„Ich finde es einfach spannend, sich auch immer wieder auf andere Wege zu begeben […]“ – MAXIMILIAN HAUER (CLER) im mica-Interview

Dass CLER aka MAXIMILIAN HAUER nicht unbedingt zu den Musikern zählt, die sich mit dem musikalisch Gewöhnlichem zufriedengeben, ist bekannt. Seine Interpretation von Indiepop war schon immer eine, die stilistisch um vieles breiter geklungen hat, als vieles aus derselben Ecke. Auf seinem neuen Album „Flaniern“ (Kofferradio), welches er mit dem von ihm zusammengestellten GRÄTZELORCHESTER eingespielt hat, bewegt sich der gebürtige Oberösterreicher aber noch weiter in eine von ihm noch unerkundete musikalische Welt. Und zwar in jene des großformatigen Sounds. Gemeinsam mit personell hochklassig besetzten Bläser- und Streichersätzen macht er sich auf eine spannungsgeladene bunte Klangreise, die auf wunderbar gefällige Art und Weise viele, viele Genres und Stimmungen durchquert. Im Interview mit Michael Ternai spricht MAXIMILIAN HAUER darüber, welche Motivation hinter seinem neuen Album steckt, über seine schon sehr klaren Soundvorstellungen und worin er den Sinn seines neuen Albums sieht.

Du bist einst mit Fotzhobel im deutschsprachigen Indiepop gestartet. Auch dein Solodebüt „Assembled“ (2014) hast du noch in einer eher klassischen Bandkonstellation eingespielt. Dann folgte das Duo-Projekt Cler & Klainer. Mit Cler und das Grätzlorchester bist du jetzt quasi bei einer Bigband mit poppigem Anstrich gelandet.

Maximilian Hauer: Ich finde es einfach spannend, sich auch immer wieder auf andere Wege zu begeben und nicht immer nach denselben und bekannten Mustern vorzugehen, sondern auch ein wenig etwas Neues auszuprobieren und zu schauen, wie und ob sich etwas umsetzen lässt. Sich einer solchen Challenge zu stellen und vom gewohnten Workflow und Prozess abzugehen, macht mir einfach großen Spaß.

Dennoch, der Sprung von Songs der Länge drei bis fünf Minuten zu Instrumentalstücken, die über 40 Minuten dauern, ist dann doch ein etwas größerer. Wie ist es dazu gekommen? 

Maximilian Hauer: Ich hatte 2020 ja die Serie „Monday Mornings“ laufen, im deren Rahmen ich jede Woche einen Song herausgebracht habe. Am Ende der Serie waren es dann insgesamt 52 Nummern. Während dieser Zeit sind aber auch viele Riffs entstanden, die nicht wirklich Material für Songs waren. Die habe ich dann, als ich etwas mehr Zeit zur Verfügung hatte, begonnen, zu sortieren. Wobei ich jetzt nicht einmal so sehr das Ziel hatte, so lange Stücke entstehen zu lassen. Aber ich habe für mich einfach geschaut, welche Riffs meinem Gefühl nach zusammenpassen. Ich habe diese Riffs dann mehr oder weniger zu Sessions zusammengefasst bis plötzlich eben diese lange Wurst da war, die aber für mich durchaus einen Sinn ergeben hat. Die Idee, dass die Sachen irgendwo anfangen, sich woanders hin entwickeln und nicht mehr zur ursprünglichen Idee zurückkehren, habe ich sehr spannend gefunden.

Das hört sich jetzt recht unkompliziert an. Aber steckt da nicht etwas mehr dahinter? Die Arrangements sind ja wahnsinnig vielfältig und die Instrumentierung fast die eines Orchesters. Wie ist es dir gelungen, dass alles unter einen Hut zu bekommen?

