"Ich habe immer alles parallel gehört und gelernt"

Ein Interview mit dem Akkordeonisten, Bandleader und Komponisten Martin Lubenov 1976 in Sofia geboren, zählt Martin Lubenov heute zu den wesentlichen Impulsgebern der österreichischen Ethno- und Jazz-Szene. In seinem eigenwilligen Spiel kreuzen sich die schillerndsten Traditionen des Balkans: mazedonisch-bulgarische Volksmusik und die vor Lebendigkeit überberstende, ständig sich entwickelnde Musik der südbalkanischen Roma. Man ergänze diese musikalische Basis durch Jazz, Tango Nuevo, Pariser Musette, serbische, rumänische, griechische und türkische Musik, atemberaubende Virtuosität und ausgefallene Arrangements. Mit seiner Band “Jazzta Prasta” gewann er 2005 den Österreichischen Worldmusic-Förderpreis.  

Wie sind Sie musikalisch sozialisiert worden? Was war der erste Kontakt mit Musik?
Mein Vater ist ein sehr guter und in Bulgarien sehr bekannter Jazz- und Gypsy-Schlagzeuger. Mein erstes Instrument war also auch das Schlagzeug. Meine Großmutter aber hat dann gesagt, ich soll Akkordeon spielen, weil mein Großvater ein sehr guter Akkordeonist war und nach seinem Tod niemand diese Tradition weiter gepflegt hat. Das war für mich kein einfacher Moment, denn ich liebe das Schlagzeug. Da war ich ungefähr acht Jahre alt und habe bei einem Freund von meinem Vater privat Unterricht bekommen. Das war noch in der Zeit des Kommunismus. Da war es zum Beispiel nicht leicht, einen Musette-Walzer zu finden. Mein Lehrer hat viel in Europa gespielt und hat da immer viele unbekannte Noten mitgebracht. Davon habe ich sehr profitiert. So ist meine Liebe zum Jazz entstanden, der damals noch verboten war. Auch serbische, türkische oder Gypsy-Musik waren verboten. Natürlich alle englisch-sprachige Musik, Rock und Pop. Es gab eigene Lager für Künstler.

Sie sind Bulgare und Rom. Was haben sie aus diesen Kulturen übernommen?
Ich bin in Sofia geboren und aufgewachsen. Ich bin ein bulgarischer Rom. Beides gehört zu mir und gehört zusammen. Ich liebe beide Elemente in mir und will sie auch ausleben. Ich habe ein Gypsy-Projekt gemacht. Ein anderes ist ein Balkan-Projekt, nur mit bulgarischer Volksmusik. Die Projekte sind vollkommen verschieden, aber sie sind gleich wichtig für mich.

Sie haben aber auch klassische Musik studiert. Diese Kombination von Gypsy, Volksmusik und Klassik ist ja eher selten.
Auch das hat mit meiner Großmutter zu tun. Sie liebte die klassischen Violinkonzerte: Sarasate, Tschaikowsky, usw. Das mussten wir einfach hören und es hat mir immer gut gefallen. Ich habe immer alles parallel gehört und gelernt. Wenn man diese verschiedenen Musiken versteht, kann man einen eigenen Stil entwickeln. Ich habe zwar klassisches Akkordeon studiert, aber es war nicht mein Zuhause. Mein Herz hat mir etwas anderes gesagt. Ich musste zur Musik meiner Väter zurück.

Aber von der klassischen Technik haben Sie schon profitiert.
Technik ist Technik. Also Arbeit. Da muss man sitzen und üben. Trotzdem gibt es klassische Akkordeonisten, deren Technik nicht so gut ist. Technik ist auch ein bisschen Gottes Wille. Aber was wäre die Technik ohne Harmonie und Rhythmus? Die Harmonie ist die Geschichte in einem Stück. Du musst mit der Harmonie etwas sagen.

