Natalia Domínguez Rangel (c) Simon Veres

„Ich mag das Wort isotrop“ – NATALIA DOMíNGUEZ RANGEL im mica-Interview

Im Rahmen seines Artists-in-Residence-Programms stellt das BUNDESKANZLERAMT in Kooperation mit KULTURKONTAKT AUSTRIA ausländischen Kulturschaffenden Stipendien zur Verfügung. Von April bis Juni 2017 war die kolumbianische Komponistin NATALIA DOMÍNGUEZ RANGEL zu Gast in Österreich. Marie-Therese Rudolph sprach mit ihr über ihre Entscheidung, ihren Lebensmittelpunkt nach Amsterdam zu verlegen, die Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern sowie über ihre aktuellen Projekte.

Sie haben in Kolumbien studiert, bitte erzählen Sie uns, wie die dortige Situation für Komponistinnen und Komponisten sowie Musikerinnen und Musiker ist. 

Natalia Domínguez Rangel: Ich studierte drei Jahre lang an der Universidad Javeriana in Bogotá Musik mit Schwerpunkt Komposition, Musikproduktion und Tontechnik. Das war zwar in Ordnung, aber ich stand in Kolumbien vor dem Problem, dass meine Musik nicht aufgeführt wurde. Dort ist das Musikleben sehr traditionell, es kommt vor allem klassische und romantische Musik zur Aufführung. Wir Studierenden hatten nicht viel Zugang zur zeitgenössischen Musik und auch keine Informationen darüber. Es war alles sehr kompliziert, weil es auch keine spezialisierten Musikerinnen und Musiker gab.

Wie haben Sie dann die unterschiedlichen Richtungen der Neuen Musik kennengelernt, wenn sie nicht aufgeführt wurde? 

Natalia Domínguez Rangel: An der Universität gab es immer jemanden, der etwas darüber erzählen konnte, weil er im Ausland gewesen war oder über mehrere Ecken jemanden kannte, der Kassetten oder Aufnahmen hatte. Es gab da einen Austausch und einen richtigen Markt für zeitgenössische Musik. Das alles war mir allerdings zu wenig und daher verließ ich mein Heimatland Kolumbien.

Gibt es mittlerweile Ensembles für Neue Musik in Kolumbien? 

Natalia Domínguez Rangel: Ja, das Ensemble CG und ein paar andere. Ich bin jetzt seit 14 Jahren aus dem Land weg und habe aktuell nicht mehr ganz den Überblick. Ich versuche aber seit Kurzem, den Kontakt zu intensivieren. Bei meinem letzten Aufenthalt gab ich Workshops, traf viele Menschen und konnte eine spürbare Veränderung bemerken.

„Einmal nicht für die Schublade zu schreiben …“

Das heißt, Sie können die Studierenden in Kolumbien nun mit Ihrem Wissen und Können unterstützen und fördern? 

Natalia Domínguez Rangel: Genau. Aber heute ist die Situation eine ganz andere und der Zugang zu Informationen und Aufnahmen durch das Internet ein sehr einfacher und umfassender.
Ich möchte auch sehr gerne eines meiner Projekte in Kolumbien verwirklichen. Das wäre schön und ich könnte es mit einem Ausbildungsprogramm verbinden. Etwa indem ich Kulturschaffende sowie Musikerinnen und Musiker aus Europa mitbringe, die dann an der Universität Kurse halten, und wir die Möglichkeit zu einem intensiven Austausch bieten – das wäre großartig. Dort ansässige Komponistinnen und Komponisten könnten für das Ensemble Stücke schreiben. Da fällt mir sehr viel dazu ein! Das wäre sehr inspirierend. Ich kann mich noch gut erinnern, wie es war, als ich nach Europa kam und hier das erste Mal meine Musik von Studierenden gespielt wurde. Das war ein richtiges Aha-Erlebnis. Einmal nicht für die Schublade zu schreiben …
Es ist die beste Schule, Feedback von Musikerinnen und Musikern zu bekommen. Natürlich kann man Partituren studieren, analysieren etc., aber am Ende stehen immer die Zusammenarbeit und das Hören.

Sie gingen von Kolumbien direkt nach Amsterdam. Wie kam es zu dieser Entscheidung? 