Cler (c) Zoe Opratko

Maximilian Hauer: Das ist mir erstaunlicherweise relativ leicht von der Hand gegangen. Sobald die Strukturen der Nummern da waren, war es dann, sagen wir, nicht mehr allzu kompliziert. Im Endeffekt habe ich Step by Step für jedes Riff geschaut, ob ich die passenden Bläser- und Streichersätze und eine funktionierende Überleitung von einem zum nächsten Teil finde.
Hilfreich war sicher auch, dass ich zu der Zeit sehr viel umhergekommen bin. Ich war damals noch einmal in Barcelona, wo ich ein Musikprojekt mit einer argentinischen Künstlerin hatte. Neben dieser Tätigkeit hatte ich relativ viel Zeit, mich auch meinen Sachen zu widmen. Ich habe mich durch die vielen Aufnahmen gehört und mir überlegt, was zu diesen passen könnte. Und so sind die Nummern dann nach und nach entstanden. Es war jetzt kein stressiger oder komplizierter Prozess, einzig es hat etwas länger gedauert.

War dir – vor allem was den Sound betrifft – eigentlich schon zu Beginn klar, in welche Richtung du deine Riffs entwickeln wirst? Oder hat sich das Album alleine aus dem Tun heraus entwickelt?

Maximilian Hauer: Ich muss sagen, dass ich vom Sound her eigentlich schon von Beginn an doch sehr konkrete Vorstellungen hatte. „Sommerregen“ wollte ich zum Beispiel mit E-Gitarren, Bläsern, Streichern, und ein paar elektronischen Synths der Marke Parov Stelar umsetzen. Hier sollten keine Akkustikgitarren und Klarinetten zum Einsatz kommen. „Barfuß“ dagegen sollte so eine Art Wienerliedding mit Akkustikgitarren und einer Melodica als Hauptinstrumente werden. Bei „Nachtwandern“ hatte ich das Bild eines Spaziergangs über den Wiener Brunnenmarkt im Kopf. Daher kommt in diesem Stück vom Sound her auch fast alles zusammen. So bekam also jede Nummer ihre eigene Instrumentierung und Soundcharakteristik.

„Es ist ein Album, bei dem es möglich ist, mit den Gedanken auch einmal für ein paar Momente wegzudriften […]

Du schöpfst auf „Flanieren“ musikalisch wirklich aus dem Vollen. Was ist eigentlich Ziel das dieses Albums? Was willst du mit ihm aussagen?

Maximilian Hauer: Als ich das Album einige Zeit nach der Fertigstellung wieder einmal angehört habe, habe ich entdeckt, was mir an diesem vielleicht am besten gefällt. Es ist ein Album, bei dem es möglich ist, mit den Gedanken auch einmal für ein paar Momente wegzudriften, um dann irgendwann einmal wieder problemlos zur Musik zurückzukehren. Man geht zum Beispiel spazieren und hört sich währenddessen das Album an. Irgendwann schweift man dann von der Musik ab und denkt kurz an etwas anderes. Dann wieder beginnt man sich wieder bewusst mit der Musik zu befassen. Das Ding läuft einfach im Hintergrund weiter. Aus diesem Grund heißt das Album auch „Flaniern“. Das, glaube ich, beschreibt den Sinn des Albums am treffendsten.

„Flaniern“ ist ja jetzt nicht unbedingt ein Album, das geschrieben worden ist, um im Radio gespielt zu werden. Die Nummern sind zum Teil überlang und instrumental ….

Maximilian Hauer: Mein Plan war, ein Album zu schreiben, mit dem ich definitiv nicht ins Radio komme [lacht]. Aber in Ernst. Über solche Sachen habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht. Mein Antrieb war, dass ich immer schon mit Streichern und Bläsern zusammenarbeiten und für sie Sätze schreiben wollte. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich ein großer Filmmusikfan bin.
Es war ein großer Wunsch von mir, dass einmal auszuprobieren und die verschiedenen musikalischen Welten zusammenzubringen. Für mich war zudem auch klar, dass ich bei diesem Album auf Gesang verzichten will. Das war mir sehr wichtig, weil ich so ganz bewusst dem Sound die Hauptbühne geben wollte. Bei einem Song rückt die Musik nämlich immer hinter den Gesang und den Text, die im Vordergrund stehen und auf die sich die Leute fokussieren. Das sollte bei diesem Album eben nicht der Fall sein.
Und ja, es ist vielleicht so, dass ich von diesem Album nicht allzu viel verkaufen werde. Aber darum geht es mir auch nicht.

