„Ich existiere transdisziplinär aufgespannt wie ein asymmetrischer Regenschirm […]“ ‒ ANNA KOHLWEIS (SQUALLOSCOPE) im mica-Interview

Die in Klagenfurt geborene ANNA KOHLWEIS wurde als Singer-Songwriterin unter dem Namen PAPERBIRD flügge, ehe sie sich 2012 in SQUALLOSCOPE verwandelte. Die Ein-Frau-Song-Fabrik hat heuer unter anderem die zwei EPs „Old Songs“ und „Annette“ veröffentlicht. Mit Michael Franz Woels sprach sie über jenseitige Wolkenmalerei, das Inakzeptable der Realität und ihre Aura der Belesenheit.

Ich finde deine ironische, aber auch sehr aussagekräftige E-Mail-Signatur „anna kohlweis. transdisciplinary narrator. woman as factory.“ interessant. Möchtest du auf diese künstlerischen Claims näher eingehen?

Anna Kohlweis: Ich bin mir nicht sicher, was daran ironisch sein soll. Ich existiere transdisziplinär aufgespannt wie ein asymmetrischer Regenschirm in und zwischen mehreren künstlerischen Arbeitsformen und Genres zwischen Musik, Malerei, Video, Performance, Illustration, Textilkunst und Suppekochen und bin dabei hauptsächlich allein für sämtlichen Output verantwortlich. Es ist viel Arbeit. Oben kommt Rauch raus.

2012 hat sich dein musikalisches Alter Ego vom Paperbird in ein Squalloscope verwandelt. Könntest du für uns noch einmal die Gründe für diese Verwandlung gedanklich rekonstruieren?

Anna Kohlweis: Ich hatte Lust, unter anderem Namen Musik zu schreiben. Das habe ich dann auch getan.

Aus dieser Anfangszeit als Squalloscope stammt auch ein Beitrag von dir für den Sampler „re:composed. Arbeiterinnenlieder & Songs zu Frauenrechten und -kämpfen“ der MA 57Frauenservice Wien. Warum hast du damals den Song „The Battle Hymn of Woman“ der Schriftstellerin und Aktivistin Meredith Tax ausgewählt?

Anna Kohlweis: Oh wow, daran kann ich mich nur sehr vage erinnern, das ist sehr, sehr lange her. Ich vermute stark, ich fand das Lied einfach schön und immens wichtig sowieso.

Wie hat sich deine Home-Recording-Arbeitsweise als Squalloscope seit 2012 verändert?

Anna Kohlweis: Ich besitze mittlerweile alle Software legal und eigenhändig gekauft und nicht mehr als gecrackte, seit fünf Jahren nicht upgedatete Versionen. Der Schreibtisch ist noch immer derselbe; komplett legal im Möbelhaus erworben ‒ ich schwöre. In der momentanen Wohnung ist das Fenster rechts vom Tisch statt links. Am Tisch sind ein paar Farbflecken mehr, weil ich noch immer keinen Platz und kein Budget habe, um Aufnahmesituation und Atelier räumlich zu trennen. Es ist heimelig. Der Computer hat 8 GB mehr RAM.

Wie sehr spielt das aktuelle geopolitische Geschehen bzw. die amerikanische Kultur generell für dein Schaffen als Musikerin eine Rolle?

Anna Kohlweis: Meine Texte waren schon immer politisch. Ich existiere in der Welt ‒ selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht nicht politisch in meinem Schaffen sein. Auf persönlicherer Ebene ist sowohl ein Teil meiner Verwandtschaft als auch ein großer Teil meines Freundeskreises und meiner Hörerinnen und Hörer in den USA, was auf mehreren Ebenen meinen Alltag und meine künstlerische Arbeit ‒ zwei Dinge, die sich sowieso kaum trennen lassen ‒ sehr stark beeinflusst.

Du bist vor allem auch Illustratorin, hast an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert. Haben sich diese beiden künstlerischen Ausdrucksformen, dein Singer-Songwritertum und dein grafisches Gestalten, parallel entwickelt?

Anna Kohlweis: Ja. Man steckt natürlich mal in das eine, mal in das andere mehr Zeit und Energie, aber das war immer schon eine parallele Entwicklung, in der ich darauf hinarbeitete, dass sich alle Stränge zu einem schönen, fetten, saftigen Strang aller guten Dinge verweben. Ich studierte in der Klasse für kontextuelle Malerei von Ashley Hans Scheirl und wurde dort auch ermutigt, keine unnötigen Grenzen zwischen bildender Kunst, Musikproduktion, Arbeit mit Text, Performance und Songwriting zu ziehen. Das war gut und wichtig. Genres sind ja auch Schnee von gestern, braucht kein Mensch ‒ außer vielleicht der, der die Plastikunterteilungen im Plattenladen beschriftet.

