„Ich kann Ruhe auch während der Rushhour bei Wien Mitte empfinden“ – SIMON RAAB (PURPLE IS THE COLOR) im mica-Interview

Ein Album, auf dem der Jazz in seiner epischen Form zum Erklingen gebracht wird. Nach dem viel gelobten Erstlingswerk „Unmasked“ legt das österreichisch-tschechische Quartett PURPLE IS THE COLOR mit „Epic“ (Session Work Records) nun sein zweites Album vor. Die Band rund um den Ausnahmepianisten SIMON RAAB verzichtet in ihren neuen Stücken jede Anlehnung an einen modernen Sound, vielmehr verfolgt sie einen zeitlosen Ansatz, der in einer ungemein stimmungsvollen musikalischen Vielfalt mündet. Es ist ein packender und einer ganz eigenen Note folgender Brückenschlag vom Klassischen zum Zeitgemäßen, den der Linzer Tastenmann und seine Kollegen ŠTĚPÁN FLAGAR (Tenor, Sopran Sax), MARTIN KOCIÁN (Bass) und MICHAŁ WIERZGOŃ (Schlagzeug) vollbringen. SIMON RAAB sprach mit Michael Ternai über die Entstehung des Albums, die stetige Entwicklung der Band und den Willen, nur mit akustischen Instrumenten zu agieren. 

Was sofort auffällt, wenn man sich durch die Stücke hört, ist, dass ihr euch wirklich sehr viel Mühe gegeben habt, dass ihr sehr ins Detail gegangen seid und dass ihr euch mit dem Material auseinandergesetzt habt. 

Simon Raab: Wir haben uns für das zweite Album vor allem auch die Aufgabe gestellt, dass jeder komponiert. Es ist auf dem Album von jedem mindestens eine Nummer dabei. Die größte Herausforderung war dieses Mal, einen Konsens zu finden, weil natürlich jeder von uns eine starke Persönlichkeit mitbringt und starke Vorstellungen von seinen eigenen Sachen hat. Wir wollten uns bei diesem Album wirklich aufeinander einlassen.

Zudem haben wir beschlossen, dass wir dieses Mal einen epischen Weg miteinander gehen. Was noch hinzukommt, ist, dass wir mit Andreas Lettner einen Produzenten hinzugenommen haben, der zwar sehr stark im Hintergrund agiert hat, aber beim Mixing sehr viele Ideen miteingebracht und sich um die Feinheiten des Sounds gekümmert hat.

„Die Herausforderung war, aus all den Variationen eines Stückes die richtige auszuwählen.“

Wie seid ihr im Vergleich zu eurem Debüt dieses Mal an die Sache herangegangen? Wie sind die neuen Stücke entstanden?  

Simon Raab: Wir haben uns im Mai und im Juni letzten Jahres wöchentlich zweimal zum Proben getroffen. Das war eine relativ intensive Zeit. Zum einen hat es schon konkrete Ideen gegeben, die wir dann durchgespielt und aufgenommen haben. Zum anderen hat es eben auch sehr viele Ideen-Fetzen gegeben. Wir haben im Sommer dann über das Internet geprobt, auf einer Onlineplattform, auf die wir unsere „Logic Files“ hochgeladen haben und auf der jeder dann Overdubs machen konnte. Die Vorstellung war letztendlich aber romantischer als der tatsächliche Prozess. Der verlief nämlich oft schon sehr nüchtern.

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Ende August haben wir uns dann eine Woche lang in Tschechien – in der Musikschule des Dorfes, aus dem unser Bassist stammt – eingebunkert und von früh bis spät geprobt. Anschließend waren wir auf Tour. Wir hatten eine Indien-Tour mit zehn Shows und auch in Österreich drei Konzerte. Danach ging es direkt ins Studio. Wir haben eigentlich vom Spielerischen her viel Routine gehabt. Die Herausforderung war, aus all den Variationen eines Stückes die richtige auszuwählen. Wir mussten uns immer entscheiden, ob wir die längere oder kürzere Version nehmen. Es war, als ob wir immer zu einer Kreuzung kämen, an der wir uns entscheiden müssten, was besser und was schlechter wäre.

