Bild Diknu Schneeberger
Diknu Schneeberger (c) Mati Machner

„Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht weiter Schüler sein kann und will“ – DIKNU SCHNEEBERGER im mica-Interview

Er war so etwas wie ein musikalisches Wunderkind und wurde als die nächste große österreichische Jazzhoffnung gehandelt. Der Wiener Gypsy-Jazz-Gitarrist DIKNU SCHNEEBERGER war gerade 14 Jahre alt, als er erstmals auf der CD seines Vaters JOSCHI zu hören war. Das Erstaunliche dabei war, dass er erst wenige Monate davor mit dem Gitarrenspiel begonnen hat. Innerhalb kürzester Zeit brachte er sich autodidaktisch auf ein Level, das ihn bei den Großen und Arrivierten mitspielen ließ. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. DIKNU SCHNEEBERGER bereiste gemeinsam mit seinem Vater und MARTIN SPITZER 14 Jahre lang unermüdlich und überaus erfolgreich die Konzertsäle des Kontinents, veröffentlichte mit dem Trio glänzende Alben und wurde vielfach ausgezeichnet. Mit seinen nun 30 Jahren war es an der Zeit, sich zu emanzipieren und ein eigenes Trio-Projekt auf die Beine zu stellen. Vor wenigen Wochen erschien mit „Live from Porgy & Bess“ (Jive Music/Preiser) die erste CD seiner neuen Formation. Im Interview mit Michael Ternai sprach der Wiener über seine Beweggründe, es mit einem eigenen Trio zu versuchen, sein musikalisches Talent und sein erneut zurückgekehrtes Interesse an der Musik anderer.

Du hast im Frühjahr im Rahmen eines Konzertabends im Porgy & Bess dein neues Trio-Projekt vorgestellt. Wie ist es, nach vielen Jahren mit deinem Vater Joschi und Martin Spitzer an deiner Seite nun in einer neuen Konstellation zu spielen?

Diknu Schneeberger: Dieses Projekt steht für einen ganz wichtigen Bestandteil in der Veränderung meines Lebens. Ich habe gemeinsam mit meinem Vater Joschi und Martin Spitzer die letzten 14 Jahre in einer Band gespielt. Und wir hatten viel Erfolg, was ich auch als großes Glück empfinde. Nur finden solche Projekte auch irgendwann einmal ein Ende. Ich bekam in den letzten Jahren immer mehr das Gefühl, dass ich mehr und mehr über mich hinausgewachsen bin. Ich habe in der Zeit wahnsinnig viel dazugelernt und bin immer besser geworden, sodass ich mit meiner Rolle innerhalb des Trios mehr und mehr unzufrieden geworden bin. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht weiter Schüler sein kann und will. Zudem bin ich draufgekommen, dass ich auch selber ein Lehrer sein will. Ich will meinen Mitmusikern zeigen, wie sie noch bessere Musik machen können. Das war in der alten Konstellation einfach nicht möglich. Daher ist es jetzt zu diesem Bruch gekommen und es wird in der alten Trio-Besetzung in der Zukunft auch keine Konzerte mehr geben.

„Ich bin ein Musiker, der Feinheiten sehr stark herausspürt.“

Was ist bei deinem neuen Projekt jetzt anders? Was ist das Erfrischende daran? 

Diknu Schneeberger: Das Erfrischende an diesem Projekt ist, dass ich erstmals wirklich Bandleader sein kann. Ich kann meinen Mitmusikern jetzt sagen, wie ich es gerne hätte. Und ich kann ihnen auch etwas beibringen. Ich bin ein Musiker, der Feinheiten sehr stark herausspürt. Vor allem, was die Rhythmik betrifft. Wenn da irgendetwas nicht passt, fällt mir das sofort auf. Das will ich auch kommunizieren können. Und wenn der andere das aufnimmt, es aber nicht sofort umsetzen kann, dann kann ich ihm das sogar beibringen. Diese Offenheit fehlte mir beim alten Trio. Die andere Sache ist, dass ich jetzt mit Musikern zusammenspiele, die in meinem Alter sind. Wir befinden uns in etwa demselben Lebensabschnitt. Das macht einfach viel mehr Spaß.

