Großer Salzburger Kunstpreis für Boguslaw Schaeffer

Im Rahmen eines Festaktes in der Alten Residenz, bei dem das Land  Salzburg die zahlreichen Preise und Auszeichnungen im Bereich der zeitgenössischen Kunst für 2007 vergab, erhielt gestern der polnische Komponist Boguslaw Schaeffer, der seit langem in Salzburg tätig war (und ist), mit dem Großen Kunstpreis die höchste Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. Unter den Preisträgern für Musik befindet sich auch die Sängerin und Jazzkomponistin Improvisatorin Angela Tröndle.

Avantgarde und Intuition

“Musik muss ein Geheimnis in sich haben. Sie soll von anderen nicht gleich ,verstanden’ werden. Um meine Musik zu verstehen, um zu verstehen, warum ich sie so und nicht anders komponiere, muss man meinem Gedankenweg folgen. Nicht jeder begreift, dass Neue Musik an sich komplex sein sollte. Man meint, dass der Wert der musikalischen Aussage von der Allgemeinverständlichkeit abhängen müsse. Falsch, vollkommen falsch! Man sollte eine komplexere Musik in jedem Fall bevorzugen.” Dies sagte Boguslaw Schaeffer in einem Vortrag vor über 10 Jahren.

Der 1929 im (damals polnischen) Lemberg (Lwow) geborene Komponist schrieb bereits als Student der Komposition und der Musikwissenschaft erste Kompositionen. 1959 bis 1966 gewann Schaeffer zwölf Preise für
Orchester und Kammermusikwerke, er war einer der ersten, der in der seiner Musik zwölftönige Cluster verwendete, viel früher, als sie dann in der polnischen Musik der Avantgarde Ende der sechziger Jahre “populär” wurden. Schaeffer galt daher schon in jungen Jahren als “der Vater der Neuen Musik Polen” (als solchen bezeichnete ihn der Musikschriftsteller Stefan Kisielewski). Erhard Karkoschka behauptete von ihm früh: “Diese Musik weist in die Zukunft”. Schaeffer verwendete auch Formen notenloser und graphischer Notation und Aleatorik.

Schaeffer ist in der der Komplexität und ständigen Hinterfragung seines Materials in seinen  Werken fraglos Avantgardist. Gleichzeitig bekennt er sich aber ganz zur künstlerischen Intuition, die ihn dazu bringt, in jedem neuen Werk Konventionen über Bord zu werfen, in jeder Komposition ein neues Abenteuer zu sehen. Schaeffers Werkliste umfasst – neben unzähligen an die 30 Theaterstücken und 20 Büchern (darunter: Introduction to composition, 1976) über 550 Kompositionen. Als Dank für die Preisverleihung fügte er dieser stattlichen Liste ein neues Werk hinzu – ein Quintett für Flöte, Oboe, Violine, Violoncello und Klavier, aus dem drei Sätze von Mitgliedern des Österreichischen Ensembles für Neue Musik (OENM) beim Festakt uraufgeführt wurden.

Schaeffer war ab 1963 war an der Musikhochschule Krakau als Lehrer tätig, ab 1982 lebt er abwechselnd in Salzburg, Florenz und Krakau. In Salzburg widmete er sich bis heute intensiv der Komposition, doch neben Musikwerken entstanden auch zahlreiche Bücher und Theaterstücke. Schaeffer ist heute in Polen der meistgespielte Dramatiker und dort vor allem als solcher populär und bekannt, mehr noch als als Komponist. 1985 wurde Boguslaw Schaeffer als Gastprofessor für Komposition an die Musikhochschule (heute Universität) Mozarteum gerufen, wo er dann 1988 zum ordentlichen Professor für Komposition wurde. Neben anderen internationalen Lehrtätigkeiten begann Schaeffer 1993 eine kontiuierliche Unterrichtstätigkeit an der internationalen Akademie für Neue Komposition und Audi Art in Tirol. Nach seiner Pensionierung 1998 unterrichtete er noch drei Jahre unentgeltlich weiter. Er ist Ehrenmitglied der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), der IGNM Polen, des Salzburger Festivals Aspekte (Gesellschaft für Musik) und von avantgarde tirol.

