Happy Baptism Day, Ludwig! – TEIL 1

Heute, am 17. Dezember, jährt sich Ludwig van Beethovens Tauftag zum 250. Mal. Anlass genug, in der neu gestalteten Musikdatenbank von mica – music austria für zeitgenössische Musik in Österreich zu stöbern und in einer dreiteiligen Serie einige Werke vorzustellen, die sich mit dem Jubilar auseinandersetzen.

Musik für Jubiläen

Jubiläen wollen gefeiert werden! Die Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. Besonders wird es, wenn ein Komponist wie Beethoven jubiliert wird: andere Komponist*innen setzen sich intensiv mit der Musik des Jubilars auseinander, huldigen die Persönlichkeit oder widmen ihr ein Werk. Es können sowohl Geburts- (Tauf-) als auch Sterbejahre für Jubiläen genützt werden und so finden sich im Jahr 2020 in der Musikdatenbank von mica – music austria Kompositionen, die anlässlich Beethovens 250. Tauftages – der Geburtstag ist bis heute nicht bekannt – geschrieben wurden, und solche, die im Jahr 1977 auf das 150. Todesjahr Bezug nehmen.

Beethoven 2020 – 250. Geburtsjahr

Streichquartett Nr. 1 F-Dur op. 18/1 & Streichquartett F-Dur op. 59/1 | Gerald Resch „Streichquartett Nr. 3 ‚attacca‘“

Der Beethoven-Fan Gerald Resch (*1975) komponierte bereits im Jahr 2019 das „Streichquartett Nr. 3 ‚attacca‘“ im Auftrag der Gesellschaft der Musikfreunde Wien. Er möge auf mehrfache Weise Beethoven-Bezüge herstellen, die Interpret*innen des Aris Quartetts Anna Katharina Wildermuth (Violine), Noémi Zipperling (Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) brachten ihre Vorstellungen zu dem Werk in den Kompositionsprozess mit ein und die Uraufführung war im Beethoven-Jahr für den 26. März 2020 im Wiener Musikverein im „Gläserner Saal“ geplant. Der erste COVID-19-Lockdown verhinderte dieses Konzert, bei dem das ca. 22-minütige Werk für zwei Violinen, Viola und Violoncello zwischen den beiden Streichquartetten op. 18/1 und op. 59/1 von Ludwig van Beethoven erklungen wäre. Dieser musikalische Rahmen war nicht zufällig gewählt, denn Gerald Resch verarbeitete genau diese beiden Quartette im zweiten und dritten Satz seines Streichquartettes „attacca“. Resch schreibt dazu: „Im Hauptteil des zweiten Satzes zitiere ich den bizarren Beginn des 2. Satzes aus Beethovens Streichquartett op. 59/1: eine charakteristisch rhythmisierte Tonwiederholung im Cello, aus der sich alles Folgende in Art eines PERPETUUM MOBILE ableitet, ohne dabei die durchlaufend gehetzte Motorik des 3/8-Taktes (mitzahlreichen Verschiebungen) jemals zu verlieren.“ Es ist ebenfalls der zweite Satz „Adagio affettuoso ed appassionato (d-Moll)“ aus Beethovens op. 18/1, den Resch in seinem dritten Satz „ARIOSO“ als Matrix folgendermaßen verwendet: „Die regelmäßigen Achtel-Repetitionen des Vorbild-Werks sind in meinem Stück in ein abwechselnd drei- und zweiwertiges Tonwiederholungs-Modell abgewandelt, wodurch meine Takte ‚eiern‘. Auf diese unregelmäßige Pulsations-Schicht kann eine ganz schlichte Melodie aufsetzen, die sich in mehreren Etappen aufspannt, aber immer wieder in tiefe Lage gezogen wird, wo sie kompakt von allen vier Streichern mit Vehemenz artikuliert wird, bevor sich ein neuer melodischer Bogen zu spannen beginnt.“ Gerald Reschs „Streichquartett Nr. 3 ‚attacca‘“ konnte schließlich am 17. September 2020 in Basel in der Paul Sacher Stiftung uraufgeführt werden.