Wie bist du eigentlich auf deine jetzigen Mitmusiker Julian Wohlmuth und Martin Heinzle gekommen? Ich nehme einmal an, dass du die Latte bezüglich der spielerischen Qualität sehr hoch gelegt hast.

Diknu Schneeberger: Ich habe da schon eine hohe Latte gelegt. Julian kannte ich schon länger als einen hervorragenden Rhythmusgitarristen. Er war ja auch mein Substitut beim alten Trio. Ihn habe ich auch gefragt, ob er nicht irgendeinen Bassisten aus der Szene kennt, der das neue Trio komplettieren könnte. Er hat mir dann einige Namen aufgeschrieben, die ich dann gegoogelt habe. So bin ich auf Martin Heinzle gestoßen. Martin habe ich eigentlich – wie es sich im Laufe meiner Recherche herausgestellt hat – schon vom Sehen her gekannt. Wir sind uns damals am Beginn meines Gitarrenstudiums, das ich aber abgebrochen habe, schon einmal über den Weg gelaufen. Auf jeden Fall habe ich sein Bild gesehen und so einen Eindruck von ihm bekommen. Ich habe gewusst, dass er es sein muss, was sich dann auch bei den ersten kurzen Proben bestätigte. Ich war sehr beeindruckt von ihm.

Und wie lange hat es gedauert, bis ihr als Trio so gut gespielt habt, wie du es dir vorgestellt hast?

Diknu Schneeberger: Das war eigentlich unglaublich. Am Anfang dachte ich mir noch, dass wir das in einem Jahr schon hinbekommen werden. Letztlich waren wir dann nach ein paar Monaten so weit. Bis zu dem Konzert im Porgy & Bess haben wir vielleicht ein halbes Jahr geprobt. Das Konzert war eigentlich erst unser dritter Auftritt. Was mich bei diesem Konzert erstaunt hat, war, dass wir uns spielerisch zumindest schon auf dem Level bewegt haben, auf dem ich mit dem alten Trio befunden hatte. Und ich glaube, dass wir jetzt sogar noch besser geworden sind.

War dieses Konzert im Porgy & Bess eigentlich gedacht dafür, dass es für eine CD aufgenommen werden soll? 

Diknu Schneeberger: Nein. Wir hatten ursprünglich nicht vor, dort eine CD aufzunehmen. Wir sind mit dem Wissen auf die Bühne gegangen, dass wir ein Streaming-Konzert spielen werden. Ich wollte den Leuten einfach zeigen, dass es von mir etwas Neues gibt. Als ich mir dann aber die Aufnahmen angehört habe, war ich – wie ich schon vorher erwähnt habe – wirklich überrascht, dass wir tatsächlich schon auf diesem Level sind. Ich habe dann zu Julian und Martin gesagt, dass wir schon so gut sind und wir aus dem Konzert eine CD machen sollten. So ist diese entstanden.

Bild Martin Heinzle, Diknu Schneeberger, Julian Wohlmuth
Martin Heinzle, Diknu Schneeberger, Julian Wohlmuth (c) Presse

„Ich bekomme von diesen Menschen auch oft gesagt, dass man jetzt sieht, dass ich wieder Freude an der Sache habe.“

Hast du eigentlich schon Feedback zu deinem neuen Trio und zur Entscheidung, dass du mit einer neuen Band weitermachst, bekommen?  

Diknu Schneeberger: Da gibt es drei unterschiedliche Meinungen. Den einen gefällt es nicht, die sagen, es sei nicht gut. Das sind vorwiegend Leute, die meinem Vater anhängen. Darunter sind auch einige Veranstalter, die sich jetzt von mir abgewandt haben. Dann gibt es Leute, die dem neuen Trio neutral gegenüberstehen und meinen: „Hauptsache Diknu, das passt.“ Und dann gibt es noch die Leute, die einfach froh sind, dass ich den Schritt zum Neuen gesetzt habe und ich jetzt Bandleader bin. Ich bekomme von diesen Menschen auch oft gesagt, dass man jetzt sieht, dass ich wieder Freude an der Sache habe. Auf diese Gruppe baue ich natürlich.

