Rojin Sharafi (c) Hessam Samavatian

„ICH MÖCHTE ZUFÄLLE ALS ÄSTHETIK DER IMPROVISATION WAHRNEHMEN“ – ROJIN SHARAFI IM MICA-INTERVIEW

Mit „Zangaar“ veröffentlicht ROJIN SHARAFI ihr zweites Album auf ZABTE SOTE, einem Label für experimentelle Musik aus dem Iran. Die aus Teheran stammende SHARAFI lebt, studiert und arbeitet seit acht Jahren in Wien, erhielt 2018 den ÖSTERREICHISCHEN KOMPONISTINNENPREIS und agiert an der Schnittstelle zwischen elektroakustischer Musik und visueller Medienkunst. Für „Zangaar“ kehrte SHARAFI zurück zur Literatur. Gedichte inspirieren die acht Stücke des Albums. Wie sie zur Poesie fand, warum Zufälle passieren müssen und was „Zangaar“ für sie bedeutet, erzählt ROJIN SHARAFI im Gespräch mit Christoph Benkeser.

Du veröffentlichst dein zweites Album „Zangaar“ auf Zabte Sote, einem Sublabel für iranische Musik des Künstlers Ata Ebtekar. Wie hast du Ebtekar, der in Teheran Musik produziert, kennengelernt?

Rojin Sharafi: Ata Ebtekar hat Anfang 2018 für den ersten Zabte Sote-Release, die „Girih: Iranian Sound Artists“- Compilation, nach einem Track gefragt, nachdem mich Nima Aghiyani und Sara Bigdeli Shamloo (9tAntiope) ihm vorgestellt hatten. Ich habe mich sehr gefreut, dass er ein Label begründen möchte. Persönlich lernte ich ihn im Sommer 2018 beim SETxCTM Festival in Teheran kennen, als man mich einlud, dort zu aufzutreten. Ich habe in einem berühmten Theater in Teheran gespielt. Für mich war das das erste Mal, dass 150 Leute vor mir saßen und konzentriert meine Musik gehört haben. Außerdem war es emotional berührend, meine Musik auf einer Bühne in meiner Heimat vorzustellen.

Wie war dieser Moment, mit deiner Musik nach Teheran zurückzukehren?

Rojin Sharafi: Ich habe akustische Musik komponiert bis ich 20 war. Erst dann habe ich mit elektro-akustischen Kompositionen begonnen. Diese große Veranstaltung in Teheran kam früh in meiner Karriere. Das war verrückt. Außerdem konnte ich kaum glauben, dass so etwas stattfindet.

Wieso war das eine Überraschung? 

Rojin Sharafi: In Teheran spielen sehr viele Faktoren mit, wenn man eine große Veranstaltung organisiert. Es gibt Zeitperioden, in denen es besser geht –, wegen politischen und sozialen Situationen. Erwischt man den richtigen Zeitpunkt, kann es funktionieren. Aber es ist immer mit Improvisation verbunden.

Die Improvisation hat Ata Ebtekar in einem Interview mit der iranischen Kultur in Verbindung gebracht, indem er sie mit dem Verkehr in Teheran verglichen hat: Für Außenstehende sieht es nach Chaos aus. Aber es gibt eine Struktur, die das Chaos zusammenhält.

Rojin Sharafi: Improvisieren hat viel mit dem Zulassen von Zufällen zu tun und mit der Entscheidungsfindung im Moment. Ich improvisiere oft mit verschiedenen Instrumenten oder elektronischen Geräten. Dadurch nehme ich lange Schichten und Spuren verschiedener Stimmen auf, die ich nach der Aufnahme anhöre und intuitiv weiterverwende –, indem ich sie zusammensetze, verfremde oder abstrahiere. Vieles passiert im Moment der Improvisation, die Form der Komposition ist allerdings wichtig bei mir. Ich mag Strukturen, obwohl ich Wert auf Improvisation lege. Diese Zufälligkeit und die Veränderungen, die im Moment und nicht durch Automationen passiert sind, machen meine Musik aus. Ich könnte sie schwer durch Post-Produktion erreichen, weil der Moment, und was in ihm passiert, als Teil der Komposition wirkt.

Du sprichst vom Zufall als Fehler. 

