„ICH BIN EINE RAUMÖFFNERIN.“ – MARIA GSTÄTTNER IM MICA-INTERVIEW

Von der Unterhaltung bis zur Heilung erstrecke sich die Wirkung von Musik, sagt MARIA GSTÄTTNER. Die Komponistin, Fagottistin und musikalische Forscherin hat im Burgtheater genauso gespielt wie auf der Krebsstation am AKH. Für die kommende Ausgabe von WIEN MODERN inszeniert sie ein Märchen der Gebrüder Grimm neu. GSTÄTTNER, die aus einem Dorf in der Steiermark stammt, pendelt mittlerweile zwischen Wien und dem Burgenland. Im Gespräch Ende September mit Christoph Benkeser und Michael Franz Woels blickt sie zurück, erzählt von Gong-Bädern und was sie als Zehnjährige von der Musik Iannis Xenakis mitnehmen konnte.

Maria Gstättner: Ich bin heute so berührt.

Wieso?

Maria Gstättner: Ich bin fast auf den Tag genau 25 Jahre in Wien. Was ist in diesen 25 Jahren passiert? Was hat sich bei mir – von der lernenden Fagottistin bis ins Jetzt – verändert? Was hat sich familiär getan? Deshalb bin ich dankbar, dass ich heute mit euch darüber sprechen darf.

Du ziehst heute Resümee. Welche Erinnerungen hast du an deine Anfangszeit in Wien?

Maria Gstättner: Ja, am 26. September 1997 kam meine Tochter zur Welt. Am 26. September 1996 war ich an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien immatrikuliert. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Packerln nach Wien gezogen und das erste Mal mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren bin – an der Oper vorbei den Ring entlang. Das war ein Erlebnis. Wenn ich daran zurückdenke, merke ich, wie schnell die Zeit vergeht.

Hast du das Gefühl, die Zeit verfliegt?

Maria Gstättner: Man muss und soll jeden Tag bewusst leben, und sich nicht im Lamento verlieren, sondern das Leben und die eigene Transformationskraft nutzen.

Diese Transformationskraft spielt in deinem Projekt „ProMiMiC“ eine große Rolle. Du spielst an der Radioonkologie in Wien für Krebspatientinnen und Patienten.

Maria Gstättner: Ich habe mich als Musikerin in den unterschiedlichsten Feldern der Musik ausprobieren dürfen. Das hat mir nicht nur einen Überblick verschafft ‒ zum Beispiel wie die Bezahlung in unterschiedlichen Genres aussieht, wie mit den Musikerinnen und Musikern Backstage umgegangen wird ‒, sondern auch gezeigt, was Musik tatsächlich bewirken kann. Das erstreckt sich von absoluter Unterhaltung bis hin zur Heilung. Mit dem Projekt „ProMiMiC“ [Anm.: MiMiC steht für Meaningful Music in Healthcare], das in Groningen, Göteborg, Den Haag, London und Wien stattfindet, fassen wir unterschiedliche Schwerpunkte zusammen. In Wien spielten wir zu dritt auf der Krebsstation am AKH. Unsere Forschungsfragen waren: Welche Schnittmengen lassen sich zwischen dem Ansatz von Profimusizierenden und dem Ansatz von Musiktherapie ermitteln? Und was braucht es, um diese Möglichkeiten für Studierende aufzubereiten, damit es sich zu einem Arbeitsfeld entwickeln kann? Es soll nicht nur von der Therapieseite bearbeitet werden, sondern auch von der Kunstmusik – und damit einen anderen Anspruch bekommen.

Ihr habt auf der Station für Patientinnen und Patienten gespielt? Wie fielen die Reaktionen aus?

Maria Gstättner: Wir waren bei erwachsenen Patientinnen und Patienten und haben personenzentrierte Improvisation gespielt. In den Niederlanden wird daran schon seit fünf Jahren geforscht. Die Musik wurde sehr gut angenommen – es gab Patientinnen und Patienten, die „nur“ berieselt werden wollten. Andere, die sich durch die Musik weitere Schritte in Richtung Heilung erhofft haben.

