Convertible (c) Kurt Prinz

„Ich habe die literarische Erfahrung mitgenommen in die Welt der Musik und dort als eine meiner eigenen Figuren Musik gemacht“ – HANS PLATZGUMER im mica-Interview

Mit „Holst Gate“ (Noise Appeal Records) seiner Band CONVERTIBLE bereichert der umtriebige Musiker und Autor HANS PLATZGUMER seine Jahrzehnte umspannende Diskografie um ein höchst gelungenes weiteres Werk. Im Kern Popmusik balancieren Gitarrist und Sänger PLATZGUMER, Bassist CHRIS LAINE und Kollaborateurin HANNAH MCKENNA stimmungsmäßig zwischen Erhabenheit, Leichtfüßigkeit und Melancholie. Im Gespräch mit Sebastian J. Götzendorfer zog HANS PLATZGUMER ein Resümee über sein künstlerisches Schaffen, sprach über Interdisziplinarität und Alter Egos und darüber, warum „Holst Gate“ einen besonderen Platz in seinem Katalog einnimmt.

Was für einen Stellenwert hat „Holst Gate“ nach über 30 Jahren an musikalischen Veröffentlichungen für Sie?

Hans Platzgumer: Es hat einen hohen Stellenwert für mich. Es fühlt sich für mich wie das Album an, das ich immer machen wollte. Bei den vielen Alben, die ich in den letzten Jahrzehnten rausgebracht habe, sind bessere und schlechtere dabei, Höhepunkte und Tiefpunkte … Nun ist eine Art Krönung erreicht für mich.

Also „Holst Gate“ als Magnum Opus des bisherigen Schaffens?

Hans Platzgumer:  Nein, das hört sich zu bombastisch an, aber ich finde, die Dinge sind diesmal gut auf den Punkt gebracht worden. Mir geht es immer darum, in der Musik gewisse Risiken einzugehen und gewisse Dinge auszuprobieren. Man verlässt die sicheren Gewässer und läuft Gefahr, sich zu weit hinauszulehnen. In diesem Fall hat sich alles gut gefügt. Ich habe ja die Kunstfigur eines Norwegers namens Colin Holst erschaffen, der das Album gemacht hat. Das hat mir die Arbeit erleichtert.

Dieses Alter Ego, war das ein kreatives Ventil? Hat es Sie befähigt anders ans Musizieren ranzugehen, als sonst möglich gewesen wäre?

Hans Platzgumer:  Total. Das hat mir viele Freiheiten gegeben. Dieser Colin Holst hat Kanäle freigesetzt, an die ich mich sonst vielleicht nicht herangewagt hätte. Zum Beispiel die Bläser-Arrangements oder die E-Gitarren-Wände, von denen ich nicht dachte, dass sie mich jemals wieder reizen würden. Auch beim Gesangsstil habe ich viel ausprobiert. Das war alles dieser seltsame Colin Holst, der in mich geschlüpft ist und mir das erlaubt hat.

„Ich bin nicht ganz schizophren. Noch nicht.“

Offensichtlich sind Sie ja nicht schizophren, wie ist diese andere Persönlichkeit also entstanden?

Hans Platzgumer:  Es ist eigentlich daraus entstanden, dass ich prinzipiell kein Album und keine Musik mehr machen wollte. Dann hat sich aber trotzdem Musik in mir entwickelt, weil ich nach wie vor jeden Tag musiziere. Ich spiele jeden Abend eine Stunde Klavier, bevor ich ins Bett gehe, um runterzukommen. Eigentlich wollte ich das alles nicht mehr veröffentlichen. Aber plötzlich waren doch einige wirklich gute Akkorde dabei. Also kamen wir zu einer Situation als Band – auch in Absprache mit meinem Bassisten Chris Laine –, dass wir neue Stücke hatten, aber eigentlich keine neuen Stücke machen wollten. Deswegen wollten wir das inkognito als jemand völlig anderer rausbringen. So ähnlich wie bei Queen of Japan früher, wo wir uns auch jahrelang hinter Pseudonymen versteckt hatten. Da hatten wir japanische Namen und japanische Freunde von uns gaben dann die Interviews an unserer Stelle. Das war ein Riesenspaß inklusive eines oder zwei richtigen Welthits. Die Maskerade aufrechtzuerhalten war dann aber irgendwann auch mühsam. So war es jetzt eben auch: Der Spaß daran war sehr inspirierend, aber ich kann schon noch einschätzen, was passiert ist. Ich bin nicht ganz schizophren. Noch nicht.

