„Grime Banger eignen sich nicht dafür, sich das Herz auszuschütten“ – P.TAH und KINETICAL im mica-Interview

Als P.TAH und KINETICAL vor zwei Jahren ihr erstes gemeinsames Album „Ghost“ veröffentlichten, fand man darauf einen Club Banger nach dem anderen. Ihren von Grime, UK-Bass, Dancehall und Garage beeinflussten Sound haben sie auf dem Nachfolger „Lift“ um eine melancholischere Seite erweitert. Auch was die Produktion angeht, haben sie Grenzen durchbrochen und neben ihren Labelkollegen von „Duzz Down San“ (MIRAC, TESTA, ALLLONE, um ein paar zu nennen) auch Beats aus Prag (DAESUS) und Bristol (OH91) verbaut. Wie sie ihre Beats auswählen, welche Lebensumstände diese melancholischere Seite aus ihnen herausgeholt haben und wie sie zu ihren Rapstilen kamen, erzählten sie im Gespräch mit Benji Agostini.

Auf „Lift“ habt ihr mit sehr vielen verschiedenen Produzenten zusammengearbeitet, die auch aus Tschechien und Bristol kamen. Hat euch der Lockdown dabei beeinflusst?

Kinetical: Der Großteil des Albums ist schon 2019 entstanden.

P.tah: Alles, was wir mit Bristol, Prag oder anderen Leuten gemacht haben, ist meistens übers Netz entstanden. Das hat also nicht wirklich reingepfuscht. Es hat eher die Aufnahmesituation verzögert. Wir haben mit der Veröffentlichung gewartet, weil wir dachten, es würde sich etwas an der Live-Situation ändern. Leider war das nicht so.

Wie läuft dann der Auswahlprozess bei euch ab? Seid ihr euch da immer einig?

P.tah: Meinem Gefühl nach bekommen wir sehr viele Beats, seit die Leute wissen, welchen Sound wir fahren und unsere Musik international verbreitet wird. Unsere Tunes laufen ja eher im französischen, englischen oder niederländischen Radio als in Deutschland. Wenn man so viel selber hört und auflegt an Instrumentals, muss es gleich richtig klicken. Dann „freestyle“ ich darüber und wir tauschen uns über die Sachen aus, die wir zugesendet bekommen. Meistens würden wir uns für dasselbe entscheiden.

Kinetical: Es hat sehr viel mit unserem gemeinsamen Geschmack und Gefühl zu tun. Wenn wir uns fünf Beats anhören, einigen wir uns unabhängig voneinander zu 80 Prozent auf denselben. Auch bei den inhaltlichen Themen ist das unkompliziert. Es hat immer der jeweils andere auch etwas dazu zu sagen.

Bild (c) Kinetical & P.tah
Kinetical & P.tah (c) Mike Lima

Ihr behandelt auch etwas mehr persönliche Themen auf dem Album. Wart ihr euch da auch gleich einig?

Kinetical: Das ist auch zufällig entstanden. Bei mir ergab es sich durch die Lebensumstände. Beim ersten Album „Ghost“ war ich noch in Berlin und viel am Touren und Raven und hatte eine andere Inspiration. Jetzt war ich wieder mehr in Linz und habe nach dem Uniabschluss lange einen Job gesucht und eine Trennung durchgemacht. Daher auch die „deepere“ und ehrlichere delivery.

P.tah: Ich kann ihm nur zustimmen. Es kommt immer drauf an, was man selber gerade so durchmacht. Ich tu mir bei Rap nur schwer mit der Aussage, dass es persönlich ist. Wenn ich an J. Cole oder Kamp denke, dann ist es viel persönlicher. Natürlich sind bei uns persönliche Lines dabei, aber es kommt auch immer auf das Instrumentale an. Grime Banger eignen sich nicht dafür, sich das Herz auszuschütten. Musikalisch ist es ja so gewählt, dass es live funktionieren soll. Wenn die Beats einen melancholischeren Charakter haben, sind die Lines auch tiefergehend. Gleichzeitig schütte ich mein Herz beim Rappen nicht so sehr aus. Es ist mehr ein Grantrauslassen. Ich würde von mir selber nicht behaupten, dass ich wahnsinnig deep schreibe. Das heißt nicht, dass es nur oberflächlich bei mir ist. Ich finde aber Reimstrukturen und über Beats zu flexen auch bei anderen MCs eher ansprechend. In meinem Alter habe ich schon viele Rap-Tunes gehört und habe ein komisches Gefühl, wenn mir ein Achtzehnjähriger von seinem harten Leben erzählt. Wenn es jemand schafft, politisch richtig grantig zu erzählen, warum unser System nicht funktioniert oder was die Polizei aufführt, dann fühl ich viel mehr, was sie oder er meint.

Eure Flow Patterns unterscheiden sich meist sehr grundlegend. Achtet ihr bewusst darauf oder passiert das auf natürliche Weise?

Kinetical: Wir achten nicht wirklich darauf. Wir haben eine andere Herangehensweise, was Drops und Patterns angeht. P.tah steigt eigentlich immer nach der Eins ein und ich steig vor der Eins ein. Ich bin ein Frühstarter. Das sind Charakteristiken, die sich über die Jahre herauskristallisieren, da wir ja auch einen anderen Zugang und eine andere Vergangenheit haben.

