„Ich komme gerne in Länder, die noch nicht so übersättigt sind“ – DAVID HELBOCK im mica-Interview

Vor Kurzem hat das DAVID HELBOCK TRIO eine neue CD veröffentlicht, und zwar „Into the Mystic“ (ACT Records) DAVID HELBOCK ist aktuell einer der umtriebigsten österreichischen Musiker im Jazz-Bereich und wird international hoch gelobt. Demnächst geht er auf eine ausgedehnte Europatournee. Der Künstler sprach mit Jürgen Plank über Mystik, den Mythenforscher JOSEPH CAMPBELL und die Verbindungen zwischen Mythen und seiner Musik.

Wie haben Sie sich als Trio gefunden?

David Helbock: Das Trio gibt es nun seit rund fünf Jahren, das ist schon meine working band. Wir haben in den letzten Jahren über 100 Konzerte miteinander gespielt. Raphael Preuschl habe ich bei einem Konzert kennengelernt, da haben wir zum ersten Mal zusammengespielt. Er hat die Bass-Ukulele mitgebracht. Dieses Instrument hat mir gefallen und ich habe ihn gefragt, ob er mit mir spielen will und dabei nur Bass-Ukulele spielen will. Reinhold Schmölzer hat von Beginn an immer ausgeholfen, als Herbert Pixner noch fix dabei war. Mittlerweile hat sich das so ergeben, dass Reinhold fix in der Band ist.

Was hat Sie an der Bass-Ukulele fasziniert?

David Helbock: Ich selbst spiele gerne Klavier und dämpfe die Saiten ein bisschen ab. Das ergibt einen perkussiven Sound und für mich hat den die Bass-Ukulele auch. Sie ist rund einen Meter lang, ist zwar gleich gestimmt wie ein Kontrabass, aber die Saiten schwingen nicht so lange. Die klingen auch ein bisschen abgedämpft oder zumindest kürzer, perkussiver. Das ist etwas Besonderes, ich kenne außer Raphael Preuschl niemanden, der dieses Instrument ernsthaft spielt.

Nun beginnt die Tournee zur CD, wie gehen Sie an so eine Phase von mehreren Monaten heran?

Bild David Helbock Trio
David Helbock Trio (c) Astrid Dill

David Helbock: Das ist schon eine Vorfreude, wir spielen in den nächsten Monaten sicher an die 50 Konzerte in ganz Europa. Wir wollen natürlich das CD-Programm präsentieren und da ist auch eine gewisse Gefahr dabei, wenn man das zu oft spielt. Ich kenne das schon, es ist ja nicht meine erste längere Tour. Am Anfang wird es sehr viel Spaß machen, dann wird man in ein kleines Loch fallen, aber genau diese Langeweile wird einen dazu anregen, innerhalb dieser Stücke neue Sachen auszuprobieren. Das wird dann wieder spannend werden, die Stücke werden sich weiterentwickeln.

„Das Publikum hier ist zurückhaltender, wahrscheinlich weil es schon viel kennt. In exotischen Ländern kommen die Leute sofort auf einen zu,“

Sie waren auch schon in Afrika und Lateinamerika unterwegs. Was ist der Unterschied zu einer Tour in Europa?

David Helbock: Ich komme gerne in Länder, die noch nicht so übersättigt sind. In denen das Publikum sehr offen ist und sehr begeistert für alle kreativen Formen. Es ist sehr spannend, wenn man in Ländern wie Kenia und Kasachstan spielt und die Leute sehr gierig nach Neuem sind. Bei uns habe ich manchmal das Gefühl, dass die Leute einfach ein bisschen übersättigt sind. Das Publikum hier ist zurückhaltender, wahrscheinlich weil es schon viel kennt. In exotischen Ländern kommen die Leute sofort auf einen zu. Oft helfen die österreichischen Botschaften bei der Bezahlung der Flugkosten und dann hat man fast einen Bildungsauftrag. Man hält auch Workshops und lernt so Musikerinnen und Musiker kennen, und das ist dann oft ein befruchtender Austausch.

Sie haben im Vorgespräch erwähnt, dass die Stücke der neuen CD „Into the Mystic“ live erarbeitet wurden. Beim nächsten Konzert könnten sie somit anders klingen. Spricht das gegen eine CD-Einspielung?

David Helbock: Das ist einfach unser Arbeitsprozess, da wir ständig live spielen, ist das eine working band geworden, die neue Stücke natürlich auf CD veröffentlichen will. Vor den Aufnahmen haben wir schon geprobt, aber eine CD ist für mich immer eine Momentaufnahme, wie ein Schnappschuss. Für eine CD überlegt man sich schon neue Stücke und ein Konzept, das wie ein roter Faden durch die CD geht.

„Wenn mich etwas innerlich berührt, dann ist das so ein mystisches Berührtwerden.“

In den Liner Notes heißt es: „Musik beginnt dort, wo Worte aufhören.“ Was ist der rote Faden der aktuellen Veröffentlichung?

David Helbock: Die CD heißt „Into the Mystic“, Mystik ist auf jeden Fall etwas Geheimnisvolles, so ein inneres Berührtwerden, so würde ich das beschreiben. Wenn mich etwas innerlich berührt, dann ist das so ein mystisches Berührtwerden. Natürlich kann einen die Musik innerlich berühren, aber auch der Mythos kann einen berühren. Mythos ist etwas anderes als Mystik, dieses innere Berührtwerden im Außen, als Geschichte dargestellt. Und so ist auch Mythos eine wichtige Inspirationsquelle für dieses Album.