Cover Old Songs
Cover “Old Songs”

Mit deiner aktuellen EP „Old Songs“ unterstützt du den gemeinnützigen Verein Hemayat, seit 1995 in Wien ein Zentrum für medizinische, psychologische und psychotherapeutische Betreuung von Folter- und Kriegsüberlebenden. Was war für dich ausschlaggebend, dich für diese Organisation zu engagieren? Spielt das Thema Traumabewältigung für dich auch künstlerisch eine Rolle?

Anna Kohlweis: Ich versuche immer wieder, mit kleinen Projekten Vereine zu unterstützen, die wichtige Arbeit leisten. Am Jahresanfang war es einmal im Rahmen eines Print-Give-aways für Queer Base Vienna und diesmal fiel die Wahl aufgrund einer Empfehlung von Freundinnen auf Hemayat, einfach weil der Verein unglaublich wichtige Arbeit leistet. Oft wird bei allem, was momentan an unfassbarer Grausamkeit in der Welt passiert, darauf vergessen, dass sich jede humanitäre Krise noch jahrzehntelang als posttraumatischer Rattenschwanz durch Familien, Beziehungen, Freundschaften zieht. Kriegstrauma wird über Generationen weitergegeben und schlägt viel größere, weitere Wellen als zunächst wahrgenommen. Die bisherigen Einnahmen konnten zehn Stunden Psychotherapie garantieren. Das kann ein Menschenleben verändern. Oft fühlt sich das an wie ein Tropfen auf den heißen Stein, aber selbst das ist so viel besser als nichts.

„[…] diverse Vorstellungen über das Jenseits […]“

Du kreierst auch die Artworks für deine Musik selbst. Welche Geschichte verbirgt sich hinter der Illustration für „Old Songs“, hinter dieser Hand, die aus einem Wolkenturm baumelt?

Anna Kohlweis: Es gibt mehrere Stellen auf der EP, die sich auf diverse Vorstellungen über das Jenseits beziehen: das Katholische in „Animal“, das Selbsterfundene in „All Caps“, das von einem Geist heimgesuchte Leben in „Spirit Week“. Das ging wortwörtlich schön Hand in Hand mit meiner Tageslaune, eine Wolke zu malen.

Cover Anette
Cover “Anette”

Deine heuer erschienene EP „Annette“ entstand für das Burg Hülshoff Centre for Literature, für das Droste Festival 2019. Die Songs der romantischen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff haben dich inspiriert oder dienten als textliche Grundlage. Was waren für dich die spannendsten Aspekte an der Beschäftigung mit dieser deutschen Dichterin? Hätte es dich nicht auch gereizt, die Songs durchgängig auf Deutsch neu zu deuten? Der Song „Tower“ etwa ist großteils auf Englisch gesungen, nur der Refrain wurde im deutschen Original bewahrt.

Anna Kohlweis: Nein. „Annette“ war zwar eine Auftragsarbeit für das Festival und der Soundtrack zu einem Performancestück in Kollaboration mit dem Autorinnenkollektiv Institut für chauvinistische Weiterbildung, aber es war mir wichtig, dass es eine Squalloscope-Platte wird und sich tief aus dem Bauch heraus richtig, fließend, intuitiv anfühlt. Mich angestrengt durch blumige deutsche Lyrik des 19. Jahrhunderts zu wursteln und währenddessen mit dem Kopf gegen sperriges Vokabular zu rennen, klang mir viel zu verkopft. Dann stolperte ich über Ruth Klügers englische Übersetzung von „Am Turme“ und war hingerissen davon, wie unglaublich musikalisch sie sich las. Ich finde es eigentlich wichtiger zu betonen, dass die Beschäftigung mit Annette Droste nur zum Teil über die Textebene passierte. Annette Droste war auch Komponistin ‒ und fertigte Scherenschnitte an! Eine transdisziplinäre Frau nach meinem Herzen! Die „Annette“-EP besteht zum Großteil aus gesampelten Versatzstücken zeitgenössischer Aufnahmen ihrer eigenen Lieder. Ein sehr persönlicher Droste-Remix quasi; durch und durch. Die Songtexte sind zum Teil an ihre Lyrik angelehnt, zum Teil an die Texte, die das Institut für chauvinistische Weiterbildung verfasste, und zum Teil inspiriert vom Rüschhaus, in dem Annette Droste lebte.