Euer erstes Album ist ja wirklich gut angekommen und hat gute Kritiken erhalten. Inwieweit hat euch die Erwartungshaltung, erneut ein hochklassiges Album abzuliefern, unter Druck gesetzt? Oder war dieser Gedanke irgendwie außen vor? 

Simon Raab: Da ist schon etwas dran. Irgendwie schwirrt ein solcher Gedanke schon immer im Hinterkopf herum. Das erste Album lief ja wirklich sehr gut. So gut, dass wir sogar CDs nachbestellen mussten. Es sind ungefähr tausend Stück weggegangen. Ganz kann man sich einer gewissen Erwartungshaltung, glaube ich, daher gar nicht verschließen. Sie fließt eigentlich automatisch in einem gewissen Grad in die Produktion des nächsten Albums ein. Was uns aber von Anfang an klar war, war, dass wir jetzt nicht irgendetwas, was wir schon hatten, reproduzieren wollten.

„Letztendlich war es nicht nur die Erwartungshaltung, die uns in diese Richtung bewegen ließ, sondern vor allem die Dringlichkeit.“

Mit der Zeit ist also auch die Routine gekommen.

Simon Raab: Wir haben mit unserem letzten Album sehr viel gemeinsam gespielt. Ich selber habe davor mit keiner Band innerhalb einer so kurzen Zeit so viel gespielt. Durch das viele Spielen haben sich die Stücke auch sehr verändert. Die Improvisation ist in unserer Musik ein sehr starker Faktor, wodurch sich unser Material klarerweise immer wieder verändert. Das ist auch das Spannende an der ganzen Sache. So war die Idee vom neuen Album – vom Kopf her betrachtet – die logische Konsequenz, vom Herzen die Dringlichkeit. Es hat sich bei uns zugespitzt, dass wir alle etwas Neues haben wollten. Letztendlich war es nicht nur die Erwartungshaltung, die uns in diese Richtung bewegen ließ, sondern vor allem die Dringlichkeit. Es hat sich in den zwei Jahren seit dem letzten Album zwischenmenschlich und damit in der Band etwas entwickelt. Das wollten wir festhalten.

Man hört am neuen Album, dass ihr den Stücken jede Zeit lasst, dass sie sich entwickeln und Form annehmen. Es gibt die dramatischen und epischen Teile wie auch die sehr ruhigen und reduzierten. War es eure Intention, dieses Spiel von Gegensätzen in eure Musik reinzubringen?

Bild Purple is the Color
Purple is the Color (c) Georg Buxhofer

Simon Raab: Das ist schön, dass du das sagst, denn wir haben uns das jetzt nicht bewusst zur Aufgabe gestellt. Ich finde schon, dass bei Purple is the Color der Name Programm ist und dieses auch noch in unseren Köpfen steckt. Das Blaue ist das Ruhige und das Rote Sturm und Drang. Ich hatte im letzten Jahr ein Maturatreffen, bei dem mir mein ehemaliger Klassenvorstand einen Zettel gezeigt hat, auf den wir damals draufgeschrieben hatten, wer wir sind. Unter anderem mussten wir auch angeben, was uns am allerwichtigsten ist. Ich habe damals geschrieben, dass mir die Ruhe am wichtigsten ist. Damals habe ich das noch eher witzig gefunden, heute muss ich aber sagen, dass ich immer mehr draufkomme, dass ich schon stark den Drang verspüre, nach der Ruhe zu suchen. Ich habe darüber nachgedacht, was eigentlich Ruhe alles ist oder sein kann. Wenn man Ruhe nur damit verbindet, am Land oder am Meer zu sein, dann ist es zwar wahr, aber dann doch auch nicht ganz. Ich kann Ruhe auch während der Rushhour bei Wien Mitte empfinden, wenn man schon so viel hört, dass man eigentlich gar nichts hört. Meine Quintessenz ist, dass man immer Ruhe empfinden oder zur Ruhe zurückkehren kann. In der Ruhe liegt die Kraft. Das wird immer mehr zu meinem persönlichen Leitbild.

