Piyawat Louilarpprasert (c) Phil Rowley / Royal College of Music

„Ich komponiere jeden Tag!“ – PIYAWAT LOUILARPPRASERT im mica-Interview

Im Rahmen seines Artists in Residence-Programms stellt das BUNDESKANZLERAMT in Kooperation mit KULTURKONTAKT AUSTRIA ausländischen Kulturschaffenden Stipendien zur Verfügung. Von Juli bis September 2017 ist der thailändische Komponist PIYAWAT LOUILARPPRASERT zu Gast in Österreich. Marie-Therese Rudolph sprach mit ihm über das Kulturleben in Thailand, seine Inspirationsquellen und seine Wünsche für die Zukunft.

Sie begannen Ihre Musik-Studien in Thailand. Bitte erzählen Sie, wie es dazu kam. 

Piyawat Louilarpprasert: Ich begann im Alter von 14 Jahren an der Highschool Posaune zu lernen und war auch Mitglied der Marching Band mit vielen anderen KollegInnen. Das machte großen Spaß, denn es war keine sehr ernste Angelegenheit. Als ich dann ein wenig über Neue Musik erfuhr, wurde ich sehr neugierig und wollte wissen, was sie von der Musik, die ich gewohnt war, oder auch von Popmusik, unterschied. Daher bewarb ich mich an der Mahidol Universität und begann mit 18 Jahren Komposition zu studieren. Dort unterrichtete mich der russische Komponist Valeriy Rizayev. Er war mein erster Lehrer und ich bewundere ihn sehr. Nach vier Jahren wechselte ich an das Royal College of Music in London zu Dai Fujikura. Er kommt aus Japan und seine Musik wird auf der ganzen Welt aufgeführt. Vor zwei Monaten schloss ich das Studium ab und kam direkt nach Wien zu meiner Residency. Im Herbst werde ich dann noch einen PhD in den USA dranhängen, an der Cornell University im Bundesstaat New York. Ich freue mich schon sehr darauf.

Und wie sieht das Musikleben in Thailand aus?

Piyawat Louilarpprasert: Das klassische Musikleben hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt, aber auch das der traditionellen thailändischen Musik. Es gibt mittlerweile auch einige Universitäten an denen man Musik studieren kann und die regelmäßig Konzerte organisieren. Abseits vom Ausbildungssystem existieren auch einige Orchester wie das Bangkok Symphony Orchestra, das 1982 gegründet wurde, und mit allen internationalen Top-SolistInnen auftritt oder das Thailand Philharmonic Orchestra. Es tut sich auch in der Bildenden Kunst sehr viel, konzeptuelle Kunst, Happenings usw., v.a. in der nördlichen Provinz Chiang Mai. Auch Institutionen aus dem Ausland wie das Goethe Institut oder die Japan Foundation tragen zu unserem Kulturleben bei. Sie unterstützen u.a. Reisen zu Konzerten und ähnliches. Aber natürlich ist die Kultur sehr unterschiedlich zu der europäischen. Hier in Wien dominiert die klassische Tradition. In Thailand ist es eine Kombination und die Haltung ist sehr offen. Die Popmusik nimmt auf jeden Fall einen viel größeren Stellenwert ein. Das stört mich nicht, ich mag auch Popmusik.

Welcher Musik widmeten Sie sich in Ihrer Ausbildung in Thailand? 

Piyawat Louilarpprasert: Wir lernen im klassischen Studium vor allem die europäische Musiktradition. So sind zum Beispiel auch etwa 40% der Lehrenden an der Universität, die ich besucht habe, aus dem Ausland. Ich mag das, weil es einem selbst überlassen ist, mit welcher Musik man sich auseinandersetzt.
Für mich ist es sehr interessant, hier in Europa zu studieren, weil hier die Wurzeln der europäischen Musik sind. Ich möchte wissen, wie die MusikerInnen und KomponistInnen hier denken und was das Zeitgenössische an der Musik ausmacht.

Gibt es in Thailand spezielle Konzertreihen mit Neuer Musik oder Festivals? 

Piyawat Louilarpprasert: Ja! Gerade heute (7.8.2017) findet beim Thailand International Composition Festival ein Orchesterkonzert mit einer Uraufführung von mir statt. Dieses Festival wird von dem bekanntesten thailändischen Komponisten, Narong Prangcharoen, geleitet. Es findet jedes Jahr statt, nun seit etwa zwölf Jahren.
Ich leite auch ein kleines Festival, das Thailand Music and Art Festival, das mit der Thailand Music and Art Organisation (TMAO) und dem Tacet(i) Ensemble zusammenhängt. Wir gaben Konzerte im Goethe-Institut in Thailand und hatten auch Kooperationen mit Bildenden KünstlerInnen. Wir hielten auch einen Workshop an der Universität an dem etwa 100 Personen teilnahmen, konkret waren es 30 Aktive und 70 ZuhörerInnen. Es war ein sehr anspruchsvolles Programm mit Stockhausen, Scelsi sowie thailändischen und amerikanischen KomponistInnen. Das Projekt war ein großer Erfolg: Workshop, Konzert und ein Kompositionswettbewerb und Masterclasses von Graduierten des Royal College of Music. Wir brachten internationale mit nationalen KomponistInnen zusammen um die Entwicklung voranzutreiben. Ich bringe dafür gerne meine Kontakte ein.

