Elke Tschaikner (c) Rainer Elstner

„Geografische Nähe und Entfernung ist ein Narrativ des Programms“ – ELKE TSCHAIKNER (musikprotokoll) im mica-Interview

Alle Jahre wieder fungiert das vom Österreichischen Rundfunk in Graz veranstaltete MUSIKPROTOKOLL, die österreichische Festivalplattform für zeitgenössische und experimentelle Musik, als eine Art Auskundschaftungs-Labor: Das Entdecken oder Wieder-Entdecken von innovativen und herausfordernden Konzepten und Kompositionen macht den Besuch, der auch nicht unbedingt eine physische Anwesenheit der Besucherinnen und Besucher voraussetzt, zu einer Reise durch spannende Klangwelten. Michael Franz Woels hat der Leiterin ELKE TSCHAIKNER ein paar Fragen gestellt.

Die Einbindung österreichischer Positionen zeitgenössischer und experimenteller Musik in ihren diversen Spielformen in internationale Zusammenhänge kennzeichnet das alljährliche, intermediale Grazer Festival musikprotokoll. Heuer steht es im Zeichen des gegensätzlichen Begriffspaares Nähe und Ferne. Das ist nicht nur im geografischen Sinne zu deuten, oder?

Elke Tschaikner: Entfernung und Nähe: Wenn man über das musikprotokoll als Festival für das immer Neue und noch Ungehörte dieses Begriffspaar verwendet, dann könnte man natürlich mit gutem Grund von Entfernung und Nähe in einem ästhetischen Sinn reden. Und das stimmt ja auch heuer wieder, aber wir meinen es diesmal darüber hinaus eben durchaus auch geografisch. Die Schar an Künstlern und Künstlerinnen, deren Werke man beim musikprotokoll hören kann, ist natürlich seit 52 Jahren eine international durchmischte. Aber 2019 ist die geografische Nähe oder Entfernung ein Narrativ des Programms.

In Anlehnung an unseren seit 2016 laufenden Ö1-Programmschwerpunkt „Nebenan – Erkundungen in Europas Nachbarschaft“ haben wir in den vergangenen Jahren viele interessante Musikschaffende kennengelernt. In Belarus, Zypern, Georgien, Israel usw. Einige davon laden wir nach Graz ein. Und natürlich stellt sich beim Bereisen dieser Länder die Frage nach Entfernung und Nähe. Was wissen wir eigentlich über Länder in Europas Nachbarschaft?

„ES IST MIR EINFACH WICHTIG, AN DEN VISIONÄREN GRÜNDER DES FESTIVALS ZU ERINNERN.“

Seit 2013 vergibt das musikprotokoll den Emil-Breisach-Kompositionsauftrag. Die bisherigen Kompositionsaufträge ergingen an Katharina Klement, Erin Gee, Wen Liu, Gerhard E. Winkler, Peter Jakober und William Dougherty. Wer bekommt 2019 den Kompositionsauftrag und welche Kriterien waren für die Wahl ausschlaggebend?

Elke Tschaikner: Der Emil-Breisach-Kompositionsauftrag ist einer von mehreren, die das ORF musikprotokoll jährlich vergibt. Mir ist es einfach wichtig, dass wir uns jedes Jahr an Emil Breisach, den visionären Gründer des Festivals erinnern. Wir überlegen uns bei alle unseren Kompositionsaufträgen ganz genau, wer ihn warum bekommt. Dieser Auftrag, den wir jährlich nach Emil Breisach benennen, ging diesmal an die aus Belarus stammende Komponistin Oxana Omelchuck. Vor zwei Jahren waren wir sehr beeindruckt von einem ihrer Stücke, die das Ensemble Studio Dan beim musikprotokoll gespielt hat. Das hat uns dazu bewogen, ihr einen größeren Kompositionsauftrag für das RSO Wien zu geben.

RSO Wien (c) ORF musikprotokoll/Martin Gross

Als sogenannten „Schwerpunkt im Schwerpunkt“ wird das ORF Radio Symphonieorchester Wien RSO ein Orchesterstück des georgischen Komponisten Mikheil Shugliashvili (1941-1996) aufführen. Wie kam es dazu?

Elke Tschaikner: Begonnen hat alles in einem Wohnzimmer in Georgien. Meine Ö1-Kollegen Susanna Niedermayr und Rainer Elstner waren für die Schwerpunktwoche Nebenan in Georgien unterwegs, um für die Sendereihe Zeit Ton zu recherchieren. Sie trafen David Shugliashvili, den Sohn des 1996 verstorbenen Komponisten Mikheil Shugliashvili. Er war der Avantgardist unter den georgischen Komponisten und auch als Lehrer legendär. Allerdings konnte er im sowjetischen Georgien kaum publizieren. Und nun lagen da Partituren von beeindruckenden Orchesterwerken im Wohnzimmerschrank von David.

Ich konnte in Folge den internationalen Verlag Boosey & Hawkes davon überzeugen, dass sie das Stück „Polychronia“ aus 1978 publizieren, und das RSO Wien wird das Werk beim Festival posthum zur Uraufführung bringen. Die Verleger haben dann Feuer gefangen und nahmen auch ein faszinierendes Sextett von Mikheil Shugliashvili ins Programm, das das Klangforum Wien beim musikprotokoll spielen wird. Von ihm wird auch noch ein weiteres sogkräftiges Werk für drei Klaviere aufgeführt. Ich hoffe sehr, dass der Konzert- und Festivalbetrieb mithilfe dieser Initiative diesen bemerkenswerten Komponisten für sich entdecken kann und dessen wirklich interessantes Oeuvre in Zukunft an vielen Orten Gehör findet.

