Hans Koller Preis 2009

Mit Enrico Rava, Wolfgang Reisinger, Clemens Salesny und Peter Kronreif werden am 27. März 2010 im Wiener Porgy & Bess, wie schon in der Vergangenheit, die herausragenden Musiker/Innen aus dem Genre des Jazz des vergangenen Jahres mit dem Hans Koller Preis ausgezeichnet. Ebenfalls einen Preis erhält die von Max Nagl gemeinsam mit Ken Vandermark, Clayton Thomas und Wolfgang Reisinger eingespielte CD “C.O.D.E.” Durch den Abend führen Caroline Athanasiadis, Johanna Gröbner und Mathias Rüegg.

 

Der Hans Koller Preis ist so etwas wie der “Grammy” der heimischen Jazzszene und wahrscheinlich auch aus diesem Grund so heiß begehrt. Der auf Initiative des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, der Stadt Wien, der Bank Austria/UniCredit Group, des SKE-Fonds und des Austrian Music Office seit 1997 vergebene und nach dem Jazzsaxofonisten Hans Koller benannte, österreichische Jazzpreis, stellt hierzulande ohne Zweifel die wohl wichtigste Auszeichnung dieses Genres dar. Für das Jahr 2009 wird die Auszeichnung in folgenden Kategorien vergeben: “Musiker des Jahres”, “Newcomer des Jahres”, “Sideman des Jahres”, “Album des Jahres” und “European Jazz Prize”. Zudem erhalten zwei junge talentierte MusikerInnen ein New York Stipendium.

Hier nun die diesjährigen Preisträger, samt Jurybegründung.

European Jazz Prize 2009: Enrico Rava  (Italien), Trompete
dotiert mit EUR 14.500.-  (Stadt Wien)

Jurybegründung:
 “Adieu Tristesse”, jedenfalls für einen Moment – und “Bonjour Triest”! Denn es gilt eine besondere Musikerpersönlichkeit zu ehren, den 1943 in Triest geborenen Trompeter und Komponisten Enrico Rava.

Der diesjährige Preisträger des Europan Jazz Prize schlug als 18 jähriger die Laufbahn eines Berufsmusikers ein. Als Italiener in New York ließ er seine Trompete im Kontext des sich schnell radikalisierenden Jazz der sechziger Jahre erklingen. Mit Steve Lacy, Roswell Rudd, Don Cherry, Charlie Haden oder Gunter Hampel spielte er seine Lust am Avantgardismus aus, und wer je, wie er, mit Cecil Taylor gespielt hat, weiß um die wilde Poesie des Augenblicks im Free Jazz. Rava frischte später sein Temperament mitsamt Einheirat nach Brasilien in Lateinamerika auf, vergaß aber seine europäische Heimat nicht, wenn er mit sardischen Musikern wie Paolo Fresu zusammen kam.

Mit seinem Trompetenspiel, das gleichermaßen lyrisch als auch frei und melodienselig sein kann, brillierte er auf zahlreichen Einspielungen unter eigenem Namen, kombinierte auf subtile Weise italienische, lateinamerikanische und amerikanische Einflüsse. Als Weltenbürger par excellence, der abwechselnd in Amerika, Brasilien und Italien lebt, spricht er die internationale Sprache des Jazz in allen Spielarten, aber eben auch lokale Musikdialekte. Die Grenzen zwischen Jazz, Klassik und Folklore überwindet er spielend, wobei ihm die italienische Oper als die wahre Volksmusik seiner Heimat gilt. Und wenn apulische Bandas Opernmelodien auf der Straße spielen, dann muss auch ein Enrico Rava mit seinem lyrischen Ton Puccini und Bizet “Carmen” huldigen. Er hat der italienischen Oper ebenso Alben gewidmet wie seinen erklärten Vorbildern Louis Armstrong, Bix Beiderbecke, Chet Baker und Miles Davis.

Als rastloser Grenzgänger tourte er mit einer Free Big Band durch Asien, betrieb diverse Bandprojekte mit Harry Pepl, Dino Saluzzi, Ray Anderson, Albert Mangelsdorff, Lee Konitz, Gato Barbieri, Alexander von Schlippenbach oder Barney Wilen und zeigte sich im Ensemble-Spiel als Leader, der seinen Mitspieler zwar eindeutige Vorgaben macht, ihnen aber Raum zur ihrer eigenen Entfaltung und Interaktion eröffnet. Die Linien, die er spielt, meistens in der mittleren Lage, sind niemals simplizistisch, aber von zwingender lyrischer Einfachheit und Bestimmtheit – und mehr braucht es nicht, um seinen Status und seine Souveränität als Bandleader anzuerkennen.

