Bild Ant Antic
Ant Antic (c) Erli Grünzweil

„Ich finde es viel interessanter und spannender, wenn man als Künstlerin und Künstler klare Aussagen trifft.“ – TOBIAS KOETT (ANT ANTIC) im mica-Interview

Pop, der dann doch etwas anders daherkommt – mit inhaltlichem Tiefgang, einer Vielzahl Melodien, die ins Ohr gehen, und einem wirklich ungewöhnlich breiten Soundspektrum. „Good Vids, Vile Times“ (Whoop) – das neue Album von ANT ANTIC – ist ein Stück Musik geworden, das aufgrund seiner wunderbar eigenwilligen Akzentuierung und dem Viel an Abwechslung mehr als nur zu überzeugen weiß. Der aus Oberösterreich stammende und aktuell in Berlin lebende Sänger, Produzent und Kopf von ANT ANTIC, TOBIAS KOETT, spricht im Interview mit Michael Ternai über den Grund, warum er das Projekt mittlerweile solo führt, seine ganz klaren Soundvorstellungen und warum er sich in seinen neuen Songs anderen Themen als bisher widmet.

Hört man sich durch das neue Album von Ant Antic, fällt einem sofort die wirklich große musikalische Vielfalt auf. Kein Song klingt wie der andere, jede Nummer setzt andere Akzente. Was war dieses Mal anders als beim Debüt?

Tobias Koett: Beim ersten Album war der Ansatz von Marco Kleebauer (u.a. Leyya; Anm.) und mir noch der, dass wir so fett wie möglich produzieren wollen. Ich glaube, das ist etwas Normales, wenn man beginnt, in die Produzentenwelt einzutauchen. Man orientiert sich an den großen Pop-Acts und Pop-Produzenten und versucht, die eigenen Produktionen so klingen zu lassen, wie es bei denen der Fall ist. Wenn man diese Phase einmal überwunden hat, wird der Kopf wieder dafür frei, organischer und „rougher“ zu arbeiten. Und auf das wollten Marco und ich hinaus. Wir haben bewiesen, dass wir High-Gloss-Songs produzieren können. Nun sollte die Musik wieder in eine dynamischere und lebendigere Richtung gehen. Wir haben wieder vermehrt auf organische Instrumente zurückgegriffen und auch mit der Mikrofonierung herumgespielt. Herausgekommen ist eine Ästhetik, die irgendwo zwischen Sounddesign und sympathischer roughness doch recht eigen klingt.

Bild Ant Antic
Ant Antic (c) Erli Grünzweil

Wie sehr war Marco Kleebauer eigentlich die Arbeiten zum neuen Album involviert? Du trittst ja mit Ant Antic quasi als Solokünstler in Erscheinung. 

Tobias Koett: Marco und ich sind immer noch super Freunde und sehr eng verbunden. Wir haben uns einfach aus pragmatischen Gründen dafür entschieden, dass ich das Projekt weiterführe und -entwickle. Marco ist im Moment als Produzent wirklich super unterwegs und hat daneben auch noch andere Projekte laufen. Dazu kommt, dass ich vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen bin, was die Dinge auch nicht einfacher macht. Aber Marco und ich nutzen jede Chance, die sich uns bietet, um gemeinsam Musik zu machen. Wir treffen uns auch immer wieder zu Sessions, in deren Rahmen wir uns eine Woche oder etwas länger im Studio einschließen und gemeinsam experimentieren und neue Sachen ausprobieren. In diesen Sessions entstehen viele Ideen und wir nehmen auch viel auf, wobei wir uns zunächst nicht wirklich Gedanken darüber machen, wo und in welchem Kontext wir diese Sachen verwenden. In der Regel fließen manche dieser Ideen dann in der einen oder anderen Form in andere Projekte ein. Acht von zwölf Songs des neuen Albums haben ihren Ursprung genau in diesen Sessions.

Als du mit dem Songwriting für das Album begonnen hast, hattest du da schon eine konkrete Vorstellung davon, wie die Songs klingen sollen?

Tobias Koett: Ja, schon. Ich habe in der Zeit vor dem Album unglaublich viel Soul aus den 1960ern und 1970ern gehört und bin so richtig in diesen reingekippt. Nach den vielen Jahren, in denen ich fast ausschließlich immer nur das Neueste aus dem Popbereich hörte, empfand ich es als eine Art Befreiungsschlag, auch einmal etwas zu hören, was so überhaupt nicht zeitgeistig ist. Was mich am Soul dieser Zeit so faszinierte, war, dass er Gefühle extrem direkt und unverblümt vermittelt. Ich habe auf dem Album versucht, diese Emotion in ein moderneres Songwriting einfließen zu lassen. Bei manchen Songs sind wirklich ganz klare Anleihen an Soulsongs herauszuhören. Wichtig war mir, die Dinge ehrlich und direkt anzusprechen und sie nicht hinter irgendwelchen Metaphern zu verbergen.

„Ich bin auf meine Art ein sehr emotionaler Mensch und ziehe aus diesem Umstand auch sehr viel kreative Kraft heraus.“

Weil du gerade Emotionen und Inhalte angesprochen hast. Das erste Album behandelte eher persönliche Themen. Das ist beim neuen Album nicht mehr so der Fall.  

