„Ich muss ehrlich sagen, dass ich beim Durchhören der alten Sachen oft erstaunt war.“ – CLEMENS BERGER (FACELIFT) im mica-Interview

Die Alternative-Rock-Band FACELIFT hat in diesem so ungewöhnlichen und herausfordernden Jahr ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Und das eher ohne jedes große Aufsehen. Zumindest bis zum November. Da erschien mit „Lost in the Dust“ (Pate Records) nämlich nach fünf Jahren Pause dann doch noch das achte Album der steirischen Band. Geplant war es aber eigentlich nicht. Wie es doch zur Veröffentlichung gekommen, ist verrät CLEMENS BERGER im Interview Michael Ternai.

Ihr habt nach dem letzten Album The Falling Trees eine längere Pause eingelegt. Was hat euch dazu bewogen, euch nach fünf Jahren mit dem Album „Lost in the Dust“ wieder zurückzumelden?

Clemens Berger: Dass wir ein Album machen, ist eigentlich aus einer spontanen Idee heraus geboren worden. Wir haben Anfang des Jahres eine Single herausgebracht und sind dadurch irgendwie wieder auf den Geschmack gekommen, etwas zu veröffentlichen. Noch dazu ist 2020 für uns ja auch ein Jubiläumsjahr. Jürgen (Kulmer; Anm.) und ich haben daraufhin damit begonnen, uns einen Überblick zu verschaffen, was noch an altem Material, dass nie fertiggestellt oder nie veröffentlicht wurde, da ist und waren echt überrascht, was es da zum Entdecken gab. Wir haben einige dieser alten Nummern hergenommen und sie neu bearbeitet. Dazu haben wir parallel auch neue Songs geschrieben. Am Schluss hatten wir plötzlich genug Nummern für ein ganzes Album zusammen. Ich habe dann Andrea (Orso-Hödl, Gesang, Bass; Anm.) angerufen und sie gefragt, ob sie nicht wieder mit dabei sein wollte und sie hat zugesagt. So ist das Album entstanden. Das Lustige an der Geschichte ist, dass wir uns aufgrund der gegebenen Umstände persönlich eigentlich gar nicht getroffen haben. Es hat jeder von uns seinen Teil quasi alleine bei sich zu Hause fertiggestellt.

Ist die Band in dieser Zeit eigentlich ruhend gestanden, oder war immer klar, dass es ein weiteres Album geben wird?

Cover “Lost in the Dust”

Clemens Berger: Wir waren nach unserem letzten Album vor fünf Jahren einige Zeit noch sehr aktiv und haben auch international viele Konzerte gespielt. Dann ist es zu einer Pause gekommen, ohne dass wir über eine gesprochen haben. Es war einfach nicht wirklich klar, was passieren soll oder wann und wie wir weitermachen sollen. Dann hat jeder begonnen, seine eigenen Sachen zu machen. Aber einen echten Schlussstrich haben wir nie gezogen, wir haben uns nie gesagt: „Okay, das war es jetzt.“ 

„Es ist interessant zu sehen, wie sich die Band in den Jahren verändert hat.“

Als ihr begonnen habt, euch wieder durch die alten Sachen zu hören, wie war das so, diese alten Schätze wiederzuentdecken? Habt ihr noch alles am Schirm gehabt, was ihr alles gemacht habt? 

Clemens Berger: Ich muss ehrlich sagen, dass ich beim Durchhören der alten Sachen oft erstaunt war. Vor allem darüber, wie wir manche Dinge gemacht haben. Die würde ich heute ganz sicher nicht mehr so komponieren und arrangieren. Aber ich denke, wie die Songs damals entstanden sind, war dann doch der damaligen Zeit geschuldet. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Band in den Jahren entwickelt hat. Ich habe es schon sehr spannend gefunden, sich selbst da wiederzuentdecken, das muss ich wirklich sagen. Manche Sachen habe ich sicher schon seit zehn, fünfzehn Jahren nicht mehr gehört. Und bei manchem hätte ich nur noch grob gewusst, wie es klingt. Das war schon lustig.

Wie vieles von diesem alten Material hat den Weg auf das neue Album gefunden?

Clemens Berger: Ich würde sagen, die Hälfte des neuen Albums besteht aus dem bearbeiteten alten Material. Wobei ich sagen muss, dass wir die Songs jetzt nicht groß verändert, sondern eher remastered haben, damit sie ein wenig frischer klingen.

So ein Zugang ist ja schon irgendwie auch ein Rückblick auf die musikalischen Wurzeln? Wie sehr hat sich euer Sound in den 25 Jahren entwickelt?

