutzte Faden-Technik. Die Musikerinnen und Musiker können dadurch auch während sie den Klang produzieren Orte wechseln. In meinem Stück „HYPERTROPHY“ mit airborne extended ist das gut zu sehen: Am Schluss des Stückes wird die Harfe mit einem Faden aus gut 30 Meter Entfernung bespielt.

Könntest du auf diese Faden-Technik etwas näher eingehen? Wie bist du darauf gekommen? 

Manuel Zwerger: Ich habe diese Technik einmal in einem Stück gesehen und fand nach langem Herumprobieren, dass man damit mehr machen kann, als nur einen langen Ton zu halten. Das Prinzip ist ähnlich dem der Lion’s Roar – einer Trommel, die man über eine dicke, mit Kolofonium eingeriebene Schnur bespielt. Die Schnur bringt das Fell in Schwingung; im Fall der Harfe ist es dann natürlich eine Saite. Je weiter man sich vom Klangkörper entfernt, desto leiser wird der Klang. Fingerdruck, Geschwindigkeit und Distanz beeinflussen die Klangfarbe und die Dynamik.

Im Rahmen des Austrian Music Theatre Days werden die Regisseurin Carmen C. Kruse und du euer gemeinsames Projekt “Great Open Eyes” vorstellen. Inhaltlich handelt es sich um Bearbeitung von Ibsens “Little Eyolf”, wo es um Trauer und Kindsverlust geht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Carmen C. Kruse? Inwiefern bist du bei der Stückentwicklung auf der inhaltlichen Ebene eingebunden gewesen?

Manuel Zwerger: Carmen C. Kruse und ich waren von 2017 bis 2019 beide Stipendiaten der Akademie Musiktheater heute der Deutsche Bank Stiftung. Uns verbindet die Leidenschaft für eine Einheit von Bewegung und Motivation. Dabei kommen wir aus unterschiedlichen Richtungen und begeben uns seither gemeinsam in verschiedenen Formaten auf die Suche danach. Uns ist es generell wichtig, Kunst für und im Austausch mit Menschen vor Ort zu machen und das haben wir für „Great Open Eyes“ auch vor. Dafür werden Interviews mit betroffenen Menschen in der Stadt geführt und anschließend im Libretto verarbeitet. An dem Stück arbeiten wir schon länger enger zusammen. Fragen die wir uns gestellt haben sind: Wie schlagen wir Brücken zwischen Orchesterklang, -bewegung und szenischer Handlung? Welche Rolle spielt das Orchester? Welche die Darstellerinnen und Darsteller? Wie können wir eine Einheit gestalten und mit den Traditionen neu umgehen? Diese Fragen beantworten wir im Bühnenraum mit einer ringförmig angelegten Bühne und sie beziehen sich auch auf den gemeinsamen Entwicklungsprozess. So sind wir beide in allen Phasen dabei und für das Stück verantwortlich.

LILITH (c) Deutsche Bank Stiftung – Hansjörg Rindsberg

Haben eurer Arbeiten einen gesellschaftlichen oder auch sozialpolitischen Anspruch? Immerhin geht es um die Themen Trauer und Kindsverlust.

Manuel Zwerger: Ja, uns interessiert es, einen Raum für dieses komplexe und sehr persönliche Thema zu schaffen. Dabei wollen den Fokus auf die unterschiedlichen Phasen der Trauer von Menschen unserer Zeit zu legen. Wir wollen mit der Produktion stärker für das Thema sensibilisieren.

Für die Musik wirst du neben Mikrotonalität und Präparierungen auch mit Aleatorik und Space Notation in der Partitur arbeiten. Diese Begriffe – Aleatorik, für Zufall, und Space Notation, wo die Abstände der Töne zueinander angedeutet werden – lassen auf einen großen Spielraum für die Interpretinnen schließen. Könntest du darauf etwas näher eingehen?

Manuel Zwerger: Die Notationstechnik der Aleatorik ermöglicht bei unserem Stück, dass die einzelnen Musikerinnen und Sängerinnen freier aufeinander eingehen können, sie können stärker aufeinander reagieren. Im komplexen Bühnengeschehen zwischen musikalischer Struktur und Narrativ öffnen Präparierungen neue Handlungsspielräume der Interaktion zwischen individuellen Musikerinnen bzw. Musikern, den Darstellerinnen und Darstellern und dem Bühnenbild. Das bedeutet konkret, dass zum Beispiel an einigen Instrumenten Schläuche befestigt sind, die auf die Bühne führen und dort direkt eingreifen.

Du bist auf Instagram aktiv. Muss man das heute als Komponist deiner Generation?  

Manuel Zwerger: Was muss man als Komponist? Instagram bietet mir die Möglichkeit, ein gutes Portfolio zu erstellen. Ich schätze daran, dass man sowohl Langlebiges posten kann, als auch kurze Ausschnitte bei den Stories. Auf meiner Profilseite gibt es Einblicke in meine Projekte, bei den Stories oft Persönliches zu sehen.

Vorhin hast du selbst die Frage gestellt, die ich zum Abschluss noch aufgreifen möchte: Was muss man als Komponist?

Manuel Zwerger: Das ist eine schwierige Frage. Für mich ist es wichtig, zu wissen, worum es mir geht und was ich auslösen und erreichen möchte. Um Stücke zu realisieren, zu guten Aufführungen zu kommen und sie einem Publikum zugänglich zu machen, ist für mich zum Beispiel eine genaue und langfristige Planung und der regelmäßige Austausch mit Partnerinnen und Partnern wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ruth Ranacher

 

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