“Ich mache Musik, weil ich glaube, dass es das einzig Richtige für mich ist, und mich wirklich erfüllt” – Tina Naderer im mica-Interview

Die junge Sängerin TINA NADERER verzaubert mit ihrem sympathischen und bodenständigen Auftreten den österreichischen Pophimmel. Ihr Debütalbum „Ohne Filter“ erschien Anfang Juni und lässt die Hörerinnen und Hörer in ihre ganz persönliche Gefühlswelt eintauchen. Niemals aufgeben und an den eigenen Träumen festhalten. Im Interview mit Irina Stöckl sprach die Künstlerin über ihren persönlichen Werdegang und ihre Erfahrungen bei der deutschen Castingshow THE VOICE OF GERMANY.

Du hast Anfang Juni dein Debütalbum „Ohne Filter“ herausgebracht. Warum hast du das Album gerade so benannt und welche Message möchtest du deinen Fans damit vermitteln?

Tina Naderer: Ich habe in der Vergangenheit ganz viele Songs geschrieben und die handeln alle von Dingen, die mir oder Freundinnen und Freunden, die mir sehr nahestehen, wirklich so passiert sind. Sie zeigen genau, wie ich bin, was ich will, was ich sagen möchte und dass ich mich nicht verstellen will. Das Album zeigt einfach, wie ich als Tina Naderer bin. So sind wir auf den Titel gekommen.
Wenn man die Möglichkeit hat und die Umstände es erlauben, finde ich es am allerwichtigen, das zu tun, was man wirklich will und was einen glücklich macht. Ich denke mir oft, dass ich vielleicht mehr Dinge machen sollte, die mir Sicherheit geben. Aber die machen nicht so viel Spaß oder erfüllen mich nicht. Solange man jung ist und es das eigene Umfeld einem ermöglicht: Geh deinen Weg auch, wenn du hinfällst. Ich bin schon so oft gestolpert und werde noch oft stolpern. Das Wichtigste ist einfach, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Das klingt immer wie eine Floskel, aber man soll einfach das machen, was einen glücklich macht. Man hat nur ein Leben und es bringt nichts, wenn man sich mit 40 denkt, dass man mit 20 gerne Karriere gemacht hätte, jetzt aber mit fünf Kindern zu Hause sitzt und nicht arbeiten gehen kann. Das erfüllt sicher auch viele Menschen, aber wenn es nicht so ist, ist es natürlich schade, wenn man es nicht gemacht hat.

„Ich wollte erzählen, was mir die letzten drei Jahre so passiert ist.”

Bild Tina Naderer
Tina Naderer (c) Victoria Herbig

Du beschreibst dein Album als eine Art Autobiografie. Was war der auslösende Grund dafür?

Tina Naderer: Die Trennung von meinem Ex-Freund war sehr entscheidend für das Album. Das hat mich sehr geprägt. Ich bin eigentlich kein Mensch, der gerne über solche Dinge spricht. Deswegen schreibe ich lieber darüber. Das war mitunter auch ein Grund, warum das Album so ehrlich geworden ist. Ich wollte erzählen, was mir die letzten drei Jahre so passiert ist. Das, was mich beschäftigt hat, habe ich in den Sessions verarbeitet und aufgeschrieben. Und dann war schon der Zeitpunkt da, um es rauszubringen. Weil ich schon weiter bin. Die Songs sind ja teilweise schon vor zwei Jahren entstanden.

„Bild ohne Filter“: Worum geht es in dem Lied? Beschreibst du hier deine Welt und wie du wahrgenommen werden möchtest?

Tina Naderer: Ja, und wie ich tatsächlich oft auch wahrgenommen werde und eigentlich gar nicht bin. Es wird einem gerade als Frau oft gesagt: „Du solltest schon hohe Schuhe tragen, wenn du fortgehst. Du solltest dich schon viel schminken.“ Was eigentlich ein Wahnsinn ist und überhaupt nicht stimmt. Ich besitze zwar hohe Schuhe, aber ich ziehe sie nie an. Mir wird auch oft gesagt, dass ich sehr arrogant wirke. Dabei ist das bei mir eher die Unsicherheit. Wenn man meine Freundinnen und Freundinnen fragt, bestätigen die überhaupt nicht, dass ich arrogant bin. Im Gegenteil. Damit wollte ich ausdrücken, dass das alles nicht so sein muss. Ich bin zwar stur, habe aber versucht, beide Seiten zu beleuchten. Einerseits, wie ich wirklich bin, und andererseits, wie Menschen mich haben wollen, wie ich aber nicht sein möchte. Ich möchte mich für niemanden irgendwie verstellen müssen.