„Ich rappe nicht über Drogendealen oder Gewalt und alle diese klassischen Sachen, sondern was ich erlebe.“

Kinetical, du rappst im jamaikanischen Stil, ist dir dabei schon mal kulturelle Aneignung vorgeworfen worden?

Kinetical: Es hat noch keinen Shitstorm deswegen gegeben.

Machst du dir darüber Gedanken?

Kinetical: Natürlich. Ich muss dazu aber sagen, dass das Thema meiner Bachelorarbeit „Kinetical versus Martin Winkler“ war, in der es darum ging, warum ich diese Kunstfigur geschaffen habe und ob ich das als weißer europäischer Mann überhaupt machen kann. In der zweiten Arbeit ging es um jamaikanische und österreichische Volksmusik, sie hatte also auch wieder das Thema fremde und eigene Kultur. Mit mir selber bin ich aber im Reinen damit, auch was meine Inhalte betrifft. Ich rappe nicht über Drogendealen oder Gewalt und alle diese klassischen Sachen, sondern darüber, was ich erlebe. Am besten war es für mich, als wir zum Beispiel General Levy gebucht haben und er mir sagt, dass es dope ist, was wir machen und das in keiner Weise infrage stellt.

P.tah du hingegen rappst fast ausschließlich auf Deutsch. Ist das eine Frage des Stilmittels oder eine des Prinzips bei dir?

P.tah: Ich finde englischsprachigen Rap eigentlich schöner und kann mich mehr mit dem, was aus Großbritannien kommt, identifizieren als mit amerikanischem Rap. Aber mein Zugang war von Anfang an, auf Deutsch zu schreiben. Ich glaube auch nicht, dass ich fit genug dazu bin, auf Englisch zu rappen. Bei Kinetical hatte ich immer das Gefühl, dass er auf Englisch so abliefert und das stimmliche Volumen hinbekommt, wie das ganz wenige können.

P.tah du bist Lehrer, Vater, betreibst das Label „Duzz Down San“ und machst selber auch noch Musik. Wie kriegst du das alles hin?

P.tah: Es geht immer alles irgendwie. Ich mag gar nicht jammern, ich such es mir ja so aus. Das kreative Schaffen in so einem Umfeld wie mit Kinetical oder Mirac, mit dem wir viel im Studio arbeiten, ist ja angenehm. Wenn es mal weniger wird, geht es mir extrem ab. Ich war jetzt ein Jahr lang zu Hause und hab nicht unterrichtet, sondern war mit meiner Tochter viel zu Hause und konnte – abgesprochen mit meiner Partnerin – viel ins Studio.

Kinetical du wohnst in Linz, hast du Connections zur Linzer Hip-Hop-Szene?

Kinetical: Klar, durch meine Hostings ist der Zugang natürlich da, nur leider sind Grime und UK-Bass in Linz nicht so groß. Es ist eine irre Hip-Hop- und Drum-’n‘-Bass-Stadt, aber zum Musikmachen, Performen und Schreiben fahr ich tatsächlich nach Wien und pflege quasi eine Fernbeziehung.

Bild Kinetical & Ptah
Kinetical & P.tah (c) Mike Lima

Wohin schaut ihr abseits von Großbritannien, um guten Grime zu entdecken?

P.tah: Am einfachsten kann man in meinen Spotify-Playlisten Sammlungen entdecken, die ich hörenswert finde. Aber es gibt so viele Sparten und für Außenstehende ist es wahrscheinlich schwierig zu greifen, ob etwas noch Grime ist oder Dubsteb, Breaks und so weiter.

Kinetical: Global Grime ist zwar eine UK-Seite, kümmert sich seit Jahren aber darum, Grime von Brasilien bis Japan aufzuzeigen. Da bekommt man einen guten Überblick und man merkt, dass es keine Nische mehr ist.

„Mit Kinetical würde ich mich aber auch trauen, eine EP mit Two-Step- und Garage-Nummern aufzunehmen.“

Du meintest eben, dass die Genregrenzen im Grime oft verschwimmen. Wo siehst du euer Projekt in dieser Hinsicht stehen?

P.tah: Ich habe immer behauptet, dass wir einen von UK-Bass und Grime beeinflussten Sound machen, weil für mich der wirkliche Grime eigentlich britisch ist. Auch wenn das von den Leuten anders rezipiert wird. Mein persönlicher Zugang ist, dass das alles vermischt wird. Die originalen Grime-Beats sind mittlerweile ein bisschen in den Hintergrund getreten, weil es wirklich hart zum Anhören war damals, als das begann. Eine Zusammenarbeit wie Hudson Mohawke und Lunice [unter dem Namen TNGHT, Anm.] ist ein perfektes Beispiel dafür, dass L.A. nach London geschnuppert hat und sich die Horns und die typischen Bläser-Lines abgeschaut und mit den Atlanta- und Memphis-Drums kombiniert hat. Auf Albumlänge finde ich, dass es bei uns eine Mischung aus Rap-, Trap-, Grime- und Bass-Sachen ist. Mit Kinetical würde ich mich aber auch trauen, eine EP mit Two-Step- und Garage-Nummern aufzunehmen.

Kinetical: Passt, machen wir!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Benji Agostini

 

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