„ICH SPIELE SCHLECHTER ALS ICH KÖNNTE“ – JOHNNY BATARD IM MICA-INTERVIEW

JOHNNY BATARD ist ein Tiefstapler. Der Neo-Wiener, ursprünglich der steiermärkischen Provinz entflohen, habe ein neues Album aufgenommen – mit zwei oder drei Akkorden und einer Wurschtigkeit. Dabei entspricht nicht alles, was Johann, wie seine Freunde „den JOHNNY“ nennen, über sich erzählt, der Wahrheit. Dass zuletzt eine EP („Uh Tata“) erschien und die erste Scheibe („What Do You Want Me To Say“) trotz klatschender Kritiker im Corona-Chaos unterging, allerdings schon. Der Mann, der von Lou Reed so viel hält wie Marco Wanda vom Grünen Veltliner, hat schließlich die FM4-Formel geknackt. Zumindest behauptet das BATARD, jene Rolle, mit der der Grafikdesigner spielt. Wieso man sich heute nicht mehr in Skinny Jeans pressen sollte und warum seine Ansagen besser sind als die Lieder, die darauffolgen, hat Johann Zuschnegg als JOHNNY BATARD im Telefongespräch mit Christoph Benkeser erklärt. Und verraten, wieso er keine Message-Control braucht.

Johnny Batard: Hallo, Christoph?

Servus! Johnny, oder?

Johnny Batard: Genau!

Du bist pünktlich wie der Regionalexpress. Wie geht’s dir?

Johnny Batard: Ganz OK. Wir haben am Mittwoch in der Postgarage in Graz gespielt, deshalb bin ich noch übernächtigt.

Immerhin habt ihr wieder live gespielt.

Johnny Batard: Ja, stimmt. Die Livestream-Dinger haben keinen Spaß mehr gemacht.

Glaub ich dir. Im Dayjob bist du Grafikdesigner, richtig?

Johnny Batard: Ja, von der Musik lebt sich’s nicht so einfach.

Das hab ich mir gedacht. Trotzdem: interessanter Kontrast.

Johnny Batard: Na, ich kenn viele Grafiker, die nebenbei Musik machen. Ari von Oehl war zum Beispiel in der Werbung, bevor er von seiner Musik leben konnte. Der Bassist von Kreisky war auch ein Grafiker …

Eh praktisch, oder?

Johnny Batard: Ja, man braucht keinen Grafiker für Covers. Bei mir ist es aber ohnehin geteilt: Wenn ich Johnny Batard bin, bin ich nur Johnny Batard. Die andere Welt, mein Beruf als Grafiker, ist dann Nebensache.

Als Johnny Batard spielst du eine eigene Rolle?

Johnny Batard: Genau, ich spiele sie nicht nur, sondern auch mit ihr.

Wie meinst du das?

Johnny Batard: Weißt, ich nehm mich nicht so ernst. Die Lieder sind leicht aufgebaut. Ich spiel meistens zwei oder drei Akkorde und verkauf mich, Zitat Lisa Schneider von FM4, als lässigen Slacker-König.

Weil du gern den geringsten Widerstand gehst?

Johnny Batard: Ja, das trifft es ganz gut.

Wieso?

Johnny Batard: Mit den Kingsize Bastards hatten wir regelmäßig Proben, eine fixe Struktur. Bei Johnny Batard ist es … einfach lockerer. Wir proben oft gar nicht, weil in meiner Band so gute Musiker spielen. Ab und zu spielen wir sogar ohne Setlist – ich geb die Akkorde vor und wir spielen dazu. Das macht die Dynamik aus. Außerdem werden wir alle älter und haben nicht mehr so viel Zeit, um die ganze Zeit zu spielen.

Apropos Älterwerden. Du bist 1991 geboren?

Johnny Batard: Ja, ich bin im Jänner 30 geworden.

Ah! Die magische Grenze. Hat sich was verändert … vom Kopf her?

Johnny Batard: Am Geburtstag war es komisch. Seither geht es aber. Ich fürcht mich eher vor dem 40er.

Ja?

Johnny Batard: Na, die 30er sind noch ganz OK, nicht? Ab 40 wird’s aber … Vielleicht wird Johnny Batard in meinen 40er sogar peinlich.

Peinlich?

Johnny Batard: Na ja, vielleicht trifft es eher das Gefühl, dass man dann den Traum vom Musikerdasein aufgegeben hat. Es ist ein Akzeptieren der Situation, man fügt sich.

Inwiefern?

Johnny Batard: Man realisiert, dass vielleicht nichts mehr kommt. Dass es nicht zum Erfolg gereicht hat.

