Gerd Kühr, Heinz Karl Gruber und das Klangforum Wien attackierten Lothar Knessl im Konzerthaus mit einer Uraufführung.

Nach dem offiziellen Programm des letzten Klangforum-Abokonzertes (Xenakis) wurde Lothar Knessl zum Geburtstag mit einem neuen Werk von Gerd Kühr überrumpelt, dessen Text noch dazu von ihm stammte (an den er sich aber, wie er mehr oder weniger glaubhaft versicherte, nicht mehr erinnern konnte).

Das KrokusattentatGeschrieben hat Lothar Knessl diesen Text, einen Liebesbrief in Gedichtform an seine Frau Elisabeth, nämlich schon 1958, also vor knapp fünfzig Jahren – als Antwort auf deren Behauptung, er sei unfähig ein Liebesgedicht zu schreiben. Elisabeth Knessl, der wir ungeachtet ihrer hier nachstehend  zu berichtenden Verfehlungen dennoch herzlich zu ihrem runden Geburtstag gratulieren wollen, den sie – passend zu einem frühlingshaften Gedicht über Krokusse – am 1. Mai feiert, sorgte dafür, dass er nun in die falschen Hände kam. Listig und vorsätzlich von langer Hand geplant betrog sie kaltblütig in Komplizenschaft mit dem Klangforum Wien und Sven Hartberger ihren Gatten, auf dass dieser ja nichts vorzeitig erführe, suchte das kleine Gelegenheitsopus aus einer geheimgehaltenen Schatulle heraus und nötigte es gemeinsam mit dem gerissenen und skrupellosen Hartberger einem bislang unbescholtenen, aus Kärnten stammenden und bis auf weiteres in Graz lehrenden – es gilt die Unschuldsvermutung – Professor für Komposition namens Gerd Kühr zur Vertonung auf, der sich in seiner Güte und Unbedarftheit dieses Ansinnens offenbar nicht erwehren konnte, zumal ihm als (zweifelhafte) Besetzung Heinz Karl “Nali” Gruber (Gesang) und Annette Bik (Violinsolo) in Aussicht gestellt wurden.

 

Ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei dem einen vorgesehenen Solisten, dem Barden und Komponisten Gruber, der bei der Polizei kein Unbekannter ist, um einen notorischen Querulanten und opportunistischen Parteigänger der sog. Neuen Musik handelt, der aus reinen Karrieregründen sich immer wieder als Interpret eigener und fremder (Cerha!) Schilfliederkompositionen hervortat, bei der anderen um ein Mitglied einer musikterroristischen Vereinigung, verfertigte Kühr, der sich über andere Aufträge und Aufgaben bei Gott nicht zu beklagen hätte, in mühevollen heimlichen Nachtschichten und unter strengster Geheimhaltung dieses obskure Opus wider besserer Einsicht tatsächlich. Um ganz sicher zu gehen, probte er es sogar am Vortag des Attentats in einem ebenfalls polizeibekannten “Szenelokal” im fünften Wiener Gemeindebezirk (Diehlgasse), einem berüchtigten Umschlagplatz für falsche Noten und mitunter auch halluzinogene Rauschmittel (Pilze, schwere Weine, in Dealerkreisen Symposionsweine genannt).

 

Tathergang

Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen wurde Lothar Knessl unmittelbar vor dem Klangforum-Konzert dann von Bandenchef Hartberger auch noch dreist ins Café Heumarkt (ein beliebter Treffpunkt gestrandeter Komponisten und anderer Gescheiterter gegenüber dem Konzerthaus) zu einer fingierten, völlig sinnlosen Projektbesprechung gelockt, wo er dem Ahnungslosen ein gefälschtes Programmheft übergab, das die wesentliche Information über und den Text des uraufzuführenden Werks unterschlug.