Natalia Domínguez Rangel: Ich war hin- und hergerissen zwischen Amsterdam und Berlin. Ich studierte Deutsch, weil ich von dieser Sprache fasziniert war. Ich liebe den Klang der deutschen Sprache und war begeistert von der Idee, nach Berlin zu gehen. Aber dann lernte ich meinen zukünftigen Lehrer in Amsterdam, den Belgier Wim Hendrickx, kennen, später dann studierte ich bei Fabio Nieder, von dem ich sehr beeindruckt war. Daher fiel die Entscheidung zugunsten von Amsterdam. Was mir an dieser Stadt besonders gefällt, ist, wie das akademische System funktioniert. Es ist sehr offen und entspannt – man muss seinen eigenen Weg hindurchfinden, es gibt keinen vorgegebenen. In Deutschland hingegen gibt es einen bestimmten Weg, den man gehen muss, das empfinde ich als einen sehr konservativen Ansatz. Nachdem die Universität in Kolumbien etwas verstaubt war, wollte ich etwas ganz anderes und meinen eigenen Weg finden.
Ich machte 2010 meinen Master in Komposition und lebe nach wie vor in Amsterdam. Dort gefällt es mir sehr gut und ich fühle mich künstlerisch zu Hause. Aber ich reise auch sehr gerne.

In den Niederlanden haben Sie als Komponistin reüssiert und bereits einige Aufträge erhalten. Ein wichtiger Schritt in Ihrer Laufbahn war die Saison als Artist in Residence bei Festival Dag in de Branding. Was haben Sie dort umgesetzt? 

Natalia Domínguez Rangel: Ich war in der Saison 2015/16 Artist in Residence und konnte vier Konzerte mit meinen Werken gestalten. Zuerst einen Liederzyklus, bei dem auch Krassimir Sterev am Akkordeon spielte – er ist ja hier in Wien Mitglied des Klangforums. Das war das längste Stück, das ich jemals komponierte habe, über 50 Minuten. Ich konnte auch eine Klanginstallation gestalten und erhielt einen Kompositionsauftrag. Die Klanginstallation war für ein Einkaufscenter in Den Haag konzipiert. Und zum Schluss wurde ein Stück gespielt, das ich für das Asko Schoenberg Ensemble geschrieben habe.

Sie haben einiges für Elektronik komponiert. Sind da auch Werke für Live-Elektronik dabei? 

Natalia Domínguez Rangel: Nein. Ich habe mit akustischen Instrumente begonnen und bin dann zur Elektronik übergewechselt. Zuerst kombinierte ich akustische Instrumente mit Zuspielungen, dann arbeitete ich rein elektroakustisch. Ein wichtiger Grund dafür war, dass ich eine sehr genaue Vorstellung von dem hatte, was ich kreieren wollte. Auf diese Weise behielt ich die Kontrolle.

„Die Möglichkeiten der elektroakustischen Komposition gaben mir ein großes Gefühl der Freiheit.“

Was fasziniert Sie an den Möglichkeiten der elektroakustischen Musik? 

Natalia Domínguez Rangel: Es ist auf keinen Fall so, dass ich von akustischen Instrumenten gelangweilt bin. Aber es ist sehr teuer, mit Musikerinnen und Musikern zu arbeiten – in Hinblick auf Aufträge und Aufführungen. Elektronik ist wie ein Ein-Mann- bzw. Ein-Frau-Orchester. Es eröffnete mir einen direkten und unmittelbaren Zugang zur Musik, zu den Klängen. Mich interessieren technische Entwicklungen, Trends in der Wissenschaft, künstliche Intelligenz, Überlegungen zur Zukunft sehr.
Die Möglichkeiten der elektroakustischen Komposition gaben mir ein großes Gefühl der Freiheit. Auch weil ich mich immer so verpflichtet gefühlt hatte, so zu schreiben, wie eine heutige Komponistin zu schreiben hat. Das alles fiel plötzlich von mir ab. Aber ich liebe es nach wie vor, mit Musikerinnen und Musikern zu arbeiten und zu proben. Es ist einfach wunderschön, wenn sie das umsetzen, was ich in meinem Kopf gebaut habe. Dazu kommt noch die Interpretation der Musikerin bzw. des Musikers dazu, die mich manchmal selbst überrascht. In der Zusammenarbeit kann ich meine Ideen vertiefen. Im Moment schreibe ich ein Solostück für Krassimir Sterev, also Akkordeon mit Elektronik.