Und dadurch wird es peinlich?

Johnny Batard: Wenn man komplett versifft wäre, schon. Außerdem sollte man irgendwann aufhören, sich in Skinny Jeans zu pressen.

Das ist so wie Skateboard fahren. Wirklich super schaut’s nur mit 17 aus.

Johnny Batard: Ich hab letzthin ein Foto von Pete Doherty von den Libertines gesehen. Und … ich weiß nicht.

Ja, der hat sich komplett verändert.

Johnny Batard: Früher war der eine Bohnenstange. Heut würden sich die Skinny Jeans nicht mehr ausgehen.

Mich lachen die jungen Leute aus, wenn ich mit meinen rumlaufe.

Johnny Batard: Ja, die Brit-Pop-Klamotten-Zeit ist vorbei.

Die kommt auch nicht wieder. Oder würdest du dich noch als Indie-Typen bezeichnen?Johnny Batard: Ah, einen Stempel will ich mir nicht aufdrücken. Ich sag zwar oft „Garage“ – wegen Velvet Underground – aber eigentlich bin ich ein Kind der 2000er.

„MEIN PAPA HATTE EINE CD IM AUTO – VON SIMON & GARFUNKEL.“

Dabei bist du in den 90ern aufgewachsen.

Johnny Batard: Aber meine Musik waren die Libertines, Strokes und White Stripes – das komplette Gitarrending, das Ende der 90er wieder in wurde.

Sogar in der steirischen Provinz?

Johnny Batard: Ja, sogar dort. Ich bin ja an der Grenze zu Slowenien aufgewachsen, zwischen Maribor und Graz.

Komplett im Nirgendwo.

Johnny Batard: Ja, auf einem Berg, ohne Schmäh.

Wie war das, dort aufzuwachsen?

Johnny Batard: Es war ein Kontrast, den ich erst gecheckt hab, als ich zum Studieren nach Graz gegangen bin. Davor, in der Hauptschule, hab ich nur Musik gekannt, die im Radio lief.

Kommst du aus einem musikalischen Elternhaus?

Johnny Batard: Überhaupt nicht. Meine Tante spielt zwar Harfe und meine Cousins spielen Geige und Klavier. Aber das war’s.

Die Mama hat daheim nichts aufgelegt?

Johnny Batard: Der Papa hatte im Auto eine einzige CD – von Simon & Garfunkel.

Der Auslöser vieler Kindheitstraumata. Fährst du noch oft zu deinen Eltern?

Johnny Batard: Ich fahr schon gern heim. Die Stille der Idylle, das hat was. Aber mittlerweile wohne ich in Wien.

Dann hätten wir ja auch treffen können! Was hat dich nach Wien gezogen?

Johnny Batard: Ich war zehn Jahre in Graz und wollte einen Tapetenwechsel. Etwas, das vielleicht auch der Musik guttut. Zumindest war das der Gedanke.

Johnny Batard zieht aus karrieretechnischen Gründen nach Wien.

Johnny Batard: Ich hoffe doch! Mit dem zweiten Album, das wir gerade aufgenommen haben, wollen wir es wieder probieren. Die erste Platte fand schließlich Anklang. Nur der Release-Termin fiel mit der Pandemie in die falsche Zeit.

Falsch ist eine Untertreibung. Das war worst case, nehme ich an.

Johnny Batard: Absolut! Wir dachten, die Sache dauert einen Monat und danach können wir spielen. Tja … immerhin waren die Kritiken gut.

Ich hab eine gelesen. Man attestiert euch einen New-York-Sound.

Johnny Batard: Weil ich Lou Reed immer wieder in dem Zusammenhang erwähnt habe.

Message-Control à la Johnny Batard.

Johnny Batard: Das geht auf Interviews in Graz zurück. Die Leute von der Zeitung haben mich gefragt, wie das Lied klinge. Man gibt ihnen dann halt was. Als mich Kathi [Seidler, Anm.] damals für den Sumpf auf FM4 interviewt hat, waren das ganz andere Fragen, über den Inhalt der Texte und so. Das wusste ich teilweise selber nicht mehr.

Das sind zwei Extreme: Die einen setzen sich gar nicht damit auseinander und fragen eine 0815-Scheißfrage. Und das andere ist eine Überinterpretation, weil man in jede Zeile dein ganzes Leben hineinprojizieren könnte.

Johnny Batard: Allein der Albumtitel „What Do You Want Me To Say“ hat dazu geführt, dass manche überanalysiert haben …

Weil die Leute immer eine Bedeutung finden wollen …

Johnny Batard: Die vielleicht auch gar nicht da ist.