Die Lyrics des Songs „Heart Hearth Earth“ stammen von der kroatisch-schweizerischen Schriftstellerin und Theaterregisseurin Ivna Žic. Wie kam es zu dieser Auswahl?

Anna Kohlweis: Ivna ist Teil des Kollektivs Institut für chauvinistische Weiterbildung, mit dem ich an der Performance arbeitete, die durch die Songs auf der „Annette“-EP begleitet wurde. Die Zusammenarbeit war für uns beide sehr spannend und absolutes Neuland.

Das Artwork für die EP „Annette“ ziert ein grüner Haarkranz. Was symbolisiert dieser für dich?

Anna Kohlweis: Während wir an der Performance arbeiteten und uns Gedanken über Kostüm und Bühnenbild machten, kamen als Bild oft die komplexen Flechtungen, Löckchen und Haarkränze der Biedermeierfrisuren auf. Katja Brunner inkludierte neonfarbene Versionen selbiger später in die Bühnenoutfits. Ich fands schön, dies noch mal am EP-Cover aufzugreifen.

„DIE REALITÄT IST INAKZEPTABEL.“

Würdest du dich als romantisch veranlagt bezeichnen?

Anna Kohlweis: Die Realität ist inakzeptabel. Ich heiße jede narrative Erweiterung selbiger in meinem Leben herzlich willkommen.

Cover Holy Holy Holy
Cover “Holy, holy, holy”

Ebenfalls heuer erschienen ist der Song „Holy, Holy, Holy“ sowie das Song-Paar „Investments / Insults“. Was hat dich zur Veröffentlichung dieser Lieder bewogen?

Anna Kohlweis: Es war mir einfach danach. Außerdem machte uns der Spotify-CEO Daniel Ek in seinem kapitalistischen Kunstverständnis dieses Jahr ja unmissverständlich klar, dass wir Musikschaffende alle faule Nichtsnutze sind, wenn wir nicht permanent neues Material veröffentlichen wie ein Haufen seelenloser Roboter. Beep. In „Holy, Holy, Holy“ geht es um unersättlichen Hunger nach Nähe und Substanz, und es stellte sich heraus, dass dies nicht nur mein diesjähriger Pandemie-Dauerzustand war. Der Song zur Lage.

Auf deinem zweiten Squalloscope-Album „Exoskeletons for Children“ gibt es einen Song mit dem Titel „Mistakeism“. Als Treehouse-Version ist er auch auf der aktuellen Veröffentlichung „Old Songs“ erschienen. Wie perfektionistisch bist du veranlagt, wie sieht es mit deiner Fehlertoleranz aus?

Anna Kohlweis: Ich bin ein sehr perfektionistischer Mensch. Und zu jedem perfekten Ding gehören ein paar richtig gute, schöne Fehler, die uns dort abzweigen lassen, wo uns der verkopfte Kopf nicht unbedingt hingeführt hätte: „My new religion is strict mistakeism / A rule book of close calls and near misses.“

Nach fünf Alben auf dem Label „Seayou Records“ erscheinen deine Alben seit 2017 auf dem amerikanischen Label „Fake Four Inc“. Die beiden EPs „Annette“ und „Old Songs“ erschienen im Eigenverlag auf „Camp Frienemy“. Warum hast du dich dazu entschieden?

Anna Kohlweis: „Exoskeletons for Children“ erschien als kollaborativer Release sowohl auf „Seayou Records“ als auch auf „Fake Four Inc“. Die Künstlerinnen- und Hörerinnencommunity rund um „Fake Four“ hat stark beeinflusst, wie ‒ und vor allem, dass ‒ ich noch immer Musik schreibe. Dort ein bisschen ein Zuhause zu finden, war eine Herzensangelegenheit. Die Songtexte waren schon immer das Herzstück meiner Arbeit, und dort besonders auf dieser Ebene solch enthusiastischen Zuspruch zu finden, war wichtig. Was im Eigenverlag erscheint, sind bisher Veröffentlichungen, die relativ bis sehr spontan passierten, was auf einem Label nicht unbedingt so rasch geschehen kann.

Du wirkst sehr belesen. Welche Literatur hat dich in der letzten Zeit beschäftigt?

Anna Kohlweis: Ich tu nur so. Meine Belesenheitsaura besteht zu 70 % aus Hausverstand, der Rest sind Lyrik und Wikipedia. Letztens las ich Kae Tempests „On Connection“ und das erste Kapitel fasst unglaublich schön vieles zum Thema Stellenwert von Kunst und Musik und zum Grund, warum wir beides machen, zusammen. Das blieb hängen. Ansonsten schwebe ich momentan in einer Art glückseligem Limbo zwischen Gedichtbänden von Olivia Gatwood, Mary Ruefle, Natalie Diaz und Kaveh Akbar.

