Bild Vincent Porngracz
Vincent Pongracz (c) Astrid Knie

„Ich sehe die Arbeit an diesem Album als einen Lernprozess“ – VINCENT PONGRACZ (IVO) im mica-Interview

VINCENT PONGRACZ ist schon länger kein Unbekannter in der heimischen Musik- bzw. Jazzszene. Mit seinen Projekten SYNESTHETIC4 und SYNESTHETIC OCTET ist es dem Musiker, Komponist und Rapper in der Vergangenheit schon mehrmals gelungen Aufsehen zu erregen, in der Heimat genauso wie auch international. Als IVO begibt sich der Wiener nun auf Solopfade und veröffentlicht mit „1v0“ ein Album, das musikalisch definitiv ganz weit von dem entfernt ist, was man als gewöhnlich bezeichnet. Am besten lässt sich das von ihm in seinen Nummern Dargebrachte als experimenteller Hip-Hop mit starker Jazz-Schlagseite und elektronischen Einwürfen beschreiben. Die Beats, die Rhythmik, der Gesang wie auch die Texte folgen ganz eigenen Regeln und weisen auf wirklich wunderbare Art ihren ganz eigenen Charakter aus. VINCENT PONGRACZ sprach mit Michael Ternai über seinen Umgang mit Sprache, organischen Groove und sein Verständnis für Jazz.

Warum ein Soloalbum? Was hofftest du, bei einem Soloprojekt umsetzen zu können, was du bei anderen Projekten nicht konntest?

Vincent Pongracz: Ich wollte einfach mehr mit Rap machen, mehr als es in anderen Projekten vielleicht möglich war, und schauen, was ich aus dem Ganzen herausholen kann. Ich habe eigentlich immer schon viel in dieser Richtung aufgenommen, vor allem auch in Dänemark, wo ich bis vor eineinhalb Jahren gelebt habe. Es hat sich ergeben, dass ich dort doch einige Zeit hatte und ich mich der Herausforderung, etwas solo auf die Beine zu stellen, stellen konnte.

Bild Vincent Pongracz
Vincent Pongracz (c) Astrid Knie

„Ich wollte einfach schauen, wie weit ich etwas bringen kann, wenn ich […] alles selber mache und die Kontrolle über alles habe.“

Hast du es genossen, dich einmal richtig austoben zu können und dich nicht irgendwelchen Einschränkungen unterwerfen zu müssen?

Vincent Pongracz: Wenn man allein arbeitet, hat man grundsätzlich keine bzw. nur weniger Einschränkungen. Man hat keine Vorgaben und muss auch keinen Erwartungen gerecht werden. Ich wollte einfach schauen, wie weit ich etwas bringen kann, wenn ich vom Einspielen und Aufnehmen bis hin zum Mischen alles selber mache und die Kontrolle über alles habe. Und es mir wirklich echte Freude bereitet, mich mit all diesen Dingen auseinanderzusetzen, mit dem Mixen, mit dem Sounddesign und all den anderen Sachen.

Interessant ist dein Umgang mit Rhythmen und Beats. Wirklich geraden Takten folgen die nicht. Was ist deine Idee dahinter?  

Vincent Pongracz: Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass man beim Rhythmus intuitiv ein anderes Gefühl entwickelt. Es geht mir darum, eine Art von Groove zu schaffen, der anders klingt und sich organisch anfühlt. Und das außerhalb gewisser Strukturen oder festgesetzter Raster. Und da macht es mir auch nichts aus, wenn etwas deplatziert oder ein bisserl verschoben ist. Je tiefer mehr man in diese Thematik eintaucht, je mehr Freiheiten eröffnen sich. Man kann schauen, wie es sich anfühlt und wie es wirkt, wenn eine Snare um eine Millisekunde weiter nach hinten versetzt ist. Von außen nimmt man dieses Spiel mit dem Timing dann als ein gewisses Feeling wahr.

Du kommst aus dem Jazz. Inwieweit ist das, was du auf deinem Album machst, eigentlich noch Jazz? Inwieweit spiegelt sich der Grundgedanke des Jazz in deiner Musik wider?

Vincent Pongracz: Ich glaube, der spiegelt sich in der Freiheit, die man sich nehmen kann, wider. Es eröffnen sich Spielräume, in denen man herumexperimentieren und sich austoben kann.  Man hat die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und sich wirklich mit Details auseinanderzusetzen. Stilistisch, würde ich sagen, ist auf dem Album neben dem Jazz natürlich auch Hip-Hop ein großer Einfluss.

„Diese Arbeit mit den Wörtern und Sprachen hat dann – je nach Intensität – auch eine Art kathartischen Effekt auf mich.“ 

Was die ganze Sache noch weiter aus dem Rahmen fallen lässt, ist, wie du mit der Sprache umgehst. Was steckt hinter der Idee?  