Gibt es eine spezielle Harmonik der Rom-Musik? Und wie unterscheidet sie sich von der bulgarischen Volksmusik?
Das zu beschreiben ist sehr schwer. Wenn man damit aufwächst, hat man es im Blut. Ich denke nicht daran. Zu Hause wurde immer Musik gemacht. Das war mit meinem Bruder ein Non-Stop-Programm. In meiner Familie sind alle Musiker, es gibt keinen anderen Beruf. Ich werde im März Vater. Wahrscheinlich ist er auch Musiker.

Was ist typisch für die bulgarische Volksmusik?
Bulgarien ist zwar ein kleines Land, aber wir haben große regionale Unterschiede, wenn sie zur serbischen Grenze gehen oder ans Schwarze Meer. Da wo sich die Regionen treffen, gibt es sehr interessante Mischstile. Man muss sich sehr gut auskennen, um diese Unterschiede wahrzunehmen.

Welchen Stil spielen Sie?
Alle. Weil ich auch alle liebe. Von der Ornamentik her sind die Stile aber sehr unterschiedlich.

Ist das Akkordeon ist in der bulgarischen Musik ein Volksinstrument?
Das scheint so, aber es stimmt nicht ganz. Akkordeon ist eigentlich ein Begleitinstrument, aber man kann es auch solistisch spielen. Man kann damit jeden Stil spielen. Für mich ist es ein komplettes Instrument. Man kann es sehr gut alleine spielen. Du hast Melodie, Bass und die Harmonie. Du spielst für zwei oder drei Musiker. Das macht es auch sehr schwierig.

Sie haben dann auch in Amerika studiert.
Ich habe in Berkeley an der Jazz-Hochschule Akkordeon studiert, auf eigenes finanzielles Risiko. Aber ich mag Amerika nicht. Ich habe viel gespielt, aber die Qualität der Studierenden war nicht so hoch, wie ich gedacht habe. Sehr viele Asiaten, aber sie verstehen die Musik anders. Es ist eine Mentalitäts-Frage. Ich bin zurück nach Bulgarien. Für die Musikausbildung war der Kommunismus gut, denn wir hatten ein russisches System. Das heißt: üben, üben, üben. Und wir hatten auch gute Lehrer. In Wien habe ich zunächst am Prayner-Konservatorium studiert und habe ziemlich schnell bei der Tschuschen-Kapelle mitgespielt.

Und dann ist schon relativ bald das “Martin Lubenov Orkestar” gekommen.
Das “Martin Lubenov Orkestar” ist eine Gypsy-Formation. Alle sind wunderbare Musiker, aber auch gute Menschen. Das ist mir auch sehr wichtig. In diesem Projekt spielen wir vielleicht 35 oder 40 Prozent Jazz. Der Rest sind typische Roma-Motive. Aber gemischt mit Tango, Musette und lateinamerikanischen Rhythmen. Ein gutes Misch-Masch. Ich notiere die Kompositionen wie in einer normalen Partitur. Intro, Thema, Instrumente, etc. Nur die Improvisation ist nicht notiert. Die ist Sache des Herzens. Ich habe jetzt auch Angebote für Film-Musik. Da arbeite ich mit dem Sibelius-Computer-Programm. Das bewährt sich das ganz gut.

In Österreich sind Sie so etwas wie ein Star der Szene. Ist die Wahrnehmung in Bulgarien auch so gut?
Noch nicht, aber das verändert sich jetzt. Das bulgarische Fernsehen macht ein Portrait über mich, gemeinsam mit dem österreichischen und deutschen Fernsehen. Sie werden auch nach Finnland kommen, wo ich einen Workshop gebe. Der Abschluss soll ein Konzert mit einem Pop-Star sein. Wir wollen Sting, aber es ist noch nicht fixiert. Er hat große Affinität zum Jazz und auch zur Ethno-Musik. Außerdem mag er akustische Instrumente. Das Konzert soll im August stattfinden. In dieser Zeit wird auch meine Hochzeit sein. Da werden 1000 Freunde kommen und wir werden drei Tage lang feiern.