Der Anthropologe Eduardo Kohn hat in seinem Buch „How Forests Think. Toward an Anthropology Beyond the Human“ den Begriff, die Idee des „Sylvan Thinking“ geprägt. Charakterisiert wird diese interspezifische Umweltwahrnehmung erforscht in tropischen Urwäldern mit den Keywords absental, playful, imaginistic. Das trifft doch auf irgendwie auf viele deiner Lyrics zu? Würdest du dich generell als naturverbunden bezeichnen?

Anna Kohlweis: Ich binde mich eher ungern an Dinge, aber nachdem die Natur naturgemäß ja schon in mir als natürlich entstandenes Lebewesen drin ist, komm ich wohl nicht drumherum.

Bild Squalloscope Woman as Factory
Squalloscope / Woman as Factory (c) Anna Kohlweis

„[…] den Liebsten weitererzählen, welche Musik einem gerade das Herz zerfetzt.“

Du hast im Oktober auf Facebook ein kritisches Statement bezüglich der Rolle, die Social Media bei der „Unterstützung“ und Sichtbarmachung von Künstlerinnen und Künstlern spielen, gepostet. Könntest du bitte darauf noch einmal näher eingehen?

Anna Kohlweis: Es ist so ein leidiges, langweiliges Thema, aber praktisch auch kaum umgehbar. Besonders momentan, in einer Zeit, wo Konzerte zu spielen, zu touren, Platten aufzulegen nicht Teil davon ist, wie wir unsere Arbeit nach außen kommunizieren und promoten, ist es wichtig, wie wir in Social Media als Künstlerinnen und Künstler navigieren. Die Algorithmen, die bestimmen, wie sichtbar unsere Arbeit online ist, verändern sich stetig, und die wenigsten Userinnen und User beschäftigen sich damit ‒ was absolut verständlich ist, wer will das schon. Fürchterlich langweilig, das eigene Publikum ab und zu daran erinnern zu müssen, aber es hilft uns als Künstlerinnen und Künstler tatsächlich massiv, wenn mit dem, was wir posten, interagiert wird. Kommentieren, speichern, teilen pusht das Material nach oben und macht es sichtbarer. Dazu kommen Absurditäten wie die Tatsache, dass viele Posts sofort im Internetabgrund verschwinden, wenn sie Links zu anderen Seiten beinhalten oder wenn das angehängte Foto kein Gesicht zeigt. Das ist unsere momentane dystopische Realität, die nur durch zwei Prinzipien nützlich gemacht werden kann: dem Monster massig Geld füttern, um Anzeigen zu schalten, oder Freundinnen und Freunde haben, die Konversationen in Kommentarspalten starten. Was für ein Schlamassel. Also, bitte immer gerne den Lieblingsmusikerinnen und -musikern in den Kommentaren Hallo sagen, sie daran erinnern, dass man noch immer zuhört, Musik nicht nur streamen, sondern z. B. auch auf Bandcamp erstehen, und den Liebsten weitererzählen, welche Musik einem gerade besonders das Herz zerfetzt. Das zieht sowieso immer.

Nach diesem Ausnahmejahr 2020: Wie sieht dein Blick in die nähere Zukunft aus?

Anna Kohlweis: Morgen stehe ich auf und mach mir einen Kaffee! Das erst mal. Ein Tag nach dem anderen. Größer gedacht grüble ich momentan parallel über mehreren Projekten und spinne mir fürs Nächste ein Konzept für einen Stop-Motion-Film zu einer Single mit einem meiner Lieblings-Songwriter zusammen. Ich würde gern mehr großformatig malen, ein bisschen siebdrucken. Und dann sind da noch die drei Alben. Ein halbfertiges Soloalbum, ein spontan entstandenes, sehr umwerfendes Albumprojekt mit dem Tausendsassa Jan Preissler in Berlin und ein langsam wachsendes, seltsames, arg schönes Album in Kollaboration mit Andy the Doorbum in Los Angeles. Schon ungewohnt, wenn man nicht einmal weiß, ob und wann man mit dem Material auf Tour gehen kann, wie Albumveröffentlichungen aussehen sollen/werden/müssen nach all dem Chaos, oder wann man seine neuen Bandkolleginnen und -kollegen überhaupt einmal außerhalb von Videotelefonie sieht. Aber: Keine dieser Platten wäre wohl ohne die Pandemie einfach so entstanden. Man überrascht sich oft selbst.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

 

Link:
Anna Kohlweis
Squalloscope (bandcamp)
Squalloscope (Facebook)