 

Kaum hatten sich das Publikum und die schwer arbeitende, nach Leibeskräften schabende und blasende Klangforum-Belegschaft im Mozartsaal von der eineinhalbstündigen Aufführung des monumentalen, unentschieden zwischen konstruktivistischer Moderne und archaischen Tontrauben oszillierenden, tonbandverstärkten Machwerks “Kraaenerg” von Iannis Xenakis erholen können, das Peter Rundel nur unter Zuhilfenahme einer Digitaluhr über die Rundeln bringen konnte, da schlichen schon Handlanger des Attentats noch während des höflichen Applauses des verstörten Publikums mit zusätzlichen Notenpulten für die geplante Zusatznummer auf die Bühne.

 

Um dem Jubilar jede Möglichkeit zur vorzeitigen Flucht abzuschneiden, stürzte flugs Gerd Kühr, der sein Werk auch selbst zu dirigieren beliebte, den Überraschungseffekt ausnützend aufs Podium, behände stimmte Geigerin Bik – schon im Stehen – raschest ihre Saiten nach. Als letzter stürmte der vielbeschäftigte Chansonsänger Gruber, offenbar direkt von einer seiner Tourneefischzüge kommend, auf die Rampe (seinen Koffer nahm er mit, in der Eile und im Tateifer hatte er wohl sogar vergessen, diesen in der Künstlergarderobe zu belassen), versteckte linkisch einen Blumenstrauß (Krokusse? – es heißt nämlich Krokusse, nicht wie fälschlich und anzüglich  bei Knessl und sogar im Werktitel “Kroküsse”) hinter seinem Rücken und begann unverzüglich, in seiner bekannten Art  zungenrollend und ohne jede Rücksicht auf das einleitende Vorspiel mit Geigensolo in seiner krächzenden Manier zu “singen”. Einige Klangforum-Mitglieder wagten es, die peinliche Situation noch weiter zu eskalieren, indem sie schamlos im Chor einzelne Worte aus dem rezitierten Gedicht unkoordiniert (Kühr hatte wohl, trotz staatlichem Dirigentendiploms, mit der eigenen Partitur Probeme) skandierend wiederholten, auch manchen Instrumentalisten entfuhren kommentierende unpassende instrumentale . nun ja, Bemerkungen, wie sie so wohl nicht in der Partitur stehen dürften (oder etwa doch!?).

 

Kurzum, nach vier Minuten war das Spektakel auch schon wieder vorbei. Die Täter hatten ganze Arbeit geleistet und den Ablauf minutiös gestaltet und nichts dem Zufall überlassen. Lothar Knessl wurde auf die Bühne genötigt und musste sich wie zum Hohn auch noch mit sichtlicher Verlegenheit und unter Abrede, dass er sich erinnern könne, jemals so einen Text geschrieben zu haben, die provokant schön in Rot gebundene Partitur überreichen lassen, eine viel zu lange Rede des Hartberger samt Verlesung einer stadträtlichen Grußadresse (dieser war der Veranstaltung wohlweislich, eine Dienstreise vorschützend, ferngeblieben) anhören, die darin gipfelte, dass er dem Jubilar ein Schwammerl unter die Nase rieb (dessen letzten Reste von Privatleben in schamloser Pilz-Kumpanei ans Licht der Öffentlichkeit zerrend). Die vielen ungereimten Lobhudeleien der Ansprache konnte Jubilar dann nur schwach und wenig glaubwürdig dementieren. Organisierte Beifallsbezeugungen, die in “standing ovations” auszuarten drohten, konnte Lothar Knessl mit dem Verweis, er würde sich solche allenfalls erst in zwanzig Jahren bieten lassen, nur mit Mühe abwehren.

 

Amtlicher Bericht: Heinz Rögl von der mica-Polizeistelle für musikalische Verbrechensprävention und -nachverfolgung, Wien VII

Ab und zu hat es die Neue Musik ja doch gut im Wiener Konzerthaus. Etwa diese Woche. Denn da gab’s im Neuen Saal ein tolles Konzert des Kairos Quartett mit einer Uraufführung von Wolfram Schurig, eine weitere Überraschungsuraufführung von Gerd Kühr (siehe obigen Polizebericht) und am Freitag spielt Pierre-Laurent Aimard Musik von Schönberg, Ligeti und Kurtág, verbunden mit einer Lesung des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertesz.

 

Foto HK Gruber: Christian Heindl