Oder nicht stimmt. Stört dich das? Kannst du deine Musik aus der Hand geben?

Johnny Batard: Ja, voll. Mir ist es egal und lass es gern so stehen.

Du bist kein Kontroll-Freak, der seine Lieder nur auf eine Weise verstanden haben will?

Johnny Batard: Na, das wär mir viel zu anstrengend. Ich leg nicht zu viel Bedeutung in meine Texte. Ich singe gern das, was sich gut aussprechen lässt und erzwinge keinen Inhalt.

Form follows function.

Johnny Batard: Ja, trotzdem geht es um Glaubwürdigkeit. Es muss ein Funken Erfahrung in den Liedern stecken.

Man muss ja nicht gleich auf Bob Dylan machen.

Johny Batard: Oder sieben Minuten lang „140 Km/h“ singen“.

Das war ein guter Song, der seine Länge braucht.

Johnny Batard: Der erste Take war 22 Minuten lang.

Hört sich nach Flowzustand auf der Autobahn an.

Johnny Batard: Wenn du voll im Groove bist, klar!

Sag, du bist schon eher kurz angebunden, oder?

Johnny Batard: Schon.

Ich merk’s.

Johnny Batard: Dabei mach ich gern Spielchen während der Lieder.

Während der Lieder?

Johnny Batard: Wenn es aus ist, mein ich. Meine Ansager zwischen den Liedern seien besser als die Lieder selbst. Hat zumindest die Ex-Freundin des Bassisten gesagt.

Ist das für dich ein Kompliment?

Johnny Batard: Ich nehm mich nicht zu ernst. Wenn der Spaß nicht da ist, wozu das alles? Johnny Batard ist für diese Rolle perfekt.

Würdest du dich als lustigen Menschen einschätzen?

Johnny Batard: Äh … ja, doch! Hin und wieder hab ich ein paar grantige Phasen. Aber die meiste Zeit bin ich lustig – vor allem in und mit der Musik.

„WENN ICH DIE GANZE ZEIT ERZÄHLE, DASS ICH NUR ZWEI AKKORDE SPIELE, GLAUBEN DAS DIE LEUTE TATSÄCHLICH.“

Das entspricht dem Gegenteil des bewusst coolen, weil viel zu ernsten Künstlermenschen.

Johnny Batard: Na, Stoiker bin ich keiner.

Was steckt dann in den Ankündigungen zwischen den Songs? Der Versuch, das Publikum zu unterhalten? Oder etwas von dir zu überspielen?

Johnny Batard: Ich mach mich über mich selbst lustig. Das kommt gut an, oder?

Vermutlich. Weil du dich selbst ironisch nimmst?

Johnny Batard: Vielleicht zu sehr, ja.

Zu sehr?

Johnny Batard: Wenn ich die ganze Zeit erzähle, dass ich nur zwei Akkorde spiele, glauben das die Leute tatsächlich. Und meinen, dass nichts hinter den Liedern steckt.

Du spielst schlechter, als du es eigentlich könntest?

Johnny Batard: Ich behaupte es!

Das schränkt die Erwartungshaltung ein, oder? Wenn’s schlecht klänge, könntest du immer noch sagen, dass nichts dahintersteckt.

Johnny Batard: Die Ausnehme übernehme ich oft, ja!

Es ist ein Selbstschutz. Man riskiert nichts, um nicht Gefahr zu laufen zu enttäuschen.

Johnny Batard: Das beschreibt es ganz gut.

Johnny Batard ist eigentlich ein Tiefstapler.

Johnny Batard: Die Kleine Zeitung hat mich letzthin als „lässigen gescheiterten“ Musiker bezeichnet.

Trifft das eigentlich auch auf … Ich sag die ganze Zeit Johnny zu dir, dabei hab ich gar nicht gefragt, ob dir das passt.

Johnny Batard: Das passt schon. Die Leute, die mich besser kennen, sagen Johann zu mir.

Also sag ich Johnny.

Johnny Batard: Die Mama mag den Johnny gar nicht. Schließlich hat sie mich nicht so genannt, sondern Johann.

Das ist ein legitimer Name, oder bist du mit ihm unzufrieden?

Johnny Batard: Nein, gar nicht. Es gibt relativ wenige Johanns. Die paar, die noch so heißen, sterben aus. Also bin ich bald der Einzige.

Worauf ich hinauswollte: Ist Johann Zuschnegg so selbstironisch wie Johnny Batard?

Johnny Batard: Ich bin zynischer als Johnny.

Irgendwie angenehm, wenn man die Rolle wechseln kann.