Clemens Berger: Man muss sagen, dass Andrea und ich ja aus ganz unterschiedlichen musikalischen Richtungen kommen. Andrea stammt aus einem extrem musikalischen Haushalt. Ich zwar auch, aber bei mir waren es vor allem Klassik und – über meine Großeltern – Kirchenmusik, womit ich aufgewachsen bin. Ich habe damals ja auch klassischen Klavierunterricht „genossen“. Andrea kommt ganz woanders her. Ihr Vater war riesen Stones-Fan und ihre Mutter hat sehr viel Gospel und Soul gehört. Wir haben uns damals in Graz kennengelernt, zu einer Zeit, in der ich schon eine Band hatte. Andrea ist erst etwas später dazugekommen und sie hat am Anfang auch nur Backround-Vocals gesungen. Irgendwann haben wir sie dann gefragt, ob sie nicht den Bass und den Gesang übernehmen könnte. So hat die ganze Geschichte eigentlich ihren Anfang genommen.
Musikalisch waren wir am Anfang mit den Gitarrenriffs und der Laustärke schon noch in härteren Gefilden unterwegs. Wie dann Andrea mehr und mehr den Frontgesang übernommen hat, sind wir schon deutlich melodiöser und ausgefinkelter geworden. Ich denke, das Einzige, was wir uns sicher bewahrt haben, ist, dass wir immer schon auch schräge Elemente in unsere Musik einbauen. Manche meinen, dass wir da und dort auch einen leichten punkigen Einschlag haben. Das ist mir eigentlich nie wirklich bewusst gewesen, aber bei näherem Hinhören kann das einem schon auffallen.

Hattet ihr nie wirklich Interesse daran, euch und eure Musik dem Pop zu öffnen? 

Clemens Berger: Wir waren von dem, wo wir hergekommen sind, eh schon der Meinung, dass wir poppig sind. (lacht) Es mag schon sein, dass es mal ab und dann Ideen gegeben hat, vielleicht ein wenig in diese Richtung etwas auszuprobieren. Aber im Grunde genommen haben wir uns im Songwriting und in der Produktion zumeist eh immer dorthin bewegt, wo wir uns musikalisch zu Hause fühlen.

„Wir haben uns schon gedacht, dass wir zum 25. Bandjubiläum irgendetwas machen sollten.“

Hat dieses Jahr mit der Krise irgendeinen Einfluss darauf, wie das Album klingt?

Bild Facelift
Bild (c) Facelift

Clemens Berger: Ich glaube, es wäre kein Album entstanden, hätte es die Krise nicht gegeben. Wir haben uns schon gedacht, dass wir zum 25. Bandjubiläum irgendetwas machen sollten. Aber ein Konzert, zu dem wir alle unsere ehemaligen Mitstreiter einladen, hat uns nicht sonderlich gereizt. Ebensowenig war es aufgrund der derzeitigen Lage für uns auch nicht wirklich möglich, ins Studio zu gehen. Jürgen meinte dann, dass wir eigentlich noch so viele Sachen haben, die wir nie veröffentlicht haben, und auch sonst einige Layouts von Songs vorhanden sind, die noch nicht fertiggestellt sind und bei denen man noch etwas machen könnte. Und ab dann ist er mir länger in den Ohren gelegen, ob wir das nicht zusammen fertigmachen könnten, was wir dann auch getan haben. Auf jeden Fall kann man sagen, dass das eine spannende Geschichte ist, in diesem so ungewöhnlichen Jahr eine unkonventionelle Produktion zu machen, die wir eigentlich gar nicht vorgehabt haben.

Inwieweit schmerzt es, das neue Album aufgrund der derzeitigen Lage nicht live vorstellen oder eine Tour spielen zu können.

Clemens Berger: Ich glaube, wenn die Krise vor vier, fünf Jahren passiert wäre und wir deshalb das Album nicht vorstellen hätten können, hätte uns das mehr geschmerzt. Aber da es jetzt so ist, dass Andrea die letzten Jahre live eigentlich kaum etwas gemacht hat und ich auch nur eher solo unterwegs war, berührt uns das jetzt nicht so sehr. Das Spielen von Konzerten war in den letzten Jahren für uns einfach nicht mehr Alltag. Ich denke aber, wenn wir dann hoffentlich in ein paar Monaten wieder auf der Bühne stehen, wird auch die Sehnsucht danach wiederkommen.
Es ist auch jeden Fall eine positive Überraschung, dass, nachdem wir ein paar Jahre nichts gemacht haben, anscheinend immer noch das Interesse an der Band da ist. Es hätte ja auch sein können, dass es niemanden interessiert, dass wir da etwas veröffentlicht haben. Das ist erfreulicherweise nicht so. Wir bekommen wirklich viel gutes Feedback.

25 Jahre ist eine lange Zeit. Wie viel von eurem Spirit, eurer Leidenschaft der Anfangstage habt ihr bis heute beibehalten. Oder habt ihr diesen erst wiederentdecken müssen. 

Clemens Berger: Das mit dem Wiederentdecken ist nicht ganz unrichtig. Ich bin während der Arbeiten an dem neuen Album draufgekommen, wie sehr mir es mir abgegangen ist. Es ist einfach etwas anderes, wenn man seine Solosachen macht oder mit der Band arbeitet. Ich hatte oft das Gefühl, dass die Sachen, die ich alleine gemacht habe, für mich nur halb befriedigend waren. Die Band habe ich fast mehr als mein halbes Leben gemacht und sie hat daher für mich einen ganz anderen Stellenwert.

Herzlichen Dank für das Interview.

Michael Ternai

 

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