„Ich kann nichts besser beschreiben, als das, was ich denke und fühle.“ – AMY WALD im mica-Interview

Sie ist eine der Newcomerinnen der österreichischen Popszene des letzten Jahres. Als die junge Songwriterin AMY WALD 2018 den Entschluss fasste, ihren Job hinzuschmeißen, um ihren Traum einer Musikkarriere zu erfüllen, stand noch in den Sternen, wohin ihr Weg sie führen wird. Heute wissen wir es: An die Spitze der Ö3-Austrocharts. Wie ihr das gelungen ist, was sie musikalisch geprägt hat und wie sie mit dem unerwarteten Erfolg umgeht, verriet die Salzburgerin Michael Ternai im Interview. Begleitet wurde AMY WALD von ihrer musikalischen Partnerin und Lebensgefährtin VALENTINA VALE.

Du bist im vergangenen Jahr gleich mit deiner ersten Single „Mehr Als Nur Ein Like“ so richtig durchgestartet. Was sich jetzt wie eine vermeintlich traumhafte Geschichte liest, war jetzt nicht unbedingt ganz ohne Risiko. Du hast ja eigentlich gar nicht einmal so sehr früher deinen Job aufgegeben, um Musikerin zu werden. Ist es dieser Mut zum Risiko, der dich ausmacht?   

Amy Wald: Ich würde mich selber eigentlich nicht als außerordentlich mutig bezeichnen. Ich habe Ideen und Träume, bin noch recht jung und habe keine allzu großen Verantwortungen, wie etwa eine Familie. Es war ganz einfach so, dass ich Dinge gemacht habe, auf die ich Bock hatte. Und die waren selten typisch oder klassisch. Ich mag es, Dinge auszuprobieren, mich selber herauszufordern und meine Grenzen kennenzulernen. Wie weit kann ich kommen? wie fühlt es sich an, irgendwo ohne Geld und einen Plan gestrandet zu sein? Irgendwann habe ich dann eben damit begonnen, über diese Dinge Texte zu schreiben und sie in Musik umzusetzen.

War Musik eigentlich immer schon so ein wichtiger Bestandteil in deinem Leben? 

Bild Amy wald
Amy Wald (c) Presse

Amy Wald: Nein, das kam relativ spät. Eigentlich wollte ich immer Fußballerin oder Tennisspielerin werden. Sport war sehr präsent in meinem Leben. Musik kam eigentlich erst relativ spät dazu. Aber ich bin in mancherlei Hinsicht eine ziemlich extreme Person. Habe ich einmal für etwas eine Leidenschaft entwickelt, gehe ich dieser auch sehr intensiv nach. Ich habe irgendwann einfach gemerkt, dass ich für Musik dann doch noch mehr brenne, als für die anderen Sachen. Ich arbeitete damals in einem Klamottenladen und dachte mir während der Arbeitszeit eigentlich immer nur, dass ich mich eigentlich viel lieber mit einer Gitarre hinsetzen und Songs schreiben wollen würde. Ich war ständig daran, mir Texte auszudenken und sie mir auf einen Zettel, den ich in meiner Hosentasche immer parat hatte, aufzuschreiben. Irgendwann ist mir klar geworden, dass ich nicht wirklich weiterkomme, wenn ich neben der Musik weiterhin einem geregelten Job nachgehen muss.
Dann habe ich einfach meinen Job gekündigt. Und das war definitiv die beste Entscheidung in meinem Leben. Aber leicht war sie nicht. Vor allem finanziell war das eher riskant, weil ich damals noch meilenweit von dem entfernt war, wo ich jetzt stehe. Wobei ich finde, dass ich auch jetzt erst am Anfang stehe, vor allem musikalisch und auch von dem, was ich verdiene. Aber auf Geld habe eh nie wirklich wert gelegt. Der Weg war auf jeden Fall spannend. 

Du warst ja dann eine Zeit lang als Straßenmusikerin unterwegs. Ich denke, das war eine gute Schule für dich? 

Amy Wald: Extrem. Man lernt auf der Straße mit Abneigung und mit Reaktionen umzugehen, die man bei Konzerten eher weniger erlebt. Wenn man selber Shows spielt, kann man davon ausgehen, dass die Leute wegen dir da sind und dir zuhören wollen oder zumindest darauf eingestellt sind, Musik zu hören. Auf der Straße kann man davon nicht ausgehen.
Du musst aber trotzdem versuchen, die Aufmerksamkeit von Leuten zu bekommen, die in dem Moment nicht bereit sind, dir ihre Aufmerksamkeit zu geben. Das fand ich sehr interessant und es hat, wenn ich ehrlich bin, mir am Anfang auch etwas Angst gemacht, weil das schon ein unangenehmes Gefühl sein kann. Aber solche Dinge darf man nicht persönlich nehmen. Ich habe in dieser Zeit extrem viel gelernt, vor allem was Publikumsanimation betrifft. Ich bin überzeugt, dass das, was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, heute meine Art auf das Publikum zuzugehen beeinflusst.