Was waren Ihre Erwartungen an den Aufenthalt in Wien? 

Piyawat Louilarpprasert: Um ehrlich zu sein, mache ich mir keine großen Gedanken darüber, dass ich Komponist bin und meine Werke aufgeführt werden sollen. Ich möchte gerne viele Menschen treffen, die ähnliche oder völlig konträre musikalische Ideen verfolgen. Ich möchte mich über das Komponieren austauschen und neue Ideen entwickeln. Mein Leben ist Komponieren, auch wenn ich erst 24 Jahre alt bin. Kürzlich lernte ich etwa Matthias Kranebitter, den Leiter des Black Page Orchestras, kennen, und Michael Fischer vom Vienna Improvisers Orchestra sowie das Ensemble Platypus. Und auch die Mitarbeiterinnen von KulturKontakt Austria unterstützen mich sehr. Sie halten mich am Laufenden, was Veranstaltungen betrifft, z.B. auch in Bezug auf Ausstellungen, denn ich bin nicht nur an Musik interessiert. Hier in Wien gibt es so ein großes kulturelles Angebot: Museen, Galerien … davon will ich so viel wie möglich anschauen.

Komponieren Sie hier in Wien viel oder haben Sie sich eine Pause verordnet, um die Stadt kennenzulernen? 

Piyawat Louilarpprasert: Ich komponiere jeden Tag! Das ist wie Üben. Derzeit arbeite ich an mehreren Kompositionsaufträgen, etwa für das Thailand Philharmonic Orchestra und an einem Orchesterstück, das in London vom Royal Philharmonic Orchestra uraufgeführt wird und an einem Projekt für die Cornell University. Dazwischen versuche ich aber jeden Tag hinauszugehen und mir etwas anzusehen, demnächst eine Ausstellung über Roboter im MAK, oder auch Veranstaltungsorte wie etwa das rhiz.

Welche KomponistInnen haben Sie geprägt, sei es durch ihre musikalische Sprache, ihre Überlegungen oder ihre Ästhetik?

Piyawat Louilarpprasert: In meinem Kopf gibt es viele, da ist keiner dabei, der am wichtigsten ist. Hier in Österreich finde ich Olga Neuwirth sehr interessant, sie ist für mich eigentlich die beste unter den Lebenden. Ich habe bei ihr im letzten Jahr beim Lucerne Festival einen Meisterkurs belegt und auch bei Wolfgang Rihm. Beim Festival wurden einige Werke von Olga Neuwirth aufgeführt – ihre Musik wirkt auf mich sehr frisch und innovativ und das inspiriert mich sehr!
An Georg Friedrich Haas wiederum beeindruckt mich, wie er Mikrotonalität einsetzt. Wie er mit einer Schlichtheit eine unglaubliche Wirkung erzeugt … Aber auch mein Lehrer Dai Fujikura hat einen einzigartigen Stil. Man vermeint Debussy oder andere Klangsprachen herauszuhören, aber die Textur trägt seine charakteristische Handschrift. Das möchte ich auch erreichen: meine eigene Handschrift, ohne jemanden zu imitieren.

Wenn Sie ein neues Stück beginnen: Womit starten Sie? Was überlegen Sie sich als erstes?

Piyawat Louilarpprasert: Einige Menschen sagen, dass meine Musik sehr direkt und unmittelbar ist. Die Ideen, von denen ich ausgehe, sind eigentlich immer recht einfach. Ein Schlüsselwort ist aber auf jeden Fall: Klang! Alles hat Vibrationen, kann Geräusche machen, jeder Körper klingt. Ich überlege mir, ob ich ein Stück für Glas schreibe, oder für Violinen, die wie Glas klingen sollen. Dann recherchiere ich, finde heraus, was möglich ist und was nicht … und versuche das Unmögliche zu überwinden.

Können Sie uns Ihre Herangehensweise anhand eines Stückes darlegen? Z. B. anhand des Cat’s Song’s für fünf Stimmen und Ensemble.

Piyawat Louilarpprasert: Dieses Stück schrieb ich für einen Workshop im Februar 2017 in den Niederlanden, mehr eine Mischung aus Wettbewerb und Workshop. 16 KomponistInnen machten mit und es gab nur einen Gewinner – das war übrigens nicht ich. Die Besetzung und die Dauer von fünf Minuten waren vorgegeben. Ich erinnerte mich an mein Apartment in London und das Gemaunze einer Katze im Hof. Ich fand heraus, dass Rossini ein Katzen-Duett komponiert hatte. Nun möchten SängerInnen ja immer besonders schön klingen, aber das wollte ich nicht – ich wollte einen Spaß machen: Zuerst ließ ich die SängerInnen miauen, dann wandert dieses Geräusch durch die Instrumente. Es ist mir ein Anliegen, ganz frische unverbrauchte Musik zu schreiben, um nicht nur das Fachpublikum zu erreichen. In diesem Sinn könnte das Katzenstück auch für Katzen komponiert sein …

Was würden Sie gerne komponieren, was Sie bisher noch nicht gemacht haben?