Rojin Sharafi: Zufälle, die passieren, möchte ich als Ästhetik der Improvisation wahrnehmen – und nicht als etwas Falsches, das man aktiv verhindern will. Bei Tracks, auf denen ich weniger improvisiere, sondern stärkeren Fokus auf die künstliche Zusammensetzung lege, brauche ich länger, um sie interessant zu gestalten. Wenn improvisatorische Spuren da sind, ist es wiederum leichter, auch andere Zufälle passieren zu lassen.

Wie kann man sich diese Arbeitsweise vorstellen? 

Bild Rojin Sharafi
Rojin Sharafi (c) Hessam Samavatian

Rojin Sharafi: Einzelne Linien, von denen ich denke, dass sie zusammenpassen könnten, lege ich übereinander, um zu sehen, wie sie miteinander reagieren. Beim ersten Album war es umgekehrt. Ich nahm einzelne Linien auf und setzte sie später zusammen. Auf dem aktuellen Album habe ich oft alle Linien, die ich aufgenommen habe, gleichzeitig zusammengespielt.

Wie bestimmst du für dich, wann etwas nicht zusammenpasst? 

Rojin Sharafi: Manchmal ist das Ergebnis einer Improvisation besser als der Versuch, die Komposition nachträglich zu bearbeiten. Ein Beispiel: Vor kurzem hat mir das Rokolective Festival den Auftrag für einen Soundtrack zu einem kurzen Non-Human-Video gegeben. Arash Akbari, ein Musiker aus Teheran hat AI-generierte Daten von unterschiedlichen Fungi, Bakterien und anderen mikroskopischen Lebewesen zusammengemorpht, ich habe die Musik beigesteuert. Der visuelle Bezug führte zu einer auditiven Ästhetik. Auf dem Album wollte ich hingegen acht unterschiedliche Klangcharaktere haben. Die Tracks sollten sich untereinander unterscheiden und eine textliche Verbindung zulassen.

Morphosis from Rojin Sharafi on Vimeo.

Die textliche Verbindung schaffst du über Gedichte, die du für die einzelnen Stücke geschrieben hast. Auf deiner Homepage findet man poetische Texte, die du vor einigen Jahren geschrieben hast. Letzte Einträge datieren auf das Jahr 2017. Was hat den Ausschlag gegeben, wieder zu schreiben? 

Rojin Sharafi: Die Kombination von Literatur und Musik habe ich immer spannend gefunden.  Auf dem ersten Album habe ich ein imaginäres Dorf und damit einen anderen Ort als außenstehende Betrachterin nacherzählt. Mit „Zangaar“ erzähle ich, was ich selbst erfahren habe. Für das dritte Album plane ich eine Kombination beider Herangehensweisen. Ich möchte eine fiktive Situation erzählen, die ich aus meiner Sicht erlebe – eine Kombination von erster und dritter Person.

Trotzdem war der Bezug zur Literatur eine Zeitlang nicht dein primärer Fokus. Was hat dich zurückgeführt? 

Rojin Sharafi: Zu lesen und schreiben, Filme anzuschauen und Fotografien anzufertigen waren früher meine Haupthobbys. Als das erste Album erschien und ich automatisch einen stärkeren Fokus auf meine Musik legte, traten diese Hobbys in den Hintergrund. Bei meiner Reise im letzten Sommer konnte ich sie ganz natürlich reaktivieren, weil das Ausbrechen aus dem Alltag mir ermöglicht hat, mein Leben mit Abstand zu betrachten. Auf einmal konnte ich wieder schreiben. Im Stress des Alltags war es immer schwierig, das Erlebte zu reflektieren.

Wohin hat dich diese Reise geführt?

Rojin Sharafi: An die Côte d’Azur. Meine Schwester lebt seit letztem Jahr in Frankreich, wir sind zusammen mit unseren Eltern gereist. Es war eine Zeit, in der ich keine Sorgen hatte. Ich konnte entspannen. Das passiert selten.

„WEDER DIE MUSIK NOCH DIE GEDICHTE SOLLTEN IM VORDER- ODER HINTERGRUND STEHEN.“

Die Entspannung hast du produktiv genutzt wie Roland Barthes Schriftstellerin in Ferien.

Rojin Sharafi: Ich habe Gedichte geschrieben. Am Anfang wusste ich nicht, dass daraus ein Album entstehen könnte. Ich hatte ein Projekt im Kopf, bei dem ich Literatur und Musik als ebenbürtige Partnerinnen verstanden wissen wollte. Weder die Musik noch die Gedichte sollten im Vorder- oder Hintergrund stehen, ich ließ beiden die gleiche Wichtigkeit zukommen. Allerdings gingen die Gedichte den Tracks voraus. Der Versuch war, sie mit Musik zu kombinieren. Das gelang mir auf dieser Reise gut, weil ich keinen Druck spürte. Im Alltag passiert das kaum, was mit meiner Beziehung zu Wien zu tun hat. Ich kam 2012 hierher. Wenn ich jetzt zurückblicke, merke ich, dass es eine schwierige Zeit für mich war. Es gab Druck, das ständige Sich-Beweisen an der Musik-Universität, die in unangenehme Situationen geführt haben.

