Birds against Hurricanes (c) Lupi Spuma

„Ich bin wirklich im Blindflug unterwegs gewesen“ – ALEX PINTER (BIRDS AGAINST HURRICANES) im mica-Interview

Der Gitarrist und Komponist ALEX PINTER hat gemeinsam mit CHRISTIAN BAKANIC (Akkordeon) und VIOLA HAMMER (Piano) den lang gehegten Traum eines Trioprojekts umgesetzt: BIRDS AGAINST HURRICANES schlagen mit ihrer CD „fluegge:“ (Edition Ö1) gekonnt Brücken zwischen Jazz, Weltmusik und Folk. Jürgen Plank sprach mit dem Künstler über aufgestöberte Musiknoten in Albanien, den Oud-Spieler ANOUAR BRAHEM und Gänsegeier.

Für die Musik zur aktuellen CD von Birds against Hurricanes haben Sie sich auf Tourneen außerhalb Österreichs inspirieren lassen. Wo waren Sie unterwegs und was haben Sie von dort mitgenommen?

Alex Pinter: Immer wenn ich Ausland gespielt habe – egal ob das in Schweden, Marokko oder im Kosovo war –, habe ich versucht, etwas von der lokalen Musik mitzunehmen. Ich habe nach Noten gesucht und diese aufgestöbert und blindlings mitgenommen. Schon mit dem Hintergedanken, dass ich einmal so ein Trio wie Birds against Hurricanes realisieren möchte.

Wie haben Sie dieses Notenmaterial verarbeitet?

Alex Pinter: Ich habe die Noten durchgeblättert, eine Melodie gespielt und mich inspirieren lassen: Wenn mich eine Melodie gepackt hat, habe ich daraus etwas gemacht. Ein Teil des Repertoires sind Eigenkompositionen und der andere Teil ist aufgrund dieser Herangehensweise an fremde Noten entstanden.

„Das ist der Jazzer in mir, der sagt: ‚Ich kann mit dieser Musik machen, was ich will.‘“

Welche Art von Musik war das, waren das traditionelle Musikstücke aus der jeweiligen Region?

Alex Pinter: Genau, ich wollte mich mit dem Projekt der Folk- und Weltmusik nähern, weil ich die starken Melodien, die in diesem Bereich oft existieren, sehr schön finde. Die Herangehensweise war eben, wirklich die Volksmusik aus dem einzelnen Land mitzunehmen. Ich habe dann gar nicht zu sehr darauf geschaut, wie das im Original gespielt wird. Das ist der Jazzer in mir, der sagt: „Ich kann mit dieser Musik machen, was ich will.“ Ich habe eine Melodie als Basis genommen und so interpretiert, wie ich es wollte. Das ergibt einen spannenden Mix, weil ich einerseits meine Persönlichkeit einbringe, aber andererseits auch die DNA aus einem anderen Land. Das macht es interessant, auch kombiniert mit der interessanten Besetzung, die wir haben: mit drei Harmonie-Instrumenten.

Haben Sie bei einem Stück im Nachhinein überprüft, wie das Original klingt?

Alex Pinter: Ich wollte das bei einem albanischen Stück machen und habe dazu im Internet nichts gefunden. Aus Albanien habe ich einige Musikkassetten mitgenommen, auf denen war das Stück nicht enthalten. Auf diesen Moment, eine Originalversion zu finden, warte ich noch. In den Noten steht oft nur die Melodie, kein Rhythmus und keine Akkorde. Ich bin wirklich im Blindflug unterwegs gewesen. Das hat es aber für mich auch sehr spannend gemacht.

Das Album wurde vom tunesischen Oud-Spieler Anouar Brahem inspiriert wurde. Was macht dessen Musik aus und welchen Bezug haben Sie dazu?

Alex Pinter: Anouar Brahems Musik habe ich zufällig in einem Einkaufszentrum in Graz kennengelernt, in dem es immer eine Hörstation des Labels „ECM“ gegeben hat. Einmal wurde dort Anouar Brahem vorgestellt und ich war von der ersten Minute an begeistert von seinem Album „Le voyage de Sahar“. Das ist mein Lieblingsalbum von ihm, er spielt darauf in einer ähnlichen Besetzung wie wir, nur bin ich mit Gitarre und Ukulele statt mit Oud unterwegs, ansonsten verwenden sie auch Piano und Akkordeon. Ich war von diesem Klangkörper fasziniert.

Birds Agains Hurricanes (c) Archiv Band

Was hat Sie sofort überzeugt und inspiriert?

Alex Pinter: Sie bringen die Musik auf den Punkt und spielen klare und schöne Melodien. Sie spielen zum Teil simpel, ohne jemals banal zu klingen. Die Musik hat eine unglaubliche Tiefe und das ganze Album ist wirklich schön gespielt. Das war für mich die Triebfeder, ich habe über Jahre gesagt: „Einmal möchte ich etwas in diese Richtung machen, mit meinem eigenen Hintergrund.“ Ich wollte so einen Klangkörper zur Verfügung haben. Da ist es wichtig, die richtigen Leute für die Umsetzung zu haben. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich mit Christian Bakanic am Akkordeon und mit Viola Hammer am Piano genau die Leute habe, mit denen ich spielen wollte. Ich kann mir keine andere Besetzung für das Trio vorstellen. Von der ersten Probe an, war es so, wie ich es mir vorgestellt hatte, und ich bin dankbar dafür, dass die beiden mit mir musizieren.