Was ist das genau – personenzentrierte Improvisation?

Maria Gstättner: Als Beispiel: Ich würde dich fragen, was ich für dich spielen kann – du gibst mir ein Bild, Gefühl oder einen Moment.

ES GEHT DABEI UM DIE ÜBERSETZUNG VON UNVERWORTBAREM.“

Ich gebe also einen Input, einen Impuls.

Maria Gstättner: Genau. Wir lassen uns auf diesen Input ein und transformieren ihn durch uns, indem wir uns öffnen und ihn in Klang übersetzen. Es geht dabei um die Übersetzung von Unverwortbarem.

Unverwortbar im Sinne von nicht-in-Worte-fassbar?

Maria Gstättner: Ja, es gibt unverwortbare Dinge, über die man sich mit anderen Medien – in meinem Fall mit Klang – annähern kann. Bei „ProMiMiC“ geht es um die Frage, was es mit den Menschen vor Ort, den Patientin und Patienten und dem Personal, macht. Schließlich ist das Personal in riesigen Krankenhäusern wie dem AKH ein großes Thema. Im Zuge meines künstlerischen Doktorats habe ich mich mit der Grounded Theory beschäftigt. Eine wissenschaftliche Arbeitstechnik, die durch die Beobachtung und Analyse von Abläufen in Krankenhäusern entstanden ist.

Geht es dort innerhalb der Strukturen auch um permanentes Improvisieren, das sich in Feedbackschleifen aktualisiert?

Maria Gstättner: Ja, man kann immer nur Tages- oder Wochenhypothesen aufstellen. Das ist der Rahmen, innerhalb dessen man jonglieren muss. Das trifft sich mit meinem Fach der Improvisation. Wir [Anm.: Stefan Heckel, Judith Prieler und Maria Gstättner] haben versucht, auf die Personen einzugehen – vor Ort, oder wegen der Pandemie auch via Zoom. Bei der letzten Sitzung waren auch Patientinnen und Patienten dabei, die fast keine Reaktionen mehr zeigen konnten, also nicht mehr fähig waren, uns Input zu geben. Trotzdem wollten sie, dass wir ihnen einen Klangraum eröffnen. Musik kann Schwingungen erzeugen und eine Verbundenheit ermöglichen. Das ist schon eine sehr intensive Erfahrung.

Du hast schon viele Stationen innerhalb deiner Musiklaufbahn durchlaufen, hast unter anderem für Kinderprojekte gearbeitet, Theatermusik gemacht, bist mit eigenen Projekten auf Tourneen gegangen und hast mit Orchestern wie den Wiener Philharmonikern gespielt. Wann hast du wahrgenommen, dass Musik eine heilende Wirkung hat?

Maria Gstättner: Im Musikerberuf brauchst du einen Coach, ansonsten hältst du es nicht aus. Deshalb habe ich mir abseits meiner musikalischen Biografie zu verschiedensten Themen helfen lassen. Über die Zeit verstand ich, dass man Bewusstheit in den Klang legen kann, den man im Jetzt des Moments produziert. Es geht um eine Gegenübertragung, das Bewusstsein, einen Raum zu öffnen, um ihn auch in einem Gegenüber zu evozieren – sofern sich die jeweilige Person darauf einlässt. Bei verschiedenen Profi-Orchestern geht es allerdings oft nicht um diesen Moment, sondern um das Musikmachen nach Dienststrich. Dadurch entsteht ein anderer Raum. Wenn am Vormittag eine Probe mit Thielemann auf eine kammermusikalische Probe folgt, bevor am Abend „Don Carlo“ gespielt werden muss, fühlt man sich, als hätte man Schnitzel, Schweinsbraten und gebackene Enten an einem Tag gegessen. Es ist zu viel. Manche Musikerinnen und Musiker müssen das trotzdem jeden Tag machen.

