(c) Shilla Strelka

„Mich faszinieren Extreme und Sounds, die auf die Spitze getrieben sind.“ – SHILLA STRELKA (UNSAFE + SOUNDS FESTIVAL) im mica-Interview

Das Motto des heuer vom 2. bis zum 13. Oktober in Wien stattfindenden UNSAFE + SOUNDS FESTIVALS hätte mit „Brutal Times“ nicht besser getroffen werden können. Widmet sich doch die mittlerweile bereits fünfte Ausgabe des Electronic-Festivals aktuellen Positionen, Fragen und Widersprüchen angesichts einer immer mehr scheinbar komplett aus den Fugen geratenden Welt. Dabei werden kontraproduktive Grenzziehungen zwischen vermeintlichen U- und E-Genres ebenso negiert wie transgressive Formen zwischen Sonic Art, bildender Kunst, Performance und Party im Sinne einer ebenso fröhlichen wie diskursiv angelegten Diversität als Zukunftsmodelle angeboten. Didi Neidhart sprach mit der Initiatorin und Kuratorin SHILLA STRELKA über das Festival.

Das heurige Unsafe + Sounds Festival steht unter dem Motto „Brutal Times. Positionen am Abgrund“. Im Mittelpunkt sollen dabei laut Homepage „zeitgenössische musikalische Positionen“ stehen, „die auf Konfrontationskurs mit der Wirklichkeit gehen“.

Jetzt würde ich gewissen Spielarten zeitgenössischer Musik per se einen „Konfrontationskurs mit der Wirklichkeit“ attestieren, auch ziehen sich „Positionen am Abgrund“ spätestens seit Punk und Industrial quer durch alle Genres. Wieso greifen Sie 2018 wieder auf solche Begrifflichkeiten zurück? Oder hängt das auch damit zusammen, dass sich die aktuelle Politik eher von dystopischer Literatur inspirieren lässt, anstatt deren Warnungen ernst zu nehmen – Stichwort: „Make Orwell Fiction Again“?

Shilla Strelka: Klar docken wir da an, wo wir schon längst sind. Genauso wie auch jeder Künstler und jede Künstlerin immer an Vergangenes anknüpft, aber eben auch auf das Jetzt reagiert.

Auch weil ich selbst als Musikjournalistin aktiv bin, kann ich das Wort „Dystopie“ schon fast nicht mehr hören, nicht nur weil es inflationär verwendet wird, sondern weil es an sich schon eine Entfremdung bedeutet. Das, was um uns herum passiert, ist real, das würde ich nicht dystopisch nennen. Es ist etwas, mit dem du dich auch im Hier und Jetzt konfrontieren musst. Dystopische Konzepte gab es schon vor Hunderten Jahren. Ich habe bewusst nach anderen Wegen gesucht, um zu kommunizieren, worum es geht, und wollte mit „Brutal Times“ unterstreichen, dass Musikerinnen und Musiker immer auf die Gegenwart und Gesellschaft reagieren. Aber ich denke auf alle Fälle, dass unsere Zeit und die Entwicklungen in der Gesellschaft Furcht einflößend sind. Auf der anderen Seite spekulieren ja viele, dass wir die letzte Generation sein werden, die noch stirbt.

„’Konfrontationskurs’ meint hier auch, sich wieder auf den Körper zu konzentrieren.”

„Konfrontationskurs“ meint hier auch, sich wieder auf den Körper zu konzentrieren. Einen Schnitt in die Wirklichkeit zu versuchen und nicht nur an der Oberfläche herumzudoktern. Das meint natürlich vor allem, ein Bewusstsein des Wechselverhältnis von Sound und Körper und die Potenz ernst nehmen, die hinter dem Physisch-affiziert-Werden liegt. Ich war einige Zeit sehr inspiriert von Antonin Artauds Poetik, von der Idee und der Vorstellung – auch wenn das vielleicht eher einem Glaubenskonstrukt gleicht –, dass wir durch die Künste hinunterreichen können in die primordiale Sphäre, also bevor überhaupt noch Sprache und Bedeutung einsetzen. Das fand ich immer schon faszinierend. Es lässt sich auch auf transgressive Künste anwenden, wo diese Strategien genauso wirksam sind. Da passiert eine heilsame Erschütterung, Katharsis eben. Das war ja sein Ziel.

Gerade in unserer überdigitalisierten Welt gilt es, den Körper und die körperliche Erfahrung in den Vordergrund zu stellen. Der Sprache vertrauen wir seit den 1970er-Jahren nicht mehr, den Bildern seit den 1990er-Jahren. Was hat der Sound, der akustische Sinn, zu bieten, und wie lässt sich das nutzen?

