„Ich habe mich in den letzten zwei, drei Jahren, in denen die Songs entstanden sind, einfach nie ultimativ witzig gefunden.“ – TITUS PROBST im mica-Interview

TITUS PROBST ist als ein bunter Vogel bekannt. Seine Art, sein Style und sein Auftreten wie auch seine Musik gehen nicht unbedingt als den Konventionen entsprechend durch. Genau das aber macht den aus Graz stammenden Künstler zu einer interessanten Figur und Persönlichkeit. Er hat seine eigenen Ideen und setzt diese auch stets konsequent durch. So wie auch auf seinem eben erschienenen zweiten Album „Expected“, auf dem er sich dem Thema 1980er-Jahre-Pop auf seine ganz eigene Art annähert. Im Interview mit Michael Ternai sprach TITUS PROBST darüber, warum es auf seinem zweiten Album deutlich düsterer zugeht, was ihn am Pop der 1980er-Jahre wirklich fasziniert und warum er in den letzten Jahren traurig war.

Was mir beim Durchhören deines neuen Albums aufgefallen ist, ist, dass es – anders als noch auf deinem Debüt – relativ dunkel und melancholisch klingt. Zwar beginnt „Expected“ mit Songs in der Art, wie man sie von dir auch bislang schon gewohnt war, nur ändert sich die Stimmung der Songs ab der Hälfte des Albums dann doch recht deutlich.

Titus Probst: Das hat sich während der Produktion dieses Albums einfach so ergeben. Auch, weil mir diese klassischen 1980er-Sounds und dieses Lustige dann doch irgendwann zu fad geworden sind. Ich will lustige und unterhaltsame Musik nur dann machen, wenn ich das in dem Moment auch fühle. Ich habe mich in den letzten zwei, drei Jahren, in denen die Songs entstanden sind, einfach nie ultimativ witzig gefunden. Daher ist die Musik dann auch mehr ins Sphärische und Melancholische gegangen. Vielleicht war ich in dieser Zeit einfach auch nur sehr viel traurig. Auf jeden Fall war es mir wichtig, dass die Leute auch sehen, dass ich nicht nur witzig bin, sondern auch ernstere Musik produzieren kann, wenn ich will.

Das kannst du definitiv. Die Dramaturgie war also beabsichtigt.

Titus Probst: Ja, so war sie gedacht, wobei ich schon auch erwähnen muss, dass ich das Album davor eigentlich komplett umgeworfen hatte. Hätte ich das nicht getan und wären nicht noch ein paar andere Lieder hinzugekommen, wäre es durchgehend sehr düster geworden. Und das wäre für viele, glaube ich, dann doch etwas zu viel plötzliche Veränderung gewesen. Ich habe mich dann eben noch einmal hingesetzt und in der Schnelle ein paar neue Lieder produziert, die etwas zugänglicher sind und eine gewisse Spange zum ersten Album bilden. Es hat Spaß gemacht, das Album noch einmal zu zerreißen. Die Veränderung findet jetzt quasi schleichend statt, es beginnt mehr oder weniger in meinem bekannten Stil und switcht nach vier Liedern in eine andere Stimmung.

„Ich wollte dieses Mal einfach meinen Gefühlen Ausdruck geben.“

Als du begonnen hast, für dieses Album zu produzieren und die Songs zu schreiben, hattest du schon eine konkrete Idee oder einen genauen Plan, in welche Richtung es gehen sollte?

Titus Probst: Nein, gar nicht. Ich produziere einfach sehr viel, sodass ich am Ende wirklich viele Lieder beisammenhabe, aus denen ich dann die für mich besten aussuchen kann. So gehe ich an die Sache heran. Bei meinem ersten Album interessierten mich vor allem die ganzen Sounds und wie das alles miteinander funktioniert. Jetzt war es für mich interessant, eher so sphärische und düstere Sachen zu machen. Ich wollte dieses Mal einfach meinen Gefühlen Ausdruck geben.

Bist du eigentlich ein ausgebildeter Musiker oder hast du dir alles selber angeeignet?

Titus Probst: Ich habe früher einmal Schlagzeug- und Klavierunterricht gehabt. Aber um ehrlich zu sein, habe ich zum Leidwesen aller nie wirklich geübt. Wirklich ausgebildet bin ich also nicht. Ich habe mit 15 dann begonnen, am Computer zu produzieren. Und das hat mir auch am meisten Spaß gemacht.Vor allem gefällt mir, dass man Lieder selber machen kann. Ich habe früher in Bands gespielt und da wurde immer alles aufgeschrieben und man musste sich alles merken. Am Computer habe ich alles immer vor mir.