Man funktioniert nur noch.

Maria Gstättner: Genau. In meinem Studium lernte ich, im Autopilot Fagott zu spielen. Es hat so und so zu klingen, egal, in welchem Zustand man sich befindet. Mein Professor rief mich am Sonntag um fünf Uhr früh an und sagte: „Spiel mir das Mozart-Konzert vor.“ Und ich konnte das! Später erlebte ich das zum Beispiel mit dem Wiener Concertverein. Wir flogen nach Kanada, ich hatte unsagbaren Liebeskummer, meine Tochter vermisst und furchtbaren Jetlag … Plötzlich sitze ich auf der Bühne und spiele Schuberts „Frühlingssymphonie“, so schön, wie ich es gelernt habe.

Das ist spannend. Es kann wunderbar klingen, aber keinen Raum aufmachen, weil das Unverwortbare fehlt.

Maria Gstättner: Genau. In letzter Zeit habe ich mich mit Gong-Bädern beschäftigt. Etwas, das unter anderem im Kundalini-Yoga wichtig ist. Für mich gehört das zu den besonderen Momenten, die ich mit Klang erfahren habe. Der Gong mit seinen Obertönen erzeugt eine richtiggehende …

Druckwelle?

Maria Gstättner: Ja, das schwemmt einen richtig durch – ganz anders als in vielen Orchestern, in denen ich gesessen bin. Einfach weil darin eine andere Bewusstheit enthalten ist. Der Gong-Spieler eines Rituals legt das Bewusstsein in den Klang, auf dass er das Beste für alle Anwesenden bewirkt.

Etwas, das …

Maria Gstättner: … in anderen Kontexten oft vergessen wird, weil es ums Geld geht. Wir Musizierenden hätten in der Gesellschaft aber mehr Funktionen als Quantitäten zu liefern. Dazu eine andere Geschichte: Ich unterrichte schon lange an der Uni. Ein Tubist erzählte mir, dass seine Oma, eine Bäuerin, ihn angesichts der Länge seines Studiums fragte, ob er Pfarrer oder Arzt werde. Das mag sich lustig anhören, tatsächlich sind wir genau in der Mitte, haben eine spirituelle wie heilende Funktion. Dem sollte man sich bewusst werden!

Das klingt nach einem Plädoyer.

Maria Gstättner: Ja. Vieles hat mit Hierarchisierung zu tun. Der „Goldene Saal“ im Wiener Musikverein, ein Konzert in der Wiener Staatsoper, das ist das absolut Höchste. Ein Kinderprojekt ist scheinbar weniger wert. Ich finde das schade, weil es eine Vergeudung von Ressourcen ist. Wenn man sich schon den Beruf der Musikerin antut, soll man das auch leben können – und nicht das leere Blabla von „Musik als Stimulation der Emotionen“ nachplappern. Um mit meiner gesammelten Aufmerksamkeit und in vollstem Bewusstsein auf einer Bühne zu stehen, kann ich nicht Quantität über Qualität stellen.

Wäre nicht das Erreichen von einer bewussten Höchstleistung wünschenswert? Eine, die man nicht bloß abruft, weil sie schön klingt, sondern weil sie auch etwas verändert.

Maria Gstättner: Es muss ein Heilraum-Öffnendes sein. Schließlich geschieht die Heilung in der anderen Person. Ich als Musikerin kann nur den Raum anbieten.

„WENN ICH NACH 25 JAHREN HIER SITZE UND ZURÜCKBLICKE, SEHE ICH EINEN PROZESS.“

Du bist eine Raumöffnerin?

Maria Gstättner: Indem ich mir den Raum öffne, kann ich andere einladen, mir zu folgen, ja. In der letzten Sitzung von „ProMiMiC“ gab es zwei Patientinnen, die uns baten, gute Energie zu spielen, um den Heilungsprozess zu bestärken. Man merkt, das Bewusstsein ist bereits da. Andere wollen einfach nur hören. Etwas Schönes zum Beispiel, oder das Rot der Liebe. Viele müssen danach weinen. Dieses Öffnen ist gut, die Musiktherapeutinnen und -therapeuten achten aber auch darauf, ähnlich wie in einer Therapiesitzung, den Raum wieder zu schließen.