Klaviersonate Nr. 26 in Es-Dur op. 81a | Manuela Kerer „Penumbra“

Anders verlief es leider beim Werk „Penumbra“ von Manuela Kerer (*1980), dessen Uraufführung am 19. April 2020 in Seoul in der Lotte Concert Hall mit dem Seoul Chamber Orchestra gewesen wäre. Dieses Auftragswerk aus dem Jahr 2019 der Cellistin Hyun-Jung und des Cellisten Julius Berger für zwei Violoncelli solo und Streichorchester, mit dem Kerer Beethovens Klängen in Verehrung „in klingende Watte“ packte, wurde ebenfalls wegen COVID-19 abgesagt und bis heute noch nicht aufgeführt. Die Komponistin schreibt zum Werk: „Ludwig van Beethoven war 39 Jahre alt, als er die Klaviersonate Nr. 26 in Es-Dur, op. 81a schrieb. Genauso alt wie ich selbst bei der Komposition von ‚Penumbra‘. Deshalb habe ich Momente, Splitter und Teile des ersten Satzes ‚Lebewohl‘ dieser Sonate verwendet und lasse sie im Halbschatten (lat. Penumbra) inmitten meiner Klangsprache aufleuchten, mal sehr subtil und kurz, dann deutlicher. Einen musikalischen Schatten wirft beispielsweise ein wahrnehmbares Rauschen der Streichinstrumente. Die beiden Solo-Celli führen durch diese wunderbare Schattenwelt und zeigen den Facettenreichtum ihrer Klänge.“ Manuela Kerer wusste zum Zeitpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Beethoven noch nichts von der weltweiten Pandemie, die das Beethovenjahr 2020 seit Beginn fest im Griff hat. Sie nahm Bezug auf Beethovens Kompositionsjahre 1809/1810 und verglich sie mit den Jahren 2019/2020, der Entstehung von „Penumbra“. Die Komposition ist der in Musik gefasste Wunsch, eine „aus den Fugen geratene Welt“ auf ein „friedliches, gemeinsames Miteinander“ hinzuweisen.

Beethoven 1977 – 150. Todesjahr

Sonate C-Dur für Klavier und Violoncello op. 102/1 | Iván Eröd: „Hommage à Beethoven“

Dem Cellisten Heinrich Schiff (1951–2016) widmete Ivàn Eröd (1936–2019) seine Komposition „Hommage à Beethoven“ op. 24 aus dem Jahr 1977. Diese Rhapsodie für Violoncello solo wurde jedoch erst am 23. Januar 1978 – das Beethovenjahr 1977 war schon vorbei – im Brucknerhaus Linz uraufgeführt. Der Widmungsträger Schiff übernahm hierbei die ca. zehnminütige Interpretation der beiden Sätze „Molto largo e rubato, con una espressione parlante“ und „Presto“. Eröd verwendete verschiedene Themen Ludwig van Beethovens Sonate C-Dur für Klavier und Violoncello op. 102/1 und führte sie in seiner persönlichen Musiksprache weiter. „Hommage à Beethoven“, bei Doblinger verlegt, ist über den Notenverkauf von mica – music austria erhältlich. Die musikalische Vorlage entstand im Jahr 1815 und wurde für den Cellisten Joseph Linke (1783–1837), einen Freund Beethovens, geschrieben. Dieser war im 19. Jahrhundert wie Heinrich Schiff ein Virtuose auf seinem Instrument.

Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op. 132 | Jenö Takács: Fünf Bagatellen für 10 Bläser

Jenö Takács (1902–2005) schrieb im Beethoven-Jahr 1977 die „Fünf Bagatellen für 10 Bläser“ op. 102, die wie Eröds Komposition erst zu Beginn des Jahres 1978, am 19. Februar, im großen Saal des Wiener Musikvereins vom Österreichisch-Ungarisches Bläserensemble unter der Leitung von Stefan Soltesz uraufgeführt wurde. Diese „Hommage à Beethoven“, die auf Anregung von Werner Schulze entstand, wird als eines von Takács’ wesentlichsten Werke seit seiner Rückkehr aus Amerika im Jahr 1970 bezeichnet. Der Komponist selbst schreibt über den Beethoven-Bezug: „Die Zitate von Beethoven, welche gelegentlich Vorkommen [sic] – wie beispielsweise gleich zu Beginn, oder am Schluß aus dem 3. Satz des Streichquartetts op. 132 (Heiliger Dankgesang eines Genesenden) –, bilden gleichsam nur den äußeren Rahmen und sollten nicht als allzu wesentliches Strukturelement betrachtet werden. Wie weit ich mich zugleich von Beethoven entfernt habe, beweist der [mit] ,Folklore‘ betitelte vierte Teil, in dem ich die Bläser um eine scharfe, etwas ungenaue Intonation ersuche, um den Geist arabischer Volksmusik heraufzubeschwören!“ Das Bläserwerk erschien im Bohne & Schulz Musikverlag und erschien auf einer LP, eingespielt von den Interpreten der Uraufführung.

Nicola Benz

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