Piyawat Louilarpprasert: Ich würde gerne etwas total Kleines und etwas total Großes schreiben. Das Kleine mit verrückten, intensiven Klängen, ganz fokussiert. Und etwas Megagroßes mit Orchester, Chor, Elektronik … ich möchte die Extreme für mich besser erkunden: das Minimum und das Maximum.

Am 23. September wird im Rahmen des Festkonzerts „10 Jahre Ensemble Platypus“ ein neues Werk von Ihnen uraufgeführt. Bitte stellen Sie diese Komposition kurz vor.

Piyawat Louilarpprasert: Es heißt „Tiki-Tica-Tico“ und bezieht sich auf Tanzmusik, die man unter Tico-Tico kennt. Mir gefällt das humorvolle Schema dieser Musik. Daher hab ich es verwendet und damit experimentiere ich. Es ist ein sehr kurzes Stück, dessen Material durch die einzelnen MusikerInnen verbunden ist. Kurz gesagt: die sieben MusikerInnen interpretieren ständig Tiki-Tica-Tico, benötigen dafür aber unterschiedlich lange. Es entstehen Loops und Schichten – so etwas wollte ich eineinhalb Minuten lang hören.

Wo möchten Sie in zehn Jahren stehen?

Piyawat Louilarpprasert: Für mich bedeuten Kunst und Musik sehr viel. Ich möchte dazu etwas beitragen. Konkret möchte ich mehr Musik für mich und für die Menschen schreiben, die sie hören möchten. Ich will weiterhin jeden Tag komponieren, ich liebe das. Ich möchte daran weiterarbeiten, das fortzuführen, was bisher über die Jahrhunderte entstanden ist.
Mein Lehrer sagte einmal zu mir, dass ich in zehn Jahren so wie in Japan Toru Takemitsu, in Korea Isang Yun – … in Thailand haben wir niemanden, der so bekannt ist –, diese Position einnehmen werde. Ich nehme das nicht allzu ernst, das ist Spaß … Ich glaube, dass ich viel an junge MusikerInnen und KomponistInnen weitergeben kann. Das ist ein Ziel meiner Arbeit.

Wenn Sie Ihre Studien beendet haben, werden Sie nach Thailand zurückgehen? Kann man dort als Komponist finanziell überleben?

Piyawat Louilarpprasert: Ja, sicher! Ich schreibe derzeit populäre Musik und Arrangements um Geld zu verdienen. Dadurch kann ich manchmal auch unbezahlte Aufträge annehmen – aber dann kann ich das komponieren, was ich möchte. Aufträge aus dem Ausland sind lukrativer als aus Thailand. Ich halte den Kontakt zum Land und den relevanten Personen. Ich liebe es zu reisen, das möchte ich auf jeden Fall beibehalten. Thailand entwickelt sich sehr stark im kulturellen Bereich: Kommendes Jahr sind die Berliner Philharmoniker und das London Symphony Orchestra zum ersten Mal dort.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie lautete dieser?

Piyawat Louilarpprasert: Ich möchte, dass Musik ein unabdingbarer Teil des menschlichen Lebens ist. So, wie man jeden Tag etwas essen muss, sollte man jeden Tag Musik hören … In Europa ist das viel mehr verankert. Das weiß ich sehr zu schätzen.

Marie-Therese Rudolph

Piyawat Louilarpprasert, geboren 1993 in Bangkok/Thailand. Seine Musik wurde bei Festivals in mehr als 15 Ländern in Asien, Europa und den USA aufgeführt, so etwa beim Lucerne Festival 2016 (CH), Gaudeamus Musikweek (NL), Música y Arte: Correspondencias Sonoras (E), 47. Darmstädter Ferienkursen (D), London National Portrait (UK), Asian Composer League (J). Piyawat Louilarpprasert wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Charles Stewart Richardson Award, Léon Goossens Prize, Royal College of Music Concerto Competition, Princess Galyani Vadhana Orchestra Award, Asia-Pacific Saxophone Composition Prize, SEADOM Prize, Young Composer in Southeast Asia Award und Young Thai Artists Awards. Er schloss sein Studium in Komposition und Dirigieren bei Valeriy Rizayev und Pamornpan Komolpamorn am College of Music, Mahidol University in Thailand mit dem Bachelor ab und mit dem Master in Komposition bei Dai Fujikura, Jonathan Cole und Gilbert Nouno am Royal College of Music in London. Ab Herbst 2017 führt er ein Doktoratsstudium in Komposition an der Cornell University, Ithaca, New York.

 

Termine

14. September 2017, amann studios, Neustiftgasse 68/23b, 1070 Wien

21. September 2017, 20 Uhr, echoraum, Sechshauserstraße 66, 1150
Doppelporträt: Enrique Mendoza Mejía / Piyawat Louilarpprasert

23. September 2017, 20 Uhr, echoraum, Sechshauserstraße 66, 1150
10 Jahre Ensemble Platypus


Links:

Piyawat Louilarpprasert
KulturKontakt Austria