Tobias Koett: Diese Entscheidung traf ich ganz bewusst schon am Anfang der Produktion und des Songwritings. Ich bin auf meine Art ein sehr emotionaler Mensch und ziehe aus diesem Umstand auch sehr viel kreative Kraft. Aber die Inhalte aus meinem Inneren sind nicht unbedingt die Inhalte, die ich transportieren möchte. Ich finde es viel interessanter und spannender, wenn man als Künstlerin oder Künstler klare Aussagen trifft. Diese Freiheit hat man nur in der Kunst. Bei dem Album war es für mich ganz klar, dass ich gewisse Themen, die mich beschäftigen, thematisieren möchte. Ich wollte nicht der Frage, was diese Themen mit mir machen, auf den Grund gehen, sondern der Frage, warum sie das mit mir machen.

„Ich finde, Musik darf so demokratisiert sein, dass jeder Mensch Zugang finden darf.“

Auf der einen Seite sind deine Texte zum Teil sehr nachdenklich, sie haben Tiefgang. Auf der anderen Seite versprüht die Musik fast schon eine fröhliche Leichtigkeit. Wie geht das zusammen?

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Ant Antic (c) Erli Grünzweil

Tobias Koett: Ich glaube, es ist eigentlich das Nonplusultra, was man mit einem Popsong erreichen kann, dass man einen gewissen Tiefgang erzeugt und dabei trotzdem seine catchiness und Leichtigkeit beibehält, und zwar in dem Sinn, dass auch Leute Zugang finden, die diesen Tiefgang vielleicht nicht verstehen. Man kann ja nicht von jeder Zuhörerin und jedem Zuhörer erwarten, dass sie oder er sich extrem mit dem Song beschäftigt. Ich selbst höre Songs beim ersten Mal auch nur nebenbei. Dass ich mich aktiv hinsetze und zuhöre, kommt nur selten vor. Meistens passiert die Musik einfach. Das ist keine aktive Entscheidung. Und das darf man auch niemanden vorhalten, denn sonst kann man Jazz machen, was natürlich auch voll in Ordnung ist. Ich finde, Musik darf so demokratisiert sein, dass jeder Mensch Zugang finden kann.

Wie sehr haben dich die Corona-Krise und deren Folgen in deiner Arbeit beeinträchtigt? Hast du viele Sachen verschieben müssen oder sind Dinge nicht zustande gekommen, die du eigentlich geplant hättest?  

Tobias Koett: Wir haben den Albumrelease um zwei Monate nach hinten versetzt, was mir aber relativ egal war. Die Verschiebung hat mich sogar etwas entspannt, weil sie mir genügend Zeit verschaffte, den Release ordentlich vorzubereiten. Was wirklich blöd ist, ist, dass wir zum Release eigentlich gegen Ende des Jahres eine Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz geplant hatten, die jetzt aber nicht stattfindet. Wir haben in diese Tour wirklich viel Arbeit hineingesteckt. Sie ist jetzt auf 2021 verschoben, was aber auch schon wieder neue Schwierigkeiten mit sich bringt, weil alle, die ihre Touren schon vor Corona gebucht hatten und sie verschieben mussten, jetzt klarerweise das Vorrecht haben, ihre verschobenen Termine nachzuholen. Da wird es mit den Terminen im Jahr 2021, wenn tatsächlich Konzerte möglich sein sollten, wirklich knapp. Vor allem in Venues mit der Größe, die ich brauche.

Wann Konzerte im normalen Rahmen wieder stattfinden können, steht noch in den Sternen. Aber wie stellst du dir die Liveumsetzung des neuen Albums vor? Performst du allein auf der Bühne oder mit einer Band?

Tobias Koett: Ich habe mir eine dreiköpfige Liveband zusammengestellt. Mit mir spielen noch ein Livedrummer und ein Bassist, der auch die Synths übernimmt. Ich spiele Gitarre, Synths und Samples. Ich komme aus der Livemusik, daher ist es mir sehr, sehr wichtig, dass eine Liveshow mehr ist, als nur Ableton abzufeuern und drüberzusingen. Das hat für mich zu sehr einen Alleinunterhalter-Hochzeits-Vibe. Das kann man ab und zu nicht vermeiden. Speziell wenn man Supportshows spielt, muss man manchmal allein auf die Bühne. Für die Albumtour ist es mir aber unglaublich wichtig, dass die Shows auch einen musikalischen Anspruch haben und den Leuten, die ein Ticket bezahlt haben, gerecht werden. 

Wie verbringst du die Zeit bis zur Tour? Bist du schon wieder am Songschreiben? Spielst du kleinere Konzerte? Produzierst du andere Leute? 

Tobias Koett: Eigentlich mache ich alles von dem. Nächste Woche spiele ich etwa beim Reeperbahn Festival ein Konzert. Wir sind im Moment sehr viel am Proben und überlegen uns ein Livekonzept, das wir auch gut umsetzen können. Daneben produziere ich ein paar Leute und mische ein paar Sachen ab. Und natürlich arbeite ich schon an neuem Material. Ich kann also nicht wirklich behaupten, dass mir im Moment langweilig wird. Aber das ist, glaube ich, der Alltag eines Musikers, der gerade einen Release hat. Da kommt viel zusammen und man versucht, alles unter einen Hut zu bringen, was manchmal gar nicht so leicht ist.
Aber man muss dranbleiben. Man muss hungrig bleiben und immer nach etwas Neuem suchen. In meinem Fall überlege ich gerade, in welche Richtung das Projekt mit dem nächsten Release gehen wird. Da experimentiere ich musikalisch gerade sehr viel und bin im Moment sehr happy darüber.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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Ant Antic live
10.10. Kulturbrauerei, Berlin
17.10. Fluc, Wien

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