Von klassischer Kultiviertheit, sinnlicher Neugier und intellektuellem Durchdringungswillen getragen, hat er seine Musik dem Film und der Kunst zukommen lassen, zur Freude von Bernado Bertolucci, Michelangelo Pistoletti und dem Publikum. Mehr Reichtum in einem künstlerischen Leben ist kaum zu erwarten. Enrico Rava hat es gelebt, ein reiches künstlerisches Leben in der Musik geführt. Allein, der European Jazz Prize ist kein Werk für ein Lebenswerk, kein Preis für vergangene Meriten. Sondern ein Preis für die Lebenden, eine Auszeichnung für ein lebendiges Schaffen in der Gegenwart.

Und diesen Preis hat sich der Mann aus Triest durch die Fülle seiner diesjährigen Aktivitäten und eben mit seinem aktuellen Album “New York Days” (ECM) und der Wiederveröffentlichung seines 1999er Duo-Albums “Duo En Noir” (between the lines) erspielt. Einmal mehr hat er mit diesen Alben transatlantische Brücken zwischen europäischer Musik und afroamerikanischen Jazz geschlagen und damit sein im Laufe der Jahrzehnte wachsendes kompositorisches Können und sein von sinnlicher Körperlichkeit getragenes Spiel demonstriert.

Das ist so bewundernswert wie preiswürdig, und stimmt nicht einen Moment traurig, da es den Horizont auf eine Musik eröffnet, die musikalische Welten zu einer Einheit in Vielheit verbindet und daraus eine produktive Spannung sich entwickeln lässt. Der Musiker aus Triest, ein Mann von Welt, dem Vergangenen soweit zugetan, dass es der Gegenwart nutzt und von dem auch in Zukunft noch zu hören sein wird. Und das alles begann in einer Hafenstadt im Jahre 1943 und wird heute und hier beglückwünscht.  (Harald Justin)

Musiker des Jahres 2009: Wolfgang Reisinger,  Schlagzeug
dotiert mit EUR 7.300.-  (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur)

Jurybegründung:
Wolfgang Reisinger: ein Schlagwerker, der die Möglichkeiten seines Instrumentariums nicht nur in Hinblick auf rhythmisches Spiel, Dynamik und dichte Texturen, großen Klangfarbenreichtum und orchestrale Fülle ausschöpft, sondern auch ständig an ihrer Erweiterung arbeitet, sie neu auslotet und zu höchster technischer Perfektion und Virtuosität führt – siehe und höre u. a. sein seit 1992 verfolgtes Solo-Projekt “Extended Solo Drumming”.

Wolfgang Reisinger: ein Musiker, der seit vielen Jahren auch als Leader stilsicher mit durchdachten Produktionen, durch Kontinuität und musikalische Offenheit überzeugt. Sein Aktionsradius ist wie sein Background breit gefächert, seine (zum Teil Langzeit-) Partner sind erwählt (u. a. Dave Liebman, Jean-Paul Celea, Wolfgang Mitterer, Michel Godard, Tomasz Stanko, Martin Siewert, Franz Hautzinger .), sein Kontakt zur jüngeren Generation und neuen Spielpartnern ungebrochen (u. a. Raphael Preuschl, Michael Bruckner, Oguz Büyükberber), die Resultate dabei klar profiliert.

Neben nationaler und internationaler Konzerttätigkeit (u. a. Jazzfestival Le Mans, Jazzfestival Krakau, Jazzfest Wien, Philharmonie Essen, Grande Salle des Concerts de la Cité de la Musique, Paris) war das Jahr 2008 für Wolfgang Reisinger auch gleich durch drei erfolgreiche CD-Produktionen geprägt: Er wirkte bei Wolfgang Mitterers vielbeachteten Produktion “SOPOP” (u. a. mit Birgit Minichmayr, Georg Nigl, Peter Herbert; CD erschienen auf col legno) mit, brachte zusammen mit Ken Vandermark, Max Nagl und Clayton Thomas “c.o.d.e” (erschienen auf cracked anegg records) heraus, und seine CD “refusion” (Universal Music Austria/Emarcy; ein Projekt Wolfgang Reisingers unter Mitwirkung von Dave Liebman, Marc Ducret, Matthew Garrison, Jean-Paul Celea und Wolfgang Mitterer) wurde vom Jazz Magazine France als CD des Jahres (“Disques d´émoi de l´année”) ausgezeichnet.
 

Newcomer des Jahres 2009: Clemens Salesny, Saxophon
dotiert mit EUR 5.500.-  (SKE-Fonds) 

