„Ich bestehe aus mehreren Facetten und das möchte ich auch zeigen!“ – ESTHER GRAF im mica-Interview

ESTHER GRAF ist bestens bekannt durch Features mit deutschen Größen wie ALLIGATOAH, FiNCH und OLEXESH. Als Solosängerin ist die ursprüngliche Kärntnerin aber genauso erfolgreich. Zuletzt erregte ESTHER GRAF mit ihrer neuen Single „Red Flags“ Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Raum. Mit Itta Francesca Ivellio-Vellin sprach ESTHER GRAF über Social Media, mentale Gesundheit und Authentizität.

Lebst du derzeit in Wien oder Berlin?

Esther Graf: Ich lebe in Berlin. Ich bin ja ursprünglich aus Kärnten, bin in Salzburg in die Schule gegangen und habe auch eine Zeit lang in Wien gelebt. Da bin ich aber auch schon immer nach Berlin gependelt, um Musik zu machen. Musikalisch hat es mich einfach immer mehr nach Berlin gezogen, weil ich da mehr Möglichkeiten hatte. Die Karriere war dann auch einfach Priorität. Seit Anfang 2020 wohne ich jetzt ausschließlich in Berlin.

Beste Zeit, um eine neue Stadt kennenzulernen – direkt am Anfang der Corona-Zeit!

Esther Graf: [lacht] Ja! Aber es hat sich trotzdem ausgezahlt. Die Kontakte sind ja trotzdem da und auch besser erreichbar, wenn man selbst vor Ort ist.

Aber du bist auch hier in Wien im Studio.

Esther Graf: Genau. Ich habe eigentlich mit sehr wenigen österreichischen Producerinnen und Producern bisher aufgenommen. Jetzt habe ich aber in Berlin mit einem österreichischen Produzenten, dem Johannes Römer, zusammengearbeitet und das hat so super funktioniert. Da haben wir auch gleich meine nächste Single „Red Flags“ aufgenommen.

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Du hast Im Sommer viel Aufmerksamkeit von den Medien durch das Feature im Song „Mit dir schlafen“ von Alligatoah bekommen.

Esther Graf: Voll! Das fand ich superschön, weil mir das Thema Konsens auch sehr wichtig ist, um das es im Song geht. Im Rap ist es ja so, dass man nicht viele Statements zu einem Song macht, man haut was raus und schaut, wie es die Leute aufnehmen. Mir persönlich war es aber wichtig, dass noch einmal unterstrichen wird, was da die Message ist. Ich war aber sehr positiv überrascht, dass es die meisten eh sofort gecheckt haben. Auch Alligatoahs Fans haben es sofort verstanden, worüber ich sehr glücklich bin. Es ist halt einfach ein sehr sensibles Thema, das im ganzen Deutschrap gerade auseinandergenommen wird, was auch wichtig ist.

„Das Thema Konsens ist mir sehr wichtig!“

Wie kam das Feature zustande?

Esther Graf: Genauso, wie man es sich als Newcomerin oder Newcomer wünscht: Er hat mich einfach angeschrieben. Sein Team hat ein Akustik-Video von mir gesehen und er fand meine Stimme toll. Ich war sofort am Start und wollte direkt mit ihm ins Studio, aber zu dem Zeitpunkt gab es noch keinen Song. Er muss sich zum Schreiben in seinen Keller einsperren und einfach schreiben, schreiben, schreiben, hat er mir erklärt. Dann kam irgendwann die Nachricht, er hätte was. Er meinte auch, dass ich es mir erst anhören muss und entscheiden muss, ob ich comfortable mit dem Thema bin. Ich hab’s aber natürlich sofort gefeiert.

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Üblicherweise handeln deine Texte allerdings nicht von sozialpolitischen Themen, oder?

Esther Graf: Das stimmt. Deshalb habe ich auch tatsächlich darüber länger nachgedacht, ob ich es machen will. Ich habe mich echt gefragt, ob ich jemand sein will, der über solche Dinge in der Öffentlichkeit sprechen möchte. Aber das ist einfach eine tolle Art, so etwas zu kommunizieren. Also bin ich in Alligatoahs Studio gefahren. Ich hatte davor noch nie einen Song aufgenommen, den ich nicht selber geschrieben hatte. Deshalb war es mir wichtig, dass ich da auch meine eigene Interpretation machen kann, was super geklappt hat.

Wie kam es zu diesem Video? Wo wurde es gedreht?

Esther Graf: Auf Madeira! Alligatoah war da schon einige Wochen zuvor und hatte ein Konzept für das Video gehabt. Dann war er allerdings dort wandern und hat diesen tollen Ort gefunden und beschlossen, das Konzept neu zu machen. Und dann wurde ich spontan gefragt, ob ich mitkommen möchte.

Normalerweise handeln deine Texte eher von persönlichen Erfahrungen.

Esther Graf: Ja, bei mir geht es fast immer um Sachen, die mich einfach beschäftigen oder die mir passieren. Ich glaube aber schon, dass bei mir die Sozialkritik unterschwellig vorhanden ist. Ich würde nie einen Text schreiben, in dem ich mich als Frau unterstelle. Es ist mir wichtig, zu zeigen, dass ich eine selbstbewusste Frau bin. Konkret politisch bin ich nicht in den Texten, aber ich bin als Esther Graf, als Künstlerin, gerne bei aktivistischen Aktionen dabei.