„Sonnenallee“: Was war deine Inspiration für diesen Song?

Tina Naderer: Tatsächlich die Leichtigkeit. Man nimmt sich manchmal ein bisschen zu ernst. In dem Song geht es um einen Abend, an dem man zum Beispiel mit den Mädels unterwegs ist und bis zum Sonnenaufgang eine Nacht gemeinsam verbringt und einfach mal den Moment genießt, ohne daran zu denken, was bis am nächsten Tag ansteht oder zu erledigen ist. Man genießt einfach mal den Moment. Das machen wir leider viel zu selten. Ich ertappe mich immer wieder bei dem Gedanken: „Ich habe in drei Stunden das und dann das zu erledigen, damit es sich mit den anderen Terminen ausgeht.“ Eigentlich sollte ich mal zwei Tage nur für mich nutzen und das Leben genießen, um das tun zu können, was ich wirklich möchte und was mir Spaß macht.

Wie würdest du deine Musik in drei Worten beschreiben?

Tina Naderer: Ehrlich, vielfältig und emotional.

Deine erste Single erschien bereits im Jänner 2019. Was ist seitdem passiert und wie würdest du deine musikalische Entwicklung beschreiben?

Tina Naderer: Durch Corona haben wir das Album zweimal verschieben müssen. Es hätte eigentlich schon letzten Herbst rauskommen sollen, dann haben wir es für Anfang dieses Jahres angesetzt und schließlich jetzt erst im Juni veröffentlicht. Es war wegen der Umstände einfach kein passender Zeitpunkt. In der Zwischenzeit ist bei mir aber schon wieder so viel Neues passiert. Zum Beispiel ist der Song „Wie krass du bist“ erst entstanden, kurz bevor das Album im Jänner hätte rauskommen sollen. Es soll im Herbst auf jeden Fall wieder was Neues kommen.

Wann hast du begonnen, Musik zu machen? Und warum gerade deutschen Pop?

Tina Naderer: Musik geht bei mir viel weiter zurück. Ich habe mit sechs Jahren begonnen, Instrumente zu spielen. Dann habe ich mit elf Jahren langsam mit Gesangsunterricht begonnen und im Chor gesungen. Der Auslöser, Musik professionell zu machen, war tatsächlich The Voice of Germany 2017. Yvonne Catterfeld hat ja auch immer deutsche Musik gemacht. Ich habe davor auch schon auf Deutsch geschrieben. Ich würde nie ausschließen, dass ich in fünf Jahren zum Beispiel mal auf Englisch singe, aber jetzt im Moment fühle ich so arg auf Deutsch. All diese Dinge, die ich gerade erlebe, verarbeite ich ja auch auf Deutsch. Deswegen war für mich das Bedürfnis, die Songs auf Deutsch zu machen, jetzt stärker ausgeprägt. Aber ich würde sagen, dass ich zwei ganze Shows auch schon auf Deutsch gesungen habe und das Feedback dazu so schön war, hat mich einfach gestärkt, weiter auf Deutsch Musik zu machen.

Was sind deine musikalischen und persönlichen Ziele für 2021 und 2022?

Tina Naderer: Dass ich weiterhin so ehrlich Musik machen darf. Das wurde von den Fans bis jetzt auch immer gut angenommen. Das macht mich vielleicht auch gerade deshalb ein bisschen „uniquer“. Sonst will ich einfach viel Musik machen. Weiter nicht darüber nachdenken müssen, ob ich mir es jetzt leisten kann, zum Beispiel rockigere Musik zu machen, oder ob dann die ganzen Fans sagen: „Oh Gott, Tina, was machst du?“ Ich möchte einfach weiterhin meine Linie durchziehen, ich möchte, dass es, was den Stil angeht, weiterhin so kunterbunt bleibt, und ich möchte auf jeden Fall ganz viel live spielen können. Am 10. Juni starten die ganzen Sommerkonzerte. Es sind also es doch mehr Konzerte als gedacht, was echt cool ist. Im Herbst ist dann die Tour. Ich bin Livemusikerin und ich lebe eher dafür, als 24/7 im Studio zu sitzen. Deswegen hoffe ich, dass man ganz bald wieder live spielen kann und ich das ausnutzen darf. Ich habe, Gott sei Dank, zwei große Booking-Agenturen, die wissen, dass das genau mein Ding ist, und die das Beste aus der Situation rausholen können. Natürlich möchte ich auch ganz viele neue Songs nächstes Jahr oder in eineinhalb Jahren mit dem nächsten Album rausschmeißen können. Ein Nummer-1-Hit wäre auch cool, aber das ist nicht das wichtigste. Einfach so weitermachen können wie bisher. Ich glaube, dass ich meinem Stil auch weiterhin treu bleiben werde. Da wird sich nicht mehr viel verändern.