Du bist nun schon wirklich lange im Geschäft. Vielleicht einmal eine Frage zu deinen Ursprüngen. Wie ist es dazu gekommen, dass du mit 16 Jahren deine Karriere schon in einem sehr frühen Alter begonnen hast, noch dazu, nachdem du erst zwei Jahre davor mit dem Gitarrenspiel begonnen hast? Du hast damals ja als eine Art musikalisches Wunderkind gegolten und wurdest auch mit dem Hans-Koller-Preis ausgezeichnet. 

Diknu Schneeberger: Mein damaliges familiäres Umfeld übte natürlich einen großen Einfluss aus. Ich habe meinen Vater damals immer beim Musizieren beobachtet. Seitdem ich denken kann, habe ich eigentlich immer schon überall zu Musik mitgeklopft. Das Rhythmische hatte also ich immer schon in mir. Ich musste die Musik richtig spüren. Wenig verwunderlich war mein erstes Instrument daher auch das Schlagzeug. Das habe ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr gespielt. Danach gab es dann, was die Musik betrifft, eine Pause, auch weil ich keine große Perspektive im Schlagzeugspielen sah. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich meine Vorstellungen auf diesem Instrument schnell umsetzen konnte. Ich fragte mich, warum ich mich mit Leidenschaft etwas widmen soll, dass ich nicht hundertprozentig umsetzen kann.
Irgendwann kam dann mein Vater zu mir und fragte mich, ob ich nicht Gitarre spielen will. Er hatte damals ein Trio mit einem Rhythmusgitarristen und wollte – wie es auch bei Django Reinhart der Fall war – noch einen zweiten dazu haben. Er meinte, wenn ich Gitarre spielen lernen würde, hätte ich viel schneller die Möglichkeit, mit richtigen Profis zusammenzuspielen, denn im Gegensatz zu vielen guten Schlagzeugern gäbe es im Gypsy-Jazz nur wenige gute Rhythmusgitarristen. Er sagte, wenn ich Gitarre lerne würde, könnte ich vielleicht in ein paar Jahren bei ihm im Trio mitspielen. Ich habe gesagt: „Ja, gerne. Machen wir.“
Mit 14 Jahren habe ich dann eine Gitarre geschenkt bekommen. Wie sich zum Erstaunen aller dann herausstellte, war ich sehr talentiert, so sehr, dass ich schon nach einem halben Jahr bei der ersten CD mitspielen durfte.

Weil du gerade Django Reinhart erwähnt hast. Welchen Einfluss hat er auf dich und dein Spiel ausgeübt? Du wurdest ja öfter mit ihm verglichen. Hast du dich eigentlich immer schon mit seinem Schaffen beschäftigt?

Bild Diknu Schneeberger
Diknu Schneeberger (c) Mati Machner

Diknu Schneeberger: Ich glaube, man kann sagen, dass ich in gewisser Weise in seine Musik reingewachsen bin. Mein Vater hat in seinen diversen Bands immer schon Gypsy-Jazz gespielt. Und diese Musik stammt eben von Django Reinhart ab. So gesehen kommt man unweigerlich immer wieder mit seiner Musik in Berührung. Was aber meine damaligen Hörgewohnheiten betrifft, habe ich aber weniger Django Reinhart gehört als vielmehr Stochelo Rosenberg, mit dem ich auch die Ehre hatte, zusammenspielen zu dürfen. Er ist einer meiner großen Vorbilder gewesen. Django Reinhart ist sicher so etwas wie ein Vater der Szene, wobei ich seine Aufnahmen nie wirklich so genießen konnte, weil sie im Sound doch sehr alt klingen. Aber ich habe kein Problem damit, mit ihm verglichen zu werden. Ganz im Gegenteil, ich finde das durchaus sehr schön. Es ist ein großes Kompliment.