Du hast die Liebe angesprochen. Wie klingt sie?

Maria Gstättner: Das ist lustig. Man braucht immer einen kurzen Moment, um sich auf den Input einzulassen, ihn zu verarbeiten. Bei Liebe hat man ein Grundgefühl. Wir sind vor Ort bei diesen Labs zu Dritt, lassen uns aufeinander ein und spielen. Wir als Musizierende stehen in Verbundenheit und Resonanz zueinander. Das allein kann Emotionen der Personen triggern, was dazu führt, dass sie mit Emotionen konfrontiert sind, die etwas öffnen. Trotz dieser Einsicht gibt es am AKH momentan nur eine volle Stelle Musiktherapie.

Man merkt, wo die Prioritäten liegen. Oder wo sie nicht liegen.

Maria Gstättner: Ja, schließlich heißt ein Mehr an Musiktherapie nicht, dass man von Schulmedizin nichts hält. Im Gegenteil: Man könnte etwas, das gut funktioniert, durch etwas anderes ergänzen – Musizierende, die die Möglichkeiten zur Heilung auf einer anderen Ebene anbieten.

Man kann sich gut vorstellen, dass es in unserer materiellen Welt Vorbehalte gegenüber dieser Form von Heilung gibt. Wird man ernst genommen, wenn man sich dafür interessiert?

Maria Gstättner: Die Gstättner, so hört man, hat sowieso einen Klescher, schließlich hat sie eine fixe Orchesterstelle aufgegeben! Ich kenne aber so viele, die denken wie ich. Außerdem wird es mittlerweile erforscht. Deshalb spreche ich nicht das nach, was ich höre, sondern sage, was ich wahrnehme. Life long learning in music! Wenn ich nach 25 Jahren hier sitze und zurückblicke, sehe ich einen Prozess. Das ist es doch, was uns ausmacht: die ständige Bereitschaft sich weiterzuentwickeln! Dafür sind wir da.

Du hast vorhin auch gesagt, dass du zu 100 Prozent Musikerin bist. Das ist nicht der sichere Weg, weil er dem prekäreren Künstlerinnendasein entspricht, oder?

Maria Gstättner: So sehe ich es auch, ja. Schau, nach meiner Matura in Kindberg bin ich mit einer Kollegin nach Wien gekommen. Sie hatte davor hervorragend Querflöte gespielt, begann aber Publizistik zu studieren. Ich habe das nicht verstanden. Aber sie sagte: „Na ja, ich habe schon viele Mozart-Konzerte gespielt und irgendwie weiß ich nicht, was ich noch erreichen soll.“ Für sie war das musikalische Potenzial ausgeschöpft. So lange man aber merkt, dass das Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist, soll man daran arbeiten können. Deshalb mache ich die abgesicherte Struktur nicht schlecht, sie ist nur nicht meins.

Warst du immer ein freiheitsliebender Mensch?

Maria Gstättner: Ja, total. Ich komm aus der Obersteiermark, war immer in der Natur, auch oft allein.

Das geht in Mürzzuschlag ganz gut, oder? So viele Leute wohnen dort ja nicht.

Maria Gstättner: Ich verbrachte als Kind viel Zeit bei meinen Großeltern. Sie lebten in einem Bergbauernhof auf 1.000 Meter Seehöhe. Dort war außer der Natur nichts. Für mich war das wunderschön. Allerdings wuchs ich mit dem Glauben auf, dass diese Abgeschiedenheit normal sei.

Was in der Stadt zu einem Kulturclash geführt hat, nehme ich an.

Maria Gstättner: Na ja, ich kann dieses Gefühl auch in der Stadt bekommen. Schließlich bin ich kein Landei, sondern liebe das Gewusel der Stadt.

