„Ich merkte, dass ich mich harmonisch nicht so weit ausdrücken konnte, wie ich es eigentlich wollte“ – TOMÁ (TOMÁ IVANOV) im mica-Interview

Musik, die ihren Reiz aus den musikalischen Gegensätzen bezieht – auf „Atom“ (Label Tishina Records), dem Debütalbum des Linzer Produzenten und Gitarristen TOMÁ IVANOV aka TOMÁ, verweben sich elektronische Musik, Jazz und Pop auf wunderbar vielfältige Weise zu einem Sound, der sich perfekt zwischen Gefälligkeit und Tiefgang einpendelt und so ausgesprochen aufregende Akzente setzt. Im Interview mit Michael Ternai erzählte TOMÁ, warum er es für sich als notwendig erachtete, sein musikalisches Spektrum zu erweitern, welche Soundvorstellungen er für sein Debütalbum hatte und welche Inhalte den roten Faden durch seine Songs bilden.

Hört man sich durch dein Album „Atom“, kann man schnell den Eindruck bekommen, dass wirklich viel Arbeit hinter diesem steckt. Die Musik ist musikalisch sehr vielfältig und detailreich ausgearbeitet. Wie herausfordernd war es, dieses Album zu schaffen? 

TOMÁ: So schlimm war es dann nicht. Viele der Kompositionen sind schon in den Jahren davor entstanden. Ich habe sie für dieses Album nur wieder aufgegriffen. Der zeitliche Aufwand, das Album zu produzieren, war daher überschaubar. Mit den Recordings begonnen haben wir im Februar 2020. Die dauerten etwa zwei Wochen, dann war eigentlich alles im Kasten. Danach habe ich die Aufnahmen noch über drei Monate ausproduziert. Dieser eher kompakte Rahmen ist, glaube ich, die für mich passende Herangehensweise, weil es für mich schwierig ist, wenn ich zu lange an etwas arbeite. Ich bekomme dann das Gefühl, dass sich die Dinge verlieren, weil ich irgendwann einmal musikalisch auch schon woanders bin. Bei dem Album, auf dem so viele verschiedene Stilistiken vertreten sind, war es wichtig, es so hinzubekommen, dass es sich wie aus einem Guss anhört.

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Hast du alle Stücke des Albums komponiert oder sind einige so entstanden, dass du einfach nur so drauflosproduziert hast?  

TOMÁ: Es ist eigentlich beides. Ich habe ja einen Produzenten-Background. Auf der anderen Seite aber auch ein wenig einen akademischen Jazz-Background. Ich denke, Sachen aufzuschreiben, ist manchmal schon ein Vorteil, vor allem dann, wenn du mit Instrumentalistinnen und Instrumentalisten arbeitest oder die chords, aus denen du einen Song bastelst, etwas komplexer sind. Im Grunde genommen ist ja jeder chord, der über einen Dreiklang hinausgeht, schwierig. Deswegen muss alles genau ausnotiert sein.
Generell würde ich sagen, dass es sich die Waage hält. Viele Tracks sind aus dem Produktionskontext entstanden, bei dem ich viel mit Sounds und anderen Dingen experimentiert habe. Andere Sachen dagegen habe ich wirklich ausnotiert. Zum Beispiel die Tracks, in denen Streichersätze zum Einsatz kamen, wie etwa die Nummern „Catharsis“ mit Lou Asril und „French Scene“ mit Esther Esrah.

„Die Vorstellung, die ich hatte, war, diese beiden Welten miteinander zu verbinden […]“

„Atom“ ist ein stilistisch gesehen ein sehr breites Album. Jede Nummer erzählt musikalisch ihre eigene Geschichte. Und dennoch herrscht eine durchgehende Grundstimmung: verträumt, schwebend, aber dennoch eigen und anspruchsvoll. Hattest du, als du begonnen hast, am Album zu arbeiten, schon eine Vorstellung, wohin es gehen wird?

TOMÁ: Doch, eine gewisse Vorstellung hatte ich schon, weil ich mich schon auch an meinen eigenen musikalischen Vorlieben orientierte. Ich stehe halt auch auf diesen Lo-Fi-Sound und Ähnliches. Gleichzeitig mag ich aber auch etwas dichtere Harmonien und interessante Arrangements. Die Vorstellung, die ich hatte, war, diese beiden Welten miteinander zu verbinden und diese dichteren Harmonien in einem etwas poppigeren Kontext aufgehen zu lassen. Letztlich war es mein Ziel, Nummern zu schaffen, die man sich einfach anhören kann, die gleichzeitig aber auch in die Tiefe gehen. Das Album sollte auf keinen Fall ein anstrengendes Hörerlebnis werden.

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TOMÁ (c) Paul Schuetz

Das Album bietet einige echte Highlights, wie etwa die von dir erwähnte Nummer „Catharsis“, die Lou Asril eingesungen hat. Aber auch „Outsight“ mit der Sängerin Viviane Toebich, die eine wahnsinnige gesangliche Performance hinlegt, genauso wie Esther Esrah bei ihren Songs. Wo hast du diese außergewöhnlichen Stimmen entdeckt? 

TOMÁ: Ich muss sagen, so etwas fügt sich bei mir immer ganz gut. Diese Features ergeben sich eigentlich immer einfach. Wie ich auf Viviane Toebich gekommen bin, ist eigentlich eine interessante Geschichte. Ich arbeitete einmal in Enns in einem Kulturzentrum und machte dort immer ein wenig Veranstaltungsorganisation. Die Eltern von Viviane saßen in diesem Verein im Vorstand. Über sie lernte ich dann Viviane kennen, ohne aber irgendeine Ahnung davon zu haben, dass sie singt. Irgendwann spielte sie aber mit einer Band eben in dieser Location. Und als ich sie gehört habe, dachte ich mir, dass sie echt Potenzial hat. Und dann habe ich einfach einmal etwas mit ihr gemacht und ein paar Sachen ausprobiert. Das war aber noch vor dem Album. Sie ist ja noch extrem jung, da kommt mit Sicherheit noch einiges.

