Holzblasmusik quo vadis? – Michael Fischer im Porträt

Nach anfänglichem beruflichem Irrweg, inklusive 9 to 5 Job und Krawattenhölle, hat sich Michael Fischer eines schicksalsreichen Tages entschlossen, sein Dasein fortan als Musiker bestreiten zu wollen. Und ganz nebenbei mit dem Feedback-Saxophon auch gleich noch eine eigene Klangsprache zu entwickeln.

Dabei war das mit dem Feedback-Saxophon eigentlich gar nicht so geplant und wie viele andere großartige Errungenschaften der Menschheitsgeschichte dem bloßen Zufall geschuldet. Entdeckt hat er die neuen Klangmöglichkeiten im Zuge einer Aufnahme für Solo-Saxophon, für die er im Proberaum Rekorder und Stereomikrophon aufgebaut und sich mit der Distanz gespielt hat. Abgehört wurde das Ganze mit einem billigen Sony-Lautsprecher. Aus klangtechnischen Gründen, wie Fischer zu Protokoll gibt, ist er dabei immer näher ans Mikrophon herangerückt und hat dieses schließlich irgendwann gleich ganz ins Saxophon verfrachtet – ohne allerdings die Aufnahmefunktion zu deaktivieren. Dem sich daraus ergebenden schrillen Pfeifton folgten neugierige erste Versuche, die verschieden Klappen durchzuprobieren und die Feststellung, dass bei Betätigung jedes einzelnen Schließmachanismus‘ ein anderer Feedback-Ton erklingt. Je nach Bewegung, Distanz zum Lautsprecher, Räumlichkeit, Resonanzen, Reflexionen im Raum haben sich so verschiedenste klangliche Möglichkeiten ergeben, die in Folge nach und nach ausgekundschaftet werden sollten.

Die Ergebnisse seiner Forschungen auf dem Gebiet des Feedback-Saxophons hat Michael Fischer dann 2002 mit dem Album „Solos“ veröffentlicht, auf dem in vielfältiger Weise die Grenzen des Instruments ausgelotet werden. Elemente der freien Improvisation, Marke FMP, verschmelzen mit Strukturen, die man aus der brachialeren Ecke zeitgenössischer Komposition kennt. Nicht umsonst ist ein Stück der CD Iannis Xenakis gewidmet. Melodien im klassischen Sinne sucht mal also hier vergebens. Vielmehr sollte es darum gehen, dem einzelnen Klang seine Bedeutung zu lassen.

Um die neuen klanglichen Möglichkeiten öffentlichkeitstauglich beherrschen zu können, mussten allerdings die Wände im Proberaum einiges über sich ergehen lassen. Insgesamt waren drei Jahre intensiver Auslotungsarbeiten erforderlich, bis Michael Fischer das System „Feedback“, bei dem es sich um ein sehr instabiles Gebilde handelt und man sich keine falsche Bewegung leisten kann, gemeistert hatte. Der Musiker beschreibt das als „eine Art Such- und Fangspiel“, bei dem man den richtigen Ton greifen müsse. Genau dabei kamen ihm dann auch jene Kenntnisse zugute, die er sich bereits im Vorfeld in anderen musikalischen Kontexten angeeignet hatte, wie etwa bei Bühnenauftritten Ende der neunziger Jahre oder auch in seiner Radiosendung „Connex“ auf Radio Orange.  

