„ICH GEHE BEIM ERZÄHLEN NICHT DEN DIREKTEN WEG“ – BERNHARD EDER IM MICA-INTERVIEW

BERNHARD EDER war während der letztjährigen Lockdowns fleißig und hat sein achtes Album produziert. Auf „Subterranean Echoes“ (Tron Records/VÖ: 21.5.) hat er erstmals seit seinem Debütalbum fast alle Instrumente selbst aufgenommen. Im Interview mit Jürgen Plank erzählte BERNHARD EDER von Theaterproduktionen in Lockdown-Zeiten, wie seine Tätigkeit als Theatermusiker mit seinem Songwriting zusammenhängt, wann er ELVIS PRESLEY gehört hat und warum er gerne Zitate in seine Liedtexte einbaut.

Welche Stimmung wolltest du mit deinem neuen Album transportieren?

Bernhard Eder: Transportiert wird auf jeden Fall so etwas wie Isolation. Ich wollte kein Lockdown-Album machen und das auch nicht so benennen, weil es für mich nicht richtig und stimmig war. Denn meine Lockdowns waren nicht so schlimm, weil ich immer kreativ war. Man hatte endlich mal Zeit für sich und Zeit dafür, in dem zu wühlen, was so in den letzten Jahren zur Seite gelegt worden war.

Welche Faktoren haben beim Entstehungsprozess des Albums zusammengewirkt?

Bernhard Eder: Da gibt es verschiedene Faktoren: Erstens habe ich für eine Theaterproduktion in Lausanne, für „Maria Stuart“, die Musik gemacht. Dafür habe ich auch eigene Lieder geschrieben. Da geht es auch um Isolation, sie wird dann zwar freigelassen, aber ist das überhaupt der Weg zur Freiheit? Ich habe die Texte von Schiller ganz frei übernommen und daraus eigene Texte gestrickt. Zwei dieser Lieder sind auf dem Album. Das letzte Album war sehr elektronisch, im Lockdown habe ich plötzlich wieder die Gitarre in die Hand genommen und Gitarren-Songs gemacht. Und auch wegen des ersten Liedes am Album, „Dmaj Song“, war ich motiviert, ein Album zu machen. Innerhalb von einigen Tagen habe ich zehn Lieder zusammengestellt und mit der Arbeit begonnen.

Der „Dmaj Song“, den du gerade angesprochen hast, hat mich musikalisch an The Beatles erinnert. Hat sich das ergeben, weil das Riff einfach da war?

Bernhard Eder: Das Riff war einfach da. Ich habe es in einer der alten Sessions gefunden. Immer wenn ich eine Idee habe, nehme ich die auf. So ist mit der Zeit Material von ungefähr zwei Stunden Länge zusammengekommen. Da habe ich es wiedergefunden. Anfangs hat es mir gar nicht allzu sehr getaugt, aber ich habe mir gedacht, dass es fürs Theaterstück gut passen würde, weil ich da auch mit einer Schauspielerin singen musste. So habe ich begonnen, an diesem Song zu arbeiten, und plötzlich hat er mir voll getaugt. Bei den Harmonien habe ich mich austoben können und das Outro klingt wirklich nach den Beatles, dem „weißen Album“. Das wollte ich dann auch so.

Bild Bernhard Eder
Bernhard Eder (c) Nadine Keilhofer

Gibt es ein Lied am Album, das für dich eine besondere Geschichte hat?

Bernhard Eder: Ich finde, das Album ist in sich stimmig und es sticht kein Song heraus. Aber am „Subterranean Lovesick Blues“ habe ich einige Jahre lang gearbeitet. Den habe ich immer wieder zur Seite gelegt, weil er nicht funktioniert hat. Dann hat er funktioniert, war aber zu komplex. Dann habe ich ein Arrangement gehabt, das war aber chaotisch und ich konnte es so nicht aufnehmen. Ich habe mir gedacht: „Wenn ich es im Lockdown nicht schaffe, diesen Song in den Griff zu kriegen, dann kann ich ihn wegwerfen.“ Einige Nachtsessions lang habe ich daran gearbeitet und das Chaos sortiert. 

Das Theater als Arbeitsbereich hast du bereits erwähnt, du bist in diesem Feld üblicherweise fleißig unterwegs. Wie war das in den letzten Corona-Monaten? Gab es Online-Veranstaltungen, an denen du mitgewirkt hast?

Bernhard Eder: Im März 2020 haben wir es am Landestheater St. Pölten mit den Proben nicht bis zur Premiere geschafft, die gab es dann Ende September. Danach hatte ich ein Stück am Max Reinhardt Seminar und noch einige Produktionen, aber es war nie ganz klar, wann es möglich ist zu spielen. Die Proben zu einem Theaterstück dauern ja rund sechs bis acht Wochen, das bedeutet, dass man zumindest mit den Proben beginnt. Die Arbeiten am Max Reinhardt Seminar müssen zudem stattfinden, damit die Studentinnen und Studenten ihren Abschluss machen können. Einiges wurde als Video aufgezeichnet – und vielleicht wird etwas im Sommer gezeigt. Ich habe in den letzten zwei, drei Monaten drei weitere Theaterproduktionen gemacht, das hat mir total getaugt, weil es ein Privileg ist, in Zeiten wie diesen als Musiker voll zu arbeiten und mit anderen kreativ etwas zu entwickeln.