„Beim Klavier muss man die Vorstellung schon davor im Kopf haben.“

Eure Musik lebt auch von ihrem sehr zeitlosen Charakter. Im Pressetext zum
Album steht, dass ihr jetzt nicht unbedingt den Drang verspürt habt, modern und zeitgemäß zu klingen.

Simon Raab: Stimmt, wir orientieren uns jetzt nicht unbedingt an einem modernen Sound. Bei uns ist klar, dass wir nur mit akustischen Instrumenten agieren. Ich war und bin ja auch in diverse Popprojekte involviert, in denen ich oft Synthesizer spiele. Mir wird dann aber immer bewusst, dass ich im Grunde genommen ein Klavierspieler bin und mir dieses Instrument vom Sound her einfach am meisten gefällt. Es ist ein sehr hartes Instrument. Man ist sehr eingeschränkt. Wenn der Ton einmal gespielt wurde, kannst du ihn nicht mehr modulieren, wie es beim Synthesizer der Fall ist. Beim Klavier muss man die Vorstellung schon davor im Kopf haben. Unsere Einschränkung ist daher, dass wir wirklich akustisch bleiben. Wobei wir, wenn wir ehrlich sind, schon ein wenig geschummelt haben, in dem wir Overdubs verwendet haben.

Ihr versucht also, fast ganz auf elektronische Hilfsmittel zu verzichten und den klassischen Weg zu gehen? 

Simon Raab: Unser Bandsound befindet sich per se in einer stetigen Entwicklung, sodass unser jeweils neues Album eigentlich immer nur eine Momentaufnahme darstellt. In den Bands, in denen ich bisher tätig war, war die Produktion eines Albums eigentlich immer sehr professionell, man konnte im Grunde genommen im Studio oder im Nachhinein alles machen. Das Lustige ist aber, dass ich trotz der technischen Möglichkeiten vorwiegend Musik von früher mache, also Jazz, wo es eigentlich nicht um diese Perfektion der Aufnahme geht, sondern einfach um das Feeling und den Ausdruck.

Albumcover Epic
Albumcover “Epic”

Ich glaube, die Gefahr heutzutage liegt in der Geschwindigkeit, in der alles passiert. Man kann eigentlich ganz schnell etwas produzieren, was zwar gut klingt oder schön ausschaut, nur steckt keine Intention dahinter. Ich merke es an mir selber, dass ich ein sehr unruhiger und gestresster Mensch bin, der schnell vergisst, dass manche Dinge Zeit brauchen.

„Mein größter Auftrag mit dieser Band ist, dass man das Akademische und das Emotionale wieder vermischt […]

Bei euch steht eindeutig der Gesamtsound im Vordergrund, die Stimmung, die durch die Stücke transportiert werden soll.

Simon Raab: Wir haben dieses Mal auf jeden Fall den Anspruch gehabt, unsere Intention und unsere Gefühle in den Stücken spürbar werden zu lassen. Mein größter Auftrag mit dieser Band ist, dass man das Akademische und das Emotionale wieder vermischt, das Rote und das Blaue. Mir ist es wichtig, eine Beziehung zu führen. Mir ist wichtig, eine Band zu führen, in der man interagiert und in der auch die Persönlichkeiten eine ganz große Rolle spielen, nicht nur die musikalischen Fähigkeiten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

 

Das Albumrelease-Konzert am 2. Juni im Großen Sendesaal des RKH wird verschoben. Ein neuer Termin wird so bald wie möglich bekannt gegeben.

 

Links:
Purple is the Color
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Session Work Records