Bild Farewell Dear Ghost
Farewell Dear Ghost (c) Christoph Liebentritt

„Hauptsache der Song ist geil“ – FAREWELL DEAR GHOST im mica-Interview

Mit ihrem Debüt „We Colour The Night“ konnte die Grazer Truppe FAREWELL DEAR GHOST bereits im Jahr 2013 ein dickes Ausrufezeichen setzen. Und das nicht nur hierzulande. Nun haben Bandleader PHILIPP SZALAY und seine Mitstreiter den nächsten Schritt im Sinn, und zwar in Form der neuen EP „Skin“. Was FAREWELL DEAR GHOST einmal mehr exzellent hochleben lassen, ist der tiefgängige Pop der großen Gesten und Gefühle. PHILIPP SZALAY über die Erlebnisse im fernen China, den Drang, sich stetig weiterzuentwickeln, und die Freude, regelmäßig auf der Bühne stehen zu können. Die Fragen stellte Michael Ternai.

Mit „We Colour The Night“ hat Farewell Dear Ghost 2013 ja einen mehr als beeindruckenden Start hingelegt: verträumter Pop mit Tiefgang und einer leichten Postrock-Schlagseite. Auch „Skin“ punktet mit viel Gefühl und sanften Melodien. Sind Sie musikalisch dort angekommen, wo Sie immer hinwollten? Oder wie nah an diesem Punkt sind Sie?

Philipp Szalay: Zuerst einmal danke für die Blumen. Wir sind natürlich musikalisch noch längst nicht dort angekommen, wo wir immer hinwollten. Ich glaube, man entwickelt im Prozess der Produktion wieder neue Ziele, neue Denkweisen, neue Perspektiven, neue Inspirationen. Das ist ja auch ein Drive, der uns antreibt, immer besser werden zu wollen, den vorigen Song zu toppen. Wir haben das Gefühl, dass wir uns gerade in ein Auto gesetzt haben und den Zündschlüssel gedreht haben. Auf 180 km/h sind wir noch nicht.

Obwohl Sie im Pop-Genre unterwegs sind, haben Sie doch einen sehr eigenen und unverkennbaren Stil. Welche musikalischen Akzente wollen Sie setzen? Was wollen Sie mit Ihrer Musik ausdrücken?

Philipp Szalay: Unsere Musik ist ein Symbol für die Dynamik und die Intensität des Lebens. Wir sind nicht nur düster, aber wir sind auch nicht nur fröhlich. Es geht um eine gewisse Grundmelancholie, die einfach hervortritt, weil wir von Haus aus reflektierende Menschen sind. Wir lassen die Sau raus und fühlen uns am nächsten Tag dreckig und haben den Blues. Uns ist es wichtig, etwas zu spüren. Alles intensiv eben. Keine Kompromisse. Wie halt das Leben selbst ist.

Welche Themen besingen Sie auf „Skin“?

Philipp Szalay: Natürlich wurde das Grundkonzept von unserer China-Reise beeinflusst. Wenn man zu viert unter dieser sozialen Blase tourt, dann beeinflusst einen das zwangsläufig. Es entsteht eine gewisse Dynamik, der man sich gar nicht entziehen kann. Es geht um Selbstbewusstsein und darum, zu sich selbst zu stehen.

„Eigentlich haben wir uns von den Shows nicht viel erwartet und waren dann umso mehr geflasht davon, wie arg die Leute jedes Mal ausgezuckt sind.“

Sie haben gerade Ihre Konzerte in China erwähnt. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen? Wie wird dort eine Band aus Europa bzw. dem Westen wahrgenommen oder beurteilt?

Philipp Szalay: China ist für Touristinnen und Touristen aus Europa schon eine verrückte Erfahrung. Als Band mit einem sehr engen Zeitplan, der vier Konzerte in vier Tagen und vier verschiedenen Städten vorsieht, wird das Ganze zur abenteuerlichen Achterbahnfahrt. Die Städte sind riesig, die Luft ist schlecht und das Essen ist sehr, sehr spicy. Diese eine Woche, die wir dort in China erlebten, war wahnsinnig ereignisreich und angefüllt mit vielen lustigen, verrückten und einzigartigen Momenten.
Eigentlich haben wir uns von den Shows nicht viel erwartet und waren dann umso mehr geflasht davon, wie arg die Leute jedes Mal ausgezuckt sind. In Wien zum Beispiel ist das Publikum ja öfter doch etwas reservierter und bedacht darauf, möglichst cool zu sein. Das kennen die chinesischen Fans gar nicht. Jeder „Einzähler“ unseres Schlagzeugers Fö [Andreas Födinger; Anm.] startete einen neuen Schwall voller Ekstase im Publikum, dem wir natürlich auch nicht widerstehen konnten. Am Ende jeder Show waren wir schweißgebadet und haben uns gefragt: „Was zum Teufel war das gerade?“ Für uns als Band war es auf jeden Fall großartig, zu spüren, dass wir mit unserer Musik auch am anderen Ende der Welt für großartige Stimmung sorgen können und uns nicht auf Österreich beschränken müssen.

Wie entstehen bei Ihnen die Songs in der Regel? Wer bestimmt die Richtung? Hauptsächlich Sie? Oder herrscht das vollkommene demokratische Prinzip?

Philipp Szalay: Grundsätzlich geben wir da nicht so gern Auskunft darüber, wie die Songs entstehen. Das ist ja unterm Strich eigentlich auch gar nicht so wichtig. Hauptsache, der Song ist geil. Nur so viel dazu: Es herrscht eine absolute Demokratie.

„[…] Weiterentwicklung ein absolut natürlicher Prozess.“

Ich denke mal, dass das Wort Weiterentwicklung bei Ihnen eine große Bedeutung hat?