Hört man sich deine Lieder an, ist ein Einfluss aus dem Pop der 1980er-Jahre unüberhörbar. Was fasziniert dich an der Musik dieser Zeit? War das die Musik deiner Jugend?

Titus Probst: Mir gefallen die Sounds in den Drum-Sections einfach extrem gut. Und auch von den Bass- und Keyboard-Sounds dieser Zeit komme ich nicht wirklich weg. Diese Dinge faszinieren mich einfach. Gleichzeitig will ich aber auch keinen plumpen, mainstreamigen 1980er-Pop machen.Sozialisiert wurde ich aber eigentlich ganz anders. Eher mit Hardrock. Aber auch hier sind es eher Bands gewesen, die viele Synth-Sounds in ihrer Musik hatten, wie zum Beispiel Toto.

Bild Titus Probst
Titus Probst (c) Philipp Bohar

So richtig zu interessieren begann ich mich für den Pop der 1980er, als ich mich in Graz mit einem Freund regelmäßig zusammengesetzt habe und wir uns diese Musik gegeben haben. Für mich klingt der 1980er-Pop einfach extrem witzig. Wenn man ihn sich im Vergleich zum, sagen wir, Funk der 1970er anhört und man sieht, dass alles, was davor Gitarren oder andere Instrumente gemacht haben, plötzlich über synthetische Sounds erklingt, ist das schon etwas absurd. Dazu kommen noch die elektronischen Beats hinzu. Ich finde, das war eine lustige Transformation, die da passiert ist.

„Ich mag und verwende ja Sounds, die nicht so perfekt auf einer Note oder einem Takt liegen.“

Das Schöne an deinem Album ist auch, dass alles irgendwie kantig und nicht glatt poliert klingt.

Titus Probst: Ich finde, dass es nicht schlimm ist, wenn etwas nicht perfekt klingt. Ist es so, dann muss man aber schauen, dass das Gefühl, das man erzeugen will, trotzdem vermittelt wird. Genau das versuche ich. Ich mag und verwende Sounds, die nicht so perfekt auf einer Note oder einem Takt liegen. Das reizt mich. Und wenn ich auf Musik blicke, die mich berührt hat, war es eigentlich immer eine solche, die nicht so perfekt klang, aber dennoch Drive hatte.
Es ist bei mir vielleicht ein wenig so wie bei der Suche nach einem perfekten Riff. Ich will den perfekten Pop-Song schreiben, aber das klappt halt nie wirklich. Ich bin kein Produzent, der ganz genau weiß, was er tut, und vielleicht klingen meine Lieder genau deswegen auch so, wie sie klingen.

Du machst deine Musik allein. Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit du sagst: „So, der Song ist jetzt fertig.“?

Titus Probst: Wenn man sie von vorne bis hinten hören kann [lacht]. Auf dem Album gibt es ja auch den Song „High Sein“ mit einem Feature von Panik Deluxe. Bei dem Lied ist es so, dass es einfach anfängt, dann singe ich, dann singt sie, dann wieder ich, dann wieder sie und dann wieder ich. Einen Refrain gibt es eigentlich nicht, auch weil ich mir irgendwann gedacht habe, dass ich eigentlich keinen will. Ich hatte das Gefühl, dass der Song im Grunde ohnehin schon überladen war und ein Refrain nicht passen würde. Daher habe ich ihn letztlich mit einem offeneren Part „ausfaden“ lassen. Manchmal ist es halt so, dass es ich etwas nicht fertig machen will. Und da muss man als Zuhörerin oder Zuhörer einfach akzeptieren, dass das Lied einmal keinen richtigen Refrain hat.

Bild Titus Probst
Titus Probst (c) Patrick Winkler

„Ich bin halt in Graz aufgewachsen und weiß, wo ich dort hingehen müsste, um mich wohlzufühlen.“

Du hast vorher kurz angedeutet, dass du während des Produktionsprozesses traurig warst. Was hat dich denn traurig gemacht?