Anouar Brahems Hintergrund sind arabische Musiktraditionen, die er in Richtung Jazz aufbricht. Bei Ihrem Projekt scheint es genau umgekehrt zu sein: Sie kommen vom Jazz und öffnen die Musik in Richtung Traditionals. Ist die Vorgehensweise insofern parallelisiert?

Alex Pinter: Man kann das schon so sehen. Bei mir war es definitiv so, dass ich über den Jazz in diese Richtung gekommen bin. Bei Viola und Christian ist es so, dass sie noch mehr aus der Klassik kommen, vor allem Christian. Aber beide sind sehr breit aufgestellt. Viola hat auch einen kompositorischen Zugang und war auch viel im Jazz unterwegs. Deswegen passen die beiden so gut in dieses Projekt hinein. Sie haben aber schon recht, ich habe mir durch den Jazz eine harmonische Basis erarbeitet. Auch weil ich Komposition studiert und viel ausprobiert habe und dann erst in Richtung Welt- und Folkmusik gegangen bin. Für mich ist es die höchste Kunst, eine simple Nummer zu komponieren, die aber etwas Mitreißendes und Ergreifendes hat, wie bei Anouar Brahem.

„Nach jedem Konzert haben wir gesagt: ‚Das funktioniert klasse.‘“

Christian Bakanic ist ja viel beschäftigt, vor Kurzem hat er einen Auftritt mit dem Diknu Schneeberger Trio im Rahmen des Internationalen Akkordeon Festivals gehabt. Wie haben Sie ihn für das Trio gewinnen können?

Alex Pinter: Das war eigentlich gar nicht so schwierig, denn er spielt nur Sachen, die ihm gefallen, und er hat von Anfang an gesagt, dass ihm die Musik tauge. Christian spielt natürlich viel, deswegen muss man das organisatorisch gut planen, aber er war von Anfang an mit Begeisterung dabei. Nach jedem Konzert haben wir gesagt: „Das funktioniert klasse.“ Und es wird eigentlich immer besser, weil wir immer besser eingespielt werden. Das Projekt kann auch kammermusikalisch gesehen werden.

Zur Ornithologie und zum Namen der Band: Es gibt tatsächlich Vögel, die im Auge des Hurrikans mitfliegen können. Steckt das dahinter?

Alex Pinter: Dieses Geheimnis kann ich jetzt auch mal lüften. Ich bin ja ein verkappter Punk-Rock-Fan und bin mit Rock, Metal und Punk aufgewachsen und habe damals in diversen Bands dieser Richtungen gespielt. Eine meiner alten Lieben ist Bad Religion. Die sind sehr sprachaffin und haben schöne Texte, eine Zeile lautet: „Flying like a bird against a hurricane.“ Diese Metapher fand ich schön, dass etwas Filigranes und Schönes wie ein Vogel gegen so einen furchtbaren Sturm fliegt.

Ich habe dabei auch daran gedacht, wie man versucht, sich in der Musikszene durchzusetzen und oft gegen Hindernisse verschiedenster Art prallt. Dass man oft auch mit sich selbst hadert, dass man denkt, man sei nicht gut genug. Gerade in solchen Phasen entsteht aber oft schöne Musik. Der Name Birds against Hurricanes passt sehr gut zu unserem Trio und der Albumname „fluegge:“ deutet an, dass das, was hier entstanden ist, nun bereit ist, nach außen zu treten.

Die Vogelthematik ist auch beim Coverbild gegeben und es gibt eine Nummer namens „Griffon’s flight“.

Alex Pinter: Diese Nummer hat eine schöne Geschichte. Ich war auf Urlaub in Italien und war in einem Reservat für Gänsegeier, auf Englisch „griffons“. Ich habe diese Nummer geschrieben, als diese riesigen Vögel über mir geflogen sind. Ich habe in den Himmel geschaut und ein bisschen improvisiert. Wenn man in einen Flow kommt, ist eine Nummer oft in ein paar Stunden fertig, das war bei diesem Stück so, das hat sich praktisch von allein geschrieben.

Birds Against Hurricans “fluegge” Cover

Steckt da insgesamt noch eine größere Faszination für Biologie dahinter oder passt das gerade alles gut zusammen?

Alex Pinter: Sie sind mir da auf die Schliche gekommen, ich bin nämlich diplomierter Biologe und insofern habe ich immer schon ein großes Interesse an der Natur gehabt, dieser rote Faden zieht sich auf jeden Fall durch.

Wie wirkt sich dieser Zugang auf Ihre Musik aus?

Alex Pinter: Das wirkt sich auf jeden Fall aus, ich bin ja zum Teil am Land zu Hause, bin auch Forstwirt und merke, dass mir diese Orte am Land die größte Inspiration bringen. Von meinem Haus aus sieht man schön ins Tal hinunter. Der Wald ist schon – ich möchte nicht zu esoterisch werden – ein Ort, der einem Kraft verleiht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

Termin:
30. April 2019 – Porgy&Bess

Link:
Birds Against Hurricanes (Facebook)