„Ich glaube aber schon, dass bei mir die Sozialkritik unterschwellig vorhanden ist.“

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass deine Texte zwar immer von sehr persönlichen Erlebnissen handeln, die aber oft auch sehr repräsentativ für eine ganze Generation stehen – allein dein Song „Geldautomat“. Der steht ja auch symbolisch für viele junge Menschen.

Esther Graf: Ja, absolut. Das ist für mich auch super gesellschaftskritisch. Das ganze Geld-Thema auch mal in Frage zu stellen und was braucht man eigentlich, was sind die Dinge, die mich wirklich glücklich machen? Ich denke, das ist eine Krise, die jede und jeder einmal durchmacht. Vor allem die Generation Z ist ziemlich lost, nicht nur in diesem Zusammenhang. Auch in der Social-Media-Welt. Auf der einen Seite geht es da darum, sich selbst zu verwirklichen und nach außen hin zu zeigen, wer man wirklich ist. Gleichzeitig funktioniert das System gar nicht mal so, dass es um die Persönlichkeiten geht.

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Wie gehst du generell damit um? Wie sehr kannst du dich vom Social-Media-Druck distanzieren?

Esther Graf: Ich habe lange in dem Glauben gelebt, dass ich mich besser davon distanzieren kann als es in Wahrheit der Fall ist. Ich habe keinen privaten Instagram-Account, sondern nur den, mit dem ich auch als Künstlerin auftrete. Deshalb vermischt sich das alles ein bisschen. Ich hatte lange gar kein Problem damit, mich mit anderen zu vergleichen, aber man muss ja nur einmal mit dem falschen Fuß aufstehen oder man ist einer schwierigen emotionalen Phase und plötzlich ist jeder Mensch schöner als du. Dann vergleicht man sich sehr schnell. Schwierig war es in der Lockdown-Zeit, als jede Person ein neues Start-Up gegründet hat und gezeigt hat, wie fleißig sie oder er ist und bei mir ging einfach gar nichts. Ich versuch also, mich so gut es geht, davon zu lösen, aber es ist einfach Teil des Alltags. Ganz abtauchen kann ich aber auch nicht. Da wäre meine Social-Media-Begleiterin auch nicht sehr begeistert! [lacht]

(c) Rob Luethje

Ah, du hast professionelle Unterstützung!

Esther Graf: [lacht] Ja, aber in erster Linie so während Releases. Ich versuche derzeit aber sehr, ehrlich und authentisch auf Social Media zu sein und Dinge zu posten, die ich auch selber gerne sehe. Ich finde es auch schön, dass gerade Mental Health ein großes Thema ist und, dass man auch sieht, dass es weniger Filter gibt und mehr Ehrlichkeit. In meinem musikalischen Umfeld wird sehr viel über mentale Gesundheit geredet.

Schaffst du es auch, öffentlich über deine mentale Gesundheit zu reden?

Esther Graf: Ich versuche es auf jeden Fall. Ich mache es auch immer mehr und mehr. Auf meinen Socials habe ich, glaube ich, sehr konträre Kontakte. Auf der einen Seite folgen mir viele Frauen, die feministisch unterwegs sind, aber ich kursiere auch in der Rap-Szene herum, und da erreicht man auch andere Menschen. Da ist es auch ganz witzig, zu sehen, was in meinen DMs passiert. Die einen finden es voll gut, was ich so sage, und die anderen nicht immer so. Zum Beispiel wenn ich mal eine Beauty-Kooperation mache, weil ich’s halt cool finde, schreiben mir Rap-Fans schon mal „Ey digga, was machst du da?!“ [lacht]. Auf jeden Fall versuche ich schon sehr, mich einfach als Person auf den Socials zu zeigen.

„In meinem musikalischen Umfeld wird sehr viel über mentale Gesundheit geredet.“

(c) Rob Luethje

Bekommst du Hate-Messages?

Esther Graf: Kaum. Eigentlich gar nicht. Klar wird es Leute geben, denen meine Musik nicht gefällt.

…aber es gefällt ihnen nicht so schlecht, dass sie dir dann schreiben.

Esther Graf: Genau. So kontrovers bin ich wohl nicht. Ich bekomme aber natürlich auch komische Nachrichten, wenn ich mal ein Bikinifoto poste, weil ich mich halt gerade wohl in meinen Körper fühle und das feiere. Danach habe ich mir auch gedacht, „Oh no, hätte ich das vielleicht besser nicht machen sollen, weil jetzt sind ja Menschen auf meinem Profil, die nur deshalb da sind“. Ich bin ja eigentlich Musikerin. Aber dann denke ich mir, dass ich das halt posten wollte und das auch in Ordnung ist.

Haben dich diese Reaktionen auf diesen Bikini-Post getroffen? Ich nehme an, sie waren in erster Linie sexueller Natur?

Esther Graf: Genau. Nein, getroffen haben diese Nachrichten mich nicht. Aber wie gesagt, ich habe dann schon manchmal Angst, nicht mehr als Musikerin glaubwürdig zu sein. Da bin ich etwas zwiegespalten. Ich bin halt nicht jeden Tag im Studio, ich bin auch mal mit meiner Familie in Kroatien – ich bestehe eben aus mehreren Facetten. Und das möchte ich auch zeigen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Itta Francesca Ivellio-Vellin