„Die Stille ist irgendwie meine Lieblingsmusik geworden und sie ist es eigentlich immer noch.“ 

Du bist mit dem Gypsy-Jazz aufgewachsen. Woher beziehst du heute deine Einflüsse? Gibt es auch andere Musik, die dich anspricht?

Diknu Schneeberger: Ich bin ein extremer Mensch. Wenn ich etwas mache, dann mache ich das mit voller Leidenschaft und Intensität. Ich mache also nur das. Das war auch der Grund, warum ich in der ersten Zeit nur Gypsy-Jazz gehört habe. Ich wollte diese Art von Musik einfach in mich aufsaugen. Das war ein paar Jahre so. Irgendwann war mir das aber genug, sodass ich dann wirklich eine lange Zeit eigentlich gar keine Musik mehr gehört habe. Auch kein anderes Genre. Ich habe versucht, zur Ruhe zu kommen, und habe begonnen zu meditieren. Die Stille ist irgendwie meine Lieblingsmusik geworden und sie ist es eigentlich immer noch.
Aber diese Phase geht jetzt zu Ende. Ich beginne wieder, mich für andere Musikerinnen, Musiker und Musikrichtungen zu interessieren. Und der erste Musiker, dem ich mich wieder mit voller Leidenschaft widme, ist Michael Jackson. Ich war schon als Kind ein großer Fan von ihm und nun versuche ich, so viel wie möglich von seiner Musik aufzusaugen. Und das hat mir jetzt schon sehr viel geholfen. Auch bezüglich meines Stils. Seine Musik übt extrem viel Einfluss aus. Aber dennoch muss ich sagen, dass meine musikalische Heimat – auch wenn ich mich weiterhin durch andere Genres hören werde – weiterhin der Gypsy-Jazz bleiben wird. Ob das für immer so bleiben wird, kann ich aber noch nicht sagen.

Kannst du dir vorstellen, in Zukunft auch einmal mit anderen Musikerinnen und Musikern oder Sängerinnen und Sängern oder vielleicht auch mit einem Ensemble zusammenzuarbeiten? 

Diknu Schneeberger: Jetzt noch viel mehr als früher. Ich will in Zukunft mit richtigen Topmusikerinnen und -musikern zusammenspielen. Ich weiß noch nicht, wohin sich alles entwickeln wird, aber jetzt bin ich bereit und offen für solche Sachen. Früher hatte ich noch nicht das Selbstvertrauen dafür und war froh, in einer Band aufgehoben zu sein.

Zum Abschluss noch eine Frage zu Corona. Wie bist du durch die ersten Monate der Krise gekommen? Wie sehr hat sie dich getroffen? 

Diknu Schneeberger: Grundsätzlich ist es vielleicht nicht ganz uninteressant zu verstehen, wie ich es wahrnehme. Ich habe schon vorher erwähnt, dass ich meditiere. Und ich bin Buddhist. Und die Buddhisten wissen um das Gesetz des Karmas. Ich sehe diese Krise als eine Auswirkung des Karmas und habe somit auch gar kein Problem damit. Ich sehe die Krise als eine gewisse Schuld, die wir jetzt zu bezahlen haben. Irgendetwas dürfte falsch gelaufen sein und wir erleben jetzt die Auswirkung.
Das ist das eine. Das andere ist, dass ich auch richtig glücklich darüber war, ein paar Monate keine Auftritte zu haben. Ich wollte mir schon länger eine Auszeit von der Musik nehmen, habe mich aber nie so wirklich getraut, für eine Zeit lang keine Konzerte anzunehmen. Einfach aus finanziellen Gründen. Zudem bin ich im Frühjahr Vater geworden. Das war zu Beginn des Lockdowns. Und ich war so glücklich, dass ich für meinen Sohn und meine Familie Zeit hatte. So gesehen bin ich sehr gut durch diese Krise gekommen, habe aber auch sehr viel Verständnis und Mitgefühl für jene, die krank sind oder mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben.

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Ternai

Links:
Diknu Schneeberger
Diknu Schneeberger (Facebook)
Jive Music