„Ich habe einfach versucht, die Lockdowns künstlerisch zu verarbeiten.“ – GINA SCHWARZ im mica-Interview

Im November 2020 befanden wir uns in Österreich wieder einmal in einem Lockdown. Das Leben stand quasi still und an Konzerte – vor allem vor Publikum – war nicht zu denken. Diese erzwungene Auszeit nahm die österreichische Jazz-Bassistin und Komponistin GINA SCHWARZ zum Anlass, neue Stücke zu schreiben und über die Herausforderungen in einer Pandemie als Künstlerin zu reflektieren. Herausgekommen ist dabei das Album „All Alone 2020“ (cracked anegg records), welches sie mit ihrem hochkarätig besetzten Ensemble innerhalb von sechs Tagen einspielte. Im Interview mit Michael Ternai erzählt GINA SCHWARZ über ihre Kompositionsmethoden, die experimentellen Ansätze und die bewussten Entscheidungen, die sie beim Schreiben ihrer Musik getroffen hat.

Du hast mit deinem Ensemble auf dem neuen Album die Lockdowns des vergangenen Jahres zum Thema gemacht und was sie mit dir bzw. Künstlerinnen und Künstlern gemacht haben. Hört man sich durch die Stücke, kann man den Eindruck gewinnen, dass du hier die verschiedenen Phasen, durch die du gegangen bist, versucht hast, zu vertonen. Vom Schock am Anfang bis hin zur Akzeptanz der Situation.

Gina Schwarz: Es waren vielleicht jetzt nicht die Phasen, die ich durchlebt habe, aber diese Gefühle, die immer wieder so entstanden sind und mit denen man sich beschäftigen musste. Im Stück „Communication in Isolation” zum Beispiel stellte ich mir die Frage, wie passiert Kommunikation in Isolation und wie kann ich das musikalisch ausdrücken. Man ist isoliert und versucht, trotzdem zu kommunizieren. Diese Stimmung wollte ich in diesem Stück wiedergeben.
Bei „Motion in Freeze” hatte ich wiederum das Bild einer Bewegung im Gefrorenen im Kopf. Ich wollte diesen Gegensatz klanglich ausdrücken und bediente mich musikalischen Strukturen, die gleichbleiben. Das Stück bleibt durchgehend im Fünfer-Takt. Entweder in einem 5/4, 5/8 oder 5/2 Takt. Es beginnt mit einer kleinen Intro-Melodie – relativ lyrisch und rubato. Diese Melodie wird langsamer, bis sie bildlich gesprochen stehenbleibt, also einfriert. Das wiederholt sich im Rad dann ein paar Mal. Es spielen sich in diesem Stück viele Sachen ab, die man nicht gleich so bemerkt. Die Melodie etwa ist in dem Sinne eingefroren, dass sie eigentlich immer gleichbleibt, nur wird sie von verschiedenen Instrumenten in unterschiedlicher Form gespielt. Beim Zuhören fällt das vielleicht gar nicht so auf.
Das dritte Stück „Structured Chaos” behandelt mit Struktur und Chaos ebenfalls einen Gegensatz. Hier wollte ich aus dem tonalen Bereich ausbrechen. Der Ausgangspunkt ist eine 12-Ton-Reihe, bestimmte 12 Töne kommen immer wieder, in der gleichen Reihenfolge und in jeder Stimme. Auch bei den Kollektiv-Soli darf nur mit diesen Tönen improvisiert werden.

Das vierte Stück „Wistful Euphorism“ ist inspiriert von armenischer Musik und ist durch die Harmonien und weil es fast durchgehend der Harmonisch-Dur-Skala folgt eher schwermütig.
Der fünfte Tune ist “All alone – Together in long the run”, also alleine und zuletzt dann doch zusammen. Hier fängt das Stück mit einer Stimme an, dann kommt die zweite dazu, dann die dritte. Es baut sich so lange auf, bis schließlich sehr viele Stimmen gleichzeitig verschiedene Melodien spielen, sich übereinanderlegen aber fugenartig ineinandergreifen.
Das letzte Stück ist dann halt der Party-Song. „Farewell to Resignation“ soll am Ende noch etwas Positives mitgeben, weil resignieren eh nichts bringt. Das Stück ist funky und von den Harmonien her ein wenig Richtung Robert Glasper.

