„Ich dachte mir oft, wenn ich zwanzig Jahre früher geboren wäre, wäre ich fix an dieser Krankheit gestorben.“ – MATTEO HAITZMANN im mica-Interview

Man kennt den Geiger MATTEO HAITZMANN unter anderem als Teil des erfolgreichen Quintetts ALMA wie auch vom experimentellen Jazz-Kollektiv LITTLE ROSIES KINDERGARTEN. Auf dem Album „Those we lost“ (Lotus Records; VÖ: 6.5.2022) schlüpft der gebürtige Salzburger nun erstmal in die Rolle eines Solokünstlers mit starker Botschaft. Inspiriert von Gideon Mendels Fotoband „the ward“ erinnert MATTEO HAITZMANN in seinen feinfühligen folkigen Art-Pop-Liedern an die AIDS-Krise der 1980er und 1990er Jahre und die mit dieser einhergehenden Stigmatisierung sexuell anders orientierter Menschen, die letztlich aber zu einem neuen Selbstbewusstsein und zu einem Zusammenschluss der betroffenen Gruppe führte. Im Interview mit Michael Ternai erzählt MATTEO HAITZMANN darüber, wie tough es für ihn war, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen und warum er seine Musik so zugänglich wie möglich halten wollte.

Mit „Those we lost“ erscheint dieser Tage dein Solodebüt. Trägst du die Idee eines Soloalbums schon länger in dir?

Matteo Haitzmann: Ein Soloalbum zu machen, war wirklich schon lange ein Wunsch von mir. Nur war ich mir lange nicht sicher, ob ich mich über eines drüber traue. Zudem hat auch immer die Zeit gefehlt. Dann habe ich aber beim Österreichischen Musikfonds um eine Förderung für ein Album angesucht und sie auch bekommen. So gesehen, musste ich dann auch ein Album machen. Ein selbstauferlegter Zwang quasi (lacht).

Du hast die Idee also schon lange in dir getragen. War dir auch immer klar, wohin du dein Soloprojekt musikalisch hintragen willst?

Matteo Haitzmann: In gewisser Weise schon. Nur war ich mir, wie ich vorher schon gesagt habe, nicht sicher, ob ich mich das wirklich traue. Ich habe davor ja noch nicht so viel gesungen und wusste auch nicht, ob meine Stimme in diesem Kontext funktionieren würde. Dann auch noch das Schreiben von Lyrics. Es haben sich so viele Baustellen aufgetan, die für mich eigentlich sehr fremd waren. Das Thema des Albums dagegen war für mich eigentlich schon sehr klar. Gideon Mendels Buch „the ward“ begleitet mich schon so lange. Ich wusste, irgendwann will ich was draus machen, da es so eindrücklich ist.

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Die Hauptinspirationsquelle für „Those we lost“ war Gideon Mendels Fotoband „the ward“, in dem in eindringlichen Bildern das Thema AIDS und Sterben behandelt wird. Das Buch hat dich auch dazu gebracht, dich intensiv mit den Überlebensstrategien der LGBT-Bewegung in den 1980er und 1990er Jahren und der damals um sich greifenden AIDS-Krise zu beschäftigen. Wie empfandest du die Auseinandersetzung mit diesem Thema persönlich?

Matteo Haitzmann: Sehr tough. Weil ich doch vor Augen geführt bekommen habe, wie viele Jahre des Sterbens es bedurfte, zu dem heutigen Bewusstsein zu gelangen. Für mich stellte dieses Thema – vor allem auch hinsichtlich Safe-Sex – immer ein Gespenst dar. Es beschäftigte mich sehr. Stecke ich mich mit HIV an? Diese Fragen stellte ich mir oft, auch wenn ich einer späteren Generation angehöre. Ich wurde 1990 geboren. Der Turning-Point war 1996, als die ersten Medikamente rausgekommen sind, die wirklich lebensverlängernd wirkten. Als ich dann irgendwann das Buch von Gideon Mendel in die Hände bekam und diese Fotos sah, war ich einfach nur geschockt. Die Fotos sind so persönlich, sie drücken teils so viel Schmerz aus.

Wie ich dann begann, mich immer tiefer in dieses Thema einzuarbeiten, ist mir immer bewusster geworden, wie viel ich dieser Generation eigentlich zu verdanken haben. Und nicht nur hinsichtlich, wie man heute HIV behandeln kann, sondern auch, was diese Entwicklung mit der Identität, dem Stolz und dem Auftreten dieser Gruppe gemacht hat. Es war durch diese Krankheit plötzlich so viel Gemeinschaft da, weil man sich aus der Notwendigkeit heraus, zusammenschließen musste. Daher war es mir ganz wichtig, eine Mischung aus Tribute-Piece und Erinnerung zu machen. Das war alles noch vor Covid.