Titus Probst: Natürlich sind das immer persönliche Gründe. Aber ich finde, es ist total okay, traurig zu sein. Ich glaube, der Grund, warum es so war, war das Gefühl, dass ich hier in Wien nur schwer Anschluss gefunden habe. Ich bin wegen des Studiums nach Wien gekommen. Ich komme aus Graz und dort war ich in gewisser Weise schon etabliert. Ich kannte die Leute und bin dort auch fast jedes Wochenende auf Konzerte und andere Events gegangen. Für das fehlt mir aber, vielleicht weil ich auch älter werde, hier in Wien inzwischen die Kraft. Ich habe einfach keinen Bock mehr, jede Woche dreimal zu einem DJ-Event zu gehen. Und so wie mir scheint es auch meinen Freuden und Freundinnen in Wien zu gehen. Die haben auch keine richtige Lust, dauernd in Clubs abzuhängen. Ich glaube daher, dass mich dieses Fehlen von Anschluss an die Wiener Musikszene ein wenig depressiv gemacht hat. Ich bin halt in Graz aufgewachsen und weiß, wo ich dort hingehen muss, um mich wohlzufühlen. Diesen Platz habe ich in Wien noch nicht gefunden.

Und ist das mit dem Anschluss mittlerweile besser geworden?

Titus Probst: Ich habe das Gefühl, das kommt erst jetzt. Und ich glaube, die ganze Geschichte mit Corona war auch nicht wirklich förderlich. Ich hätte echt viele Konzerte spielen können, was aber dann nur in einem kleinen Umfang möglich war. Ich war langsam auf dem Weg, mich zu etablieren, und dann kam eben Corona. Das hat alles etwas verzögert.

Du bist nicht nur Musiker, du machst auch Performance-Kunst, du schauspielerst und machst noch andere Sachen. Welchen Stellenwert hat Musik für dich? Welchen Platz nimmt sie in deinem Leben ein?

Titus Probst: Für mich ist Musik das Wichtigste, weil es auch das Einzige ist, das ich wirklich gerne mache. Zu schauspielen, vor der Kamera zu stehen oder irgendetwas zu moderieren ist immer anstrengend. Beim Musikmachen kann ich mir die Sachen wirklich so zurechtlegen, wie ich will. Natürlich kann das auch deprimierend sein, wenn du monatelang Musik machst, dir aber gar nichts davon gefällt. Aber die Momente, in denen du auf die Bühne gehst, sind immer schön. Ich habe jetzt vier Tage hintereinander in Deutschland gespielt. Es waren nicht alle Konzerte gut besucht, aber es war einfach schön, das zu präsentieren, was ich mache.

Du bist als Künstler jemand, der auffällt. Nicht nur musikalisch, auch dein Auftreten und deine Kleidung sind auffällig. Fällt es dir schwer, dich an das Gewöhnliche anzupassen?

Titus Probst: Ich mache ja auch Werbungen. Und ich tue mich da auch nicht so schwer, wie manche Leute es vielleicht glauben. Aber wenn Leute auf mich zukommen und mit mir irgendetwas tun wollen, dann muss man halt darüber reden, wie weit man sich den Gegebenheiten anpasst. Aber bislang hat ohnehin noch keine große Firma bei mir angeklopft oder ein Major-Label bei mir angefragt, daher habe ich mich mit der Frage auch noch nie wirklich auseinandersetzen müssen. Generell aber bin ich schon anpassungsfähig.

Aber wie bis du zu deinen Klamotten gekommen. Was inspiriert dich zu deinem Style?

Titus Probst: Als ich noch in Graz gewohnt habe, gab es bei mir um die Ecke einen Carla Laden, in dem die Sachen jeden Freitag um 50 Prozent runtergesetzt waren. Damals waren die noch extrem günstig und ich war arbeitslos. Ich habe mir dort lauter solche Glitzersachen aus den 1980er-Jahren gekauft. Mir hat es zudem immer auch gefallen, anders auszuschauen. Und es hat damals niemand sonst einen knalltürkisen Trainingsanzug getragen. So hat das eigentlich angefangen. Jetzt bin ich halt auf Overall. Gefällt mir auch gut [lacht].

Zum Abschluss eine Frage zur Zukunft. Wo siehst du dich, wenn alles gut geht, in zwei, drei Jahren?

Titus Probst: Wenn ich ehrlich bin, will ich einfach nur so viele Livekonzerte spielen, dass ich davon leben kann. Mehr will ich eigentlich nicht. Früher waren meine Ansprüche größer, aber das hat sich geändert. Ich will einfach, dass 50 Leute ein Ticket kaufen, wenn ich irgendwo in Deutschland ein Konzert spiele. Damit wäre ich zufrieden. Ich muss nicht viel Geld verdienen, ich möchte nur gemütlich leben können. Das ist mein Ziel. Ich möchte in drei Jahren sagen können: „Okay, passt, ich habe soundsoviele Auftritte im Jahr, kann mit soundsoviele Kohle rechnen und davon leben.“ Alles, was darüber hinausgeht, wäre natürlich auch wunderbar.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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