Welche Erinnerungen hast du an deine erste Zeit in Wien?

Rojin Sharafi: Ich hatte oft das Gefühl, dass es viele Vorurteile gibt, mit denen ich auf einmal konfrontiert war. Ich bin sensibel gegenüber Ungerechtigkeiten. Wenn man nicht weiß, wie man mit den Ungerechtigkeiten umgehen kann – zum Beispiel, weil man jung ist oder die Sprache nicht gut genug kann – ist es schwierig, richtig zu reagieren. Mittlerweile ist es leichter. Ich bin älter geworden und habe mehr Erfahrung.

Du hast von Anfang an Komposition und Tonmeisterin studiert. Gab es für dich Unterschiede zwischen den Studienrichtungen in Bezug auf deine Erfahrung mit diesen Situationen und Vorurteilen? 

Rojin Sharafi: Pro Studienjahrgang werden nur sieben bis zehn Leute aufgenommen. Es gibt weniger Frauen – und noch weniger internationale Studentinnen. Ich war in einer Gruppe aus Menschen, die aus Österreich und Deutschland kamen. Außerdem hatten wir damals nur männliche Professoren. Es gab immer einen Schockmoment, wenn man mich gefragt hat, woher ich komme.

Du warst permanent in einer Position, in der du dich erklären musstest. 

Rojin Sharafi: Es ist ein System, das sich ständig reproduziert. Nur wenige sind bereit, sich zu öffnen, neue Blicke zu wagen und mehrere Stimmen zu hören. Diese Spaltung bezieht sich einerseits auf eine Geschlechterungleichheit und zum anderen auf die Herkunft der Menschen. Auf der Uni habe ich eine Wahrheit kennengelernt: klassische Musik von Männern, die die Professoren immer loben.

Du sprichst damit den männlich dominierten Kanon der Musiktheorie an.

Ich habe vor Kurzem ein Video gesehen, indem gesagt wird, dass man das, was man Musiktheorie nennt, in die Theorie europäischer Männer des 18. Jahrhunderts umbenennen müsste. Das ist ein langer Weg, der auch mit der Finanzierung der Musikuniversitäten zusammenhängt. Man müsste sich offen der Frage stellen, welche Intentionen gefördert werden. Schließlich glaubt man bis heute, dass man nur interessante Musik komponieren könne, sofern man die Tradition in ihrer Ganzheit fördert. Auf die Gegenwart der Musik hat diese Einstellung aber einen schlechten Einfluss. Ich sehe das in den Aufträgen, die vergeben werden. Zeitgenössische Musik, die als moderne Musik unserer Zeit wahrgenommen wird, steht über elektronischer Musik, die man als etwas Fremdes erachtet.

„Zangaar“, der Titel deines Albums, wirkt dadurch als subtile Kritik. Übersetzt heißt es: „Der Staub der Zeit, der die Erinnerung überdeckt“. 

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Rojin Sharafi (c) Hessam Samavatian

Rojin Sharafi: Ich habe mir extra eine genaue Übersetzung rausgeschrieben. Als Zangaar bezeichnet man das Korrosionsprodukt, das aus Blech und durch die Oxidation mit Sauerstoff entsteht. Für mich ist das wie der Staub der Zeit. Oft möchte man diesen Staub wegfegen, um das wirkliche Bild zu sehen. Für mich geht das aber nicht. Das Bild, das durch diesen Staub abstrakt wird, muss man akzeptieren. Die Zeit ist eine wichtige Komponente in diesem Prozess. Deswegen habe ich versucht, die Erinnerungen und Geschichten auf diesem Album mit der Distanz und dem zeitlichen Abstand betrachtet.

„ES GEHT UM DEN INTIMEN KAMPF MIT SICH UND DER WAHRNEHMUNG SEINER SELBST ALS ZWEITE PERSON.“

Ich musste an den Begriff der Patina denken, den ich als Aura verstehe, die greifbar wird. Wir empfinden etwas als schön, das gleichzeitig als Überbleibsel der Vergangenheit und als Zeichen der Zugehörigkeit in der Gegenwart wirkt.