Bild Klangforum Wien
Klangforum Wien (c) Lukas Beck

Die dystopische Science Fiction Kurzoper „Consumia” klingt sehr düster. Welches Bild der Zukunft zeichnet sie ab?

Elke Tschaikner: „Consumnia” ist ein Werk von Sehyung Kim, einem 1987 in Kasachstan geborenen Komponisten. Er siedelt das Stück im späten 21. Jahrhundert an. Eine grausige Vision von Krieg und Organhandel. Wer allerdings mit offenen Augen und Ohren beobachtet, weiß, dass diese Dinge an Orten dieser Welt auch Gegenwart sein können. Das Stück ist der Gewinner des 7. Johann-Joseph Fux Opern-Kompositionswettbewerb des Landes Steiermark und der KUG in Graz. Seit Jahren präsentieren wir die Premiere der Siegerwerke in unserem Festival und es waren bisher immer Produktionen, die mich beeindruckt haben. Mich freuen solche Kooperationen ganz besonders.

„GRAZ VERFÜGT ÜBER EINE IMMER WIEDER ERSTAUNLICH AKTIVE SZENE, WAS DAS ZEITGENÖSSISCHE, EXPERIMENTELLE UND INNOVATIVE ANBELANGT.

Vier Tage lang werden Anfang Oktober ein Vielzahl von Ur- und Erstaufführungen in verschiedenen Grazer Veranstaltungsorten (Akademie Graz, Dom im Berg, MUMUTH, esc medien labor, FH Johanneum, Kunsthaus Graz, Next Liberty, Grazer Congress) zu erleben sein. Wenn Sie exemplarisch ein paar weitere Programmpunkte auswählen müssten, auf welche würden Sie noch speziell hinweisen?

Elke Tschaikner: Mir liegen natürlich alle Programmpunkte am Herzen. Aber, wenn ich noch was herausgreifen muss, dann möchte ich die beiden tollen österreichischen Ensembles Studio Dan und Klangforum Wien erwähnen, die wirklich interessante Programme präsentieren werden. Und, dass auch wieder in Graz lebende Musikerinnen und Musiker dabei sein werden. Denn Graz verfügt ja über eine immer wieder erstaunlich aktive Szene, was das Zeitgenössische, Experimentelle und Innovative anbelangt.

Das musikprotokoll ist seit 2007 in diversen europäischen Netzwerken eingebunden. Könnten Sie einen kurzen Überblick über die heurigen Kooperationspartner geben?

Elke Tschaikner: Wir sind seit Jahren Teil eines internationalen Festivalnetzwerks und im Rahmen des Programms Shape passiert ein toller transnationaler Austausch, der uns immer wieder neue Entdeckungen junger Künstlerinnen aus verschiedenen Ländern beschert. Aber es eben auch jüngeren österreichischen Musikschaffenden ermöglicht, bei internationalen Festivals, die Teil des Netzwerks sind, aufzutreten. Erwähnen möchte ich aber auch die treuen und kreativen Partnerschaften mit Institutionen in der Steiermark, beispielsweise die KUG oder das esc – medienkunstlabor.

„ES WAR DAMALS SEHR BEEINDRUCKEND ZU ERLEBEN, WIE VIELE ÖSTERREICHISCHE UND AUCH INTERNATIONALE KUNSTSCHAFFENDE SICH FÜR DAS MUSIKPROTOKOLL EINGESETZT HABEN.“

Die Festivalplattform musikprotokoll wurde 1968 von Emil Breisach gegründet. Sie sind seit 2013 Leiterin des Festivals. Vor einigen Jahren ist das musikprotokoll aus finanziellen Gründen auf der Kippe gestanden. Es gab eine Petition, etc. Könnten Sie auf diese Situation kurz eingehen, ist diese Problematik noch aktuell?

Elke Tschaikner: Es war damals sehr beeindruckend zu erleben, wie viele österreichische und auch internationale Kunstschaffende, Intendantinnen sich für das musikprotokoll eingesetzt haben. Sozusagen von Operndirektoren bis Orchesterintendanten, von Kunstschaffenden bis zum treuen Publikum. Auch Menschen, aus ganz anderen künstlerischen Genres haben aufgezeigt, haben sich hinter das Festival gestellt, wissen also um die Wichtigkeit, das Zeitgenössische zu fördern. Seither wurde das Festival nicht mehr existentiell in Frage gestellt.

Welche bzw sind auch wieder Publikationen im Rahmen von musikprotokoll geplant?

Elke Tschaikner: Wir publizieren sozusagen jeden Ton. Soll heißen, alle Konzerte werden aufgezeichnet und in Ö1 gesendet, das ergibt über 25 Ö1-Sendungen. Die Sendetermine sind auf der Webseite des Festivals aufgelistet.

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Franz Woels

 

musikprotokoll 2019
Graz, 3.–6. Oktober
Programm 2019

 

Link:
musikprotokoll