Thomas Andreas Beck (c) Jaafar

„Ich bin Liedermacher, Liederschreiber, eigentlich Dichter“ – THOMAS ANDREAS BECK im mica-Interview

Auf seinem neuen Album „Stille führt“ (Rhythm & Roses) greift THOMAS ANDREAS BECK heiße gesellschaftspolitische Eisen wie Kindesmissbrauch, den Heimskandal und Mobbing auf. Im Interview mit Jürgen Plank erzählt er über seine Kindheit in Favoriten und warum er das Album allein in einer Waldhütte aufgenommen hat.

Worauf verweist der Albumtitel „Stille führt“?

Thomas Andreas Beck: „Stille führt“ ist ein Begriff, der mich schon lange begleitet. Vor allem in meiner zweiten Tätigkeit als Coach und Berater, wenn es darum geht, einen Gesellschaftswandel zu begleiten und Entschlossenheit voranzubringen. „Stille führt“ ist eine Art Slogan. Ich erlebe es so, dass sich wirklich gute Antworten – auch in der Kunst – auf die Stille beziehen, auf die Erkenntnisse, die uns zum Beispiel in einer Meditation begegnen. Die Stille bringt uns gute Antworten, gute Lieder, eine gewisse Weisheit.

Ganz ruhig beginnt auch das Album, und zwar mit einem Klavierstück. Sie spielen sonst ja Gitarre und singen.

Cover “Stille führt”

Thomas Andreas Beck: Da ich ja nicht Klavier spielen kann, spielt das Klavier mit mir! Ich habe das Glück, eine Waldhütte im Wienerwald zu besitzen, und dort ist das Album von mir selbst aufgenommen worden. Nach dem ersten Drittel der Aufnahmen haben mich Zweifel befallen, ob es nicht doch mehr braucht als nur Gitarre und Stimme. Ich hatte die Idee, meinen Pianisten einzubinden, und so habe ich mir ein gebrauchtes Pianino gekauft und das wurde in den Wald angeliefert – über Stock und Stein!

Wie kam es zur Piano-Ouvertüre?

Thomas Andreas Beck: An einem kalten Wintertag habe ich mich darüber gefreut, dass hier ein Klavier steht und – man hört es auf der Aufnahme auch – ich bin zum Ofen gegangen und habe ihn angezündet. Es war eiskalt. Dann habe ich einfach gespielt und alles aufgenommen. Das Stück war ein Wendepunkt, es hat bedeutet: Selbst wenn ich Klavier spielen muss, schaffe ich das Aufnehmen der CD. 

Das Rascheln, das man auf der CD hört, ist wirklich ein Ofen?

Thomas Andreas Beck: Ja, man hört das Feuer im offenen Ofen. Auf dem ganzen Album gibt es nichts, was nicht in einem analogen Prozess entstanden wäre. Es ist alles echt, mit vier Spuren aufgenommen.

„Wie kann ich mit vorhandenen Ressourcen meine Kunst ins Leben rufen […]?“

Warum haben Sie sich für diese einsame Aufnahmesituation in einer Waldhütte entschieden?

Thomas Andreas Beck: Der Wald steht für mich für meine ursprünglichste Heimat, für meinen Zufluchtsort. Hier habe ich schon ganz viel erlebt. Dieser Wald zieht mich an, ich habe dort viele meiner Lieder geschrieben. Der Wald ist mein Kraftort, wenn es mir besonders gut geht, aber auch, wenn es mir besonders schlecht geht. Ich habe mich gefragt: „Wie kann ich mit vorhandenen Ressourcen meine Kunst ins Leben rufen, ohne Geld in die Hand nehmen zu müssen?“ Darauf war die Antwort: „In der Waldhütte, denn der Raum ist aus Holz, ein Resonanzraum und still.“

Haben Sie den Raum in irgendeiner Form optimiert?

Thomas Andreas Beck: Nein, ich habe mich gar nicht darum bemüht, die Nebengeräusche zu vermeiden. Ich habe manchmal das Fenster aufgemacht, um das Vogelgezwitscher auch draufzuhaben, und der Ofen hat ein eigenes Mikrofon gehabt. 

Im Lied „Großer Held“ sprechen Sie das Thema Mobbing an. Was ist der Hintergrund dazu?

Thomas Andreas Beck: Das Lied ist eine wahre Geschichte, da erzähle ich von meiner Kindheit in Favoriten. Wenn man das erzählt, sagt fast jeder: „Ja, so war’s, wir Kinder waren grausam.“ Es geht um die Brutalität und Grausamkeit von Kindern. Wie gehen Kinder und Jugendliche mit den Schwächeren um? Darum heißt es auch im Lied: „Großer Held in seiner kleinen Welt.“ Im Gemeindebau in Favoriten, wo Schlagen und Brutalität ganz normal war für uns. Für uns Kinder war es ganz normal, uns den Schwächsten herauszusuchen und die Ohrfeigen, die wir zu Hause bekamen, weiterzugeben. Darum geht es in diesem Lied.

Beim Lied „Heim“ geht es auch um die „gesunde Watsch‘n“.

Thomas Andreas Beck: Ich wollte vor ein paar Jahren ein Lied zur Aufarbeitung des Heimskandals schreiben. Dabei ist beim Schreiben etwas Arges passiert: Ich habe gedacht, dass ich etwas erfinden muss. Aber jede Zeile des Liedes ist mir als wahre Begebenheit aus meiner Jugend eingefallen. Entweder bin ich selbst so behandelt worden oder meine Freunde haben Ähnliches erlebt. Jeden dieser Sätze kenne ich.