Das hört sich jetzt alles sehr durchdacht an. Du hast also schon gewusst, wohin du willst. Ist das etwas, was dieses Album von den anderen unterscheidet, dass du eigentlich schon ein sehr klares Bild von dem gehabt hast, was es werden soll? Was ist an diesem Album überhaupt anders als davor?

Gina Schwarz: Zunächst einmal, dass ich es in sechs Tagen komponiert habe. Es ist richtig in einem Fluss entstanden. Würde ich zum Beispiel ein Stück jetzt komponieren, entspräche das nicht demselben Stimmungsbild. Die Stücke passen alle zusammen und ergeben quasi einen Zyklus. Aber dass hinter diesem Album jetzt wirklich ein Konzept steht, kann man nicht wirklich sagen. Ich habe einfach versucht, die Lockdowns künstlerisch zu verarbeiten. Das war die Idee. Ich bin nicht so eine Planerin. Aber wenn irgendwas auf einer richtigen Schiene ist, dann fügt sich das letztlich erstaunlicherweise immer gut zusammen. Beim Komponieren passiert es mir oft, dass eigentlich die erste Idee immer auch die ist, die letztlich übrigbleibt oder zu der ich zurückkehre.

Aber hast du auch mehr experimentiert, also auch neue Wege für dich gefunden? Etwas das du vorher noch nicht gemacht hast.

Gina Schwarz: Wenn man einmal sechs Nummern am Stück komponiert, dann läuft man schon auch Gefahr, dass man immer auf dieselben Tonarten zurückgreift. So ist es zumindest bei mir. Irgendwann bin ich aber dann doch zum Punkt gekommen, an dem ich mir gesagt habe: „Okay, jetzt schon wieder in dieser Tonart, die habe ich ja schon beim letzten Stück verwendet, ich brauche was Neues”. Daher habe ich mir beim Stück „Structured Chaos“ bewusst die Vorgabe gemacht, in keiner Tonart zu komponieren. Auch aus der Motivation heraus, dass ich mich nicht wiederholen wollte. Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Das Komponieren mit einer 12-Ton-Reihe zum Beispiel habe ich davor noch nie gemacht. Auch bei „All alone – Together in long the run ” habe ich mit den verschiedenen Stimmen etwas Neues ausprobiert. Ich habe hier auch mit Kompositionsmethoden wie Krebs und Spiegel gearbeitet. „Wistful Euphorism” wiederum ist sicherlich entstanden, weil ich zu diesem Zeitpunkt viel armenische Musik gehört habe.

Gina Schwarz (c) Hans Klestorfer

„Ich denke beim Komponieren generell sehr wenig an den Bass.“

Du bist ja eine herausragende Jazz-Bassistin. Dafür richtet sich in diesem Projekt der Fokus aber recht wenig auf den Bass.

Gina Schwarz: Bei mir entsteht zuerst die Musik, sprich die Komposition und das Arrangement. Und wenn ich das Gefühl habe, dass zu einem Stück ein Bass-Solo passt, dann kommt auch eines hinein. Wenn ich aber das Gefühl habe, das ist eigentlich nicht für ein Bass-Solo geeignet, dann mache ich es auch nicht. Ich denke beim Komponieren generell sehr wenig an den Bass. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich am Klavier komponiere. Am Bass ist bislang sehr wenig entstanden. Ich habe auf dem Album schon ein paar Spots. Auf der Vinyl genauso viele wie alle anderen der Band. Auf der CD gibt es noch die Bonus Tracks, wenn man mehr Bass hören möchte.