Aus der Jurybegründung:

Boguslaw Schaeffer gilt als Vater der Neuen Musik in Polen. Geprägt vom Einfluss vor allem Schoenbergs ist er seit fast 60 Jahren unermüdlich auf der Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen. Intuition und beständige Neugier auf Neues sind die Triebkräfte seines Schaffens. Fast jede seiner Kompositionen löst ein kompositorisches Problem. So verdankt die Musikgeschichte Schaeffer u.a. die ,Erfindung’ des Clusters (Nocturne, 1953) und neue, wegweisende Notationsmethoden (s.z. B. Erhard Karkoschka, Das Schriftbild der Neuen Musik, Moeck 2004, S 146ff). Seine Werke sind oft Meisterwerke an Klangraffinesse und haben hohen Gehalt an Atmosphäre. Einer Einordnung in eine ,Schublade’ hat sich der Komponist konsequent entzogen. Stilpluralismus, jedoch ohne jede anpasslerische Beliebigkeit, ist ihm ein Lebensprinzip. Schaeffer lebt seit Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Salzburg.
Er hat seine Studenten am Mozarteum inspiriert, ihre eigenen musikalischen Wege zu finden. Auch er selbst hat von Salzburg aus unbeirrt von gängigen Zeitströmungen, musikalischen Konventionen und dem Schielen nach Erfolg am regionalen Musikmarkt seinen eigenen Weg fortgesetzt. An den verschiedensten internationalen Orten, auch bei Kompositionsseminaren in Tirol (seit 1993 Unterricht an der Internationalen Akademie für Neue Komposition und Audio Art in Schwaz) hat er Studenten seinen grenzüberschreitenden, sowohl schöpferisch-kreativen als auch sachlich-wissenschaftlichen Zugang zur Musik vermittelt. Neben seinem bedeutenden und umfassenden Lebenswerk ist es auch gerade diese Haltung von Boguslaw Schaeffer, die die Jury bewogen hat, Boguslaw Schaeffer als Preisträger für den Großen Preis des Landes Salzburg zu nominieren. Er ist ein leuchtendes Beispiel für eine große Künstlerpersönlichkeit in unserer Zeit.
(Jury: Johannes Kalitzke, Heinz Rögl, Stefan Rosu)

Das mica – music austria, insbesondere auch Susanne Amann und Christa Hahnl, die die KomponistInnendatenbank führen und beim letzten “Update” des Eintrags von Boguslaw Schaeffervon diesem dabei auf das Reizendste betreut wurden, schließt sich der Gratulation herzlich an.

Weitere Preise

Neben dem Großen Kunstpreis wurden vom Land Salzburg auch Auszeichnungen in vielen anderen Sparten vergeben, u .a. für bildende Kunst, Film, Kulturarbeit, Literatur und für Medienkunst. Im Bereich Musik erhielten Hüseyin Evirgen, Oliver Johnson, Stephan A. Neumayer, Reinhard Rietsch, Gabriel Schönangerer und Martin Wöhrer die Preise für elektronische Musik – Elektronik Land (zu Je 1.500 Euro)  Das Jahresstipendium für Musik teilen sich mit je 5.000 Euro Angela Tröndle und Evirgen Hüseyin (hr).

Theateraufführung von und mit Boguslaw Schaeffer heute in Wien: “Multimediales Etwas”
von Boguslaw Schaeffer
Theater Brett, Münzwardeingasse 2, 1060 Wien, 22.11.2007 20:00
Regie Karina Piwowarska. Mit Buguslaw Schaeffer, Marek Frackowiak, Waldemar Obloza und Agnieszka Wielgosz. In polnischer Sprache mit deutschen Untertiteln.
Info und Karten: Tel. 01/587 06 63

 

Foto 1 und 2 © Polnisches Institut Wien
Foto 3 mit freundlicher Genehmigung von B. J. Schaeffer (Privatfoto)