Wie ist es, dieses Lied live zu spielen?

Thomas Andreas Beck: Da steige ich in die Rolle des schlagenden Vaters ein, der die Familie schlägt und unterdrückt und sich darüber freut, dass das Kind ins Heim kommt. Da schauspiele ich, wenn ich das Lied live spiele.

„Für mich ist es unerlässlich, dass die Lieder etwas mit mir zu tun haben.“

Ist es ein Album zur Aufarbeitung und braucht es diesen selbst erfahrenen Wahrheitsgehalt unbedingt?

Thomas Andreas Beck: Ja, auf diesem Album sind ausschließlich authentische Geschichten drauf. Ich bin Liedermacher, Liederschreiber, eigentlich Dichter. Ich habe es bisher vermieden, Geschichten zu erfinden. Für mich ist es unerlässlich, dass die Lieder etwas mit mir zu tun haben. Aber natürlich hat auch mein Blick auf die Welt, etwa auf den Krieg in Syrien, etwas mit mir zu tun. 

Sie sind vor einigen Jahren von Heli Deinböck gecoacht worden. Was haben Sie dabei gelernt?

Thomas Andreas Beck (c) Jürgen Plank

Thomas Andreas Beck: Er hat mir sein Wissen in Bezug aufs Liederschreiben geschenkt. Ich bin ja rein intuitiv vorgegangen. Ich habe von ihm gelernt, dass ein gutes Lied immer ein ganzer Kinofilm komprimiert auf drei bis fünf Minuten ist. Immer! Ich habe gelernt, dass der Refrain ein perfekter 20 Sekunden langer Trailer für diesen Kinofilm ist. Man kann es bei einem guten Lied in Bezug auf den Text selbst ausprobieren: Lied abspielen und Augen zumachen. Ab welcher Zeile geht das Kopfkino los? Das habe ich handwerklich gelernt. 

„Ich bin überhaupt nicht an der Belustigung des Publikums interessiert.“

Inhaltlich geht es auch um die NS-Zeit und um Kindesmissbrauch. Sind Sie auf diesem Album wütend?

Thomas Andreas Beck: Absolut. Wenn ich die Wut und den Zorn in meinem Leben nicht gehabt hätte, wäre ich nie in meine Kraft gekommen, sondern ich wäre wahrscheinlich in irgendeiner Sucht steckengeblieben. Ich bin ein zorniger Mensch, man merkt es vielleicht nicht so, aber der heilige Zorn ist enorm wichtig, weil er die letzte Fähigkeit und Chance des Menschen ist, etwas Unrechtes zu beenden. Der Zorn stellt die Ordnung wieder her. Wie wir miteinander umgehen, wie das Wohlstands-Armuts-Gefälle ist, wie wir unsere Chance auf diesem Planeten verspielen – da bin ich zornig. Der Zorn ist vielleicht für Künstlerinnen und Künstler die einzige wirkliche Chance, die sie haben, um etwas zu bewirken. Popmusikerinnen und Popmusiker sind für die Unterhaltung da, die machen die Musik zwischen den Nachrichten auf Ö3. Mein Album konkurriert mit den Nachrichten selbst! Ich bin überhaupt nicht an der Belustigung des Publikums interessiert. Ich bin an der Aufweckung des Publikums interessiert.

Wie sind die Reaktionen des Publikums?

Thomas Andreas Beck: Oft ist die Reaktion ein Schweigen. Gerade von Männern, die sehr im Business-Modus sind. Aber auch Scham, denn ich singe ja über Kindesmissbrauch. Man weiß nicht: „Hat mir der Onkel Adi auf den Bauch gegriffen und noch etwas tiefer und jemand anderem auch noch?“ Also mir auf jeden Fall, klare Aussage. Scham ist eine normale Reaktion bei Tabuthemen. Emotionales Feedback bekomme ich oft von Frauen, die sagen, dass sie beim Anhören weinen mussten. Ich sage immer: ganz anhören, bis zum Schluss. Zum ersten Mal bekomme ich bei diesem Album positives Feedback zum Klang und zu meiner Stimme. Dass das Ergebnis dieses Waldprojektes wirklich gefällt und ankommt, überrascht mich und freut mich. 

Was ist für das Album geplant?

Thomas Andreas Beck: Ein großer Schritt für mich, den es bisher noch nie gab: Wir werden das Album ab Oktober in Deutschland vorstellen. Mit einem Managementpartner von Konstantin Wecker an meiner Seite. Darauf bin ich wirklich gespannt.

Denken Sie bereits an das nächste Album?

Thomas Andreas Beck: Mit dem aktuellen Album schließe ich eine Phase ab, nämlich das selbsttherapeutische Verarbeiten von Angst und Wut. Das ist für mich jetzt ein Schlussstrich. Auf diese Weise habe ich nicht mehr vor, mein archäologisches Feld zu begraben. Ich möchte mehr von einer Meta-Ebene drinnen haben, mehr Gesellschaftsrelevanz. Auch der Liebe und der Zärtlichkeit mehr Raum geben. Vielleicht werde ich noch aktionistischer als bisher. Gesellschaftspolitische Themen in die Welt hinauszulassen, das ist meine Berufung.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Thomas Andreas Beck live
Sa 12.8.2017: Wein am See, Strobl am Wolfgangsee
Sa 26.8.2017: Konzerttalk mit Prof. Ernst Gehmacher, Buchhandlung Seeseiten, Aspern Seestadt, Wien
So 27.8.2017: Weinsommer Gumpoldskirchen, Gumpoldskirchen
Fr 08.9.2017: Beck ganz und allein, 7*Stern, Wien

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