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Herbert Zotti (c) Jürgen Plank

„Es gibt fast nichts, was im Wienerlied dann nicht doch irgendwo behandelt wird.“ – HERBERT ZOTTI im mica-Interview

Heuer findet zum 17. Mal das Wienerlied-Festival WEAN HEAN statt – der Name des Festivals geht auf den Wienerlied-Erneuerer ROLAND NEUWIRTH zurück. Jürgen Plank sprach mit HERBERT ZOTTI, dem geschäftsführenden Vorsitzenden des WIENER VOLKSLIEDWERKS und Mitorganisator des Festivals, über Geschichte und Zukunft des Wienerlieds.

Was ist Ihre Aufgabe im Rahmen von Wean Hean?

Herbert Zotti: Beim Festival Wean Hean bin ich im Konzeptteam. Wir sind ein kleines Team von etwa fünf Leuten und wir überlegen, was wir tun, warum wir das tun und wie wir das tun. In diesem Zusammenhang habe ich etliche Veranstaltungen für das heurige Festival entwickelt. Da dürfen alle ihre Neigungen ausleben, meine ist ein bisschen Geschichte, deswegen gibt es heuer auch einige historische Veranstaltungen.

Was ist denn überhaupt das Wienerlied?

Herbert Zotti: Das Wienerlied ist eine spezielle städtische Liedform, die im 19. Jahrhundert entstanden ist, also in der Biedermeier-Zeit. Es hat viele verschiedene Einflüsse – vom Volkslied, aber auch von der Klassik, etwa von Schubert. Und diese Einflüsse haben sich in Wien zu einer eigenen musikalischen Form kondensiert, die sich deutlich vom österreichischen Volkslied abhebt: einerseits durch die Chromatik und die erweiterte Harmonik, die auf gewisse Weise spannender ist, und andererseits durch die Texte. Die Lieder sind textlich sehr auf Wien ausgerichtet: Wien besingt sich selbst in Tausenden von Liedern.

Welche Themen sind typisch?

Herbert Zotti: Wien besingt seine eigene Schönheit und die Schönheit seiner Frauen. Und natürlich den Wein. Das Wienerlied hat eine relativ eingegrenzte Themenpalette, was aber andererseits auch nicht ganz stimmt: Es gibt fast nichts, was im Wienerlied dann nicht doch irgendwo behandelt wird. Das macht es als Geschichtsquelle so interessant. Aber der Großteil der Texte handelt eben von Wien, von seiner Schönheit und vom Wein, aber man darf es nicht darauf reduzieren.

Am 4. Mai gibt es im Rahmen von Wean Hean 2016 eine Veranstaltung zu „150 Jahren Piefke“. Worum wird es dabei gehen?

Herbert Zotti: Die meisten wissen, dass „Piefke“ ein halb schmeichelhafter Ausdruck für „Deutsche“ ist, aber eigentlich sind damit speziell die Preußen gemeint. Der Begriff hat sehr intensiv mit der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich um die Vormachtstellung im Deutschen Bund zu tun. Im Jahr 1866 gab es diese große Schlacht bei Königgrätz, die Österreich verlor. Die Preußen kamen nicht bis Wien, weil Bismarck schlau genug war und man einander nicht auf ewige Zeiten verärgern wollte. Deswegen hat man den Parademarsch zu dieser Schlacht nicht in Wien abgehalten, sondern in Gänserndorf, wo es jetzt ein Piefke-Denkmal gibt. Der deutsche Militärmusik-Kapellmeister hat Johann Gottfried Piefke geheißen und das war eine Figur, an der man sich festgemacht hat – der Piefke. Es gibt auch andere Entstehungsgeschichten zum Begriff „Piefke“, aber ich finde, das ist die netteste Version.

Inwiefern wird an diesem Abend eine Auseinandersetzung mit dem Kapellmeister Piefke stattfinden?

Herbert Zotti: Um Piefke selbst wird es nicht gehen, es wird mehr um Berlin und Wien gehen. Da gibt es erstaunliche Parallelen, die aber auch nicht so erstaunlich sind, wenn man weiß, dass es immer Moden gegeben hat. Im 19. Jahrhundert gab es den Walzer als Mode, der in Wien durch die Familie Strauß unglaublich stark ausgeprägt war. In Berlin gab es die Familie Gungl, Johann und Josef Gungl, zwei Ungarn, die in Berlin eine Walzereuphorie entfesselten, die jener in Wien kaum nachstand. Die zweite Schiene ist die Geschichte des Schlagers in den 1920er- und 1930er-Jahren. Da gab es wirklich viele Komponisten und Textdichter, die zwischen Berlin und Wien pendelten, auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Welche Komponisten und Textdichter waren das?

