„Ich denke, am Ende läuft alles auf eine Form der Selbstdarstellung hinaus […]” – SOFIE im mica-Interview

SOFIE FATOURETCHI gilt bereits jetzt als einer der aufstrebenden Musik-Acts aus Österreich in diesem Jahr. Ursprünglich wuchs sie zwischen Wien und L.A. auf. Nach mehreren Jahren als Teil der Gründungscrew von BOILER ROOM, DJing, Studium, Malerei, Model stehen und mehr, hat sie nun endlich ihr musikalisches Solo-Projekt gestartet, das schlicht und einfach ihren Vornamen „Sofie” trägt. Ihr Debüt-Album „Cult Survivor” (Stones Throw) ist eine verführerische Mischung aus verträumten nostalgischen Melodien, gespenstischer Stille, einer zerbrechlichen, aber selbstbewussten Stimme und einer extravaganten, selbstreflektierenden Inszenierung ihrer Person. Shilla Strelka spricht mit der Künstlerin über die heutige Zeit, über erfolgreiches Arbeiten in verschiedenen Medien, über Selbstinszenierung und die Cult Survivors.

Hallo Sofie, wie geht es dir? Wie ist es, in Wien festzusitzen? Ich stelle mir vor, dass du normalerweise mehr unterwegs bist?

Sofie: Mir geht es gut, danke. Ich weiß, dass das vielleicht nicht so offensichtlich ist, aber ich bin so etwas wie ein Einsiedler, also genieße ich es, nicht reisen zu müssen.

„DIE LIEDER DAS LICHT DER ÖFFENTLICHKEIT ERBLICKEN ZU LASSEN, WAR NICHT ETWAS, DAS ICH GEPLANT HATTE“

Du warst lange Zeit hinter den Kulissen aktiv. Du bist Gründungsmitglied von Boiler Room, hast bei Stones Throw Records gearbeitet, moderierst Radiosendungen und bist als DJ aktiv. Wie schwierig war es, den ersten Schritt mit Deiner eigenen Musik zu machen? Oft sind die Leute viel kritischer mit sich selbst, wenn sie auf so vielen Ebenen mit Musik zu tun haben.

Sofie: Es war nicht unbedingt ein bewusster Schritt. Ich war in erster Linie Musikerin, bevor ich in der Musikindustrie arbeitete, besuchte ich das Konservatorium in Wien; ich spiele Geige, seit ich ein Kind bin. Aber die heutige Form des Musikschreibens ist einfach passiert, ich habe die Songs in meinem Kopf gehört und mir mit Vergnügen überlegt, wie ich sie mir selbst am Klavier beibringen kann. Die Lieder das Licht der Öffentlichkeit erblicken zu lassen, war nicht etwas, das ich geplant hatte.

Über welchen Zeitraum hast Du an dem Album gearbeitet?

Sofie: Ich habe im Laufe eines Jahres immer wieder Songs geschrieben, aber nie viel Zeit mit jedem einzelnen Song verbracht. Das Abmischen war bei weitem die intensivste Zeit, die ich je für eine Aufnahme aufgewendet habe. Ich habe jeden Tag mit Jake Viator (dem Toningenieur von Stones Throw, der auch das Mastering der Platte gemacht hat) im Studio verbracht, und wir sind die Abmischungen durchgegangen – das war auch der Zeitpunkt, an dem ich das Tracklisting für die Platte entwickelt habe.

Die Sounds auf der Platte stammen fast ausschließlich von Dir? Gibt es die Cult Survivors nur bei Deinen Live-Auftritten?

Sofie: Ja, auch bei der Produktion. Es gibt eine lockere Formation der Cult Survivors Live-Band, jede Stadt sieht oft eine andere Konstellation von Mitspielern – aber nur ein Mitglied, mein Bassist  Christian Hummer, den Du, wenn Du in Österreich bist, vielleicht vom Keyboardspiel bei der Band Wanda kennst, oder von seiner eigenen talentierten, tüchtigen und reizenden Band Löwelöwe – spielt zusätzliche Instrumente auf ein paar Stücken der Platte.

Bild Sofie
Sofie (c) Manuel Haring

Du bist in L.A. und Österreich aufgewachsen und vor einigen Jahren wieder nach Wien zurückgekehrt. Wie fühlen sich die Stadt und die Kulturszene an im Vergleich dazu? Glaubst Du, dass Wien ein guter Ausgangspunkt für eine internationale Karriere ist, oder spielt es in unserer digitalisierten Welt keine Rolle mehr, wo man stationiert ist?

Sofie: Das ist schwer zu beantworten, obwohl ich mit Gewissheit sagen kann, dass ich, wenn ich nicht weggegangen wäre und im Ausland gearbeitet hätte, kein bisschen von den Möglichkeiten hätte, die ich jetzt habe. Abgesehen davon ist es für mich ein großartiger Ort, an dem ich jetzt bin, weil ich ein sehr einsames Leben führen kann.

Du hast einen sehr umfassenden künstlerischen Ansatz und in Deiner Arbeit einen sehr persönlichen Touch. Du spielst verschiedene Instrumente, singst, legst auf, malst, inszenierst Dich selbst. Auch Mode spielt eine Rolle. Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner all dieser Sprachen? Etwas, mit dem Du auf verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Medien umgehst?

Sofie: Ich denke, am Ende läuft das Alles auf eine Form der Selbstdarstellung hinaus, als Mittel zur Auseinandersetzung mit der (eigenen) Existenz.

Es gibt einige Künstler, die diese verschiedenen Ausdrucksformen zusammenbringen, aber viele von ihnen müssen sich irgendwann für einen Beruf entscheiden. Hast Du Angst, dass Du Dich wirst entscheiden müssen?

Sofie: Ich würde es vorziehen, diese Brücke erst dann zu überqueren, wenn ich dort ankomme. Im Moment ist das auch die einzige Möglichkeit, von der Kunst zu leben, indem ich diese verschiedenen Richtungen verfolge. Ich wäre pleite, wenn ich nur eine verfolgen würde.

Stehst Du in regem Austausch mit Leuten aus der lokalen Musikszene oder hast Du eher musikalische Verbindungen in die USA?

Sofie: Ich habe auf jeden Fall dadurch, dass ich einfach länger in den USA gelebt habe als ein Erwachsener, mehr Verbindungen zu den USA, in Bezug auf das, was wir eine Szene nennen würden, oder Kontakte. Nein, ich habe nicht viele Freunde in der Musik in Wien.

Du hast viele Jahre Erfahrung als DJ, aber hast Du schon mal Live-Musik gespielt? Wenn ja, wie ist es für Dich, auf der Bühne zu stehen und zu singen im Vergleich zum DJing? 

Sofie: Ja, einmal, vergangenen Februar in Berlin auf der jährlichen Fashion Week Party des Zeit Magazins. Die Live-Band der Cult Survivors an diesem Abend waren RIP Swirl und Kev Koko, beide an der Gitarre. Es lief gut! Natürlich ist es anders, aber letztendlich versuchte ich, mir darüber nicht so sehr den Kopf zu zerbrechen.

Vielen Dank für das Interview!

Shilla Strelka

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