Der Kontrast zwischen Reizüberflutung und Landluft ist …

Maria Gstättner: … ein gutes Leben!

Mit deinem Projekt „Inventar der Gegend“ hast du dich trotzdem in dein Aufwachsen am Land zurückgedacht.

Maria Gstättner: Das geht auf einen Auftrag vom kunsthaus mürz zurück. Angelika Reitzer und ich hatten alle Freiheiten. Wir sollten einfach etwas machen …

Was ihr wolltet?

Maria Gstättner: Wir sind Meisterinnen der Improvisation, trotzdem muss man irgendwann aus dem Unverwortbaren ausbrechen und ins Verwortbare kommen. Deshalb haben wir uns entschieden, ein Inventar – eines der Lieblingswörter von Angelika – der Gegend aufzustellen. Sie befragte unterschiedliche Akteurinnen und Akteure, die sich mit der virulenten Flüchtlingsthematik vor Ort beschäftigen. Außerdem zog sie verschiedene Texte von früheren Schriftstellerinnen heran. Daraus entstand ein Libretto, das ich vertont habe.

Warst du auch dort?

Maria Gstättner: Ja, ich hab einen guten Kontakt zu meinen Eltern und meinem Onkel, der dort einen Bauernhof hat. Deshalb bin ich mehrmals im Jahr vor Ort. Außerdem gab es im Sommer eine Dorfoper namens „Die Nacht von Allerheiligen“, für die Laura Winkler und ich die Musik komponierten. Dafür war ich drei Wochen im Mürztal stationiert. So lang war ich seit 25 Jahren nicht dort.

War das für dich komisch?

Maria Gstättner: Nein, aber sehr bekannt.

Weil sich so wenig verändert hat?

Maria Gstättner: Im Gegenteil, es hat sich viel verändert. Aber ich kenne die Region klimatisch und klanglich. Das war ein Aha-Erlebnis, weil ich mit ihr vertraut bin.

Du hast ein inneres Verständnis für den Ort, das man als außenstehende Person nicht kennen kann.

Maria Gstättner: Allein durch die Sprache ist es so! Man kann in ein Geschäft gehen und alle nehmen dich ernst, weil du bist ja von dort. Du sprichst ihre Sprache.

Den Dialekt hast du dir behalten?

Maria Gstättner: Ja, meine beste Freundin lebt wieder im Ort, ich telefoniere oft mit ihr. Und rede im Dialekt als wäre ich vor Ort.

Mit Mürzzuschlag verbindet man nicht so viel. Manche wissen vielleicht, dass Elfriede Jelinek von dort kommt.

Maria Gstättner: Trotzdem passiert viel Kultur und Literatur zum Beispiel rund um das kunsthaus mürz. Ich bin als Kind mit Aufführungen des steirischen herbst sozialisiert worden. Mit zehn Jahren hörte ich Iannis Xenakis in irgendeiner Industriehalle. Reiben und Rascheln in der Musik waren so normal für mich wie das Leben am Bergbauernhof.

„MIT ELEMENTAREM MUSIKMACHEN ODER MUSIKVERMITTLUNG LIESSEN SICH VIELE SOZIALE KOMPONENTEN ABDECKEN.“

Du bist damit aufgewachsen. Für viele Kinder bleibt diese Welt trotzdem völlig fremd. Das hat auch schulische Gründe – gemeinsames Musizieren wird zunehmend durch andere Fächer verdrängt.

Maria Gstättner: In der Klasse meines Sohnes steht Musikunterricht nicht einmal mehr auf dem Stundenplan! Ich finde diese Entwicklung traurig, dumm und ressourcenvergeudend. Schließlich wird diese Form von Unterricht immer öfter zu einem Luxus, den man sich leisten können muss. Mit elementarem Musikmachen oder Musikvermittlung ließen sich viele soziale Komponenten abdecken. Leider kommt ihr nicht die Bedeutung zu. Das ist auch ein Gender-Thema. Weiblich konnotierte Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen, Gemeinschaftssinn und das Sich-Einlassen sind weniger wert als die männlich konnotierten. Es gibt also großes Aufklärungspotential.