Inwieweit hast die Songs den die einzelnen Sängerinnen und Sängern auf den Leib geschneidert?

TOMÁ: „Outsight“ habe ich tatsächlich für Viviane geschrieben. Als ich angefangen habe, den Song zu komponieren, habe ich schon gewusst, dass es einer für Viviane wird, und habe im Prozess dann den Text auch noch geschrieben.

„Letztlich stellt dieses Album in gewisser Weise für mich auch eine Art persönlicher Neuerfindung dar.“

Was sind die Inhalte der Songs? Steckt eine bestimmte Message hinter den Texten?

TOMÁ: Ein richtiges Konzept war am Anfang nicht geplant, am Ende aber hat sich auch hier vieles gut zusammengefügt, wobei ich dennoch nicht von einem Konzeptalbum sprechen will. Aber es zieht sich schon so etwas wie ein roter Faden durch.
Ich habe das Album mit „Atom“ betitelt. Ein Atom ist die kleinste Einheit, die etwas bildet bzw. in die etwas zerstört werden kann. Im Grunde genommen läuft es darauf hinaus, dass aus dieser kleinsten Einheit immer auch etwas Neues entstehen kann. Daher sehe ich in so einem Atomisierungsprozess auch nicht ausschließlich etwas Negatives. Dieses Auflösen und das erneute Zusammenwachsen passieren auf allen Ebenen, im Kleinen wie im Großen. Man muss sich nur die Welt von heute ansehen, in der in vielen Bereichen eine Art Neuorientierung stattfindet.
Letztlich stellt dieses Album in gewisser Weise für mich auch eine Art persönlicher Neuerfindung dar. Ich war lange Zeit nur in der Produktion und im Club-Kontext tätig, dann war ich im Jazz-Bereich unterwegs. Jetzt kommen auf dem Album all diese verschiedenen Seiten von mir zusammen, was auch in den Texten Ausdruck findet.
Die Songs beschreiben im Grunde genommen die verschiedenen Phasen einer persönlichen Metamorphose. „Outsight“ beschreibt zum Beispiel eine Phase, in der man sich verliert und nicht mehr genau weiß, wer man eigentlich ist, und sich erst dann wiederfindet. „Wrong“ beschreibt die Phase, in der man sich bewusst dafür entscheidet, den falschen Weg zu gehen.

Bild TOMÁ
TOMÁ (c) Alice Matern

„Irgendwann war mir das aber zu wenig.“

Was deinen musikalischen Werdegang interessant macht, ist, dass du zunächst Produzent elektronischer Musik warst und erst recht spät ein Jazzstudium begonnen hast. Das ist eher selten. Man kennt es eher andersherum.

TOMÁ: Das stimmt. Der Weg ist ein eher atypischer. Normalerweise ist es so, zumindest meinem Eindruck nach, dass viele Musikerinnen und Musiker zuerst ein Instrument lernen, dann komponieren und am Ende vielleicht zu produzieren beginnen. Das war bei mir tatsächlich anders. Ich habe zuerst produziert, dann komponiert und erst dann begonnen, mich wieder intensiver mit meinem Instrument zu beschäftigen. Ich habe allerdings immer schon Gitarre gespielt, aber nie so wirklich diszipliniert.
Für mich war am Anfang vor allem der kreative Part interessant. Ich wollte immer schnell irgendeinen Output haben. Deswegen war das Produzieren für mich zunächst verlockender. Ich habe sehr früh mit dem Produzieren begonnen und hatte einige Techno-Projekte am Laufen. Ich habe auch einiges für andere Leute gemacht.
Irgendwann war mir das aber zu wenig. Ich merkte, dass ich mich harmonisch nicht so weit ausdrücken konnte, wie ich es eigentlich wollte. Ich dachte mir, dass ich mich hier weiterentwickeln müsste. Daher beschloss ich, alles einmal für einige Zeit hinter mir zu lassen und wieder damit zu beginnen, intensiv Gitarre zu üben und Jazz zu studieren. Das war schon ziemlich herausfordernd. Es ist schon etwas anderes, wenn man mit fünfzehn beginnt, ein Instrument richtig zu lernen, als mit Ende zwanzig. Aber es hat, wie das Album jetzt zeigt, Sinn gemacht, es zu tun.
Das Studium hat mich quasi zu dem geführt, was ich machen wollte. Ich habe gemerkt, dass mir nur Produktion zu wenig ist, genauso wie es mir zu wenig erschien, nur Jazz zu machen. So gesehen habe ich mein Glück darin gefunden, Brücken zwischen diesen beiden Welten zu schlagen.

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Wie sehen deine nächsten Pläne aus? Gibt es eine Idee für eine Livepräsentation des Albums?  

TOMÁ: Ja, diesbezüglich habe ich mir schon ein Konzept überlegt – meine fünfköpfige Band plus Features, die dann variabel mit dabei sind, je nachdem, wo wir spielen. Was Konzerte anbelangt, habe ich aber jetzt noch nichts Konkretes, weil ich erst abwarten will, wie es sich entwickelt. „Atom“ ist ja mein Debütprojekt und die Leute kennen mich noch nicht. Ich glaube, wenn das Album einmal draußen ist, sind die Rahmenbedingungen für mich auch besser, etwas dahingehend auf die Beine zu stellen. Aber da kommt auf jeden Fall noch etwas und ich habe schon sehr stark vor, eine Tour aufzustellen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

„Atom” erscheint am 30.6. bei Label Tishina Records.

 

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