Weil du vorher erwähnt hast, dass du deine Leidenschaft für Musik erst später entdeckt hast, was hat dich dennoch geprägt? Mit welcher Musik bist du aufgewachsen. Wer hat dich dorthin gebracht, wo du jetzt musikalisch stehst?

Amy Wald: Wenn man sich jetzt meine Musik anhört, kommt man vielleicht nicht wirklich drauf, dass ich von meiner Familie doch viel Jazz mitbekommen habe. Ich habe selber zwar nie Jazz gemacht, aber meine Eltern haben zu Hause immer sehr viel Jazz gehört. Und sie haben mich auch regelmäßig auf Jazzkonzerte mitgenommen.
Das letzte Konzert, zu dem meine Mutter hochschwanger gegangen ist, bevor sie mich bekommen hat, war eines beim Jazzfestival in Saalfelden. Aus diesem Besuch hat sich dann eine Art Tradition etabliert, dass wir regelmäßig zu diesem Festival gegangen sind. Daneben war ich auch viel im Jazzit in Salzburg. Es war vielleicht dann ein wenig meine Art gegen meine Eltern zu rebellieren, dass ich dann einmal gesagt habe, ich will keinen Jazz hören. Danach bin ich in die Hardrock- und Metal-Richtung gegangen.
Mein erster Zugang zu deutschsprachiger Musik war dann Jennifer Rostock. Ich bin immer noch der Meinung, dass diese Band die besten deutschsprachigen Texte jemals geschrieben haben. Zudem habe ich von Jennifer auch unglaublich viel mitbekommen, was Bühnenperformance betrifft, weil ich die Band unglaublich oft live gesehen habe.
Ich glaube, dass ich aus allen Genres irgendwie Parts für mich herausgepickt habe, die ich interessant fand und jetzt versuche, in meine Musik einfließen zu lassen. Ich merke, dass jeder Song im Moment immer ein wenig in eine andere Richtung geht. Da bin ich gespannt, wo das noch hinführen wird.

„Ich weiß, dass ich viel mehr lernen kann, wenn ich mit anderen Menschen zusammenarbeite.“

Bis du jemand, der , was Musik betrifft, auch Ratschläge von anderen annimmt?  

Bild Amy Wald
Amy Wald (c) Presse

Amy Wald: Ich weiß, dass ich nicht allwissend bin, und es wäre ein schlechter Gedanke, das auch anzunehmen. Ich weiß, dass ich viel mehr lernen kann, wenn ich mit anderen Menschen zusammenarbeite. Ein zusätzliches Ohr oder einen objektiven Betrachter mit dabeizuhaben, hilft immer. Und das nehme ich in Anspruch, weil ich merke, dass ich dabei weiterkomme. Und ich habe jetzt auch schon bei jedem neuen Song mehr einen Plan, wo ich diesen hinführen will. Als wir die letzten Male ins Studio gekommen sind, war mir schon sehr klar, in welche Richtung es gehen und wie die Instrumentierung aussehen soll. Aber ich hole mir natürlich immer noch sehr gerne Input, von meinem kleinen Team, als auch von Freunden und außenstehenden Menschen.

Wie sieht es bei dir mit Perfektionismus aus?

Amy Wald: Ich bin gerade dabei zu lernen, den ein wenig abzulegen. Ich kämpfe mit Perfektionismus eigentlich schon mein ganzes Leben lang. Perfektionismus kann dazu führen, dass du mit einem Produkt immer unzufrieden bist. Du gelangst nie zu einem Punkt, an dem du sagst, das ist jetzt gut, den Song kann man veröffentlichen. Es ist zwar jetzt immer noch so, dass ich mir manchmal denke, dass ich dies und das im Nachhinein vielleicht etwas anders gemacht hätte. Aber Musik ist eine Momentaufnahme. Und diese Momentaufnahmen dürfen auch so für sich sprechen.

Es ist bei dir dann aber sehr schnell gegangen. Wie überrascht warst du davon, gleich mit der ersten Single so durchzustarten? 

Amy Wald: Es war ein sehr interessanter Moment, das mitzuerleben, weil unsere Erwartungen nicht ansatzweise in diese Richtung gegangen sind. Im Endeffekt muss man aber dann doch sagen, dass das alles – auch wenn es vielleicht nicht so wirkt – nicht so über Nacht passiert ist. Ich habe davor ja auch schon jahrelang mit meiner Band Musik gemacht. Wir haben mehrmals pro Woche geprobt und auch intensiv an Songs gebastelt. Warum wir kaum etwas veröffentlicht haben, lag vor allem an den finanziellen Ressourcen, die nicht da waren. Aber wir haben doch regelmäßig Konzerte gespielt. Zwar waren das keine herausragenden, aber dennoch habe ich was Bühnenperformance anbelangt, doch einiges mitnehmen können.

„Ich habe in den letzten Monaten einfach versucht, diese Momente bewusst zu erleben und sie in mich einzusagen.“

So plötzlich im Scheinwerferlicht zu stehen, hat dich nicht überfordert? 