Rojin Sharafi: Ich hatte das Bild im Kopf, bei dem ich das Korrosionsprodukt auf einen Spiegel platziere, in dem man sich selbst sieht. Auf dem Stück „Toom“ ist dieser Gedanke stark. Es geht um den intimen Kampf mit sich und der Wahrnehmung seiner selbst als zweite Person.

Zangaar wird damit zum Überbegriff für einzelne Erinnerungserinnerungen? 

Rojin Sharafi: Ja, die jeweiligen Tracks haben unterschiedliche Beziehungen mit dem Begriff Zangaar. Es gibt drei oder vier Tracks, die aus meiner eigenen Erinnerung an die Vergangenheit entstanden sind. Die anderen Tracks erzählen eine Geschichte, die ich in der Vergangenheit entwickelt habe. Das waren Ideen für Kurzgeschichten oder -filme, die ich im Rahmen von Gedichten erzählen wollte. In ihrer Erzählung gibt es kein geschlossenes Ende, es bleibt offen.

Damit verhinderst du, eine Wahrheit vorzugeben.

Rojin Sharafi: Ja, dadurch werden die Geschichten mehrdeutig. Man kann sie auf verschiedene Weisen lesen, weil es keinen konkreten Fokus innerhalb der Handlung gibt. Es existieren zwei Geschichten – eine im Vordergrund und eine andere im Hintergrund. Man könnte annehmen, dass die Geschichte, die im Vordergrund abläuft, wichtiger ist. Ich setze aber keinen Fokus und lasse beide Geschichten miteinander interagieren. Für mich wirkt die Geschichte im Hintergrund dadurch an manchen Stellen sogar stärker.

Wie unterscheidest du, was im Vorder- und was im Hintergrund abläuft? 

Rojin Sharafi: Auf dem sechsten Stück, „Choruk“, erzähle ich eine Strandsituation nach. Es ist ruhig, ich beschreibe die Menschen. Am Ende dieser Momentaufnahme kommt es zu einem Dialog zwischen zwei Personen, die eine neue Bedeutung in das zuvor ruhige Bild bringt.

Das ist die Interaktion, von der du sprichst. Die Geschichte tritt aus dem Hintergrund hervor.

Rojin Sharafi: Die Wechsel in der Wahrnehmung finden permanent statt und dauern nur kurze Momente an, ja.

Die Geschichten entstanden auf einer Reise, seit der einige Zeit vergangen ist. Wie hat sich der Blick auf diese Erzählungen inzwischen verändert? 

Rojin Sharafi: Wenn ich mir die Geschichten heute durchlese oder die Bilder betrachte, merke ich, dass sich wenig verändert hat. Ich kann sie nicht anders interpretieren, weil sie sich in meiner Erinnerung verfestigt haben – durch das Aufschreiben, durch das Fotografieren. Es ist wie eine Therapie, weil sie, wenn sie fest werden, zu einem Schluss kommen.

Das ist spannend! Danke, dass du diesen Prozess teilst.

Rojin Sharafi: Mir war es deshalb wichtig, dass ich für Leute, die kein Persisch verstehen, eine Vorstellung kreiere. Das ist schwierig, weil es auf eine Interpretation der Interpretation hinausläuft. Man kann die Gedichte übersetzen oder einen Text als Erzählung über das Gedicht zu schreiben. Das verfälscht aber die Mehrdeutigkeit der Gedichte im Original. Ich wollte ihnen zum Beispiel auf Deutsch keine bestimmte Bedeutung vorgeben, obwohl sie in Persisch mehrdeutig wären. Mit meiner Freundin Aida Ebrahimi habe ich diskutiert, wie wir die Bedeutung auf wenigen Zeilen beschreiben können.

Weil durch die Übersetzung etwas dazukommt oder wegfällt, das in der ursprünglichen Bedeutung nicht vorgesehen ist. 

Bild Rojin Sharafi
Rojin Sharafi (c) Hessam Samavatian

Rojin Sharafi: Der Trick ist, dass man jeden Track und jedes Gedicht unterschiedlich behandelt. Bei manchen reicht es, wenn man die Idee beschreibt und die Realisierung weglässt. Bei anderen genügt die Übersetzung eines einzigen Satzes. Das hat Aida wunderbar geschafft.

Dazu passt, dass du Geschichten gerne „abstrakt erzählst“, wie du im letzten mica-Interview erzählt hast. 