„Eine Theaterinszenierung zu Hause am Bildschirm anschauen, funktioniert einfach nicht“

Der Video-Dreh ist aber als künstlerische Ebene hinzugekommen.

Bernhard Eder: Genau, auch in Lausanne war es erst eine Woche vor der Premiere klar, dass es keine öffentlichen Vorstellungen gibt. Nur interne Vorstellung vor rund 20 Leuten. Der Regisseur hat ab der ersten Hauptprobe, ab der man das Stück herzeigen konnte, jeweils 20 Leute in den Saal gelassen und wir haben am Ende einen Video-Dreh gemacht. Aber für mich passen Theater und Video einfach nicht zusammen. Eine Theaterinszenierung zu Hause am Bildschirm anzuschauen funktioniert einfach nicht.

Ein Lied des Albums heißt „Sleep Today“, ein anderes „Waiting“, übergeordnete Themen sind die Ruhe und das Warten. Wie ist das bei deinem Songwriting: Sind die Geschichten Erdachtes, Erlebtes oder Gehörtes?

Bernhard Eder: Meistens ist es eine Kombination: Erlebtes und Erdachtes. Dieses Mal brechen die zwei Theaterlieder da etwas aus. Oft habe ich auch Bilder, die ich verarbeite. Beim „Subterranean Lovesick Blues“ war für mich das Bild total schön, dass man in seinem eigenen Schatten tanzt und sich eine Dia-Show mit Fotos anschaut. Ich gehe beim Erzählen nicht den direkten Weg. Ich arbeite schon gerne mit Metaphern.

Inwiefern wirkt sich die Theaterästhetik zwischen Bildern, Tönen, etwaigen Projektionen auf einer Bühne etc. auf dein Songwriting aus?

Bernhard Eder: Wenn ich Theatermusik mache, ist es für mich immer wichtig, dass alles in sich stimmig ist und einen Fluss hat. Und es ist wichtig, dass die Musik kein Fremdkörper ist. Sie muss zum Bühnenbild, zum Licht und zu allem anderen passen. Ich bin seit ungefähr zehn Jahren am Theater dabei und ich glaube, das hat immer mehr Einfluss auf mich, ohne dass es mir überhaupt bewusst ist.

Im Lied „Distant Times“ gibt es ein Zitat von Elvis: „Are you lonesome tonight?“ Wie kam das? Bist du ein Fan?

Bernhard Eder: Dir ist das aufgefallen! Ich weiß noch, dass ich am Land war, am Hof meiner Mutter. Ich habe monotone Arbeiten verrichtet. Dabei kann ich immer Texte schreiben, weil ich nur so vor mich hinarbeite. Ich fahre mit dem Traktor und plötzlich war dieses Elvis-Zitat da: Und ich wollte das auch so hinstellen, dass man es erkennt. Es war anfangs noch ärger, aber ich habe dann die Stimme noch ein wenig zurückgeschraubt. Ich zitiere gerne und wenn ich zitiere, dann soll das auch erkennbar sein. Ich finde es schön, in so einen Liedtext ein Zitat hineinzugeben. Als ernst gemeinte Frage an ein Gegenüber oder überhaupt.

Als ich die Beatles entdeckt habe, war Elvis für mich nicht mehr interessant”

Findest du Elvis musikalisch interessant? Er war ja auf seine Weise ein Vorreiter.

Bernhard Eder: Ja, ich bin aber kein Fan und höre seine Musik nicht. Als Kind habe ich Elvis gerne gehört, weil meine Großmutter seine Musik gehört hat. Als ich die Beatles entdeckt habe, war Elvis für mich nicht mehr interessant. Weil die Beatles vieles von Elvis übernommen und in eine andere Richtung getrieben haben. Das hat mich viel mehr angesprochen.

Wie Musik konsumiert wird, hat sich in den letzten Jahren stark verändert, Stichwort Streaming. Merkst du das auch oder kaufen deine Fans nach Konzerten weiterhin deine Tonträger?

Bernhard Eder: Ich merke schon, dass sich etwas verändert hat. Vor allem nach den Konzerten. Bei den ersten Alben habe ich eine Tour in Deutschland gehabt, da musste man mir CDs nachschicken, weil alle verkauft waren. In den letzten Jahren gab es Konzerte, bei denen die Leute kaum etwas gekauft haben, vor allem in den größeren Städten. Oft kommen nach dem Konzert Leute zu mir und sagen: „Coole Musik, ich höre dich eh auf Spotify.“ Da muss man manchmal den Leuten klarmachen, was das für mich bedeutet, wie wenig ich da bekomme, wenn sie die Musik auf Spotify hören. Da reden wir nicht mal von einem Kaugummi. Bei diesem Album war schon die Frage da, ob ich überhaupt einen physischen Tonträger mache, obwohl man nicht touren kann. Deswegen habe ich das Crowdfunding gemacht, damit ich je nach Höhe einen Tonträger machen kann.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

 

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