„Konfrontationskurs“ meint aber auch eine bewusste Anti-Haltung zum Mainstream. Statt anderen dabei zuzuhören, wie sie die Liebe und andere Befindlichkeiten besingen und sich alles in einem Wohlfühlbrei aufzulösen beginnt – was ja manchmal auch ganz angenehm sein kann – , stellen wir uns die Frage, was Musik ganz eigentlich leisten kann und auch welche politische Agenda sich über die Ästhetik vermitteln lässt. Vor Kurzem ist von Brandon LaBelle „Sonic Agency“ erschienen. Darin geht es um die politische Wirkmacht, die Musik als solche haben kann, also ohne dass jetzt konkrete Inhalte vermittelt werden. Ich bin gerade dabei, es zu lesen, aber das zielt in eine ähnliche Richtung.

„Konfrontativ“ zu agieren, das konnte Musik ja schon immer, sobald eine gewisse Autonomie gegeben ist oder sie sich diese einfach erkämpft. Wenn wir uns umsehen, dann passiert gerade sehr viel Abgründiges. „Abgrund“ umschreibt aber auch das Grenzgängertum, das Wachrütteln, die Katharsis. Abgründe tun sich auf, wo sich Dinge und Ästhetiken zuspitzen. Und das Zuspitzen ist in unserer Zeit notwendig, um eine Veränderung zu provozieren.

Es gibt immer noch genügend dissidente Genres, die an Strategien der historischen Avantgarden anschließen. Wo es darum geht, Aktivismus und Kunst sowie Kunst und Leben zu verbinden, um dadurch mit Erwartungshaltungen zu brechen und neue Erfahrungswelten anzubieten.

Angekündigt werden dabei „die passenden Sounds für unser verstörtes Dasein“ im Sinne einer „Medikation für eine pathologischen Gegenwart“. Ein genauerer Blick auf das Programm zeigt dabei, dass diese „passenden Sounds“ durchaus sehr heterogen, widersprüchlich und scheinbar auch nicht wirklich kompatibel sind. Die einzelnen Abende sind dann ja auch entlang von Begriffen wie „Katharsis“, Corpus“, „Sonic Concussions“, „Accelerated Futures“, „Sounds Washed Ashore“, „Dreamed Into Being“, „Harsh Romanticism“ und „Bunker“ unterteilt.

Geht es von daher auch darum zu zeigen, wie unterschiedlich und mannigfaltig so eine „Medikation“ sein kann? Vielleicht weil es auch keine Allheil-Medikation für die aktuelle „pathologische Gegenwart“ geben kann oder noch nicht gibt?

Shilla Strelka: Ja, bestimmt. Ich kann auch nicht sagen, diese Sounds wären „heilsamer“ als andere. Das ist eine Eigenschaft, die der Musik schon immer eigen war. Die therapeutische Nebenwirkung.

Ich will und kann nicht vorgeben, was die Leute brauchen. Wir können nur ein Angebot stellen. Die einen brauchen Entschleunigung, die anderen Exzess, die einen suchen nach einem Ventil für Wut und Ängste, andere wollen von Musik getröstet werden, wieder andere ihre Wahrnehmung testen oder analytisch hören. Da das Festival fast ausschließlich elektronische Acts eingeladen hat, passiert das natürlich auf einem sehr abstrakten Level.

Ich empfinde Musik seit Langem als Medikation. Ich bin tatsächlich süchtig nach ihr und weiß, dass Musik, egal welches Genre bedient wird und welche Tools verwendet werden, das gesamte emotionale Spektrum nachbilden oder darauf reagieren kann. „Medikation“ kann aber auch den sozialen Aspekt eines Festivals ganz grundsätzlich meinen: sich in der Festival-Community aufgehoben fühlen.

Ich empfinde Musik seit Langem als Medikation.”

In Mark Fishers hauntologischen Schriften zum kapitalistischen Realismus wird vor allem ja auch der Umstand beschrieben, dass ein Konzept wie „Zukunft“ spätestens seit dem Ende des 20. Jahrhunderts fast gänzlich aus den populärkulturellen und popkulturellen Vorstellungswelten verschwunden ist. Was bliebe sind gespenstische ewige Retroschleifen und bleischwere Melancholie. Darauf angesprochen hat Kodwo Eshun dann aber „Melancholie“ weniger als Rückzug, sondern als eine Art Passage, durch die gegangen werden muss. definiert. Also als einen Zustand, der näher am „Überwintern“ ist.