Philipp Szalay: Natürlich, aber hat es das nicht für jeden Menschen? Also nicht nur für eine musikalische Vereinigung, sondern auch für jedes Individuum. Das ist natürlich ein extrem altbackener Satz, aber Stillstand ist der Tod, Stagnation ist uns völlig zuwider. Die Erfahrungen, die du machst, die Dinge, die du erlebst. Das prägt dich ja. Nicht nur als Mensch, sondern auch als Musiker. Also ist eine Weiterentwicklung ein absolut natürlicher Prozess. Ich zum Beispiel hätte vor drei, vier Jahren die Songs von Ariana Grande oder Justin Bieber – mit Verlaub – zum Speiben gefunden. Mittlerweile habe ich einen Zugang dazu entwickelt, ich höre auf produktionstechnische Aspekte. Da ist zehntausendmal mehr Kreativität drinnen als zum Beispiel bei vielen Sachen, die aus dem sogenannten Alternative-Sektor kommen.

Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich orientieren? Oder versuchen Sie, soweit wie möglich frei von Einflüssen zu bleiben?

Philipp Szalay: Nein, die gibt es nicht. Ich glaube, dass man generell keine Vorbilder haben sollte. Wir hören auf uns und auf unsere Stimme. Wenn man der zuhört, ist sie viel lauter und kraftvoller als jedes Vorbild. Einflüsse gibt es natürlich, aber das sind nicht unbedingt Musikerinnen und Musiker, sondern es ist vielmehr die Kunst im Allgemeinen – ein Bild, ein Buch, ein Film. Sie muss auch nicht unbedingt gewissen Kriterien unterliegen oder fürderhin als „gut“ gelten. Ich kann auch Inspiration aus richtig schrecklichen Filmen ziehen.

„Das viele Touren im Ausland hat uns als Band definitiv weitergebracht.“

Wie ist es Ihnen in den letzten Jahren ergangen? Sie sind viel außerhalb Österreichs unterwegs gewesen. Ich vermute, Sie haben sich mittlerweile auch in anderen Ländern ein treues Publikum erspielt. Oder täuscht dieser Eindruck?

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Farewell Dear Ghost (c) Christoph Liebentritt

Philipp Szalay: Der Eindruck täuscht keineswegs! Nachdem unser Debütalbum „We Colour The Night“ erschienen ist, haben wir sehr, sehr viele Konzerte in Deutschland gespielt. Auch Italien, Kroatien und die Schweiz standen schon auf dem Spielplan. Das viele Touren im Ausland hat uns als Band definitiv weitergebracht – zum einen sind wir als Band richtig eng zusammengewachsen, haben unglaublich viele unvergessliche Erlebnisse gehabt und sind als Liveband auch besser geworden. Zum anderen haben wir vor allem bei den Konzerten in Deutschland gelernt, professionell zu arbeiten, gut organisiert und vor allem sehr pünktlich zu sein.

Ist viel on the road zu sein eines der großen Ziele Ihrer Karriere?

Philipp Szalay: Vielleicht ändert sich das, wenn man älter wird – aber momentan brennen wir alle darauf, Konzerte zu spielen und herumzufahren. Was gibt es Schöneres, als fremde Länder zu bereisen, Konzerte zu spielen und dabei mit den besten Kumpels eine verdammt gute Zeit zu haben? Vor allem über das Angebot, die großartigen Nada Surf aus New York auf ihrer Europa-Tournee zu supporten, haben wir uns wahnsinnig gefreut. Wir sind selbst Fans der Band und bekommen die Möglichkeit, in Städten wie Amsterdam, Berlin, Brüssel und Mailand vor großem Publikum aufzutreten. Einer jungen österreichischen Band wie uns kann ja fast nix Besseres passieren.
Natürlich gibt es neben dem Livespielen noch weitere Ziele und Pläne, aber es macht uns einfach so viel Spaß, on the road zu sein, dass wir momentan nicht im Geringsten daran denken, damit jemals aufzuhören!

Im Frühjahr steht – wie Sie eben erwähnt haben – eine ausgedehnte Tour durch Europa auf dem Programm. Wie sehen Ihre Erwartungen aus? Und wie sieht es mit den nächsten Plänen aus?

Philipp Szalay: Auf die Tour mit Nada Surf freuen wir uns sehr. Diese Tour ist für uns eine großartige Möglichkeit, auch im Ausland vor größerem Publikum aufzutreten. Es wird bestimmt eine sehr intensive Zeit, von der wir hoffentlich noch später, wenn wir wieder in unserem Probekeller arbeiten, zehren. Wir haben ja schon bei unserer Tour durch China die Erfahrung gemacht, dass die vielen Eindrücke, die in so kurzer Zeit auf einen einprasseln, auch sehr inspirierend wirken können! Auf dem Plan für 2016 stehen des Weiteren die Vorbereitungen für ein neues Album und viele Festivals im Sommer!

Zum Schluss: Wird es jemals einen nicht melancholischen Song von Farewell Dear Ghost geben?

Philipp Szalay: Die Melancholie ist sicher ein wichtiges Element im Kosmos von Farewell Dear Ghost, aber es ist auf keinen Fall so, dass die jetzt unbedingt in jedem Song stecken muss. Die einzige Vorgabe ist, dass er uns allen gefällt. Ein Farewell-Dear-Ghost-Song wird es ohnehin immer sein, sobald wir ihn spielen … Vielleicht kommen wir als Band mal in eine Phase, in der wir von Melancholie gar nix mehr wissen wollen, wer weiß? Das ist ja das Spannende an Bands, wenn sie sich verändern und weitergehen. Mit demselben Song 16 Alben aufzunehmen à la AC/DC, das ist nicht mein Ziel.

Michael Ternai

 

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