Anfangs sollte hierbei bloß eine Radiosendung als Plattform für improvisierte Musik entstehen, aber im Laufe der Zeit wurde die Studioumgebung Inspirationsquelle, gleich vor Ort auch selbst aktiv zu werden und das dortige Equipment zweckentfremdet in Verwendung zu nehmen. In diesem Sinne wurde dann schon mal ein Mikrophonständer, an dem vier Stahlfedern angebracht waren, mittels Anzupfen dieser Federn und Öffnen des Kanals als Tongenerator für Feedback-Sounds verwendet. Ebenso wie beim Saxophon ein instabiles System deshalb, weil etwa durch das Feedback der Federn ein weiteres Feedback der Kopfhörer-Mikrophonschleifen ausgelöst werden könnte, wie Fischer erklärt. Durch Auflegen verschiedenster Sachen, beispielsweise Papier, über die Turntables wurden zudem weitere Möglichkeiten geschaffen, die Feedbacks entsprechend zu manipulieren.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Michael Fischer nun auch mit experimenteller Lyrik sowie deren Wechselwirkungen mit seiner Musik. Als Mitglied der Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung ist dabei die Versorgung mit neuem Arbeitsmaterial annähernd bis zur nächsten Eiszeit gesichert. Dreh- und Angelpunkt bleibt natürlich auch bei diesem Projekt die Improvisation ohne Netz und doppelten Boden, auf Fischers Homepage ausführlich dokumentiert und nachhörbar unter dem klingenden Titel „connex : context – series for radio art pieces in literature and sound“. Gearbeitet wird beim „CD-Player-Orchester“ beispielsweise mit den mitgebrachten Texten der Autoren, drei CD-Playern und ausgewähltem Tonträgermaterial. Alles selbstverständlich ohne Vorkonzeption.

Um das Ausloten und die Vermittlung von sprachlichen und literarischen Kontexten dreht sich dann auch alles bei Michael Fischers drittem großem musikalischem Fixpunkt, dem Vienna Improvisers Orchestra, in Amt und Würden seit dem Jahr 2006. Wie der Name schon suggeriert, ein großformatiges, frei improvisierendes Kollektiv – mit wechselnder Besetzung. Und mit einigen wenigen Handzeichen als einzigem strukturschaffendem Element.  Es gehen rund 20 Leute, immer in anderen Zusammensetzungen, auf die Bühne und bis auf zehn bis 15 Handzeichen gibt es keinerlei Abmachungen zum Ablauf. Handflächen nach oben bedeutet beispielsweise „bitte lauter“, Handflächen nach unten, „bitte leiser“; ein X mit den Fingern gezeigt kann Klick-Sounds ohne konkreten Ton darstellen.

Vor dem Konzert wird ein bestimmtes Thema festgelegt und zu diesem Thema passend werden von Orchester-Leader Fischer die jeweiligen Mitwirkenden eingeladen. Dabei kommen Amateure gleichermaßen zum Zug wie professionelle Musiker aus den verschiedensten Stilrichtungen. So wurde etwa schon mit einem Laienchor gearbeitet, der auch bereits an einem Workshop mit Phil Minton beteiligt gewesen ist.

Ebenso wie bei Michael Fischers Radio-Experimenten spielt die experimentelle Lyrik auch beim Vienna Improvisers Orchestra eine tragende Rolle und soll in Wechselwirkung mit der Musik neue Bedeutungsräume eröffnen. So wurden etwa Gedichte von Gerhard Rühm Bausteine der Konzepte „Aktuelle Berichte“ oder „Explosive Litaneien“ –  unter persönlicher Mitwirkung des Autors sowie dessen Einbeziehung in die Arbeitswese des Orchesters. Auch hier gab es keinerlei Abmachungen zur Reihenfolge der aufzuführenden Stücke und zur Musik, in gewohnter Weise, ebenso keine Vorgaben. Durch dieses Setup, so Fischer, sollte „das Brennen des Moments“ deutlich im Zentrum der Musik stehen.

Dieses Brennen des Moments wurde auch regelmäßig auf Band festgehalten. Ein Querschnitt des bisherigen Schaffens des Vienna Improvisers Orchestras ist in Form einer Doppel-CD bei der Wiener Jazz-Institution Extraplatte erschienen. Aber auch das Feedback-Saxophon will Michael Fischer noch lange nicht an den Nagel hängen, ist er doch vom Sound und den vielfältigen Variationsmöglichkeiten, beispielsweise bei der Verwendung unterschiedlicher Lautsprecher oder bei der Raumgestaltung, nach wie vor fasziniert.
Michael Masen

Foto Michael Fischer 1: Klemens Kubala
Foto Michael Fischer 2,3: Slobodan Ciric

 

http://m.fischer.wuk.at