Würden Sie angesichts des heurigen Programms von Unsafe + Sounds auch von einer Art resistance through melancholy sprechen? Immerhin könnten die Abende im Zeichen von „Dreamed Into Being“, „Harsh Romanticism“ und „Bunker“, durchaus so gedeutet werden.

Shilla Strelka: Das ist ein interessanter Ansatz. Ich weiß zwar nicht, wie Eshun das genau gemeint hat, aber Melancholie ist ein gutes Schlagwort. Ich denke, vielen ist nicht danach, ständig nur zu feiern oder Clubmusik nur im Partykontext zu erleben. Der Melancholie geht ja eine Enttäuschung voran, aber sie wird auch mit einer kritischen Haltung assoziiert.

Aber ja, es klingt schlüssig. Die Melancholie als verpuppte Dissidenz, als Weltüberdruss, der aber auch ein Sammeln der Kräfte sein kann, ist eine schöne Vorstellung.

In unserer Zeit kommt Melancholie sicher auch aus einer großen Überforderung. Ein bisschen wie Heimweh nach einer Welt, die es nicht gibt. Ich persönlich ertappe mich oft dabei, wie ich fröhlicher und unbefangener Musik unterstelle, manipulativ zu sein. Popmusik ist für mich ähnlich wie Hollywood. Sie folgt Dramaturgien, die einen psychologischen Effekt erzielen wollen. Es ist schon so, dass die Medikation, die wir anbieten, nichts mit einer Spaßkultur als Opium fürs Volk zu tun hat, sondern darin besteht, sich aufzulehnen oder ein Ventil zu bieten. Was auch eine gewisse Form von Aktivismus meint.

„Die akademische Musik steht ja fast noch mehr unter Druck, neue Ansätze zu entwickeln.“

Auch dem Unsafe + Sounds Festival geht es um „Synergien aus Hoch- und Gegenkultur, Club und Konzertraum“. Solche gegenseitigen Befruchtungen und Transformationen sind mittlerweile nicht mehr ganz so selten. Viele, die aus der bildenden Kunst kommen, machen auch Musik, ebenso gibt es viele Musikerinnen und Musiker, die sich durch die konzeptuellen Herangehensweisen in der bildenden Kunst inspirieren lassen. Aber wie gelingt es einem Festival, diese „Synergien“ nachvollziehbar auf die jeweiligen Bühnen zu bringen, ohne dabei in einem Multimedia-Mix aus eher parallel anlaufenden anstatt sich transformativ modifizierenden Events zu landen?

Shilla Strelka: Musik ist ja zum Glück ein Zeitmedium, das, obwohl oftmals konzeptuell angelegt, sich doch vorwiegend sinnlich vermittelt. Die Synergien müssen intellektuell nicht unbedingt nachvollziehbar sein. Wenn man ein offenes Mindset hat, kann man sich einfach darauf einlassen. Die Übergänge sind fließend.

Im Prinzip kann man das nur dann nachvollziehbar kommunizieren, wenn man zusätzlich ein Diskursprogramm anbietet. Das war für uns aus finanziellen Gründen nicht machbar. Die potenziellen Synergien nehme ich einfach an. Ob sie sich dann tatsächlich so einlösen lassen, ist eine andere Frage. Das kann ich nicht vorhersehen. Ich gehe da auch von meinen eigenen Erfahrungen aus.

In Gesprächen mit einigen zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten, aber vor allem auch mit meinem Kollegen Matthias Kranebitter ist mir einfach aufgefallen, dass sich Künstlerinnen und Künstler der sogenannten Hochkultur mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzen. Die akademische Musik steht ja fast noch mehr unter Druck, neue Ansätze zu entwickeln. Dass diese dabei, wie das etwa beim Black Page Orchestra der Fall ist, auch Elektronik integrieren und abenteuerliche Anordnungen ausprobieren, sehe ich schon als eine Schnittstelle. Auch die Vorliebe für chaotische Klangmengen oder Noise gilt für mich als ästhetischer Ansatz, der sich gleichsam sowohl in der Gegenkultur als auch in der akademischen Musik entwickelt. Es ist ein Reagieren auch auf die Zeit, auf gesellschaftliche Phänomene und technologische Entwicklungen. Klar wird dabei bei jeweils anderen Traditionen angeknüpft, aber die kritische Haltung ist eine ähnliche.

