Bild Laurie
Laurie ((c) Fabian Zerche

„Ich nehme Vergangenheit in Datensätzen wahr“ –LAURENZ JANDL (LAURIE) im mica-Interview

LAURENZ JANDL hat das Indie-Kollektiv POLKOV hinter sich gelassen. Auf seinem Solodebüt „Scientist of Man“ (Laurie Music) zückt LAURIE bewährte Singer-Songwriter-Asse und lässt sich im Rahmen einer Auto-Analyse in die Karten blicken. Mit selbst auferlegter Reduktion spielt er sich zurück zum „Grundding“ zwischen Gitarre und Gesang. Im Gespräch mit Christoph Benkeser spricht LAURIE über den Grund, statt Instrumenten den Raum aufzunehmen, der Retro-Ästhetik in seinen Videos und warum man ihn nicht als nostalgischen Menschen verstehen sollte.

Dein erfolgreiches Bandprojekt Polkov hat sich in den letzten Jahren schleichend verabschiedet. Was war der Grund für die Auflösung?

Laurenz Jandl: Irgendwann war der Dampf aus der Maschine draußen. Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen, aber im Laufe der zweiten Albumproduktion hat sich bei uns allen viel Frust aufgestaut. Ich hatte auch zu hohe Ansprüche an das Projekt und an mich selbst.

Wie kam die Idee zum Soloprojekt Laurie?

Albumcover Scientist of Man
Albumcover “Scientist of Man”

Laurenz Jandl: Die Entscheidung, weiter Musik zu machen, hat sich nach Polkov nicht gestellt. Ich mache seit meinem Jugendalter Musik. Ich kann gar nichts anderes [lacht]. Den Schlussstrich bei Polkov habe ich als Chance für einen artistischen Neubeginn genommen. Laurie als Künstlernamen zu verwenden war mir anfangs ein wenig peinlich, da mich Freunde seit jeher so nennen, aber ich habe das als ein gutes Zeichen gedeutet – als etwas, das close to home ist. Außerdem finde ich es schön, dass Laurie ein männlicher und weiblicher Name ist.

Die Songs sind mit einem Großteil der alten Polkov-Besetzung entstanden. 

Laurenz Jandl: Ich wollte die Songs so simpel wie möglich in einer Live-Performance aufnehmen. Das habe ich mit meinen Lieblingsmenschen und -musikern gemacht. Sie kennen mich, verstehen meine Songs und können sich einfühlen.

„So reduziert wie bei der Soloplatte habe ich noch nie gearbeitet.“

Im mica-Interview mit Polkov von 2013 hast du gesagt: „Ich glaube das Grundding ist der Song. Gitarre und Gesang bilden die Basis, auf der alles Mögliche aufbauen kann.“ Jetzt ist das Grundding Basis und Überbau. Was hat für dich den Ausschlag gegeben, diesen Weg einzuschlagen?

Laurenz Jandl: So reduziert wie bei der Soloplatte habe ich noch nie gearbeitet. Wir waren meist zu dritt in einem Raum und haben eine Performance aufgenommen. Mit Günther Paulitsch, dem Frontmann von Good Wilson, am Schlagzeug und mit Jürgen Schmidt, der bei Granada spielt, am Bass – instant magic.

Inwiefern hat sich der Schritt ergeben, wieder zur Reduktion zurückzukehren?

Laurenz Jandl: Ich bin ein Perfektionist in meinem Schaffen. Sobald ich die Möglichkeit habe, die Takes zu editieren und zu verändern, verliere ich mich in Details. Deshalb musste ich mir die Frage stellen, wie ich den Produktionsprozess angehen kann, ohne dass ich in die Situation des nachträglichen Veränderns komme. Wir haben alle Instrumente im selben Raum platziert, sie aber nicht separat aufgenommen. Im Gegenteil: Wir haben den Raum aufgenommen. Dadurch ist es innerhalb der Aufnahme unmöglich, die Gitarre vom Bass oder vom Schlagzeug zu trennen, weil wir die Instrumente in allen Mikrofonen aufgenommen haben. Ich wollte mich damit selbst austricksen.

„Spielt man mit drei Musikern gleichzeitig eine Aufnahme ein, lebt man für den Moment.“

Die selbstauferlegte Reduzierung als technischer Kunstgriff.

Laurenz Jandl: Genau, die Möglichkeiten wären sonst zu umfangreich. Jedes High-End-Studio in den 1970ern wäre auf die heutigen Homerecording-Setups neidisch. In der bewussten Reduzierung zeigt sich außerdem eine psychologische Seite. Spielt man mit drei Musikern gleichzeitig eine Aufnahme ein, lebt man für den Moment. Das ist ein anderes Gefühl, als zu einem Click-Track im Overdub-Verfahren aufzunehmen.

Ist diese Reduktion auch ein Schwenk in die Vergangenheit? Im Video zu „Heaven on a Thread“ verwendest du verwackelte Aufnahmen, die an ethnografische Filme aus den 1980ern erinnern.

Laurenz Jandl: Hinter dem Video zu „Heaven on a Thread“ steht eine interessante Geschichte. Die Aufnahmen stammen von einem zwölfjährigen Jungen [Roland Fischer, Anm.], der in den 1970er Jahren bei den Wiener Sängerknaben gesungen hat. Der Chor ging damals auf Welttournee, der Junge dokumentierte die Reise mit einer Super 8-Kamera. Das Material hat er später zu einem zweistündigen Film zusammengeschnitten und mit der Plattensammlung eines Freundes vertont. Das Ergebnis war so gut, dass er die Dokumentation in österreichischen Schulen herzeigen konnte.