“Ich kann mich an so viele Vormittage erinnern, wo ich mit einem Tagebuch dagesessen bin und einfach nur geweint habe.”

Bild Matteo Haitzmann
Matteo Haitzmann (c) Daliah Spiegel

Ich habe ein halbes Jahr vor dem Ausbruch der Pandemie am Album zu arbeiten begonnen und mit Covid schlug die ganze Geschichte nochmals so eine ganz weirde pandemische Brücke. Das hat mich am Anfang ganz massiv gestresst und ich hatte auch starke Zweifel, ob das jetzt der wirklich richtige Zeitpunkt für das Album ist. Dann bin ich aber doch noch richtig tief reingetaucht. Und das war wirklich tough. Ich habe wahnsinnig viel recherchiert, viele Tagebücher gelesen, Unmengen an Dokumentationen angeschaut, Zeitungsartikel durchforscht. Ich kann mich an so viele Vormittage erinnern, wo ich mit einem Tagebuch dagesessen bin und einfach nur geweint habe. Es ging wirklich tief. Ich dachte mir oft, wenn ich zwanzig Jahre früher geboren wäre, wäre ich fix an dieser Krankheit gestorben.

Wie geht es dir dabei, wenn du siehst, es Lesben, Schwule, Bisexuelle, Heterosexuelle, Trans-, Cis-, Inter- und queeren Personen anderswo geht? Du warst mit ALMA ja auch schon in osteuropäischen Ländern, wo die Rechte dieser Gruppen nach und nach beschnitten wurden, unterwegs.

Matteo Haitzmann: Natürlich nicht gut. Das ist auch der Grund, warum dieses Thema noch lange nicht vorbei ist. Ich kann schon nachvollziehen, wenn jemand sagt: „Ach schon wieder so ein Stück, in dem es über eine andere sexuelle Orientierung geht.“ Aber Fakt ist, dass ich, wenn ich hier in Wien mit meinem Freund Hand in Hand gehe, immer damit rechne, dass ich irgendwie blöd angemacht werde. Das passiert zwar selten, aber doch. So etwas ist den meisten straighten Paaren nicht bewusst, weil sie es nicht erleben. Und das ist hier in Wien so. Anderswo, wie etwa in manchen Ländern Osteuropas, ist das noch viel krasser. In Russland mit dem Anti-Gay-Gesetz, das Gay-Propaganda untersagt und wo Küssen in der Öffentlichkeit untersagt ist. Oder Polen mit seinen LGBT-freien Zonen. Von Ungarn will ich gar nicht zu reden beginnen. Man darf sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Man darf natürlich dankbar sein, dass es hier so ist, wie es ist, und so etwas wie die Regenbogenparade stattfinden kann. Ich finde es jedes Mal unglaublich, wie auf den Straßen abgefeiert wird und dem Thema so lebensbejahend begegnet wird.

“Was mir von Anfang an – eben auch wegen der Thematik des Albums – super wichtig war, dass es sehr zugänglich ist und nicht nur ein spezifisches Publikum anspricht.”

Du zeigst auf „Those we lost“ musikalisch eine Seite von dir, die man bislang eigentlich noch nicht gekannt hat. Der Sound des Albums pendelt sich auf eine ganz eigene Art irgendwo zwischen Folk und Kammermusik ein und ist dabei sehr zugänglich.

Matteo Haitzmann: Was mir von Anfang an – eben auch wegen der Thematik des Albums – super wichtig war, dass es sehr zugänglich ist und nicht nur ein spezifisches Publikum anspricht. Natürlich ist der Wunsch da, dass ich mit dem Album in den Konzertsälen großer Städte spiele, aber der vielleicht noch größere Wunsch ist, dass ich es am Land in den kleinen Ortschaften spiele. Speziell in ländlichen Regionen begegnet man dem Thema LGBTQIA+ heute noch mit großer Unsicherheit und einer gewissen Abneigung. Daher war es mir wichtig, dass der Sound dieses Albums die Leute willkommen heißt und er auf empathischer oder emotionaler Ebene etwas aufmacht. Die Leute sollen leicht Zugang finden und nicht gleich denken: „Aja, der wohnt in der Stadt und macht Musik, die für Nichtmusiker*innen zu hoch ist.“

Du leistest mit deiner Musik also Aufklärungsarbeit.