Wenn man weiß, dass Sie auch Schriftsteller sind, verwundert einen so eine Figur vielleicht weniger. Wie halten Sie es mit der Interdisziplinarität in Ihrem Gesamtwerk? Gäbe es etwa diesen Colin Holst, wenn Sie nicht in der Zwischenzeit auch zum Schriftsteller geworden wären?

Hans Platzgumer: Nein, das glaube ich nicht. Wenn ich immer nur Musiker geblieben wäre, wäre das Album nie so entstanden. Denn natürlich ist es eine literarische Figur. Ich kann mir diesen Colin Holst sehr plastisch vorstellen. Es gab sogar die Überlegung in die Innenhülle des Albums seine Geschichte zu schreiben. Ein langes Interview mit Colin Holst habe ich auch mal verfasst. Ich habe also meine literarische Erfahrung mitgenommen in die Welt der Musik und dort als eine meiner eigenen Figuren Musik gemacht.

Bei Ihren letzten beiden Romanen war ein Leitmotiv der Existentialismus. Ist das zum Beispiel ein Thema, welches Sie auch in der Musik aufgreifen? Also gibt es Narrativen, Themen etc., die Sie in beiden Kunstformen bearbeiten?

Hans Platzgumer: Na ja, Texte für Songs zu schreiben ist etwas komplett anderes, als einen Roman zu schreiben. Noch dazu handelt es sich bei mir dann um zwei unterschiedliche Sprachen. Bei der Musik denke ich immer nur in Englisch, weil ich das so angefangen habe. Und bei Convertible schreibe ich ja alle Texte zusammen mit Hannah McKenna, die in Boston lebt und Amerikanerin ist. Alle Texte werden immer auf irgendeine Art und Weise mit ihr abgesprochen, es ist also prinzipiell etwas ganz anderes, als wenn ich allein einen Roman schreibe. Andersrum könnte ich nie einen Roman in einer anderen Sprache als meiner Muttersprache verfassen. Das sind total andere Welten.

Convertible (c) Kurt Prinz

Inhaltlich und stimmungsmäßig, also eher bezüglich der Atmosphäre, ist es aber durchaus ähnlich. Wenn man einen meiner letzten Romane liest und das neue Album hört, dann passt das gut zusammen. Es könnte sogar der Soundtrack dazu sein.

Apropos Atmosphäre: „Holst Gate“ deckt vom Sound her eine breite Palette ab – von Erhabenheit über Melancholie bis hin zu Lockerheit. Letzten Endes ist es aber ein Pop-Album. Zuvor haben Sie schon alles andere von Gitarren-Rock über Elektro bis hin zu Punk veröffentlicht. Haben Sie einen Herzensstil?

Hans Platzgumer: Nein, das kann man so nicht sagen. Wenn man etwa meine Playlists durchgehen würde, fände man alles von Bossa nova über IDM bis hin zu Heavy Metal und Klassik. Ich habe keinen Stil, den ich einem anderen gegenüber grundsätzlich bevorzugen würde.

Also sind Ihre Veröffentlichungen eher Momentaufnahmen der jeweils aktuellen musikalischen Gedanken?

Hans Platzgumer: „Momentaufnahmen“ greift vielleicht ein bisschen zu kurz, denn es sind schon eher jahrelange Prozesse – auch über verschiedene Alben hinweg. Das aktuelle Album ist kein Zufall, sondern eine Weiterentwicklung und Vermischung von Elementen, die vorher schon einmal da waren. Vielleicht kann man das Ganze eher vergleichen mit einem Meer. Jede Welle bringt verschiedene Einflüsse, doch alle schwimmen irgendwie ineinander. Es gibt Phasen von ein paar Jahren, in denen ich zum Beispiel mehr in klassischen Richtungen wie Kammermusik unterwegs war. Dann wieder mehr elektronisch. Dieses Mal ist alles auf Klavier basierte Pop-/Rockmusik. Aber die nächste Welle könnte genauso gut wieder mehr Elektronik reinbringen. Es ist ein fließender Prozess.

„Ich habe mich zusehends aus dem Rampenlicht zurückgezogen.“

Für „Holst Gate“ wird es ja keine Livekonzerte geben, oder?

Hans Platzgumer: Nein, ich werde nicht mehr live spielen. Das ist eine konzeptuelle Entscheidung.

Für die Romane allerdings gibt es nach wie vor Lesungen. Sind Sie also nach wie vor gern auf der Bühne?