Rojin Sharafi: Bis auf das letzte Gedicht lassen sie sich leicht als Geschichte verfolgen. Für mich war das neu, weil ich meine bisherigen Geschichten abstrakt erzählt habe. Ich wollte mit „Zangaar“ aber etwas erzählen, das man nachverfolgen kann.

Letztes Jahr hast du im Rahmen der Viennale den Stummfilm „Die Warschauer Zitadelle“ vertont. Ist das eine Form der Geschichtenerzählung, die du weiterverfolgen möchtest? 

Rojin Sharafi: Beide Ansätze sind interessant. Entweder man geht von einem bestehenden Bild aus und versucht, das Bild musikalisch zu interpretieren. Oder es entstehen neue Bilder durch die Musik. Ich habe zuletzt mit einer Freundin an einem Musikvideo gearbeitet. Es war ein ständiger Austausch visueller und auditiver Stücke. Das hat dazu geführt, dass die Visuals die Musik und die Musik die Visuals beeinflussen. Projekte, bei denen andere Medien Einfluss auf meine Musik nehmen, möchte ich deshalb genauso weiterverfolgen wie die Zusammenarbeit mit anderen Musiker*innen.

Bisher hast du als Solomusikerin gearbeitet. Welche Momente haben zu dieser neuen Offenheit geführt?

Rojin Sharafi: Im Rahmen der Wiener Festwochen trat ich Mitte September mit der Sängerin Golnar Shahyar auf. Vor dem Konzert waren wir beide wenig in Wien. Wir trafen uns erst vier Tage vor dem Auftritt, improvisierten gemeinsam – und wir ergänzten uns wunderbar. Als wir uns am nächsten Tag die Aufnahmen angehört haben, haben wir versucht, Teile davon zu reproduzieren. Allerdings ist das Moment des exakten Reproduzierens einer Improvisation schwierig. Wir haben uns darauf geeinigt, einige Anhaltspunkte im Set einzubauen, um die restliche Zeit frei zu improvisieren. Am Ende spielten wir über eine Dreiviertelstunde, eine schöne Erfahrung.

Man darf auf weitere Zusammenarbeiten mit dir und Golnar hoffen?

Rojin Sharafi: Ja, wir planen weitere Zusammenarbeiten. Derzeit entsteht außerdem ein Projekt an, bei dem ich mit einem iranischen Sänger und einer Saxofonisten spielen werde. Der Sänger spielt mehrere persische Saiteninstrumente und hat sich während der Quarantäne mit traditioneller Tanzmusik aus dem Iran beschäftigt. Er meinte zuletzt, dass viele dieser Tanzmusiken aussterben werden. Die Regierung zeigt kaum Interesse, diese Tradition zu behalten. Aktuell hört man diese Art von Musik nur noch bei Hochzeiten oder Begräbnissen.

Du wohnst seit acht Jahren in Wien, bezeichnest die Stadt als Zuhause. Wie ist dein Bezug zu Teheran? 

Rojin Sharafi: Ich habe eine komplizierte Beziehung zum Iran, obwohl oder gerade weil ich jeden Tag die politischen Nachrichten verfolge. Ich fühle mich auch verantwortlich, das hat mehrere Gründe … 

Von welcher Verantwortung sprichst du?

Rojin Sharafi: Mein Vater war in seiner Jugendzeit politisch aktiv. Zuhause haben wir immer über Politik, Geschichte und soziale Fragen gesprochen. In der Volksschule wusste ich bereits viel über die zeitgenössische Geschichte des Iran und ich hatte das Gefühl, dass ich es anderen Kindern erzählen muss. Dieses Bedürfnis ist in mir geblieben. Es ist eine Verantwortung, die ich fühle.

Dass du dein Wissen an andere Menschen weiterreichst? 

Rojin Sharafi: Als ich jünger war bestimmt. Mittlerweile möchte ich dort, wo ich wohne, Veränderungen anstoßen – für mich und für andere. Seitdem ich in Wien lebe, habe ich mich in Sachen Ungerechtigkeit und Ungleichheit weitergebildet. Ich will meine Umgebung fordern, um zum Beispiel Diskussionen über Intersektionalität anzustoßen. Deshalb frage ich mich immer, was ich in meiner Umgebung oder in der Musikszene, innerhalb der ich mich bewege, beitragen kann, um kulturelles aber auch soziales Wissen aus dem Iran weiterzureichen.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Christoph Benkeser

 

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