Hochzeits-Musik verbinden wir als Klischee auch mit Rom-Musik.
Da zu spielen ist eine sehr gute Praxis. Da wirst du sehr flexibel. Wenn ich heute in einen Club komme, kann ich sofort mitspielen. Musiker ist Musiker, egal wo.

Welche Jazz-Musiker haben Sie beeinflusst?
Sehr viele. Oscar Peterson mag ich zum Beispiel sehr, er ist wie musikalischer Vater für mich. Herbie Hancock, Chick Corea, Ray Brown sind auch wichtig.

 

 
Eine andere Formation von Ihnen heißt “Jazzta Prasta”. Wie kann man das übersetzten?
Ramba-Zamba oder Volks-und-Jazz-Musik. Das hat viele Bedeutungen, je nach der Situation. Es ist ein bulgarisches Slangwort, das auch so viel bedeutet wie “Tohuwabohu, alles durcheinander”. Es ist ein Quartett. Wir verwenden sehr viele traditionelle Instrumente. “Jazzta Prasta” ist viel jazziger als das Orchester. Die Musik ist freier. Wir haben andere Themen & Rhythmen.

Die Musik des Balkans ist im Westen sehr bekannt und beliebt geworden. Zum Beispiel die Musik von Goran Bregovic in den Filmen von Emir Kusturica.
Goran Bregovic spielt traditionelle Musik. Aber er ist ein Scharlatan. Ich kenne alle Nummern, die er als seine Musik verkauft, in der Rom-Sprache. Das sind alles alte Stücke. Das ist gut gemacht, aber es ist nichts Neues, bloß eine Mischung. Das ist schon sehr kommerziell. Er macht viel Geld damit. Das Verhältnis von Bregovic und Kusturica ist auch nicht mehr gut. Auch deswegen. Ich selbst möchte etwas Neues machen, das dann vielleicht auch Volksgut wird.

Haben Sie das Gefühl gehabt, in Wien gut aufgenommen zu werden?
Wien ist Multi-Kulti-Stadt und das war genau das Richtige für mich. Wien ist eine gute Stadt für “Tschuschen”. Du kannst viele Kontakte knüpfen. Die Musik-Szene hat sich auch sehr gut entwickelt. Es gibt mehr gute Musiker als früher. Ich habe auch nie Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit gemacht. In Salzburg könnte ich zum Beispiel nie leben. Aber in Wien habe ich mich sofort wie zu Hause gefühlt.

Interview: Wolfgang Schaufler

Martin Lubenov wurde 1976 in Sofia geboren. In seinem eigenwilligen Spiel kreuzen sich die schillerndsten Traditionen des Balkans: mazedonisch-bulgarische Volksmusik und die vor Lebendigkeit überberstende, ständig sich entwickelnde Musik der südbalkanischen Roma. Man ergänze diese musikalische Basis durch Jazz, Tango Nuevo, Pariser Musette, serbische, rumänische, griechische und türkische Musik, atemberaubende Virtuosität und ausgefallene Arrangements: Das ist Martin Lubenov. Er studierte klassische Musik und Jazz in Sofia und Wien. Seine Erdung im vibrierenden Boden balkanischer Hochzeitsmusik bewahrte ihn von vorneherein davor, ein “akademischer” Musiker zu werden. Und glücklicherweise ließ ihn seine musikalische Bildung schon früh über Populärmusik hinauswachsen, auf die sich viele Romamusiker am Balkan beschränken.
Vor vier Jahren zog es Martin Lubenov zum Studium nach Wien, wo er bald zum Verbindungsglied zwischen der Musik der jugoslawischen und mazedonischen Communities und der mitteleuropäischen Folk- und World-Music-Szene avancierte. Schnell sprach sich sein Talent herum, auf das unzählige Musiker und Bands zurückgriffen, darunter das Sandy Lopicic Orkestar. In Bulgarien war er zudem Instrumentalist und Arrangeur der Jony Iliev Band. Mit seiner Band “Jazzta Prasta” gewann er 2005 den Österreichischen Worldmusic-Förderpreis.

 

 

 

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