„Ich dachte, ich kann nur Musik machen, wenn es mir so dreckig geht” – AVEC im Interview

AVEC geht da hin, wo es weh tut. Sie schreibt über Alzheimer, den zu frühen Tod eines Verwandten und mentale Gesundheit. Die Tour zum dritten Album wurde von Corona verschluckt. Nun ist eine Reihe von Singles erschienen. Die oberösterreichische Liedermacherin im Interview mit Stefan Niederwieser.

Wer ist T.?

Avec: Mein Onkel. Er ist letztes Jahr plötzlich im Alter von 43 Jahren verstorben. „I Don’t Pray” habe ich für ihn geschrieben und für mich. Wir hatten nie die Chance, uns zu verabschieden. Das war meine Worte an ihn, um abschließen zu können.

Wo verläuft die Grenze zwischen ehrlich und brutal ehrlich? 

Avec: Bei „Under Water” schon wollte ich nichts mehr beschönigen. Das war selbst für mich ein Schock. Der Text ist hundert Prozent ehrlich, hundert Prozent mein Struggle. „Under Water“ ist ehrlich. „I Don’t Pray“ ist brutal ehrlich.

Wie und wo schreibst du?

Avec: Die Basics mache ich alleine, ich kann das nur so. Im Normalfall gehen der Andi [Andreas Häuserer, Anm.] und ich ins Studio. Später wird das eingespielt. Ich schreibe Songs prinzipiell alleine mit der Gitarre oder dem Klavier. Ich schaue, was mich beschäftigt. Das mag nicht immer. Manchmal fühlt es sich an, als ob ein Ventil verstopft ist. Manchmal weiß ich selbst nicht, wie ich schreibe, es passiert einfach, dann sprudeln die Worte heraus, man schreibt und schreibt, als ob man das nicht einmal selbst war. Wow. Und dann ist es wieder vorbei.

Hinterher wartet noch viel Arbeit, oder?

Avec: Sicher. Man kann entscheiden, wohin der Song geht, welche Mood, welches Schlagzeug, welcher Beat soll da sein? Das ist sehr kreative Arbeit. Tüftler-Arbeit. Man setzt die einzelnen Bausteine. Alleine verrennt man sich leichter. Andi und ich sind ein eingespieltes Team, kennen uns seit über zehn Jahren, können uns aufeinander verlassen.

Wie hat alles angefangen?

Avec: Ich bin mit Klassik aufgewachsen, mit 5 wollte ich Geige lernen. Das habe ich fünf Jahre gemacht, war aber zu faul, um Noten zu lernen. Später habe ich Gedichte und Geschichten geschrieben. Christine Nöstlinger war my jam. Lieder kamen so mit 12. Taylor Swift war mein Hero zu der Zeit von „Fearless“. Country ist bisschen mein guilty pleasure. Das ist von meinem Dad reingekommen.

Du bist auch Bon Iver-Fan. Die Kollabo mit Taylor Swift war vermutlich ein Traum.

Avec: Ich habe meinen Augen und Ohren nicht getraut. „exile” finde ich ein master piece. Oft kommt die Frage, wie würdest du deine Musik definieren. Eigentlich komm ich aus dem Indie. Singer-Songwriter, Folk, Pop irgendwo. Später bin ich auf Blues reingekippt.

Und dann?

Avec: Mit ungefähr 15 Jahren habe ich meine ersten Songs geschrieben, als eine Form von Therapie. Ich habe den Andi auf der HAK kennengelernt und die erste Band gegründet. Wir zwei sind nach wie vor die Kernessenz von Avec. Wir wollten unsere erste EP selbst aufnehmen. Dann ist alles ganz schnell gegangen. Jürgen Affenzeller von den Tips hat meine Songs auf Soundcloud entdeckt und mit ein paar Leuten geteilt. Und plötzlich hatte ich Mail im Postfach, hast du ein Label, wie bist du aufgestellt? Earcandy [Entertainment, Anm.] war die erste Berührung mit dem Musik-Business. Es ist ein roughes Business. Ich habe das nur mit Unterstützung geschafft, durch professionelles Auftreten nach außen. Alles war first time. Das erste Airplay auf FM4 war so unwirklich. Diesen Beruf Musikerin/Musiker oder Künstlerin/Künstler, das lernt man ja nirgends. Man wächst mit, weiss vielleicht nicht, was man selbst will. Man lässt sich leiten und irgendwann klickt ein Schalter. So war das zumindest bei mir.

Bild Avec
Avec (c) Christoph Liebentritt

Auf einem frühen Song singst du „the lights go on, lights go out”. Was heißt das?

Avec: Wow. Also was heißt das? Das kann ich nicht beantworten. Ich habe damals vor zehn Jahren sehr verschleiert geschrieben. „Sailing Away” war auch ein Song für meine Oma. Ich habe sehr gestruggelt mit dem Gedanken, dass meine Oma einfach nicht mehr die Person ist, wie ich sie in Erinnerung gehabt habe, mit Alzheimer, und mit der Veränderung habe ich mich voll schwergetan, dass sie uns nicht mehr gekannt hat. Deswegen waren „Granny” und „Sailing Away” so wichtig für mich.

Hatte „Dead“ immer schon diese ungewöhnliche Struktur?

Avec: Da war ich noch ganz, ganz jung. Rückblickend habe ich vielleicht mehr drauf geschissen. Man fängt an, merke ich, nach Schema zu arbeiten. Ich habe mich immer schon – durchaus positiv – wie eine Außerirdische gefühlt. Und da hat wohl die Verarbeitung vom Thema Depression angefangen, dieses Ausreißen-Wollen, Sich-Anders-Fühlen.