Du hattest ja wirklich außergewöhnlichen Musikerinnen und Musiker an deiner Seite.

Maximilian Hauer: Das war vielleicht eine der coolsten Sachen bei dieser Albumproduktion, weil ich immer auch sehr hilfreiches Feedback von den Musikerinnen und Musikern erhalten habe. Ich habe die Stücke ja meinen eigenen Vorstellungen nach arrangiert und aufs Notenblatt gebracht. Nachdem ich ihnen dieses geschickt habe, habe ich von ihnen schon auch Anmerkungen bekommen, dass dies und jenes nicht geht und anders funktioniert. Ich bin ja kein ausgebildeter Orchesterkomponist und war daher sehr froh über diesen Input dieser Vollprofis, den ich natürlich einfließen habe lassen. Wenn ich jetzt höre, wie das Ding noch nach der Preproduction geklungen hat und wie es jetzt klingt, dann ist da natürlich ein riesen Unterschied.

Wie bist du eigentlich auf die Musikerinnen und Musiker deines Grätzelorchesters gekommen? Die stammen ja alle aus einem ganz anderen musikalischen Umfeld als du. Kanntest du sie schon vorher?

Maximilian Hauer: Nein, die habe ich eigentlich extra für die Albumproduktion angefragt. Gegangen ist das über Manuel Normal, den Chef meines Labels Kofferradio. Ich habe ihn gefragt, ob er Musikerinnen und Musiker kennt, die mir bei diesem Album helfen würden. Und er hat mir zunächst den Kontakt zu Jakob Mayr, den Posaunisten von Parov Stelar, hergestellt. Dann hat er mich auch mit Magdalena bekannt gemacht, die aber absagen musste, mich aber auf den Florian Sighartner gebracht hat, der lustigerweise vor dreißig Jahren bei mir im Heimatdorf in der Nähe aufgewachsen ist. Und über diese zwei sind dann noch Marc Osterer, Emily Stewart, Florian Fuss, Carles Munoz Camarero und Max Atteneder zum Orchester hinzugestoßen. Ja, und pauT kenne ich schon aus meinen Clara-Luzia-Zeiten. So ist das Orchester entstanden. Und das Schöne auch hier war, dass trotz des herausfordernden organisatorischen Aufwands alles recht unkompliziert abgelaufen ist.

Das Album ist jetzt erschienen. Ist auch angedacht, dass du es mit dem Orchester live präsentierst?

Maximilian Hauer: Nein. Ich glaube, das ist nicht realistisch. Ich bräuchte dafür, um das Album live auf die Bühne bringen, zehn bis zwölf Leute. Dazu würde das Ganze sehr viel Probenzeit erfordern. Darüber hinaus würde ich die Musikerinnen und Musiker auch bezahlen wollen. Ich glaube nicht, dass ich von einem Veranstalter 5000 Euro für ein Konzert bekommen würde. Es ist halt ein sehr spezielles Ding und kein gewöhnliches Popkonzert.
Das Album steht einfach für sich. Der Plan ist, dass ich mit dem Grätzelorchester wieder etwas aufnehmen werde. Dieses Mal Songs, bei denen ich auch singe. Und diese werden dann livetauglich sein. Bei „Flaniern“ ging es mir darum, zu schauen, was möglich ist und wie es klingt, wenn ich einmal so etwas mache. Das war mein Ziel mit „Flaniern“.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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