Maria Gstättner: “Jorinde” (c) Sakher Almonem

Daran arbeitest du. Für Wien Modern hast du dich um die Vertonung des Grimm-Märchens „Jorinde und Joringel“ angenommen.

Maria Gstättner: Gerhard Dienstbier hat mich gefragt, ob ich eine Kammeroper „Jorinde und Joringel“ schreiben möchte. In meinem Märchenbuch, das ich als Mädchen gelesen habe, war es mit schönen Bildern illustriert. Allerdings ist die Geschichte nicht mehr zeitgemäß. Hans Schano und ich haben uns entschieden, das Märchen in unserer Version von ihrer Perspektive erzählen zu lassen. Daher heißt die Oper einfach „Jorinde“.

Joringel wurde weg-gecancelt.

Maria Gstättner: Das nicht, aber wir wollen uns Jorindes Fokus auf die Geschichte ansehen. Manche Figuren wurden verändert, es gibt einen Zauberer anstelle einer Zauberin. Der hält die Kinder gefangen, weil er glaubt, dass er unsterblich wird, wenn er hundert lachende Kinder gefangen hält. Jorinde ist auch in seinem Bann, sie hat aber die besondere Freiheit, an Vollmondtagen raus zu dürfen. Dabei trifft sie auf Joringel, der ihr von der Welt draußen erzählt. Aber zu viel möchte ich jetzt noch nicht verraten …

Bist du Teil des Orchesters?

Maria Gstättner: Ich spiele Fagott und Kontraforte, ein Instrument der Firma Wolf. Beethoven hat das Kontrafagott in der 9. Sinfonie verwendet, es kommt also – zwar selten, aber doch – in großen Werken vor. Ich verwende den Klang für die emotionale Musik des Zauberers, elektronische Musik wird für das zusätzliche „Britzeln“ sorgen. Schließlich bin ich bekennende Melodien-Musikerin. Melodien sitzen, wenn ich das so sagen darf, noch weiter unten im Körper, in der Beckenbodengegend. Deswegen mag ich auch House-Musik.<

„Jorinde“ wird aber kein House-Musik-Set, oder?

Maria Gstättner: Nein, aber es gibt ein paar Groove-Teile. Mit dem Elektronik-Musiker Philip Stoeckenius habe ich letztes Jahr mehrere beatlastige Stücke gemacht. Ein Stück mit einem Text von Anja Utler für das großartige Tiroler Kammerorchester InnStrumenti.

Elektronische Musik findet man auch in „Inventar der Gegend“. Die Offenheit dafür ist im klassischen Bereich nicht immer vorhanden.

Maria Gstättner: Es ist interessant, wohin es mich immer wieder trägt. Die Freude, die man empfindet, wenn man Leute trifft, mit denen man das ausprobieren kann. Mit dem Posaunisten Bertl Mütter habe ich vor zirka fünfzehn Jahren Improvisationsübungen gemacht, oder auch mit der Klarinettistin Petra Stump-Linshalm und dem Pianisten Stefan Heckel. Dann kam das Notenschreiben mit dem Programm „Sibelius“ dazu. Es braucht Mut, aus der persönlichen Komfortzone immer wieder auch auszusteigen. „ProMiMiC“ war auch so ein Projekt. Dieser Kontakt und diese Nähe mit schwerkranken Menschen hat mir in der Anfangszeit schlaflose Nächste bereitet. Mittlerweile kann ich damit viel besser umgehen und klar darüber reden. Das hat mir persönlich sehr viel gebracht und ich bin dankbar dafür.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser und Michael Franz Woels

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Termine:
Wien Modern:
10., 14. und 17. November 2021
MuTh – Konzertsaal der Wiener Sängerknaben

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Link:
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