Vincent Pongracz: Die Idee kam mir, als ich mir einmal vorgestellt habe, wie ein Kind, das noch kein Englisch kann, englischen Hip-Hop hört, was es über den Klang mitbekommt, ohne dass es den sprachlichen Gehalt versteht. Ich habe angefangen, Wörter aus verschiedenen Sprachen zu suchen und zu schauen, wie sie klingen. Es war vor allem der Klang der Wörter, der für mich wichtig war. Dann habe ich probiert, noch eine Ebene hinzuzufügen. Und zwar habe ich als Ausgangspunkt verschiedene Themen hergenommen und habe davon ausgehend Wörter aus verschiedenen Sprachen gesucht. Am Anfang war es so, dass ich diese Wörter eigentlich nur in der Aussprache frei interpretiert habe. Dann habe ich das Ganze noch mal überarbeitet. Ich bin noch mehr in den Klang gegangen und habe die meisten Texte noch mal verfremdet.

Bild Vincent Pongracz
Vincent Pongracz (c) Astrid Knie

Mit der Sprache zu arbeiten hat für mich etwas sehr Direktes. Es ist ein wieder ganz anderes Gefühl und es macht wirklich Spaß, hier rhythmisch zu arbeiten, mit dem Ausdruck und den emotionalen Graden zu spielen. Da habe ich schon sehr viel ausprobiert. Diese Arbeit mit den Wörtern und Sprachen hat dann – je nach Intensität – auch eine Art kathartischen Effekt auf mich. Sie hat mich schon an die Grenzen geführt. Die Stimme ist das direkteste Ausdrucksmittel, das man als Mensch hat.

Was hat dich in deiner Arbeit inspiriert? Hast du auf Vorbilder zurückgreifen können? Auf Leute, die schon so ähnlich mit Sprache gearbeitet haben? 

Cover 1v0
Cover “1v0”

Vincent Pongracz: Ich habe das Gefühl, dass dieses Spiel mit Sprache gerade hier in Österreich relativ präsent ist. Man denke nur an Jandl. Ich denke, bei mir hat sich das einfach entwickelt, bis es aus mir herausgekommen ist. Es war keine bewusste Entscheidung, in diese Richtung zu gehen. Ich kann mich erinnern, dass ich oft allein im Auto unterwegs war und Musik gehört habe. Und war da einmal ein Beat, der mir gefallen hat oder mit dem ich etwas anfangen konnte, habe ich immer versucht, irgendetwas dazu zu machen. Zu dieser Zeit war dann auch noch koenig leopold mit Leo Riegler sehr präsent. Der hat auch immer sehr mit Sprache gespielt, was mir sehr gut gefallen hat. 

Du hast vorher erwähnt, dass du bei diesem Album alles selbst gemacht hast. Heißt das auch, dass du alles allein eingespielt hast? 

Vincent Pongracz: Ja, ich habe probiert, wirklich alles selber zu machen. Das war auch meine Vorgabe. Und es war und ist mir egal, ob das Album auf gewissen Ebenen vielleicht besser hätte sein können, wenn ich zum Beispiel fürs Mixen andere Leute hinzugezogen hätte. Natürlich habe ich mir da und dort einmal Feedback geholt, aber das nur sehr wenig. Das Einzige, das ich wirklich übergeben habe, war das Mastering. Das hat Martin Siewert gemacht. Ich wollte, dass da jemand noch einmal drübergeht, sich die Sache anschaut und gegebenenfalls da und dort etwas korrigiert. Generell bin ich schon sehr zufrieden damit, wie das Album geworden ist. Es erfüllt das, was ich mir erwartet habe. Ich sehe die Arbeit an diesem Album als einen Lernprozess. Ich weiß, dass ich beim nächsten Mal einiges besser machen kann.

Das heißt, du siehst dieses Album nicht nur als einmaliges Projekt? 

Vincent Pongracz: Ja, schon. Ich habe jetzt in den vergangenen Monaten wieder viel aufgenommen und herumprobiert. Für mich stellt sich jetzt die Frage, wohin es gehen soll. Auch mit der Stimme, ob ich nicht vielleicht mehr wirkliche Sprache verwenden soll. Im Oktober kommt jetzt auf jeden Fall ein Synesthetic4-Album heraus, auf dem Nummern mit Rap zu hören sein werden. Im Jänner folgt dann noch ein Album des Synesthetic Octets, auf dem drei Nummern mit Rap und drei ohne sein werden. Man kann sagen, dass die Arbeit mit Rap-Gesang bei mir doch sehr präsent ist und ich vorhabe, mein Soloprojekt weiterzuführen.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Michael Ternai

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IVO live
9.9.2020 – 21.30
Rhiz (U-Bahnbogen 37, 1080 Wien)

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Links:
Vincent Pongracz / Synesthetic4
Jazzwerkstatt Wien