Natürlich haben Szenen auch mit Vorurteilen zu kämpfen, das bekomme ich ja in Gesprächen mit. Nehmen wir Techno. Ich bin ja sehr technoaffin und von daher oft schockiert, wie leichtfertig Musikschaffende aus der sogenannten Hochkultur dieses Genre verurteilen. Da muss ich mir dann anhören, dass Techno „faschistoid“ sei und der stumpfe Beat die Massen verblöde etc. Ich frage ich mich dann immer, wie es das geben kann. Im Verlauf meiner Beschäftigung mit diesem Genre, auch als Dj, habe ich selbst so viel über Klänge, Rhythmus und die psychoakustischen bis psychedelischen Effekte gelernt und körperlich erfahren und ich möchte diese Erfahrung wirklich nicht missen. Und der Loop als Ausgangsmaterial kann ja nicht prinzipiell verwerflich sein, da müsste man ja den ganzen frühen Minimalismus verteufeln. Ich sehe schon auch, dass es in der Clubmusik sehr viel generischen, funktionalen Schrott gibt, aber wenn man sich Produktionen von jemandem wie Robert Hood, Mika Vainio oder eben Unit Moebius anhört, dann geht es da nicht um Klangfetische, sondern um ein wirkliches Forschen an Klängen, rhythmischen Mustern und den körperlichen Effekten, die diese auslösen. Das ist wahnsinnig präzise Musik, die mit minimalen Mitteln auskommen kann.

Deshalb ist mir aber wohl auch Vermittlungsarbeit so wichtig. Vorurteilsfrei an Genres und Ästhetiken heranzutreten und möglichst andere dazu zu bringen, noch mal hinzuhören und nicht vorschnell zu sagen, das sei elitär, damit kann ich nichts anfangen, darauf lasse ich mich nicht ein. Mich interessiert Musik als solche, mich interessieren das widerständige Potenzial, das sich hinter den Sounds verbirgt, und die sozialen Implikationen, die damit einhergehen. Aus welcher Szene das kommt, ist für mich letztendlich nebensächlich.

„Mich interessiert (…) das widerständige Potenzial, das sich hinter den Sounds verbirgt, und die sozialen Implikationen, die damit einhergehen.“

Wie lange dauert es eigentlich, bis so ein Festival steht, und wie viele Helferinnen und Helfer braucht es dazu?

Shilla Strelka: Na ja, das Konzept schreibt man schon Anfang des Jahres. Ab April schickt man erste Booking-Anfragen raus, im Sommer wird das Line-up mehr oder weniger fixiert, Verträge werden unterschrieben, Flüge gebucht, dann kommen Website, Pressearbeit, Social Media.

All das dauert seine Zeit. Dieses Jahr hatten wir das erste Mal schon im Vorfeld Unterstützung. Während des Festivals sind es dann an die zehn Leute, die mithelfen – alles Freundinnen und Freunde Freunde, die uns ohne Gegenleistung unterstützen. Auch lokale Fotografinnen, die normalerweise gutes Geld für diesen Job bekämen, unterstützen uns aus Solidarität. Ich bin all diesen Menschen wahnsinnig dankbar. Gemeinsam an eine Sache zu glauben, ist für mich der treibende Motor.

Die heurigen Künstlerinnen und Künstler stellen ein breites Spektrum weltweit agierender Electronic-Acts dar, wobei sich doch immer wieder, und das nicht nur für Außenstehende, die Frage stellt, nach welchen Kriterien sich schlussendlich so ein Programm zusammensetzt, wo es doch im Internet sicher Tausende von spannenden Acts gibt?

Shilla Strelka: Wie gesagt liegt ein wichtiger Aspekt der Kuratierung in der Zusammenführung unterschiedlicher, aber auf ihre Art widerständige Genres. Ich führe eine Liste, in die ich Acts eintrage, die mir aus irgendeinem Grund auffallen. Ich arbeite auch als Musikjournalistin und organisiere Konzerte mit meiner Reihe Struma+Iodine, insofern ist da immer etwas in Bewegung. Manche der Acts habe ich schon lange auf dieser Wunschliste.

Es ist definitiv so, dass es Fragestellungen gibt, mit denen ich mich schon lange auseinandersetze. Mich faszinieren Extreme und Sounds, die auf die Spitze getrieben sind.

Außerdem ist mir das In-Bezug-Setzen der älteren und jüngeren Generation genauso ein Anliegen, wie internationale und lokale Acts zusammenzuführen. Diversität, aber auch Haltung und Widerspenstigkeit in einem dann doch auch ausgewogenen Verhältnis unterschiedlicher Elektronik-Genres sind ein Thema.