Bild Tina Naderer
Tina Naderer (c) Victoria Herbig

“Meine Mama ist, glaube ich, mein größter Fan.”

2017 warst du in der beliebten deutschen Castingshow The Voice of Germany und bist sogar bis in die Phase der Sing-offs gekommen. Wie bist du auf die Idee gekommen, dich bei The Voice of Germany zu bewerben, und wie haben deine Eltern darauf reagiert?

Tina Naderer: Meine Mama hat mich angemeldet. Ich konnte mich gar nicht wehren. Ich habe gar nicht so viel sagen können. Ich habe es dann natürlich auch gerne gemacht. Mein Vater sagte: „Mach Matura und dann kannst du Musik machen.“ Es war immer wichtig, einen Abschluss zu machen. Was ich auch gut finde. Aber die haben sich irre gefreut, denn es gibt ja auch Vorrunden, bis man überhaupt zu den „Blind Auditions“ kommt. Bei den „Blind Auditions“ sieht man ja auch, wie Samu Haber als Erster drückt und wie meine Begleitung ausrastet. Das war wahnsinnig schön. Meine Mama ist, glaube ich, mein größter Fan. Als meine Mama das erste Mal die Songs des Albums gehört hat, sagte sie: „Wie kannst du mir solche Songs verheimlichen? Jetzt habe ich allein geweint zu Hause.“ Das wollte ich ja auch. Also meine Eltern, Freundinnen und Freunde haben natürlich viel mehr als die Außenstehenden mitbekommen, worum es in den Songs geht. Durch die Teilnahme wollte ich einfach Erfahrungen sammeln. Für mich war es eher wichtig, Menschen aus der Branche kennenzulernen, um dann nach der Show weitermachen zu können, als im Finale zu stehen. Das sind dann eh nur Knebelverträge, bei denen man zwei Jahre gebunden ist und erst recht nichts machen kann. Ich wäre nur zu  The Voice of Germany gegangen, Deutschland sucht den Superstar würde ich nie machen. Da fehlt die Authentizität. Seit der Show habe ich mich schon extrem weiterentwickelt. Wenn ich heute die Shows sehe, denke ich mir: „Ich wirke unsicher als heute.“ Aber gut, das ist vier Jahre her, und da war ich Anfang 20. Jetzt bin ich 24. Ich habe ganz viele neue Sachen lernen dürfen und auch ein bisschen Selbstbewusstsein gewinnen können.

Bild Tina Naderer
Tina Naderer (c) Victoria Herbig

Was war der schönste Moment bei The Voice of Germany?

Tina Naderer: Tatsächlich waren es eher die Momente, die man im Fernsehen nicht gesehen hat. Also die Abende, an denen wir zu dreißigst im Team und auch mit Yvonne Catterfield, wenn sie da war, in einem Raum zusammengesessen sind und einfach Musik gemacht haben. Da realisierst du erst, warum du da bist und warum du, wie ich es getan habe, alles auf eine Karte setzt.

Wie haben sich deine Musik und deine Sichtweise auf die Branche nach der Show verändert? Was konntest du mitnehmen?

Tina Naderer: Ich habe ganz viele Kolleginnen und Kollegen, die auch mitgemacht haben und die sagen, dass es blöd war, dass ich nicht weitergekommen bin. Das finde ich lächerlich. Ich habe dort so viel gelernt – zum Beispiel, wie man Interviews gibt und wie man mit verschiedenen Interviewsituationen umgeht. Ich habe gelernt, wie man auf einer Bühne mit den Musikerinnen und Musikern interagiert. Auch, wenn ganz viele Leute auf einen einreden. Ich habe sehr viele organisatorische Erfahrungen sammeln können und ganz viele Freundschaften knüpfen können. Dadurch konnte ich einfach mindestens zwei mal zwei Wochen am Stück das machen, was ich immer machen wollte. Ich würde nie sagen, dass es eine schlechte Erfahrung war, bei einer Castingshow mitzumachen. Außer du gehst mit dem Gedanken hin: „Ich muss das gewinnen, um bekannt zu werden.“ Das ist für mich der Fehler, den viele machen. Ich mache das nicht, um Popstar zu werden oder viel Geld zu verdienen. Das sind die schönen Nebeneffekte, die man hoffentlich irgendwann haben wird. Ich mache Musik, weil ich glaube, dass es das einzig Richtige für mich ist, und weil es mich wirklich erfüllt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Irina Stöckl

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