„Die Aufnahmen wollen keinen politischen Eindruck vermitteln.“

In Verbindung mit dem Song vermittelt das Video eine eigenartige Distanz.

Laurenz Jandl: Dadurch, dass es ein Zwölfjähriger gefilmt hat, kommt mir vor, dass die Perspektive unbefangener ist. Die Aufnahmen wollen keinen politischen Eindruck oder ähnliches vermitteln. Es ist nicht forciert.

Bei „Scientist of Man“ begleitet man dich wiederum in einer verrauschten VHS-Kassetten-Ästhetik. Was macht dieser Retro-Chic für dich aus?

Laurenz Jandl: Bei Polkov habe ich viel Energie in Musikvideos gesteckt. Das hat mir Zeit und Lebensfreude gekostet. Deshalb ist das Video einfach. Ich habe ein schnelles Video gebraucht und einen Freund, der eine analoge VHS-Kamera besitzt, zu mir eingeladen, um mich einen Tag lang zu begleiten. Dieses Material haben wir zu dem Video zusammengeschnitten. That’s it.

Durch die verrauschten Bilder entsteht automatisch eine Stimmung, die deine Musik ergänzt. FM4 bezeichnet sie als nostalgisch. Ich tue mir da schwer, weil Nostalgie immer auch mit einer romantisierten Vergangenheit einhergeht, die ich deiner Musik gar nicht erkenne.

Laurenz Jandl: Mich sprechen immer wieder Leute darauf an. Ich verstehe aber nicht, was damit gemeint ist. Was ist der nostalgische Aspekt? Erinnert es an vergangene Musik, an eine andere Zeit oder an die eigene Vergangenheit?

Ich denke, man spielt auf die verschwommene Schlichtheit an.

Laurenz Jandl: Ich bin kein nostalgischer Mensch, weil ich gar nicht die Möglichkeit dazu habe, nostalgisch zu sein. Ich habe kein autobiografisches Gedächtnis, nehme meine Vergangenheit in Datensätzen wahr [lacht]. Tatsächlich bin ich erst vor einem Jahr draufgekommen, dass die meisten Menschen nicht auf diese Art funktionieren. Nostalgie rührt von der Fähigkeit, sich selbst in die Vergangenheit zu versetzen. Das funktioniert bei mir nicht.

Bild Laurie
Laurie (C) Fabian Zerche

Du nimmst die Vergangenheit also anders wahr?

Laurenz Jandl: Ich beschäftige mich viel mit der Art wie ich funktioniere und warum. Der Prozess des Musikmachens ist eine Art Auto-Analyse bzw. ein In-Kontakt-Treten mit mir selbst. Jeder Mensch funktioniert auf eine gewisse Weise anders als andere Menschen, aber sehr viele Sachen funktionieren auch sehr ähnlich. Beides ist sehr interessant.

„Scientist of Man“ lässt sich also als persönliche Erkundung auslegen?

Laurenz Jandl: Ja, und als Versuch, die eigenen Emotionen zu quantifizieren. Natürlich mache ich das alles mit einem zwinkernden Auge. Es ist zu weitläufig, als dass man irgendwas festmachen könnte. Aber lustig genug, um sich damit zu beschäftigen.

Was konntest du aus dieser Beschäftigung für das Album mitnehmen?

Laurenz Jandl: Man vergisst die schlechten Momente – leider. Ich sage das bewusst, weil man aus ihnen im Reflexionsprozess schlauer werden kann. Aber ich will daraus keine Wissenschaft machen.

Die Theorie allein reicht also nicht.

Laurenz Jandl: Ich setze mich mit allen Aspekten auseinander, schaue YouTube-Tutorials an, um meine technischen Skills zu verbessern. Dadurch stehe ich zwischen den Stühlen – ich will gleichzeitig ein super Produzent, Techniker, Songwriter und Musiker zu sein. Das geht oft nicht zusammen. Deshalb wusste ich, dass ich mich zusätzlich limitieren muss. Ich habe Paul [Pfleger, Anm.] als Produzenten dazugeholt, der mich in musikalischer Hinsicht ergänzt. Er ist ruhig und gelassen – ich vertraue seinem Musikverständnis voll und ganz.

„Man kann – so gerne man auch würde – nicht alles können.“

Was hat zu der Einsicht geführt, sich selbst zu limitieren und gleichzeitig auch Einflüsse von außen zuzulassen?

Laurenz Jandl: Man kann – so gerne man auch würde – nicht alles können. Das zu realisieren ist wichtig.

In einem Interview mit FM4 hast du erzählt, du hättest für das Album mit einem Lyric-Generator gearbeitet. Wie kann man sich das vorstellen?

Laurenz Jandl: Gearbeitet ist übertrieben, das war ein einmaliger Spaß. In einem Anflug von Fadheit habe ich ein paar Wörter in einen Online-Generator eingegeben. Rausgekommen ist die Textzeile – „do I love facts more than her“. Das war der Spark für den Song „Scientist of Man“.

Fast schon sympathisch, dass der Computer so eine Zeile ausspuckt.

Laurenz Jandl: Ja, das war lustig [lacht]. Mir hat das getaugt. Dress to impress – das funktioniert für mich nicht wirklich. Ich muss die Sachen in erster Linie für mich selber machen. Leider vergesse ich das viel zu oft.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Christoph Benkeser

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YouTube-Konzert Laurie
10.04.2020 ab 20h
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