Matteo Haitzmann:Nicht nur mit der Musik alleine.Was ich bei Konzerten ebenfalls mache ist, dass ich danach ein Podiumsgespräch führe. Das Publikum kann Fragen stellen und sich mit mir unterhalten. Ich finde das wichtig, weil die Leute so beginnen, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe für dieses Projekt zudem auch ein Format entwickelt, mit dem ich an Schulen gehen kann. Das habe ich bislang einmal gemacht, im letzten Herbst. Ich habe an einer Schule einen Workshop mit Performance veranstaltet. Das soll in Zukunft vermehrt passieren. Denn das ist schon ein Ziel von mir, an ländliche Schulen zu gehen und dort mit den Schüler*innen am Thema zu arbeiten. Und zwar musikalisch. 

Bild Matteo haitzmann
Matteo Haitzmann (c) Daliah Spiegel

Wie nimmt deine Familie, dein Umfeld eigentlich dieses Album und deinen offensiven Umgang mit diesem Thema an?

Matteo Haitzmann: Ach, da habe ich schon viel offensivere Sachen gemacht, als das. (lacht) Ich glaube, als Künstlerin oder Künstler geniest man diesbezüglich einen gewissen Schutz. Auch am Land. Da wird dann halt gesagt: „Ja, eh klar, das ist ein Künstler“. Das Album selbst wird von meinem Umfeld richtig gut aufgenommen. Ich habe wirklich schönes Feedback bekommen. Unter anderem habe ich ein Konzert in Lofer im Pinzgau gespielt. Das ist der Nachbarort von dem Dorf, wo ich herkomme. Das Konzert fand in einem Bauerntheater statt und es kamen meine gesamte Familie und natürlich auch Leute aus dem Ort. Unter diesen war auch eine 70-jährige Frau, die seit Ewigkeiten im Chor meiner Mutter singt. Sie kam nach dem Konzert zu mir und sagte: „Matteo. Ich habe zwar nichts verstanden, aber ich weiß trotzdem was du sagen wolltest.“  Das finde ich toll. Aber natürlich ist es mörderzäh so etwas am Land zu spielen, weil man viel Angriffsfläche bietet, aber gleichzeitig ist es auch sehr belohnend.

Du hast vor dem Interview kurz erwähnt, dass deine Kolleginnen und du mit Alma jetzt einmal eine Pause einlegt. Zudem geht es für dich jetzt auch eine Zeit lang zwecks Studiums nach Berlin. Steigt so dein Soloprojekt temporär zu deinem Hauptprojekt auf?

Matteo Haitzmann: Ja, schon. Wobei Pause ein bissl übertrieben ist. Ich bin im Dezember dann doch einen Monat mit Alma unterwegs. Da holen wir eine Tour nach, die aufgrund von Covid verschoben wurde. Aber wir arbeiten jetzt nicht an einem neuen Programm und proben auch nicht wöchentlich. Im Moment habe ich wirklich große Lust, an diesem Sologedanken weiterzuarbeiten, weil ich zum ersten Mal so lange nach etwas arbeiten kann, bis ich wirklich zufrieden bin. Im Kollektiv zu arbeiten ist toll und man lernt sehr viel, aber es ist immer ein Kompromiss. Jetzt genieße ich es einfach, dass ich die Entscheidungen alleine treffe. Ich kann sagen: „Das ist so und das ist so.“
Und das Projekt hat auch etwas von sich selbst etwas beweisen und selbst etwas auf die Beine stellen. Das ist für mich dahingehend sehr wertvoll, wie ich mich als Künstler sehe. Auch das Format ist für mich sehr wichtig. Die Frage, wie man in der Musik noch konkreter werden kann, beschäftigt mich schon länger. Wie kann man konkrete Aussagen in Musik verpacken? Mir geht es momentan sehr viel darum, wie ich meine Position in Musik packen und sie den Leuten so vermitteln kann, dass sie die Position auch klar erkennen. Ich finde, eine Positionierung muss heute sehr klar sein. Und ich denke, dass das Format mit der CD, dem Buch und der Performance für mich ein super Schritt in diese Richtung ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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Matteo Haitzmann live
9.05.2022 Rabenhof, Wien
1.12.2022 Treibhaus, Innsbruck
2.12.2022 Arge, Salzburg
3.03.2023 Emailwerk, Seekirchen

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