Amy Wald:  Überfordert bin ich nicht, ich bin einfach nur sehr dankbar für das, was gerade passiert. Ich habe in den letzten Monaten einfach versucht, diese Momente bewusst zu erleben und sie in mich einzusaugen. Ich sehe jedes Gespräch, das ich führen kann, jedes Feedback, das ich bekommen, jedes Airplay einfach als ein Geschenk. Es ist etwas Besonderes, wenn sich Leute Zeit nehmen, deine Musik zu hören. Das ist nicht selbstverständlich. Ich weiß, was es heißt, vor niemanden zu spielen und wie es ist, wenn keiner deine Musik hören will. Ich weiß, wie es ist, nicht ernst genommen zu werden, wenn man wie ich in der Schule sagt, dass man Musik machen will. Daher ist meine Dankbarkeit wahrscheinlich auch so groß.

Aber macht so ein Start nicht auch der Druck, Erwartungshaltungen erfüllen zu müssen?

Amy Wald: Ich verspüre vielleicht einen innerlichen Druck, der aber jetzt nicht so sehr mit Chartplatzierungen zu tun hat. Mit geht es darum, musikalisch besser zu werden, und da lege ich mir die Latte bei jedem neuen Song einfach höher. Ich versuche einfach, weiterhin keine Erwartungen zu haben. Wenn Vale und ich zu Hause Songs schreiben, gehen wir bewusst von dem Gedanken weg, dass die Nummer gewisse Voraussetzungen erfüllen muss, um dann im Radio gespielt zu werden. 

Valentina Vale: Entscheidend für uns ist, dass sich der Song für uns gut anfühlt und er den richtigen Vibe für uns hat. Wir haben uns angeeignet, nicht auf irgendetwas hinzuarbeiten. Es kann schon sein, dass sich durch neue Idee die Vorstellungen ändern und sich die ganze Sache in eine neue Richtung entwickelt. Aber generell tun wir, was sich für uns gut anhört.

Amy Wald: Natürlich kommt immer wieder die Frage, ob ich Druck verspüre, mit dem nächsten Song gespielt zu werden. Aber ich denke, die Leute um uns herum, verspüren diesen mehr. Mir war es immer wichtig, Liveshows zu spielen, weil ich schon auf so vielen Konzerten war. Das ist meine Welt, dort fühle ich mich wohl.

Du hast bisher ausschließlich Singles veröffentlicht. Wie sieht es mit einem Album aus? Ist schon eines in Arbeit?

Amy Wald: Die Idee für ein Album wird tatsächlich immer konkreter. Ein Album zu produzieren, war immer ein großer Traum von mir. Ich weiß aber auch, dass ich mir dafür Zeit lassen möchte, weil ich nicht das Gefühl habe, dass ich musikalisch schon so weit gereift bin, dass ich so auf die Schnelle Mal ein Album machen kann, mit dem ich dann im Nachhinein noch happy bin. Ein Album braucht eine gewisse Vorlaufzeit und die will ich mir auch lassen. Ich will mich musikalisch einfach noch mehr ausprobieren und schauen, wo ich wirklich hinmöchte. Aber klar, Album ist ein großes Thema und wir schmieden auch schon Pläne. Wir schreiben im Vergleich zu den letzten Jahren so viele Songs wie noch nie. Vale und ich haben zu Hause in der Wohnung überall griffbereit eine Gitarre, damit wir uns schnell einmal hinsetzen können, um loszuspielen.
Ich habe auch das Gefühl, dass jetzt, wo es uns, auch wegen der Krise, nicht so gut geht, viel, viel mehr entstanden ist. Wahrscheinlich, weil wir jetzt offenbar mehr den Drang hatten, die Dinge über die Musik zu verarbeiten.

Deine Texte sind zum Teil sehr persönlich und du gibst auch immer etwas Preis von dir. Immer wieder ein Thema ist, dass du dich oft anders als die andern fühlst und du damit nicht selten zu kämpfen hattest.

Amy Wald: Ich brauche das auch. Ich kann nichts besser beschreiben, als das, was ich denke und fühle. Und diese Message ist mit Sicherheit immer in irgendeiner Art und Weise in die Songs eingebaut. Ich habe einfach viel in dieser Richtung erlebt, vor allem auch viele unschöne Momente. Mich haben diese Dinge einfach geprägt und es würde sich      nicht richtig anfühlen, das nicht in die Songs einzubauen. Ich versuche, die Dinge ehrlich zu schreiben und zu formulieren. „Freaks“ zum Beispiel ist ein Song, der sich zum ersten Mal wirklich direkt mit diesem Thema beschäftigt. Als ich den Song geschrieben habe, war es wie ein Wiedererleben der Schulzeit mit all den Mobbing-Geschichten. Es war eine echte Challenge diesen Song zu schreiben. Ich finde es für mich aber persönlich wichtig, dass ich das tue, weil ich mir immer wieder selber sagen muss, dass es okay ist, anders zu sein.

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Ternai

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