Es haben sich ja am Schluss mit „Duologue“ und Monologue“ ja noch zwei weitere Nummern eingeschlichen. Was hat es mit denen auf sich?

Gina Schwarz: Das sind diese Bonus-Tracks. Ich hatte eigentlich die Idee, dass die sechs Stücke auf Vinyl erscheinen sollen, was aber im Moment aufgrund der langen Wartezeit (Vinyl-Release: 7.1.2022) noch etwas dauern wird. Daher dachten wir, dass wir sie zunächst einmal auf CD releasen. Dafür aber, fanden wir, ist die Spieldauer der sechs Stücke etwas zu kurz. Nach einem Brainstorming-Telefonat mit Sharon Anegg (cracked anegg records; Anm.) habe ich mich dazu entschieden, noch die zwei Bonus-Tracks „Duologue“ und „Monologue“ aufzunehmen. Ich habe mir überlegt, was zum Lockdown-Thema passen könnte. Und das waren eben die Themen „Alleine“ und „Familie“. Daher ein Solostück von mir und ein Duo mit meiner Tochter Judith.

Das ist jetzt das zweite Album mit diesem Projekt. Kann man sagen, dass diese Band im Moment dein Herzensprojekt ist?

Gina Schwarz: Ja, schon. Aktuell ist das meine Hauptband. Auch weil sie aus einer Idee entstanden ist, die mir irgendwie immer noch wichtig ist, nämlich Musikerinnen und Musiker verschiedener Generationen zusammenzubringen. Dass meine Tochter mitspielt, macht die Band dann auch noch spezieller. Ich will mit der Band jetzt auf jeden Fall die beiden Alben präsentieren. Wir hatten jetzt schon ein Konzert mit dem alten Programm und dem neuen Set, und das ist super angekommen. Das wollen wir jetzt weiterverfolgen. Aber man muss schon auch dazusagen, dass es die Band solange gibt, solange es Konzerte gibt. Sobald du keine Konzerte mehr hast, gibt es die Band auch nicht mehr, auch weil das Bandgefühl verschwindet. Es braucht diese Energie, um weitermachen zu können. Und die haben wir durch diese Aufnahme und die Release-Konzerte.

Du bist derzeit aber nicht nur in dieses große Projekt involviert. Daneben bist du ja auch für ein großes Festival in Deutschland tätig.

Gina Schwarz: Genau. Das zweite große Ding, dass ich gerade am Laufen habe, ist das Projekt Multiphonics 8 & Gina Schwarz. Ich wurde 2020 und 2021 vom Kölner Multiphonics Festival beauftragt, Kompositionen für vier Klarinetten, Flöte und Rhythmusgruppe zu schreiben. Die Musik „Way to Blue“, eine Hommage an Nick Drake, ist schon viermal mit einer internationalen Band in Deutschland live gespielt worden – mit mir als Bassistin. Ein Album ist im Entstehen. Hier habe ich die gesamte Musik geschrieben und arrangiert. Mit den vier Klarinetten war das eine doch recht spezielle Besetzung.

Was kann man von dir in den nächsten Monaten noch erwarten?

Gina Schwarz: Neben Album-Release Konzerten mit Pannonica spiele ich mit dem Trio mit Heinrich von Kalnein an allen Saxofonen und Ramon Lopez an den Drums Tourneen in Österreich und Deutschland. Gespielt wird nur freie Musik. Diese Herausforderung gefällt mir besonders. Es gibt auch Tourneen mit playground4, einer Band mit Musikerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit dem Claus Spechtl Trio stehen auch einige CD-Release Konzerte am Programm – mit Claus Spechtl an der Gitarre und Gernot Bernroider an den Drums. Weiters erscheint im Frühjahr 2022 ein Album im Duo mit dem brasilianischen Gitarristen Angelo da Silva („Fusao“). Multiphonics 8 & Gina Schwarz kommt mit „Way to Blue“ dann auch noch nach Österreich (Snow Jazz Festival Gastein, Porgy &Bess…).

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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