Welche Mythen haben Sie inspiriert?

Bild David Helbock Trio
David Helbock Trio (c) Astrid Dill

David Helbock: Alle möglichen Mythologien, jedes Stück hat eine andere Geschichte als Hintergrund, und das ist der rote Faden. Es gibt eine Geschichte und dann gibt es dazwischen immer so kleine Star-Wars-Interludes und am Schluss kommt die Trio-Version. Das hat den Hintergrund: Eine wichtige Inspirationsquelle war Joseph Campbell, das ist ein amerikanischer Mythenforscher. Der hat Mythen erforscht und miteinander verglichen, er nennt das „vergleichende Mythologie“. Er ist dabei auf Ur-Mythen gestoßen, auf Geschichten, die sich in unterschiedlichen Kulturen ganz ähnlich entwickelt haben. Und Joseph Campbell war der Lehrer von George Lucas, deshalb auch „Star Wars“. Das ist auch voll mit mystischen, aber auch mythologischen Querverbindungen.

Mythen erzählen immer, wie die Dinge in die Welt gekommen sind. Das ist überall auf der Welt so, etwa bei den Aborigines. In indonesischen Mythen wird beispielsweise erzählt, wie das Land aus dem Wasser emporgekommen ist. Welche Mythen haben Sie besonders fasziniert?

David Helbock: Das Thema beschäftigt mich schon sehr lange, schon seit meiner Jugend. Ich habe Joseph Campbell gelesen und auch die Hörbücher von Michael Köhlmeier gehört, insofern beschäftigt mich auch die griechische Mythologie. Ein Stück ist zum Beispiel dem griechischen Gott Eros gewidmet, das ist der Gott, der zwei verschiedene Pfeile hat, mit denen er Leidenschaft oder Abscheu auslösen kann, wenn er sie in die Herzen der Menschen schießt.

Wie hat sich diese Beschäftigung auf die Musik ausgewirkt?

David Helbock: Joseph Campbell sagt, wenn man hinter den Mythos schaue, könne das eine mystische Erfahrung auslösen. Deswegen fängt die CD mit Beethoven an, mit dem zweiten Satz der siebenten Symphonie, weil mich dieses Stück schon ganz früh, als ich Jugendlicher war, berührt hat.

Welcher Mythos steckt hinter dem Stück „The Soul“?

David Helbock: „The Soul“ ist ein Stück, das von einer persischen Geschichte inspiriert ist. Hafis, ein persischer Dichter aus dem 14. Jahrhundert, hat diese erzählt. Da erschafft der Schöpfer den Menschen, er macht eine Statue aus Ton, eine leere Hülle. Er will, das die Seele in den Körper fährt. Die Seele will aber nicht gefangen sein und so wird die Musik erschaffen – quasi als Trick –, um die Seele in den Körper zu locken. Die Seele geht dann freiwillig in den Körper, um die Musik körperlich erfahren zu können.

Ist das eine schöne Überleitung zu Ihrem eigenen Musikmachen, dass Musik genau solche besonderen Momente schaffen kann?

David Helbock: Ja, genau. Viele meiner CDs haben solche roten Fäden, aber bei allen Konzepten geht es um das innerliche Berührtwerden. Das kann man nicht erzwingen, darauf muss man sich einlassen, als Spielerin beziehungsweise Spieler wie als Publikum. Das übersteigt die Ratio und übersteigt auch das Gefühl. Das ist ein geheimnisvolles inneres Berührtwerden, viele Jahre später kommt man vielleicht erst drauf: „Ach ja, das war ja das.“ Campbell vergleicht das auch mit Träumen und meint, dass ein Traum auf geheimnisvolle Weise berühren kann, das ist dann auch eine mystische Erfahrung. Joseph Campbell sagt, Träume seien private Mythen und Mythen seien öffentliche Träume. Er verbindet Träume und Mythen und ich verbinde das noch weiter zur Musik, weil Musik kann all das auch.

Danke für das Gespräch.

Jürgen Plank

 

David Helbock Trio live
23.09. Spielboden, Dornbirn (AT)
24.09. Dieselstrasse, Esslingen (DE)
25.09. Muri Kultur, Muri (CH)
30.09. Jazzwerk Ulm, Ulm (DE)
01.10. Jazzclub Bamberg, Bamberg (DE)
03.10. Jazzclub Koblenz, Koblenz (DE)
07.10. Jazzschmiede, Düsseldorf (DE)
08.10. Jazzclub, Fürstenwalde (DE)
18.10. Dempseys, Cardiff (UK)
19.10. Kulturforum Austria, London (UK)
20.10. Vortex, London (UK)
21.10. Jazz&the City Festival, Saltburg (AT)
22.10. Jazzkeller, Burghausen (DE)
27.10. Belgrad Jazzfestival (SRB)
28.10. Kragujevac Jazzfestival (SRB)
10.11. Musikschule, Pregarten (AT)
11.11. Jazzfestival – cantina vecchia. Innsbruck (AT)
12.11. Jazzfestival Göttingen (DE)
13.11. BR Klassik U21 vernetzt. München (DE)
14.11. Piano Salon Christophori, Berlin (DE)
17.11. Leibnitz Kult, Leibnitz (AT)
18.11. Opus Jazzclub, Budapest (HU)
14.12. Showcase Festival, Porgy & Bess, Wien (AT)


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