Hans Platzgumer: Ja, für Lesungen bin ich gerne sitzend auf der Bühne. Aber Konzerte zu spielen interessiert mich nicht mehr, davon habe ich etwa zweitausend auf der ganzen Welt gegeben. 2019 werde ich fünfzig. Mich interessieren Rockkonzerte nicht mehr. Es fühlt sich nicht richtig an. Vor circa sieben oder acht Jahren habe ich ein Konzert in Prag gespielt mit meinen damaligen, viel jüngeren Mitmusikern bei Convertible. Und ich habe irgendwie gemerkt, dass es eher ihre Bühne ist als meine – und das obwohl ich Sänger und Gitarrist war. Ich habe mich zusehends aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Das hat sich dann über Jahre immer weiterentwickelt. Irgendwann hatte ich regelrecht keine Lust mehr auf neue Konzerte.

Eine Frage zum anderem Pol der Karriere: Zu Beginn mit H. P. Zinker war das Verhältnis zu Auftritten vermutlich noch anders.

Hans Platzgumer: Ja, natürlich. Da wollten wir jeden Tag spielen! Wir haben allein fünfundzwanzigmal im CBGB in New York gespielt.

„Ich bin ein schlechter Nostalgiker.“

Die erste EP von H. P. Zinker hat damals auch das mittlerweile weltberühmte Label „Matador Records“ ins Leben gerufen. Wie fühlt es sich im Rückblick – kurz vor dem 50. Geburtstag – an, in der Welt so einen Fußabdruck hinterlassen zu haben?

Convertible (c) Kurt Prinz

Hans Platzgumer: Ich bin ein schlechter Nostalgiker. Manche Dinge, die man macht, sind wichtiger, andere hingegen weniger rühmlich. Wir haben so gesehen in der Independent- und Alternative-Szene zwei große Fußabdrücke hinterlassen: „Matador Records“ und auch „Thrill Jockey“ wurden nur für H. P. Zinker gegründet. Wir waren also manchmal mit dabei, wenn ein wenig Geschichte geschrieben wurde – aber ich kann mir davon auch nichts kaufen [lacht].

Die ersten Convertible-Alben wurden noch auf Major Labels wie „Universal Records“ veröffentlicht. „Holst Gate“ hat, wie schon angesprochen, ziemlichen Pop-Appeal, erscheint aber auf dem Indie-Label „Noise Appeal Records“. Ist das von ersten Veröffentlichungen auf „Matador Records“ zum vermutlich letzten Album bei „Noise Appeal Records“ gewissermaßen ein Zirkelschluss für Sie?

Hans Platzgumer: Das macht total Sinn. Das gehört aber vielleicht trotzdem eher zu jenen Geschichten, die das Leben von selbst schreibt. Wenn man eine jahrzehntelange Musikerkarriere durchlebt, passiert vieles – saudumme wie saugute Sachen. Man muss es nehmen, wie es kommt. Und dann muss man mit dem jeweiligen Moment das Richtige anfangen. Und jetzt mit dem Album und dem Label fühlt es sich genau richtig an. Was ich über die Zeit festgestellt habe, ist, dass ich viel lieber in kleinen Strukturen und mit Menschen arbeite, die leidenschaftlich und aus ideologischen Gründen bei der Sache sind. Ich mache lieber was mit kleinen Labels mit Herzblut als bei Major Labels, wo die Dinge business as usual sind.

Als abschließende Frage nach dem Zirkelschluss und weil „Holst Gate“ anscheinend das Album ist, welches Sie immer schreiben wollten: Was ist jetzt Ihre Erwartungshaltung nach dieser Veröffentlichung? Also außer der Selbstverwirklichung.

Hans Platzgumer: Ich habe schon lange aufgehört, mich mit Erwartungshaltungen verrückt zu machen. Man kann sich nie ausrechnen, was passiert. Heute ist es noch schwieriger als früher, mit Musik Geld zu machen, aber eine Sache hat sich nicht geändert. Es macht nur Sinn, überhaupt etwas zu machen, wenn man selbst künstlerisch davon überzeugt ist. Der Rest ist Zubrot – toll, wenn ein Song ein Hit wird, aber darum geht es nicht. Wenn ich nun aber positives Feedback bekomme, freue ich mich schon. Manchmal bekommen die Sachen, die es sich subjektiv verdient hätten, keine Anerkennung und andere, die es sich weniger verdient haben, gehen durch die Decke. Queen of Japan etwa war eigentlich ein Witzprojekt – das ist an einem Nachmittag entstanden – und führte zu Welthits. Andere Platten, an denen ich jahrelang gearbeitet habe, hat vergleichsweise niemand mitbekommen. Im Endeffekt bleibt ein Gesamtwerk von einem übrig. Das will dann vielleicht mal irgendjemand durchforschen. Viel Spaß damit!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sebastian J. Götzendorfer

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