HVOB (c) Andreas Jakwerth

HVOB im mica-Porträt

In Österreich ist Erfolg leicht. HVOB aber spielen in London, Barcelona und Prag vor ausverkauften Hallen. Sie schaffen das mit hypnotischem Techno und einem gut geölten Team.

Die Tour ist aus, lang lebe die Tour. In München steigen HVOB wenige Stunden nach ihrem Konzert in einen großen schwarzen Bus, fahren über Nacht heim nach Wien, feiern durch und geben den Nightliner zum Verleih zurück. Ab sofort fliegen sie zu den Konzerten, anders lassen sich die Kontinente nicht bewältigen, Boston, Beirut, Ankara, Moskau, Mexiko, Tunesien und Ibiza steuern sie heuer noch an. Dennoch feiern HVOB in München Ende April den Tour-Abschluss. Anna Müller, die Stimme der Band, bekommt einen Strauß Blumen, die Leute im Team werden vorgestellt und ein großes Danke wird gesagt. HVOB waren den ganzen Monat im Bus auf Achse, neunzehn Termine, zwölf Länder, nur sechs Tage frei.

HVOB sind Anna Müller und Paul Wallner. Sie veröffentlichen vor sieben Jahren den Song „Dogs“, darauf seufzt eine Stimme melancholische Worte zu schweren Pianos, Synths pulsieren und eine Basstrommel pocht. Diese erste Single passt zu den Ausläufern von Minimal Techno und Deep House und bringt gleichzeitig eine eigene Note mit. HVOB entwickeln ihren Sound weiter. Das zweite Album ist eine künstlerische Arbeit, zehn audiovisuell-installative Gesamtkunstwerke, Trialoge zwischen den Disziplinen, auf dem dritten Album arbeiten sie mit Winston Marshall, dem Gitarristen der Stadionrocker Mumford & Sons. Eine Nominierung für den österreichischen Musikpreis Amadeus lehnen sie medienwirksam ab, Medienpartner Kronehit habe keinen Respekt vor österreichischer Musik. Lange halten sie ihre Gesichter geheim und geben diese nur langsam preis. Anna Müller und Paul Wallner haben eine Vorgeschichte im österreichischen Pop, dazu später.

Die Band spielt das Ende ihrer Bustour an einem Sonntag, an sich kein günstiger Tag für tanzbare Musik. Das Münchner Muffatwerk ist voll, ein paar Dutzend Tickets sind an der Abendkassa noch zu haben, wenige Minuten vor der Show wird die Losung ausgegeben, „Sold out“, das Gütesiegel einer erfolgreichen Tour, ganze 1500 Leute sind gekommen. Die Gesichter im Team sind nicht wirklich angespannt, aber sie lösen sich, gestern war die Nacht lang, die Band hat im Grazer Orpheum gespielt, „Sold out“, im Bus wurde weitergefeiert, das sieht man allen an. Allen außer Paul Wallner. Er trägt eine Stunde vor der Show einige Kartons mit Vinyl von hier nach da. „Immer arbeiten“, murmelt er und schaut freundlich. Anna Müller trinkt eine Orangenlimo und hat über ihrem Pulli eine Warnweste an, sie ist breit geschnitten, „Management“ steht auf ihrem Rücken, es ist keine normale Gelbweste.

Es gibt mehr Werkstoff der Arbeiterklasse, der im Team getragen wird. Für die Tour wurde ein Schal beim Wiener Modedesigner Roman Globan in Auftrag gegeben. Er sieht aus wie aus einem Fußball-Fanshop, dicker langer Stoff, Fransen an den Enden, das Muster ist streng schwarz-weiß, der Bandnamen steht nirgends, nur das charakteristische V aus dem Namenslogo ist zu sehen, das wie das rhythmische Pumpen einer Bassdrum vervielfältigt wurde. Den Schal gibt es auf dieser Tour exklusiv. 70 Euro muss einem dieses Code-Switching – also das Wechseln zwischen den Jargons der High Fashion und der Alltagsmode – wert sein.

Code-Switching

Überhaupt macht Code-Switching viel vom Reiz von HVOB aus. Techno war anfangs die Musik der Arbeiterklasse, am Wochenende traf man sich in Kellern und Fabrikhallen, um zum Funk der Maschinen in eine Gegenwelt einzutauchen. Die Soziologin Sarah Thornton schrieb vor über zwanzig Jahren, dass Clubs beabsichtigen, gleichzeitig exklusiv und egalitär zu sein. Das ist lange her. Techno wurde seither global, hat sich in Mikrostile verzweigt, und manchmal riecht er komisch. Im Muffatwerk wirkt das Publikum bei einem Eintrittspreis von 30 Euro eher exklusiv als egalitär. Die Leute sind studentisch oder sie verdienen besser. Vielleicht liegt das auch nur an München.