Jurybegründung:
Schon seit nahezu 10 Jahren tummelt sich der Saxophonist und Klarinettist Clemens Salesny erfolgreich in der österreichischen, besonders in der Wiener Musikszene. Sein charakteristischer Sound, seine energetische Virtuosität auf all seinen Instrumenten und seine stilistische Vielfalt als Front – und Sideman, bestechen schon früh und bis heute anhaltend seine Zuhörer. Auch ausgezeichnet wurde dieser junge Improvisationskünstler schon vielfach – so gewann er 2001 das NY – Stipendium, wurde 2005 für den “New Austrian Sound of Music” Preis des Bundesministeriums ausgewählt, und gewann mit der Jazzwerkstatt Wien schon 2006 den Hans Koller Preis “Newcomer of the Year”. Gespielt hat er schon mit den ganz Großen wie Joe Zawinul, Steve Bernstein, Eddie Henderson,… und auch seine eigenen Formationen sind hochkarätig besetzt wie u.a. mit Bumi Fian, Woody Schabata, Herbert Joos,… Vor allem im Duo mit Jazzwerkstatt Kollegen Clemens Wenger zeigen die jungen Musiker ihre Offenheit in der Improvisation durch fesselnde Eigenkompositionen, aber auch durch Interpretationen über Stücke von Strayhorn, Monk und vom großen, inspirierenden Saxophonisten Hans Koller. Kein anderer Saxophonist hat sich so intensiv mit der Musik und der Philosophie des Hans Kollers beschäftigt und so kann man bei Clemens Salesny hoffen, dass er es Koller gleich tun wird und uns bis ins hohe Alter mit seiner Musik versorgen wird.  

 
CD des Jahres 2009: “C.O.D.E.”  Max Nagl, Ken Vandermark, Clayton Thomas, Wolfgang Reisinger – play the music of Ornette Coleman and Eric Dolphy
dotiert mit EUR 3.600.-  (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur)

Jurybegründung:
Zwei zentralen Persönlichkeiten der Jazzgeschichte wird hier die Ehre erwiesen: Eric Dolphy (1928-64), der nicht zuletzt – Virtuose selbst – die Bassklarinette im Jazz etablierte, und Ornette Coleman (*1930), revolutionärer Neu-Denker des Jazz. Gemeinsam sind sie auf der legendären, wegweisenden Einspielung “Free Jazz” (1960) verewigt, die einer ganzen Bewegung ihren Namen gab, je vier ihrer Stücke waren Ausgangspunkt für c.o.d.e., einer Koproduktion von Klaus Nüchterns Handsemmel Records und cracked anegg records. Dass sich dafür die beiden Österreicher Max Nagl und Wolfgang Reisinger erstmals mit dem US-Amerikaner Ken Vandermark und dem australischen Bassisten Clayton Thomas zu einem Quartett zusammenfanden, jeder der Musiker Arrangements beisteuerte, ist in keiner Minute zu spüren. Das “Erstlingswerk” ist eine Einheit, das Zusammenspiel perfekt, die Gefahr, in altbewährte Gewohnheiten und Formulierungen abzugleiten, gebannt, die gemeinsame Achtung vor und respektvolle Reflexion der Vorbilder spürbar.

Musikalisch nahe genug am Original, um Dolphy und Coleman berechtigterweise zu nennen, sind Nagl, Reisinger, Vandermark und Thomas natürlich weit davon entfernt, rein Epigonales zu liefern, zu reproduzieren. Vielmehr wird Musikgeschichte ins Jahr 2008 gehoben, der “alte” Geist der Unabhängigkeit und des Aufbruchs etwa in multiple Rhythmen, dichten Sound und Abstraktionen übersetzt, und dennoch die kammermusikalische Transparenz der Stimmen und Themen als Leitfäden gewahrt. Vier große Könner an ihren Instrumenten, vier (Weiter-)Denker von Musik.

Qualität in Aufnahme und Mastering, ansprechende Grafik und eine Reminiszenz an die gute alte Langspielplatte mit fiktiver A- und B-Seite sind da nur noch das Tüpfchen auf dem i bei diesem Konzept Album der Extraklasse.

Sideman des Jahres 2009: (Peter Kronreif (Schlagzeug)
dortiert mit 3600.- € (Austrian Music Office)

Jurybegründung:
Spricht man von jemandem als Sideman, der sich im positiven Sinn konturlos in eine Band einfügen und einfühlen kann, der sich vielen verschiedenen Musikstilen anpassen und trotzdem einem Projekt durch sein Mitwirken eine persönliche und besondere Note verleihen kann, so treffen diese Qualitäten voll auf Peter Kronreif zu. Seine Fähigkeiten, Spannung zu erzeugen, lange musikalische Bögen mitzubauen, mit Ohren zu hören, denen nie eine harmonische Änderung entgeht und immer das musikalische Gesamtergebnis und den guten Bandsound als Maxime zu sehen, haben Kronreif hierzulande schon lange zu einem der gefragtesten Drummer gemacht. Seit 2005 pendelt der gebürtige Salzburger zwischen Österreich und NYC, wo er begonnen hat seine eigene Formation zu gründen, für die er auch komponiert und als Bandleader verantwortlich ist. Was kann man von einem Sideman noch mehr erwarten, als seinen Horizont in die Richtung zu erweitern, einmal das Gefüge aus der anderen Perspektive zu sehen.

New York City Scholarship 2009: Raphael Meinhart (Marimbaphone, Percussion), Lukas König (Schlagzeug)
dotiert mit 7.300.- € (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur)

http://www.vao.at/hanskoller/
http://www.porgy.at