„Ich möchte alle bestärken sich Hilfe zu holen, wenn man sie braucht.“

Einer deiner letzten Songs heißt „My Wife The Depression“. Ist diese Beziehung toxisch oder hält sie bis der Tod euch scheidet?

Avec: Das möchte ich nach wie vor herausfinden. Manchmal ist es beides, manchmal definitiv eine toxische Beziehung, manchmal fühlt es sich an, wie wenn das bis zum Ende so sein wird, aber nicht muss. Im Text erkläre ich, wie es mir damit geht und was es mit mir macht. Es ist nicht die schlimmste Geschichte. Es steckt auch eine Art von Lieblichkeit drin. Es ist halt wie in einer wirklichen Beziehung, i guess, ständig daran arbeiten. Das mache ich seit sechs Jahren in Therapie. Ich möchte alle bestärken, sich Hilfe zu holen, wenn man sie braucht.

Warum bezeichnest du das auch als deine größte Stärke?

Avec: Ich habe so lange mit mir gerungen, dass ich überhaupt in Therapie gehe. Das ist einfach so crazy eigentlich, weil ich dachte, ich kann nur in diesem Zustand Musik machen, ich kann nur Musik machen, wenn es mir so dreckig geht. Deshalb hatte ich so Angst vor Therapie. Was, wenn es mir gut geht? Es ist nicht so, wie man sich das manchmal vorstellt. Ich bin so stolz auf mich, dass mir bewusst geworden ist, dass Gesundheit einfach das Erste sein soll.

Fühlst du dich manchmal ohnmächtig?

Avec: Oft. Ganz oft. Vor allem mit Corona habe ich oft den Glauben an die Menschheit verloren.

Deine Generation macht Dinge wieder besser, ist weniger zynisch?

Avec: Diese Generation sagt zum Beispiel mit Fridays For Future, sie tut wieder etwas. Sie sagt: „Hey, so geht es einfach nicht weiter, sonst haben wir in ein paar Jahren keine Erde mehr.“ Corona hat auch lauter wunde Punkte aufgedeckt. Ich habe das Gefühl, dass es generell so brodelt bei all diesen Punkten, mentale Gesundheit, Umwelt, und so weiter.

Wirst du als Frau in diesem Business ernst genommen?

Avec: Es ist nicht easy. Ich habe das Gefühl, dass es besser wird. Das Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau steht viel mehr im Spotlight. Wir haben 2021. Jeder muss irgendwo einen Kompromiss machen. Es ist Wahnsinn, wie lange das schon Thema ist.

„Es kann nicht sein, dass so viele Leute meine Songs hören.“

Bild Avec
Avec (c) Christoph Liebentritt

Was kannst du dir unter 17.000.000 Streams in 92 Ländern vorstellen?

Avec: Ich will jetzt nicht sagen, gar nichts, aber gar nichts. Das übersteigt halt einfach meinen Horizont. Es kann nicht sein, dass so viele Leute meine Songs hören. Das große Geld kommt jedenfalls nicht rein. Airplay ist gut, Gott sei Dank. Und dann Konzerte. Und Merch.

Wie kommt man bei Spotify auf die New Music Friday Playlist

Avec: Man pitcht den Song. Und das Team, das die Playlisten kuratiert, entscheidet, ob er ihnen taugt und wo er hineinpasst. Sie entscheiden über die Reichweite und irgendwo, ob ein Song mehr Streams bekommt. Als Künstlerin habe ich damit nicht viel Kontakt. Wenn das Master rausgeht, dann ist es aus deinen Händen und es macht sich selbständig.

Hat „Still“ einen doppelten Boden?

Avec: Da gibt es keine hidden message, das ist ein ganz klassischer Liebessong.

Woher kommt dein Akzent?

Avec: I have no idea. Meine Englischlehrer in der HAK haben mich schon gefragt, ob ich Verwandte in Südengland habe. Ich habe mir mit Englisch immer schwer getan in der Schule. Die Albumproduktion von „Heaven / Hell“ haben wir in Irland gemacht, seither war ich öfter dort.

Würdest du lieber mit Soap&Skin oder Florence Arman kollaborieren?

Avec: Florence und ich kennen uns sehr gut. Ich würde auf jeden Fall beide kontaktieren. Wenn du die Frage so stellst, würde ich wahrscheinlich zu Soap&Skin tendieren.

Fühlst du dich als Teil einer Szene?

Avec: Ich tu mir schwer, Kontakte aufrechtzuerhalten. Ich liebe die Zeiten, in denen ich mein Handy weglegen kann. Das klingt vielleicht asozial, aber es ist oft mein Arbeitsgerät. Man kennt sich schon. Lou Asril habe ich auf einem Festival kennengelernt. Man kommt ins Schreiben und wenn beide Lust haben, macht man einen Song.

Welche Rolle hat deine Band?

Avec: Bei uns ist das eine Familie, Tour ist wie Urlaub. Vorm Lockdown waren wir noch auf einer Alm zum Proben und haben gemeinsam gekocht. Ohne Band wäre das einfach Nada.

Lebst du noch in Vöcklabruck?

Avec: Ja, am Land draußen, das wird sich auch nicht ändern. Manchmal pendle ich für Interviews, Proben, Termine, aber auch privat. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder aufs Land komme, auf meiner Spazierrunde Hendln und Schafe besuchen kann. Ich bin so aufgewachsen, immer draußen, für mein Gemüt und meinen Kopf ist es wirklich wichtig, dass ich jederzeit ins Grüne kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Stefan Niederwieser

 

Die Singles von Avec „Feel Good“, „My Wife The Depression“ und „I Don’t Pray“ sind via LKMTV erschienen. „When The Lights Go Out“ mit Lou Asril ist via Ink Music erschienen. Die nächsten Konzerte finden Anfang Juli in Linz, Gmunden und Wien statt.

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