Johnny Batard: Es ist ein Alter Ego, das finde ich gut. Hoffentlich beginne ich Johnny Batard nicht irgendwann zu hassen.

Du glaubst, dass du Johnny Batard irgendwann hassen wirst?

Johnny Batard: Nein, solange man sich immer wieder neu erfindet … Schau, Father John Misty war davor auch Joshua Tillmann, aber er war sich irgendwann zu langweilig. Mittlerweile kann er dieser Persona nicht mehr entkommen, hat er gemeint. Er ist kein Schauspieler mehr, sondern Father John Misty.

Ist das bei dir auch so?

Johnny Batard: Es verfolgt und übernimmt einen – oder man interpretiert es über.

Genau. Vielleicht überspielst du auf der Bühne nur innere Ängste.

Johnny Batard: Das könnte auch gut sein. Vielleicht sollte ich in der Therapie darüber sprechen.

In der Therapie?

Johnny Batard: Na, vielleicht sollte ich mich mal psychoanalysieren lassen.

Wär das was für dich?

Johnny Batard: Ich weiß nicht … Mir fällt nichts ein, worüber ich sprechen sollte.

Dir fällt gar nichts ein, über das du sprechen könntest?

Johnny Batard: Eine Stunde über mich selbst zu reden, wäre mir zu fad.

Zu fad?

Johnny Batard: Ich stell mir andere Dinge spannender vor. Es gäbe aber bestimmt etwas. Ich bin ja der Meinung, dass man Dinge nicht unausgesprochen lassen sollte.

Am Anfang hast du gesagt, du gehst gern den geringsten Widerstand. Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass man nicht alles anspricht.

Johnny Batard: Sicher, aber muss man alles ansprechen?

Wenn die Dinge ausgesprochen sein sollen, wär das gut, nicht?

Johnny Batard: Puh … Du gibst mir was zum Denken.

Jedenfalls muss man von der Vorstellung wegkommen, dass man ein oder zwei Mal zur Therapiesitzung geht und dann ist alles gut.

Johnny Batard: Genau, es ist sicher kein Zahnarztbesuch. Es braucht länger. Vielleicht fürcht ich mich vor dem, das rauskäme, wenn ich mich dem aussetzen würde.

Eine Angst, dass du etwas offenlegst, was du nicht offenlegen möchtest?

Johnny Batard: Ich weiß es nicht. Ich bin eigentlich eine offene Person. Wenn mich was stört, sag ich das. Auch weil ich mich selber nicht sehr ernst nehme.

Das ist eine sympathische Eigenschaft. Es gibt viele Blender, die sich zu ernst nehmen.

Johnny Batard: Ja, eh. Die Frage ist doch: Ist es wirklich wert, so viel Energie zu verschwenden, damit man zwanghaft ernst rüberkommt? Ich weiß es nicht … Ich versuch aber, mich in andere Personen hineinzuversetzen.

Sich in ernste Personen hineinzuversetzen ist aber gar nicht einfach.

Johnny Batard: Stimmt.

Vor allem wenn man sich gar nicht so ernst nimmt. Man macht einen Schmäh …

Johnny Batard: Und verdeckt damit etwas, ja!

Dahinter steckt ein bisserl eine Wurschtigkeit, oder?

Johnny Batard: Schau ma mal, wie man halt auf österreichisch sagt.

Das finden viele Leute furchtbar.

Johnny Batard: Manchmal trifft es aber wirklich das, was man sagen will – vor allem, wenn man grad keine Antwort weiß.

Bild (c) Johnny Batard

Man kann vage bleiben, ohne sich festlegen zu müssen.

Johnny Batard: Da sehe ich mich schon drin.

Johnny Batard legt sich also nicht gern fest.

Johnny Batard: Ja, auch im Sound. Ich kopier mich nicht, es klingt alles anders.

Eine Kopie wär schlecht.

Johnny Batard: Ja, aber du kennst das von Bands: Sie haben einen Sound, den die Leute erwarten. Was davon abweicht, findet man dann schlecht.

Gibst du was auf die Meinung von Leuten?

Johnny Batard: Ich hoffe, dass sie die Musik gut finden.

Ja, klar. Aber gibst du was auf deren Meinung?

Johnny Batard: Na ja, es ist nicht wurscht. Ich versuch aber ohnehin nicht, den perfekten FM4-Song zu schreiben.

Wie klingt der?

Johnny Batard: Ich weiß die FM4-Formel mittlerweile, aber ich glaub nicht, dass ich es könnte. Deshalb ist es egal. Das Album klingt, wie ich es möchte.

Das mein ich. Scheiß auf die Meinung anderer.

Johnny Batard: Rock’n’Roll!

Vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

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