Natürlich muss ein Festival wie dieses, das unter prekären Bedingungen realisiert wird, auch bereit sein, Kompromisse einzugehen. Das Budget lässt nicht so viele Eskapaden zu und ich war nie eine Freundin einer Headliner-Politik. Was soll das sein? Ein Headliner? Das ist natürlich auch etwas trotzig, aber mir ist es lieber, viele Leute zusammenzubringen und vor allem auch der großartigen elektronischen Szene in Wien eine Bühne zu bieten, als irgendeinen kurzfristig gehypten Act zu buchen, der dann vielleicht fünfmal mehr Gage verlangt. Mir ist auch klar, dass diese Sturheit gewisse Probleme mit sich bringt. Ich denke, dass es auch in der Freiheit so eines Festivals liegt, gewissen Marketing-Strategien die Stirn zu bieten. Das hat nichts mit einer Insider-Politik, sondern eben mit einer Haltung zu tun. Wir arbeiten nicht mit corporate money und ich stehe auch Medien skeptisch gegenüber, die mehr interessiert daran sind, eine Fotostrecke mit mir zu bringen, als den Inhalt und die Acts in den Fokus zu stellen. Das führt teilweise auch zu Konflikten.

Das Unsafe + Sounds Festival hat auch heuer einen nicht zu übersehenden Frauenanteil, der quasi selbstverständlich erscheint. Ist das bewusst intendiert oder passiert das mittlerweile schon selbstverständlich?

Shilla Strelka: Natürlich habe ich viel recherchiert und natürlich möchte ich das Programm divers gestalten. Allerdings ist der Sound bzw. das Projekt immer vorrangig. ´Ich weiß aus eigener Erfahrung als DJ, wie es sich anfühlen kann, wenn sich eine Party mit einem „All Female Line-up“ rühmt. Total oft fühlt sich das dann wie eine Verkaufsstrategie an. Da werden Frauen erst wieder zum Objekt für irgendeine Schau-wir-machen-es-besser-als-die-anderen-und-sind-dabei-ach-so-korrekt-Mission.

Natürlich ist es mir nicht egal, ob Frauen im Line-up sind, im Gegenteil: Ich finde gerade in der experimentellen elektronischen Musik muss sich da mehr tun, da passiert im akademischen Sektor fast schon mehr als in der Subkultur. Ich weiß nicht wirklich, woran das liegt. Deshalb begebe mich aktiv auf die Suche. Aber am Ende zählt jede Stimme gleich viel bei diesem Fest. Darum geht es ja auch.

Wie finanziert sich eigentlich so ein Festival?

Shilla Strelka: Durch Idealismus, den Glauben an die Sache, die Solidarität der Musikerinnen und Musiker, Helferinnen und Helfer, Kooperationspartnerinnen und -partner, auch durch die Bereitschaft zur Selbstausbeutung und mithilfe geringer Fördergelder. Ich hoffe sehr, dass durch die Initiative „mitderstadtreden“ nun auch mal etwas in Bewegung kommt. Immerhin hat die Stadt Wien nun seit ein paar Monaten endlich eine Jury in der Förderabteilung für Musik installiert. Davor wurde das von einer Dame allein entschieden, die auch keinen wirklichen Spielraum für Entscheidungen hatte, weil alles Geld schon den großen Institutionen gewidmet war. Das ist auf alle Fälle ein wichtiger erster Schritt und lässt hoffen. Immerhin versuchen wir der lokalen Clubszene eine gemeinsame Bühne zu geben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Didi Neidhart

 

Links:
Unsafe+Sounds (Website)
Unsafe+Sounds (Facebook)

UNSAFE + SOUNDS FESTIVAL
Festival für radikale, zeitgenössische und elektronische Musik, 5. Edition
„Brutal Times. Positionen am Abgrund“
2.–13. Oktober 2018
Arena Wien, Fluc Wanne, Nordbahnhalle, Alte Schmiede, Venster99

Line-up:
The Black Page Orchestra, Georg Nussbaumer, Peter Kutin, Lucas Abela, Pita, Reinhold Friedl, Jessica Ekomane, Tsembla, Lucrecia Dalt, Jung An Tagen, Bocksrucker, Kyoka, WIDT x Christoph de Babalon, Welia, Kali Malone, Giulio Aldinucci, Stefan Fraunberger, Dino Spiluttini, Patrik Lechner, theclosing, Bird People, Asfast, In My Talons, Tony Renaissance, Idklang, Benzokai & Kisling, Grrr, Absent Father, In The Abyssity Of The Grounds, Rojin Sharafi, Satori & Abattoir, Mick Harris aka Fret, Rudolf Eb.Er, AJA IRELAND, Orphan Swords, Philipp Quehenberger, Minou Oram, Unit Moebius, Alpha Tracks, Nachtbote, Ansgar, Schirin, Inou Ki Endo