Herbert Zotti: Etwa Fritz Grünbaum, Fritz Rotter und Fritz Löhner-Beda und Walter Jurmann, Ralph Benatzky und Robert Stolz. Die werden an diesem Abend im Mittelpunkt stehen und wir möchten den Wiener Humor dem Berliner Humor gegenüberstellen.

„Eine große Anzahl von Wienerliedern beschäftigt sich mit dem Prater.“

Ein weiteres Jubiläum, mit dem sich Wean Hean auseinandersetzt, ist „250 Jahre Prater“. Was ist diesbezüglich am 12. Mai geplant?

Biler Herbert Zotti
Herbert Zotti (c) Jürgen Plank

Herbert Zotti: Wir machen dazu gemeinsam mit und im Wien Museum eine Veranstaltung. Der Prater ist ein weites Feld an Unterhaltung, Vergnügung und Freizeit, genau in diesen Bereichen lebt das Wienerlied auch. Eine große Anzahl von Wienerliedern beschäftigt sich mit dem Prater. Oder mit Details des Praters, wie mit dem Riesenrad, dem Wurschtl und der Liliputbahn. Wir werden den Prater musikalisch und literarisch nachzeichnen, etwa mit Texten von Peter Altenberg, vielleicht auch von Karl Kraus, weil ich den besonders liebe.

Im Prater gab es früher Damenkapellen und ganz viele Wirtshäuser, in denen noch im späten 19. Jahrhundert musiziert wurde. Wird das auch thematisiert?

Herbert Zotti: Natürlich, die Damenkapellen sind ein großes Kapitel. Der berühmte 5-Kreuzer-Tanz ist etwas, was im Prater ganz stark war. Da konnten auch arme Leute in den Prater kommen, sie mussten keinen Eintritt zahlen, aber für jeden Tanz fünf Kreuzer entrichten. Oft war der Tanz für Frauen frei und die Männer haben diese fünf Kreuzer bezahlt. Das war somit ein relativ billiges Vergnügen für Leute, die nicht besonders reich waren. Der Prater war auch eine Begegnungsstätte der Schichten, dort waren wirklich alle, die Adeligen, die Dienstmädchen und die Lohnarbeiter.

Wenn Sie auf die bisherigen 16 Jahre Wean Hean zurückblicken: Hat sich in dieser Zeit eine Dynamik für das Wienerlied ergeben? Ist das Wienerlied wieder präsenter?

Herbert Zotti: Auf jeden Fall. Ich möchte das nicht nur unserem Festival zuschreiben, weil viele Leute an diesem Thema arbeiten, aber wir merken auch, dass sich jetzt viele Veranstalter um das Wienerlied kümmern. Das war vor einigen Jahren gar nicht der Fall. Wir merken, dass das Konzerthaus und der Musikverein Wienerlied-Veranstaltungen machen, das hätte man vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten. Es gibt eine größere Wahrnehmung und Präsenz als früher, einen Teil davon hat sicher Wean Hean bewirkt, weil wir das Thema Wienerlied sehr breit sehen und nicht auf das alte und historische Wienerlied eingeengt. Das bringt uns auch Kritik ein: „Was hat das noch mit Wien zu tun?“ Das kennt man ja, aber das irritiert uns nicht besonders.

„Früher hat man auch gedacht, dass die Verbindung aus Jazz und Wienerlied furchtbar ist.“

Diese Öffnung des Wienerliedes hat Wean Hean in den letzten Jahren vorangetrieben, es gab Ausflüge in Richtung Rap, Jazz und Pop. Wie wichtig ist das?

Herbert Zotti: Ich finde es wichtig, dass man diese Phänomene wahrnimmt und einbaut und einfach mal schaut, wie sie miteinander funktionieren. Wienerlied mit Rap etwa. Wenn es funktioniert, ist es toll, und wenn nicht, dann hört sich das wieder auf. Früher hat man auch gedacht, dass die Verbindung aus Jazz und Wienerlied furchtbar ist. Das haben Karl Hodina und Roland Neuwirth gemacht. Schon in den 1920er- und 1930er-Jahren gab es Wienerlieder, die den Jazz strikt ablehnten, zum Beispiel „A Jazz is für a Weanakind ka Musi“. Darüber redet man heute nicht mehr. Dass alles zusammenklingt, ist heute selbstverständlich. Ich bin mir nicht sicher, ob das Wienerlied den Rap musikalisch unbedingt braucht, aber das werden wir sehen.

Welche Zukunft sehen Sie für das Wienerlied?

Herbert Zotti: Das Wienerlied wird natürlich bestehen bleiben, ich sehe im Zuge der Verstädterung, die die Welt noch immer erlebt, überhaupt keinen Grund, warum sich eine spezifische Stadtmusik aufhören sollte. Möglicherweise werden die Themen wechseln und es wird sich die musikalische Gestalt ändern, aber aufhören wird das Wienerlied nicht, da bin ich sehr unbesorgt.

Jürgen Plank

 

Link:
Wean Hean 2016