In der Halle sieht man davon wenig, Licht überstrahlt den Raum. Angeblich ist es der teuerste Teil der Tour. Es ist reduziert und genau getaktet, um den Effekt zu maximieren, wenn etwa die mächtige Basstrommel einsetzt. Von seitlich der Bühne sieht das unspektakulär aus, man blickt hinter die Illusion, sieht viele Kabel, große Scheinwerfer, große Tische, auf denen Equipment steht mit Knöpfen, an denen geschäftig gedreht wird. Die Show soll im Nebel und im Licht verschwinden, um den Nachhall von Nächten im Club zu spüren. Und gute zwei Stunden später können ZuseherInnen ohne schlimme Nebenwirkungen heimgehen.

HVOB (c) Andreas Jakwerth

Manager Hennes Weiss sitzt während des Konzerts irgendwo im Bauch des Muffatwerks, gibt ab und an eine Anweisung, unterhält sich im Team, lacht seinen krachenden Lacher, für den er schon in der Pratersauna bekannt war. Diese hatte er gemeinsam mit Stefan Hiess für viele Jahre zur bekanntesten Stelle für Clubkultur in Wien gemacht. Community-Management, Marketing und Lässigkeit waren dort erstklassig. Aber auch die anderen Involvierten verstehen viel vom Geschäft. Im Bus fahren über zehn Leute mit, neben Management und Band noch Tour-Schlagzeuger Frank Schachinger, Tourmanagement, jemand für Licht und Ton. Zwei Fahrer braucht es, um gesetzliche Ruhephasen einzuhalten.

Paul Wallner spielte früher in Gitarrenrockbands, zuletzt bei Herbstrock, wo auch Anna Müller sang. Aus dieser Zeit gibt es Videos der Sitcom „Anna und Du“, die „Universal Music“ fürs mobile Netz produzieren ließ und die bezeugen, wie verzweifelt Major-Labels damals waren. Frank Schachinger spielte früher Schlagzeug bei 3 Feet Smaller. HVOB haben aus diesen Erfahrungen gelernt, sie wissen, wie der Mainstream arbeitet, und haben beschlossen, in einer Nische erfolgreich zu sein. Wie genau, das bleibt Betriebsgeheimnis. Sie sind sehr aufs Image bedacht, wollen gegenlesen und freigeben, was ihnen nichts nützt, was sie nicht kontrollieren können, machen sie nicht.

Let There Be Rocco

Für „Rocco“ haben sie kaum Interviews gegeben. Das Album hat Überlänge, die achtzig hypnotischen Minuten sind für erweiterte Sitzungen am Laufrad genauso geeignet wie für Autofahrten nachts, fürs Zeichnen von Architekturentwürfen oder Sortieren von Konten. Für Partys ist das Album vielleicht weniger gedacht. Die dreizehn Tracks sind entschleunigt, sie verändern sich langsam, fast schleppend, bleiben dabei unvorhersehbar. Selten nimmt sich Musik so viel Zeit. Das ist ungewöhnlich in einer Gegenwart, in der Alben mit vielen kurzen Tracks fürs Streamingzeitalter optimiert werden. Tracks wie „Butter“, „Kante“ und „Eraser“ knüpfen an den rohen Techno der Neunziger an. Die Stimme von Anna Müller grundiert den Sound immer, sie spricht eher, als sie singt, und betont das Menschliche. Die Wahl des belgischen Labels „PIAS“ unterstreicht den Anspruch, Songs zu schreiben, die über die Grenzen von Techno hinausweisen. Großes Medienecho gab es nicht, die Zahl der Streams ist beachtlich, zeigt aber auch nicht steil nach oben.

Live ist das egal. Für HVOB funktioniert die Mobilisierung über Social Media. Gelegentlich nehmen sie das Risiko selbst in die Hand. In die Wiener Arena passen unter offenem Himmelszelt 4000 Menschen. Vor zwei Jahren war sie für das Checkfest schon einmal fast voll, heuer wurden wenige Tage davor noch Karten verlost. Im Herbst folgt Nordamerika, sie spielen im großen Ballraum der New Yorker Webster Hall. Und welche Band aus Österreich sollte es sonst schaffen, dass dort Fußballschals getragen werden und die Losung ausgegeben wird, „Sold out“. Nachher ist die Tour wirklich aus, lang lebe die Tour.

Stefan Niederwieser

 

Termin:
29. Juni 2019, Checkfest – Arena Wien

Links:
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