Sie haben bereits zahlreiche Installationen umgesetzt. Was reizt Sie daran?

Natalia Domínguez Rangel: Wie gesagt, liebe ich es, mit Elektronik zu arbeiten, und die Themen Akustik und Material faszinieren mich sehr. Wie funktioniert Klang als Struktur, wie reagiert Architektur auf Klang, welchen Gesetzen folgt die Akustik? Diesen und ähnliche Fragen kann ich in meinen Installationen nachgehen.
Auch mit Field Recordings kann ich die Realität in ein Stück Musik verwandeln. Diese – in einer gewissen Art – banalen Klänge erreichen Menschen, die keine musikalische Hörerfahrung haben genauso. Bei meiner Installation, die ich im Auftrag von Dag in de Branding für ein Einkaufscenter gemacht habe, nahm ich Alltagsgeräusche wie Babygeschrei auf, Geräusche, die aus den geöffneten Fenstern kommen, etwa wenn jemand Sex hat, usw. Mit diesem Material arbeitete ich, stellte neue Verbindungen her. Klänge wie Klatschen, Löwengebrüll oder der Klang eines Druckers, Dinge, die man sich merkt und wiedererkennt. Auch um eine Sensibilisierung zu erreichen, ein Bewusstsein für die akustische Umgebung zu schaffen.
Es kommt natürlich immer darauf an, für welchen Raum, welche Umgebung die Installation konzipiert ist. Das ist ein wichtiger Parameter. Davon hängt ja auch ab, wo ich die Lautsprecher positionieren kann, ob sie sichtbar sind usw. Ich mag das Wort „isotrop“ – alle Klänge werden gleichbehandelt, es gibt keine Hierarchie. Die Klänge reagieren ohnehin auf jeden Raum unterschiedlich. Insofern ist es immer besonders toll, wenn man etwas für einen speziellen Raum entwickelt.

Und was halten Sie von den traditionellen Konzerträumen hier in Wien? 

Natalia Domínguez Rangel: Sie sind großartig und wunderschön! Sie haben eine hervorragende Akustik! Viele meiner Kolleginnen und Kollegen möchten immer ganz andere Räume, die nicht konnotiert sind mit Tradition. Ich mag beides und die traditionellen Räume beflügeln meine Fantasie!

In dem bereits erwähnten Liederzyklus „Convulsions of Time“ aus dem Jahr 2015 ist auch ein Theremin Teil des kleinen Ensembles. Welche Bedeutung hat dieses Instrument für Sie? 

Natalia Domínguez Rangel: Einerseits ist es für mich ein Instrument wie jedes andere auch. Andererseits ist die Art, wie es gespielt wird – dieses Geisterhafte –, visuell sehr beeindruckend. Ich habe auch gelernt, es zu spielen. Es war eine schöne Erfahrung, auch wenn ich es mir einfacher vorgestellt hatte. Man muss extrem präzise sein, wie auf der Violine, wenn man das Instrument wirklich beherrschen will. Der Klang ist so vertraut – aus der Geschichte der elektronischen Musik heraus und durch die Thereminspielerin Clara Rockmoore, die alle bekannten Melodien grandios interpretiert hat.

Sie haben zahlreiche Meisterklassen bei sehr unterschiedlichen Komponistinnen und Komponisten besucht. Welche haben Sie besonders beeinflusst? 

Natalia Domínguez Rangel: Georg Friedrich Haas sicher viel mehr als die anderen – ich habe ihn in Graz getroffen. Julia Woolfe beim Young Composers Meeting in Apeldoorn in den Niederlanden und Brian Ferneyhough in Amsterdam. Alle drei eröffneten mir neue Sichtweisen auf meine Kompositionen, sehr bereichernde Erfahrungen. Ferneyhough etwa schreibt völlig andere Musik als ich, allein seine spezielle Art der Notation ist eine Geschichte für sich, aber was die Materialbehandlung betrifft, konnte ich einiges von ihm mitnehmen, vor allem in Bezug auf die Harmonik. Julia ist ja fast das Gegenteil von Ferneyhough, da hat mich ihre Art, über Konzepte zu sprechen, sehr beeindruckt.
Die Kompositionen von Haas hatte ich lange und genau studiert, bevor ich ihn 2013 endlich kennenlernte. Er konnte meinen kompositorischen Ansatz nachvollziehen, war aber auch sehr kritisch. Das war sehr aufregend. Er beeinflusst mich sehr, gerade in der Behandlung der Harmonik, von Transformationen und wie er einfache Klänge miteinbezieht.

Sie werden häufig zur Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden aus anderen Sparten eingeladen. Wie ist da Ihr Zugang? 

Natalia Domínguez Rangel: Ich unterrichte „Film Scoring“ am SAE Institut in Amsterdam. Ich habe mich seit jeher für Film interessiert und in Kolumbien bereits Filmmusik studiert. Wie es genau begann, weiß ich gar nicht mehr, aber wichtig war jedenfalls, dass ich eingeladen wurde, im Stedelijk Museum de Lakenhal die Musik zu einem Film der Künstlerin Ruchama Noorda zu schreiben. Und dann ergab ein Auftrag den nächsten. Ich lernte weitere Künstlerinnen und Künstler kennen usw. Ich beschäftigte mich damit, was sich in der Film- und Videoszene tut. Ich experimentierte selbst viel mit Pattern und damit, was wo dazu passt. Ich las viel und hinterfragte das, was ich sah.

Woran arbeiten Sie im Moment? 

Natalia Domínguez Rangel: Derzeit entwickle ich ein Projekt zu akustischen Waffen: „Digital Paranoia“. Ich lese dazu sehr viel über die militärische Arbeit und die Entwicklungen in diesem Feld. Diese Waffen funktionieren so, dass zielgerichtete Ultraschallwellen auf die Objekte abgefeuert werden. Hier werden Schallwellen zur tödlichen Waffe. Ich habe erkannt, dass die Wirkung des Schalles Schmerz oder Genuss sein kann. Man könnte diese Art der Projektion auch für Schall-Halluzinationen einsetzen, denn es ist nicht nachvollziehbar, wo die Schallquelle positioniert ist. Ich möchte diese Idee gerne 2018 umsetzen und bin dafür mit diversen Veranstaltern im Gespräch. Ideal wäre es, die Idee in einem Hangar umzusetzen oder – eine ganz andere Variante – in einer Kirche.
Und dann bin ich den gesamten September Artist in Residence in Brünn und bereite eine Soloshow mit dem Titel „Isotropy“ in der dortigen Dům pánů z Kunštátu, Galerie G99 vor. Im Rahmen dieses Projekts werde ich mich mit der Transformation von akustischen Räumen beschäftigen und damit, dass Raum und Zeit abstrakt und relativ sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

Marie-Therese Rudolph

 

Natalia Domínguez Rangel, geboren 1981 in Bogotá/Kolumbien, lebt und arbeitet in Amsterdam. Ihre Kompositionen und Klanginstallationen setzt sie mit den „klassischen“ Mitteln der zeitgenössischen Musik und der Elektronik, Klangsynthese, mit Field Recordings und Performance um. Ihre Werke wurden international aufgeführt und ausgestellt: Muziekgebouw aan’t IJ, Amsterdam, Huddersfield Contemporary Music Festival, UK, IMPULS Academy 2013, Graz, Gaudeamus Muziek Week, Amsterdam, November Music, Den Bosch, Korzo Theater, Den Haag, de Link, Tilburg, DNK, Amsterdam, Stedelijk Museum, Amsterdam, Stedelijk Museum de Lakenhal, Leiden, Stichting Mediamatic, Amsterdam, Rotterdam Film Festival, Nederlands Film Festival, Utrecht, Zentrale, Wien, SPRING Festival, Utrecht, STUK, Leuven, Frieze, London, Frieze, New York, Van Abbemuseum, Eindhoven, Young Composers Meeting, Apeldoorn, Nederlands Fashion Week, Felix & Foam, Amsterdam, Artecámara, Bogotá, ZODIAK, Helsinki, Ehkä, FIAC, Paris, Turku, SALON/dantel Istanbul Design Biennale, Societé de Musique Contemporaine, Lausanne, Dan Gunn Gallery, Berlin etc.

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